Flüchtlingskinder in der Grundschule. Wie die Grundschule die Herausforderungen durch den aktuellen Zustrom an Flüchtlingen bewältigen kann


Examensarbeit, 2016

100 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Theoretische Darstellung
1. Einleitung
2. Faktoren, die einer Flucht zugrunde liegen
3. Soziopolitischer Anspruch und gesellschaftspolitische Haltung
4. Entstehung eines Traumas
5. Warum sind Kinder anfälliger für Traumata als Erwachsene?
6. Flucht als traumatisches Erlebnis für Kinder
7. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
8. Schulpolitische Herausforderungen
9. Pädagogischer Umgang mit durch Flucht traumatisierten Kindern

II Qualitative Untersuchung
1. Pädagogische Wahrnehmungen
2. Methodisches Vorgehen
3. Auswahl der Interviewpartner
4. Einzelfallanalysen
5. Objektive Theorien
6. Fazit
7. Ausblick
8. Anhang

I Theoretische Darstellung

1. Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Hausarbeit setzt sich die Untersuchung der vielfältigen Anforderungen einer angemessenen Eingliederung von Flüchtlings-kindern in der Grundschule zum Ziel. Im Fokus soll dabei stehen, wie die Grundschule mit der Vielzahl an Herausforderungen durch den aktuellen Zustrom an Flüchtlingen umgeht. Hierbei werden die sozialen, (schul-)politischen, gesellschaftlichen und insbesondere die auf das Lehrpersonal bezogenen Faktoren näher beleuchtet. Es sollen dabei die in der aktuellen schulischen Flüchtlingssituation enthaltenen Schwierigkeiten aber auch Möglichkeiten aufgezeigt werden.

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. In einem theoretischen Teil soll die wenige Fachliteratur, die bisher zur aktuellen Flüchtlingsbewegung vorliegt, untersucht, analysiert und diskutiert werden. Neben den Verhältnissen in Deutschland, in denen die ankommenden Flüchtlinge leben, sollen auch die Reaktionen der Einheimischen auf den Massenansturm an Schutzsuchenden kurz angeschnitten werden. Anschließend muss für ein weiteres Verständnis auf die psychische Verfassung von Flüchtlingskindern eingegangen werden. Diese ist ausschlaggebend für die darauf folgende Betrachtung der Situation für Flüchtlingskinder in der Schule selbst. Darauf bezogen sollen zunächst die Herausforderungen thematisiert werden, die dem System Schule durch den Ansturm an Flüchtlingen in den letzten Jahren gegenübergestellt wurden. Weiterhin soll die Schule jedoch auch in ihrer Bedeutung für den Bewältigungsprozess von traumatisierten Flüchtlingskindern untersucht werden. Letztlich wird der Lehrer[1] selbst genauer betrachtet. Diese Auseinandersetzung mit der Rolle der Lehrkraft wird der Übergang zum zweiten und praktischen Teil dieser wissenschaftlichen Hausarbeit darstellen. Hier soll präsentiert werden, wie ausgewählte Lehrkräfte die aktuelle Situation wahrnehmen und wie sie mit ihr umgehen.

Zunächst soll aber die aktuelle Flüchtlingsbewegung etwas genauer beleuchtet werden, um ein Grundverständnis zu schaffen.

Beginnend im Jahr 2014 wurde Mitteleuropa und damit auch Deutschland mit einer weitestgehend unvorhergesehenen Flut von Flüchtlingen konfrontiert. Ähnlich der letzten vergleichbar großen Flüchtlingsbewegung nach Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, hoffen Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern, in Deutschland Asyl zu finden. Lediglich vier Jahre nach Ausbruch des Arabischen Frühlings 2011 waren unter anderem die arabischen Staaten Syrien, Jemen, Irak und Libyen zu Kriegsgebieten erklärt worden (vgl. Schulze 2016, S. 560). Die Ursachen hierfür sind sehr umfassend und kompliziert miteinander verstrickt, sodass sie im Rahmen dieser wissenschaftlichen Hausarbeit nicht angemessen erfasst werden können. Im Fokus eben dieser stehen deshalb allein die Folgen der politischen Unruhen für die Menschen in den betroffenen Regionen, der daraus entstandenen Fluchtbewegung sowie die dazugehörigen Effekte auf die deutsche Gesellschaft und insbesondere auf das deutsche Schulsystem.

2. Faktoren, die einer Flucht zugrunde liegen

Die aus den anhaltenden Bürgerkriegen im Nahen und Mittleren Osten resultierenden Umstände für die Bevölkerung, wie Armut, Hunger, Gewalt und Misshandlung, Unterdrückung und Verfolgung werden nach Silke Jordan (2000) als „Push-Faktoren“ klassifiziert (Jordan 2000, S. 15). Sie beschreiben die primären Faktoren, die Menschen dazu bewegen, ihre Existenz aufzugeben und in einem sichereren Land neu anfangen zu wollen (vgl. ebd.). Häufig kommt es zu einer Kumulation, sodass eine erst dann eine Flucht erwogen wird, wenn mehrere dieser Faktoren gemeinsam auftreten. In den betroffenen Regionen addieren sich Krieg, Diktatur und Rechtlosigkeit zu einer Summe, welche den meisten Menschen kaum noch einen anderen Ausweg als den der Flucht lässt, sei es innerhalb des eigenen Landes oder nach außerhalb der Landesgrenzen. Neben der allgegenwärtigen Gewalt in den Krisengebieten und der omnipräsenten Angst und Verunsicherung, willkürliches Opfer von Terroranschlägen zu werden, nehmen viele Menschen auch aufgrund ihrer politischen Betätigung und der daraus resultierenden politischen Verfolgung die Gefahren einer Flucht auf sich. Auch bereits die Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe kann Menschen zu Opfern von Verfolgung,

Folter und Hinrichtungen werden lassen. Beispielhaft für ethnische Gruppen, welche sich gegenseitig bekriegen, sind die muslimischen Splittergruppen Schiiten und Sunniten.

Der Wunsch, bzw. die Notwendigkeit nach einem Neuanfang kann durch sekundäre Faktoren, das heißt „Pull-Faktoren“ verstärkt werden (vgl. ebd.). Darunter fallen zum Beispiel die Idealisierung eines Ziellandes und die damit einhergehende Vorstellung von einem „besseren“ Leben mit der Perspektive auf eine wirtschaftliche Besserstellung. In den meisten Fällen und gerade in den Krisengebieten überwiegen die „Push-“ jedoch eindeutig die „Pull-Faktoren“. Die Betroffenen sehen sich aufgrund der vorherrschenden Bedingungen gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen, um sich selbst zu retten, sie migrieren quasi durch Zwang.

Migration selbst ist nicht unbedingt eine neue Materie und auch Fluchtbewegungen traten in der Vergangenheit immer wieder auf, wie bereits erwähnt beispielsweise während und nach den beiden Weltkriegen, wo Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach Deutschland strebten. Flucht ist ein Thema, das eigentlich tief in unserer Gesellschaft verankert und demnach gar nicht neu ist. Trotzdem stellt die aktuelle Flüchtlingsbewegung in nie gekannter Größenordnung eine Thematik dar, die in den letzten Jahren viel diskutiert wurde und die Gesellschaft spaltet.

Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen[2] verweist in seinem Jahresrückblick von 2015 auf eine immens hohe Zahl an Menschen, die sich aufgrund von (Bürger-) Krieg, politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgung, Gewalt, die nicht selten auch sexueller Natur ist und wirtschaftlicher Not dazu entschieden haben, ihren Wohnort oder gar ihr Heimatland zu verlassen. Gerade syrische Flüchtlinge berichten jedoch häufig, dass ihr Heimatland infolge der mutwilligen Zerstörungen des Lebensraums, das heißt unzähliger Häuser (darunter immer häufiger auch Bildungseinrichtungen) und kulturellen Gutes durch islamistische, nichtstaatliche regierungsfreundliche Gruppierungen sowie auch Regierungskräfte selbst, im herkömmlichen Sinne überhaupt nicht mehr existiere. Amnesty International beschreibt beispielsweise die aktuelle Lage in Syrien so, dass Regierungskräfte „bewusst Zivilpersonen als Zielscheibe [wählen], indem sie wahllos Wohngebiete und Gesundheitseinrichtungen mit Artillerie, Mörsern, Fassbomben und chemischen Kampfmitteln bombardierten.“ (Stein/ Vogel 2014, o. S.).

21,3 Millionen Menschen weltweit schlugen daher alleine 2015 den riskanten Weg über ihre Staatsgrenzen hinaus ein. Betrachtet man die Anzahl der Binnenflüchtlinge, so ist diese mehr als drei Mal so hoch. Die Hälfte dieser Schutzsuchenden ist unter 18 Jahren (UNHCR 2015). Bei Anführen dieser Daten ist zu erwähnen, dass der UNHCR zwar allgemein als verlässlichste Quelle für Flüchtlingszahlen gilt, allerdings werden die Angaben einiger Länder nur von staatlichen Institutionen zur Verfügung gestellt, was deren Zuverlässigkeit durchaus einschränkt. Auch die Diskrepanz zwischen den gemeldeten Zahlen und den tatsächlich bearbeiteten Asylanträgen in einigen Zielländern wie beispielsweise Österreich oder auch Deutschland, lässt darauf schließen, dass die Dunkelziffer erheblich höher ist (vgl. Luft 2016, S. 22). Um aber eine grobe Einschätzung des Ausmaßes der Flüchtlingssituation weltweit zu erhalten, können die Daten des UNHCR bedenkenlos herangezogen werden.

3. Soziopolitischer Anspruch und gesellschaftspolitische Haltung

Der Politikwissenschaftler Stefan Luft (2016) geht davon aus, dass die Warnsignale für eine aufkommende Flüchtlingsbewegung in Form von beispielsweise politischen Unruhen, Zwangsrekrutierungen oder Volksverarmung meist verhältnismäßig früh zu erkennen seien, aber dennoch weitestgehend von vermeintlich unbeteiligten Staaten ignoriert werden. Diese Ignoranz führe letztlich dazu, dass beim Ausbruch der Flüchtlingsbewegung eine allgemeine

„Überraschung über Umfang und Geschwindigkeit“ dieser auf Seiten der von schutzsuchenden Menschen ausgewählten Zielländer herrsche (vgl. Luft 2016, S. 20). Diese frühere Ignoranz seitens der vermeintlich unbeteiligten Staaten könnte eine mögliche Ursache für ihren darauf folgenden unvorbereiteten Umgang und der daraus resultierenden Überforderung mit dem Ansturm an Flüchtenden sein.

Allgemein ist festzuhalten, dass die Aufnahmeländer unterschiedlich auf den Zustrom der Flüchtlinge reagieren, jedoch ein Konsens zu finden ist: die meisten Staaten sind dazu bereit, vorübergehendes, das heißt befristetes Asyl zu gewähren, allerdings soll eine Umsiedlung im Sinne einer „dauerhaften Niederlassung“ vermieden werden (vgl. Luft 2016, S. 19 f).

Diese politischen Entscheidungen treffen durchaus auch auf Zuspruch in der deutschen Bevölkerung. Allgemein lässt sich in Deutschland eine Dichotomie in der gesellschaftlichen Geisteshaltung Flüchtlingen gegenüber beobachten. Ein Großteil der Menschen pflegt eine nach außen getragene Willkommenskultur, welche sich beispielsweise in zahlreichen Sachspenden und vielen ehrenamtlichen Helfern in Flüchtlingsheimen äußert. Dennoch ist auch eine dem entgegen gesetzte Entwicklung zu vermerken, in der rechtspopulistische oder auch rechtsextreme Meinungen und Gruppierungen an Zulauf gewinnen, wobei insbesondere der Osten Deutschlands immer wieder ins Zentrum des Interesses der Medien gerät. Die Abneigung gegenüber Migranten und insbesondere Flüchtlingen wird in einer Bandbreite, die von friedlichen Demonstrationen bis hin zu zahlreichen Gewaltdelikten wie zum Beispiel mehr als 1000 Attentate auf Flüchtlingsunterkünfte oder das in Brand stecken von mehr als 100 Unterkünften alleine im Jahr 2015 reicht, deutlich (Decker, Brähler 2016, S. 8).

Eine interessante Beobachtung, welche aus der Leipziger Mitte-Studie von 2014 hervor geht, ist auch, dass Vorurteile in der Gesellschaft mittlerweile eine neue Zielgruppe haben. Ergebnis dieser durch standardisierte Fragebögen ermittelten Verschiebung ist, dass Migranten im Allgemeinen 2014 weniger mit Vorurteilen begegnet wurde als noch zwei Jahre zuvor, jetzt jedoch spezifische Minderheiten wie Muslime oder Asylsuchende vermehrt mit Feindlichkeit und Voreingenommenheit konfrontiert werden (vgl. ebd., S. 15 f.). Diese Vorurteile lassen auf eine Angst vor Überfremdung und fremdem Kulturgut innerhalb der deutschen Gesellschaft schließen.

Auch die Entstehung neuer Organisationen und Parteien, welche sich an oppositionell gerichtete, rechts Eingestellte adressieren, spricht für eine neue, chauvinistische Bewegung in Deutschland, die eine Neigung zur Abwertung des Fremden hegt. Die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA) konnten beispielweise seit Ende 2014 einen enormen Zulauf von Gleichgesinnten vermerken. Dieser könnte dadurch begründet werden, dass die Initiative die Unzufriedenheit Vieler mit der politischen Situation und das mangelnde Vertrauen in die Institutionen und Medien (Stichwort

„Lügenpresse“) aufgreift und gleichzeitig rechtspopulistische Gedanken, die sich viele Menschen vorher nicht trauten laut auszusprechen, offen propagiert. Dadurch kreiert PEGIDA eine Plattform, die Fremdenfeindlichkeit versucht zu legitimieren und es gleichzeitig ermöglicht, dass sich der Einzelne verstecken kann, indem er in der Masse verschwindet (vgl. ebd. S. 63).

Neben dieser Entwicklung ist auch der enorme Wahlerfolg der rechten Partei „Alternative für Deutschland“ ein Indikator, der auf eine veränderte Wahrnehmung innerhalb Deutschlands schließen lässt. Gleichwohl, dass es mit der Nationalistischen Partei Deutschlands seit 1964 immer eine Möglichkeit für rechtsorientierte Wähler gab, ihre politischen Interessen vertreten zu lassen, stellt der Zulauf der AfD jegliche aktuellen Wahlergebnisse der NPD in den Schatten. Dieser Erfolg lässt sich dadurch erklären, dass der typische AfD-Wähler sich selbst selten politisch rechts einordnen würde und dementsprechend bislang eher die großen demokratischen Parteien wählte, anstatt die offen rechtsextreme NPD (vgl. ebd. S.68). Daraus geht hervor, dass eine Diskrepanz zwischen einer rechtsextremen Geisteshaltung und dementsprechenden Handlungsmustern vorlag, was sich nun dahingehend änderte, als dass die Haltung die Handlung der Wahl nach sich zog, weil durch „Verschiebung des Diskurses nach rechts Alternativen plötzlich wählbar werden“ (ebd.). Auffallend ist, dass rechte Organisationen zumeist von denen Zuspruch finden, die eine niedrigere Schulbildung genossen haben, das heißt entweder sogar ohne Schulabschluss sind oder lediglich mit einem Hauptschulabschluss ihre Schulbildung beendeten. Der Anteil der Wähler, welche Abitur oder ein abgeschlossenes Studium haben, ist deutlich geringer.

88,4% der AfD-Wähler schließen sich der Aussage an, die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihren Heimatländern verfolgt zu werden (vgl. ebd. S. 85). Dieser extrem hohe Anteil spricht dafür, dass einige Deutsche die Motive der hier ankommenden und asylsuchenden Flüchtlinge mit Skepsis betrachtet und damit einhergehend die Notwendigkeit einer Flucht für die Sicherung der eigenen Existenz bezweifelt. Auch die subjektiv empfundene „Inländerfeindlichkeit“ einiger Deutscher beziehungsweise die vermeintlich „bevorzugte Behandlung“ von Flüchtlingen führt zu einer Verstimmung bei Teilen der deutschen Bevölkerung.

Der praktizierende Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Klaus-Dieter Grothe versuchte eine solche Ablehnungshaltung während eines Vortrags an der Universität Gießen am 2. September 2016 dadurch zu erklären, dass in Deutschland bereits die zweite Generation, die niemals Krieg hat miterleben müssen, nicht nur in Frieden sondern auch in einer wirtschaftlich starken Nation mit vergleichbar minimaler Armutsquote leben darf. Durch die medial überall präsente Flüchtlingssituation in Deutschland werden diese privilegierten Menschen plötzlich mit Krieg und Not konfrontiert, welche sie nie haben am eigenen Leib ertragen müssen, was schließlich dazu führt, dass sie sich auf einmal auch in ihrer eigenen Sicherheit bedroht fühlen. Stefan Luft schließt sich dieser Ansicht an, indem er behauptet, dass eine unterschwellige Angst in der deutschen Gesellschaft herrsche, dass Flüchtlingslager zu Rückzugsräumen bewaffneter Gruppen, zu Ursachen von Unruhen und Nährboden für Terrorismus werden könnten (vgl. Luft 2016, S. 20). Er geht sogar noch weiter, indem er die Willkommenskultur der Flüchtlinge aufnehmenden Länder beziehungsweise deren Bevölkerung grundsätzlich in Frage stellt und indirekt sogar negiert (vgl. ebd.).

Recherchiert man jedoch etwas genauer, sprechen Zahlen eigentlich für sich. Das Verhältnis der AfD-Mitglieder zu den ehrenamtlichen Aktiven in der Flüchtlingshilfe beträgt nämlich etwa 23.000 zu 8 Millionen. Während die meisten Menschen in Deutschland also gerne dazu bereit sind, Sachen oder Geld für Flüchtlinge zu spenden, Sprachkenntnisse zu vermitteln oder sogar selbst Flüchtlinge im eigenen Zuhause aufzunehmen, liegt der Fokus der Medien leider allzu häufig auf den vergleichbar wenigen Gegenstimmen, nur weil diese scheinbar lauter und deshalb vor allen Dingen eben medienwirksamer sind. In dem Moment, in dem Flüchtlinge jedoch nicht mehr pauschal wahrgenommen sondern in persönlichem Kontakt als Individuen erlebt werden, entwickelt sich im zwischenmenschlichen Verhältnis durch Eigenerfahrung eine ganz andere Sichtweise auf die vermeintliche Problematik.

4. Entstehung eines Traumas

Nachdem nun kurz die gesellschaftlichen Reaktionen auf den Ansturm an Flüchtlingen dargestellt wurden, soll im Folgenden der Fokus auf den Geflüchteten selbst liegen. Es kann davon ausgegangen werden, dass Menschen, die monatelang, teilweise sogar jahrelang, auf der Flucht vor den Verbrechen in ihren Heimatländern und der Bedrohung der eigenen Existenz waren, schwerwiegenden emotionalen Belastungen ausgesetzt wurden. Aus solchen traumatischen Erlebnissen, die ihre Wurzeln meist schon in den von Gewalt geprägten Geschehnissen in der Heimat haben und die während und auch nach den Begebenheiten der Flucht selbst noch verstärkt werden können, entwickeln sich häufig posttraumatische Belastungsstörungen. Sie bedeuten eine zeitlich verzögerte Reaktion auf eine extreme psychische Belastung. Die Entstehung eines Traumas soll hier nur kurz umrissen werden, um ein Grundverständnis als Voraussetzung für folgende Kapitel zu schaffen. Für ein tieferes und umfassenderes Verständnis wird jedoch die weiterführende Literatur von beispielsweise Peter Levines Traumaforschungen empfohlen.

Zur Geschichte des Traumabegriffs ist anzumerken, dass sich dieser erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierte und wissenschaftliche Anerkennung gewinnen konnte. Verhalten, welches bislang nach Freuds Definition als „Hysterie“ abgetan wurde, bekam nach dem Ende des zweiten Weltkriegs mit der Rückkehr abertausender traumatisierter Soldaten plötzlich eine neue Bedeutung und fand damit einhergehend vermehrt Beachtung in Deutschland (vgl. Besser 2011, S. 40). Dennoch gelang der Traumaforschung erst kurz vor der Jahrhundertwende der Durchbruch als der erste internationale Trauma-Kongress 1998 in Köln stattfand und somit das Thema Trauma Gegenstand öffentlicher Diskussionen wurde (vgl. ebd., S. 41). Resultierend daraus entstanden erstmals in großer Anzahl wissenschaftliche Werke, welche sich mit Erforschungen von Stress, Traumaentstehung und Traumabehandlung auseinandersetzten (vgl. ebd.). Eine mögliche Erklärung für diesen rasanten Anstieg des Aufmerksamkeitsniveaus gegenüber der Thematik des Traumas ist, dass aktuelle Erkenntnisse eine Interpretation von Erscheinungen erlauben, welche bereits in der Vergangenheit auftraten (vgl. Scherwath/ Friedrich 2014, S. 9). Außerdem ermöglichten sie einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen weg von einem „Durcharbeiten“ des Traumas hin zu stabilisierenden Methoden (vgl. ebd.).

Um nachvollziehen zu können, wie ein Trauma entsteht, muss zumindest oberflächlich auch ein Blick auf die neuronalen Strukturen des menschlichen Körpers geworfen werden. Auf eine genaue neurobiologische Darstellung der chemischen Prozesse im Organismus während der Entstehung eines Traumas wird an dieser Stelle jedoch verzichtet, da deren Kenntnis für den weiteren Verlauf dieser wissenschaftlichen Arbeit unerheblich sind.

Ein Trauma kann allgemein definiert werden als ein Ereignis, welches den Betroffenen in eine „Angst-Schreck-Schock-Situation“ bringt und eine subjektiv empfundene existenzielle Lebensbedrohung darstellt (vgl. ebd., S. 46). Der objektive Grad der Belastung stellt zwar durchaus ein Orientierungsmerkmal dar, kann das Ausmaß des Traumas aber dennoch nicht hundertprozentig prädestinieren, da dieses hauptsächlich im Nervensystem des Betroffenen entsteht und daher stets eine subjektive Komponente hat (vgl. Levine/ Kline 2008, S. 22). Peter Levine (2008) weist explizit darauf hin, dass „das Trauma sich im Nervensystem befinde, nicht im Ereignis selbst“ (ebd.). Es sind also nicht unbedingt in jedem Fall nur solch entsetzliche Vorkommnisse wie körperliche oder sexuelle Misshandlungen, die eine Traumatisierung nach sich ziehen, es kann genauso gut beispielsweise der Sturz vom Fahrrad sein. Weitere Faktoren, die neben der Intensität des Ereignisses die Entstehung von Traumasymptomen beeinflussen, sind auch die Häufigkeit der auftretenden Ereignisse, sowie deren zeitliche Dauer (vgl. ebd., S. 103).

Das menschliche Gehirn kennt in Gefahrensituationen nur zwei Vorgehensweisen, um das eigene Überleben zu sichern: Kampf oder Flucht. Dieser Reflex ist verankert im Stammhirn (beziehungsweise Reptilienhirn), welcher der älteste und tiefliegendste Teil des Gehirns ist. Es ist vorrangig verantwortlich für die Selbst- und Arterhaltung und hat zur Aufgabe, das Überleben des Organismus zu sichern. Der Körper reagiert deshalb auf ein bedrohliches Ereignis zunächst mit im Stammhirn verankerten, unbeeinflussbaren Reflexen, beispielsweise mit einer Erweiterung der Pupillen, Schweißausbrüchen, der Erhöhung der Herz- und Atemfrequenz, Anspannung der Muskelfasern und Ausschütten von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol (vgl. Scherwath/ Friedrich 2014, S. 19). Diese Reaktionen des Körpers sollen einen Vorteil in der entweder Kampf- oder Fluchtsituation verschaffen, indem zum Beispiel durch die Pupillenerweiterung die visuelle Wahrnehmung verstärkt wird.

Im Normalfall durchläuft der Mensch eine Gefahrensituation in folgendem Ablauf: Das chemische und hormonelle System des Organismus aktiviert zunächst die sensorisch-motorischen Aktivitäten wie zum Beispiel die Orientierung im Raum („Wohin kann ich flüchten?“) oder die Einnahme einer Verteidigungshaltung. Anschließend wird die angestaute und übermäßige Erregung entladen, indem der Betroffene zum Beispiel schreit, wegrennt oder kämpft. Erst danach kann er zurückkehren zu einem Wachsamkeitszustand und sich schlussendlich wieder entspannen (vgl. Levine/ Kline 2008, S. 101).

Im Falle eines traumatisierenden Ereignisses weckt eine äußere Bedrohung zwar die Alarmbereitschaft des Körpers, aber der Betroffene ist aus den verschiedensten Gründen unfähig, sich zu wehren oder aus der Situation zu fliehen (zum Beispiel bei einem bewaffneten Überfall oder einer Operation unter Narkose), was letztlich zu einem Hilflosigkeits- und einem Ohnmachtsgefühl führt (vgl. Besser 2011, S. 46). Die bewährten Reaktionsmechanismen des Organismus führen nicht wie im Normalfall zu einem Ausweg aus der belastenden Situation. Weil die beiden tief im menschlichen Bewusstsein verankerten Optionen Kampf oder Flucht in manchen Extremfällen nicht genutzt werden können, verfällt der Körper aufgrund seines angeborenen Totstellreflexes in eine Starre beziehungsweise Lähmung, die eine Dissoziation vom realen Geschehen ermöglicht (Levine/ Kline 2008, S. 23). Nach außen hin wirkt der Körper also komplett inaktiv, innen laufen die Überlebensmechanismen jedoch nach wie vor auf Hochtouren (vgl. ebd., S. 24). Da die Bedrohung nicht eigenständig bewältigt werden kann und die Stresshormone nicht durch vermehrte Bewegung oder durch andere Entladung abgebaut beziehungsweise aufgebraucht werden, staut sich die Erregungsenergie im Körper an und verbleibt dort als potentielle Ladung (vgl. ebd.). Das Gehirn findet nicht zurück in die Entspannung sondern verweilt im Zustand der erhöhten Wachsamkeit und ist stets alarmbereit, weshalb Traumatisierte auch häufig dort Gefahren lauern sehen, wo eigentlich keine sind. Ein logisches Denken und Abwägen ist den Betroffenen nicht mehr möglich, stattdessen wird aufgrund des mangelnden Sicherheitsempfindens auf Reize überwiegend mit Emotionen reagiert.

Zuletzt ist noch eine Unterscheidung zu treffen zwischen einer normalen psychischen Reaktion nach einer verstörenden Situation und einem Trauma beziehungsweise einer posttraumatischen Belastungsstörung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man sich nach einem belastenden Ereignis wie einem Unfall oder dem Tod eines Verwandten unruhig oder betäubt fühlt, dass man Schlafschwierigkeiten bekommt oder generell verstört ist (vgl. Scherwath/ Friedrich 2014, S. 23). Diese Symptome klingen jedoch im Normalfall nach einer gewissen Zeit wieder ab, da der menschliche Körper über faszinierende Selbstheilungskräfte verfügt (vgl. ebd.). Erst wenn eine Linderung der Stresssymptome noch nach mehreren Wochen nicht zu vermerken ist oder sich diese sogar intensivieren, kann eine posttraumatische Belastungsstörung vermutet werden (vgl. ebd.).

5. Warum sind Kinder anfälliger für Traumata als Erwachsene?

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass ein Kind umso anfälliger für ein Trauma ist, desto jünger es ist. Dieser Sachverhalt kann dadurch erklärt werden, dass die Flexibilität sowie die Erfahrungsbereitschaft des Gehirns in den ersten sieben Lebensjahren am höchsten sind (vgl. Scherwath/ Friedrich 2014, S. 30). Nervenzellen entwickeln sich im Gehirn nämlich erst im Laufe der Zeit durch Verknüpfungen zu neuronalen Netzen, sodass auf extrinsische Signale wie beispielsweise Gerüche, Geräusche oder Geschmäcker sowie intrinsische Reize wie Hunger, Durst oder Schmerz reagiert werden kann (vgl. Besser 2011, S. 42-43). Reaktionen, die sich als sinnvoll und bewährt erweisen, werden vom Gehirn als Erfahrungen in den neuronalen Netzwerken abgespeichert, wodurch eine schnellere Abrufung von Verhaltensmustern bewirkt wird, die die Überlebenschancen des Organismus steigern soll (vgl. ebd.).

Kindliche Gehirne sind allerdings noch nicht komplex vernetzt, was zur Folge hat, dass Heranwachsende über ein weitaus geringeres Repertoire an Verhaltens- und Handlungsmustern als Erwachsene verfügen, da diese erst durch verschiedenste Erfahrungen im Laufe der Zeit generiert und abgespeichert werden müssen (vgl. Besser 2011, S. 49). Diese verinnerlichten Handlungsmuster erleichtern aber das Zurechtkommen in einer bedrohlichen Situation.

Ein weiterer Faktor, welcher beeinflusst, dass Kinder besonders anfällig für Traumata sind, ist der neuronale Umgang mit den körpereigenen Stresshormonen. Die Flut an Stresshormonen während einer scheinbar aussichtslosen bedrohenden Situation wirkt neurotoxisch, das heißt sie löst bereits bestehende synaptische Verbindungen im Gehirn auf und kann bei Kindern sogar ein erneutes Aufbauen oder eine Festigung eben dieser verhindern (vgl. Besser 2011, S. 44). Die Folge daraus ist, dass Kinder in ihrer kognitiven und sozialen Entwicklung gestört werden oder schlimmstenfalls sogar in ihr zurückgeworfen werden, wenn sie negativen Extremerfahrungen ausgesetzt sind. Es werden hierbei zumeist die Entwicklungsprozesse gestört, welche sich zur aktuellen Zeit im Aufbau befinden.[3]

Symptome hierfür wären beispielsweise, dass bereits entwöhnte Kinder wieder die Flasche verlangen, Daumen lutschen oder in eine „Babysprache“ verfallen (vgl. Levine/ Kline 2008, S. 68). Gehirnzellen werden abgebaut, weshalb sich die Hirninnenräume vergrößern und das Gehirnwachstum verlangsamt wird (vgl. Brisch 2011, S. 145). Lutz Besser (2011) weist darauf hin, dass bei Erwachsenen, welche in der Kindheit traumatische Erfahrungen machen mussten, ein verringertes Volumen des Hippocampus mittels verschiedener Arten Tomographien festgestellt werden konnte, was eine verminderte Leistung der kognitiven Verarbeitung sowie der Speicherung von Gelerntem bewirke (vgl. ebd., S. 44). Es spricht also viel für die Annahme, dass Kinder, welche durch ein einschneidendes Lebensereignis in ihrer kognitiven und sozialen Reifung unterbrochen werden, auch in ihrer Lernfähigkeit deutlich eingeschränkt sind.

Außerdem stehen einem Kind vergleichsweise wenige Ressourcen zur Verfügung, um sich selbst zu schützen (vgl. Levine/ Kline 2008, S. 24). Daher ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern oder anderen erwachsenen Bezugspersonen ausschlaggebend. Während Erwachsene ihre Grundbedürfnisse im Normalfall selbst befriedigen können, ist ein Kind immer auf die Hilfe von Erwachsenen angewiesen, um sein Verlangen nach Nahrung, Wärme, Sicherheit und Geborgenheit zu stillen. Je älter ein Kind wird, desto weniger ist es von Erwachsenen abhängig und desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass es eine Situation als so übermächtig empfindet, dass es sich nicht selbst aus dieser zu befreien wüsste. Ein Beispiel zur Veranschaulichung dieser Sachlage wäre, dass ein Säugling, welchem man Nahrung vorenthält, in Todesangst gerät, ein Kleinkind sehr wahrscheinlich verzweifeln, ein etwa zehnjähriges Kind sich hingegen bereits selbst etwas zu Essen zubereiten wird. Die Qualität der elterlichen Fürsorge ist dennoch immer auch ein Indikator dafür, inwiefern ein Kind aus einer traumatischen Situation als Bezwinger eben dieser hervor gehen kann. Hat der Heranwachsende bereits starke Bindungserfahrungen machen können, welche sich neuronal verankern konnten, wird er in seinen Bezugspersonen ein Hilfepotential sehen, welches ihm bei der Verarbeitung des Erlebten unterstützen kann (vgl. Besser 2011, S. 50). Erwachsene sind dennoch besser in der Lage als Kinder, ihrer Angst oder ihrer Belastung nach einem verstörenden Ereignis selbst ein Ventil zu geben, indem sie beispielsweise zusätzlich eine Therapie in Anspruch nehmen oder andere Möglichkeiten wie Spaziergänge oder Sport finden, um ihre angestaute Anspannung zu entladen.

Selbstverständlich ist jedoch nicht jedes Kind gleichermaßen als pauschal risikogefährdet einzustufen, nur weil es in seinen neuronalen Strukturen, seiner Handlungsroutine und seiner Selbstwirksamkeit nicht so ausgereift ist wie ein erfahrener Erwachsener. Neben diesen Faktoren und den relevanten Bindungsmustern sind weitere Faktoren, die die Verarbeitung einer traumatischen Situation beeinflussen können, auch die kindlichen Fähigkeiten und charakteristische Persönlichkeitsmerkmale wie die individuelle Belastbarkeit oder die körperlichen Merkmale des Individuums. Solche sind zum Beispiel Kraft, Ausdauer oder Geschwindigkeit, in denen sich jedes Kind unterscheidet, weshalb auch jedes Kind unterschiedlich aus der als gefährlich empfunden Situation hervorgeht (vgl. Levine/ Kline 2008, S. 102). Dennoch wird auch hier erneut ersichtlich, dass ein Kind gegenüber einem Erwachsenen in Bezug auf seine körperlichen Merkmale deutlich im Nachteil ist, wenn es darum geht, sich in einer bedrohlichen Situation physisch durchzusetzen.

Zuletzt sollte auch bedacht werden, dass einige traumatisierende Ereignisse strukturell so beschaffen sind, dass sie tendenziell auch eher nur Kindern begegnen. Deren Hilflosigkeit und körperliche Unterlegenheit wird häufig von Erwachsenen ausgenutzt, um eigene Interessen durchzusetzen. Ein exemplarisches Beispiel ist der sexuelle Kindesmissbrauch.

Es kann zusammengefasst werden, dass es viele Aspekte gibt, in denen Kinder Erwachsenen insofern nachstehen, als dass sie ihnen gegenüber deutlich anfälliger für Traumatisierungen sind. Hierunter fallen die zerebralen Strukturen, die motorischen Fähigkeiten, die Autonomie beziehungsweise der Abhängigkeitsgrad von anderen sowie die individuellen körperlichen Merkmale und die weitaus weniger ausgeprägte Fähigkeit der Resilienz von Kindern.

6. Flucht als traumatisches Erlebnis für Kinder

Durch die in den vorigen Kapiteln dargestellte Entstehung eines Traumas und die Erklärungen dafür, weshalb insbesondere Kinder eine Risikogruppe für traumatische Belastungsstörungen sind, konnte ein Grundverständnis geschaffen werden, worauf in den folgenden Kapiteln aufgebaut werden kann. Nun soll die Flucht selbst als traumatisches Erlebnis für ein Kind thematisiert werden. Das Trauma und die psychische Belastung, unter denen Flüchtlinge häufig leiden, entstehen meist nicht nur durch das Erleben eines belastenden Ereignisses sondern zumeist durch eine Addition verschiedenster verstörender Szenarien. Diese spielen sich nicht nur im Heimatland ab. Es lassen sich drei verschiedene Etappen bestimmen, die jeweils Risiken und Potentiale tragen, eine nachhaltige psychische Störung sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen hervorzurufen. Bei den folgenden Erläuterungen sollen jedoch hauptsächlich Vorkommnisse betrachtet werden, die Kinder tangieren und ihr Verhalten langfristig prägen, da dieses später auch Auswirkungen auf ihre Beschulung haben kann.

6.1. Vor der Zwangsmigration

Die Umstände, die Menschen dazu bewegen, ihr Heimatland zu verlassen, wurden bereits in der Einleitung beleuchtet und sollen hier nur noch einmal angeschnitten werden, um deren Auswirkungen auf das Individuum näher zu betrachten. Insbesondere die aktuelle Flüchtlingsbewegung hat ihre Wurzeln hauptsächlich im Krieg und Bürgerunruhen. Krieg stellt immer ein intensives und oftmals existenzbedrohendes Ereignis im Leben eines jeden Menschen dar, der ihn miterleben muss. Zusätzlich zu seiner Grauenhaftigkeit ist Krieg auch in den meisten Fällen von längerer Dauer. Wie bereits aus vorherigen Kapiteln ersichtlich wurde, ist zeitliche Dauer der Bedrohung neben der Art und Intensität des Ereignisses einer der wichtigsten Faktoren, der eine Traumatisierung beeinflusst. In den seltensten Fällen wird die Entscheidung zur Flucht als direkte Reaktion auf ein einmaliges katastrophales Ereignis getroffen. Üblicherweise dauert diese Periode der Entscheidungsfindung eine längere Zeit, weshalb viele Kinder den menschenunwürdigen Zuständen in ihrer Heimat auch dementsprechend eine längere Zeit ausgesetzt sind und sich die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung dahingehend potenziert.

Der Facharzt für Psychotherapie Klaus-Dieter Grothe versucht die Begünstigung für Traumata in Zeiten des Krieges während seines Vortrags am 2. September 2016 an der Universität Gießen durch ein Gesellschaftsphänomen zu erklären. Im Ausnahmezustand würden die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen insofern zerstört, als dass die Gesellschaft als Ganzes dem Individuum keinen Schutz mehr bieten könne, da der Zusammenhalt der Gesellschaft geschwächt würde und jeder nur noch das eigene Überleben anstrebe. Dies sei auch die Begründung dafür, weshalb Attentate stets zunächst auf Kulturdenkmäler sowie die soziale Gemeinschaft selbst abzieltenum eben diese zu schwächen. Dadurch verunsichere man altbewährte Strukturen und löse diese auf, sodass keiner dem anderen mehr vertraue, was im Umkehrschluss die Konsequenz nach sich ziehe, dass auch das Gewaltpotential innerhalb der Zivilgesellschaft steige. Dieser Gedankengang macht vor dem bereits erläuterten Hintergrund, dass die neuronale Verankerung von Bindungsmustern für die Bewältigung von bedrohlichen Situationen ausschlaggebend ist, durchaus Sinn. Erfährt ein Kind beispielsweise nie den Schutz durch andere Menschen, wird es sich immer damit schwer tun, soziale Bindungen einzugehen. Das Ur-Vertrauen eines Kindes entwickelt sich durch solche negativen Erfahrungen des Ausgeliefertseins und der Schutzlosigkeit demnach zu einem Ur-Misstrauen (vgl. Wirtgen/ Iskenius/ Eisenberg 2010, S. 111). Die Entwicklung eines gesunden Selbst- sowie Weltbildes wird gestört.

An dieser Stelle sollen unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus dem Kapitel „Warum sind Kinder anfälliger für Traumata als Erwachsene?“ noch einmal einige potentielle traumatische Situationen aufgeführt werden, die Kinder in den von Krieg betroffenen Regionen teilweise widerfahren. Neben der Tatsache, dass Kinder in Kriegsgebieten Gewaltszenarien ausgesetzt sind, die die meisten behütet Aufgewachsenen sich nicht einmal auszumalen vermögen, sind viele betroffene Kinder zusätzlich mit dem Verlust von Bezugspersonen durch Trennung oder sogar Tod konfrontiert, was sie in ihrem Sicherheitsempfinden zusätzlich erschüttert und bereits bestehende soziale Beziehungsnetze zerstört (vgl. Zimmermann 2015, S. 53). Sie werden Zeuge davon, wie männliche Verwandte entführt und zwangsrekrutiert werden oder wie die eigene Mutter bedroht oder vergewaltigt wird, schlimmstenfalls werden sie sogar selbst Opfer von Gewalt oder erzwungener Teilnahme an Kriegshandlungen (vgl. Wirtgen/ Iskenius/ Eisenberg 2010, S. 112). Zudem erfahren sie eventuell blinden Hass gegenüber ihrer ethnischen Gruppe und werden nur aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu eben dieser verfolgt. Sie erleben die Zerstörung ihrer Heimatdörfer- oder Städte und verlieren vielleicht sogar das eigene Zuhause (vgl. ebd.). Ihre Familien sind eventuell wirtschaftlichen Nöten ausgesetzt, sodass sie Hunger ertragen müssen und ihre Gesundheit leidet.

Diese extremen äußeren Rahmenbedingungen führen nicht selten dazu, dass auch intrafamiliäre Konflikte entstehen. Die Last, die ein Kind trägt, welches all diese Szenarien oder auch nur einen Bruchteil davon erleben muss, vervielfältigt sich durch die Tatsache, dass eigentlich die komplette Familie von Traumatisierungen durch die eben aufgezählten Vorfälle betroffen ist. Seelisch verwundete Eltern können ihren ebenfalls psychisch verletzten Kindern kaum einen Halt geben und ihnen deshalb auch keinen Weg aus der scheinbar überwältigenden Hilflosigkeit heraus zeigen. Das Kind ist in seiner Angst allein gelassen, da weder Vater noch Mutter aufgrund der eigenen Belastung Beruhigung und Sicherheit vermitteln können (vgl. ebd.). Die Familie, welche also eigentlich dafür sorgen soll, dass das Kind sichere Bindungen erlernt, wird dadurch plötzlich selbst zur Belastung, indem beispielsweise Rollen vertauscht werden und sich das Kind dafür verantwortlich fühlt, die Eltern zu trösten und ihnen Rückhalt zu gewähren.

6.2. Während der Flucht

Eine Flucht birgt unzählige Risiken. Viele der in Deutschland lebenden Geflüchteten vermeiden Gespräche über die Erlebnisse während ihrer Flucht, da diese zu aufwühlend und schmerzhaft für sie sein können. Generell gibt es nur wenige zuverlässige und vor allen Dingen wissenschaftliche Quellen, die alle möglichen Ereignisse während einer Flucht umfassend wiedergeben. Einige Aspekte einer Flucht sollen im Folgenden nichtsdestotrotz aufgegriffen und so gut wie möglich präsentiert werden.

Während des Fluchtvorgangs selbst sind Kinder und ihre Familien häufig Opfer extremer Ausbeutung. Sie begeben sich in eine Abhängigkeit von anderen, indem sie beispielsweise ihr Leben in die Hände krimineller Schlepperbanden legen, die selten nur das Wohlergehen der Schutzsuchenden im Sinn haben. Der Menschenschmuggel ist in Zeiten großer Not und Leidens ein sehr lukratives Geschäft, knapp 6000 US-Dollar verlangt ein Schleuser im Durchschnitt pro Flüchtling für die Unterstützung bei der Flucht (vgl. Grenz/ Lehmann/ Keßler 2015, S. 14). Dieser hohe Preis ist für viele kaum zu bezahlen, weshalb Privatdarlehen aufgenommen werden müssen, was wiederum eine erneute Abhängigkeit bedeutet. Kinder werden nicht selten zur Prostitution gezwungen, um das erforderliche Geld für die Schleuser aufzutreiben (vgl. Dieckhoff 2010, S. 8). Wer sich bereit erklärt, Drogen zu schmuggeln und diese auch im Zielland weiter zu vertreiben, erhält einen Rabatt. So geraten viele Menschen aus der Not heraus in einen Teufelskreis der Repression und Ausbeutung, aus dem sie selten wieder aus eigener Kraft ausbrechen können.

Trotz der hohen Kosten und der dafür erbrachten Opfer ist die Reise mithilfe Schlepperbanden nicht einfach. Diese organisieren quasi eine illegale Einreise in ein Land, welche zwangsläufig häufig über sehr gefährliche Wege führt, um nicht von Grenzschützern abgefangen zu werden. Um die Flüchtlinge unter Druck zu setzen und sie gefügig zu machen, werden ihnen außerdem oft die Papiere entwendet, sofern noch welche existieren (vgl. Jordan 2000, S. 26). Wasser und Nahrung sind meist knappe Güter, die Schlafstätten entweder im Freien oder so klein, dass die Menschen nicht einmal im Liegen schlafen können, da nicht für alle ausreichend Platz ist. Es kommt vor, dass Flüchtlinge während ihrer Reise überfallen, ausgeraubt oder entführt werden, teilweise mehrere Wochen festgehalten, misshandelt und missbraucht und anschließend irgendwo im Unbekannten ausgesetzt werden (vgl. Grenz/ Lehmann/ Keßler 2015, S. 14). Auch innerhalb der Gruppen, die von Schleppern „betreut“ werden, wird selten Rücksicht auf Schwächere genommen. Ist ein Mitglied zum Beispiel aufgrund der Strapazen einer Flucht körperlich oder auch emotional zu erschöpft, um weiterhin mit den anderen Schritt zu halten, wird es gnaden- und vor allen Dingen mittellos zurückgelassen.

Die Reisemittel sind vielfältig. Ob zu Fuß, mit dem Bus, Auto, LKW oder Booten: Unfälle passieren immer wieder. 2015 schockierte die Nachricht der 71 erstickten Flüchtlinge in einem Laderaum eines LKWs die Öffentlichkeit. Schlepper hatten das Fahrzeug am Rande einer Autobahn zurück gelassen, ohne sich um die sterbenden Menschen im Frachtraum zu kümmern. Auch das Foto der gestrandeten Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi ging um die Welt. Mit seiner Familie versuchte er über das Mittelmeer auf die griechische Insel Kos zu fliehen, doch das Boot kenterte bei starkem Wellengang – das Kind sowie elf weitere Menschen ertranken. Der Seeweg ist meist die letzte Etappe der Flucht, doch gerade dieser birgt große Gefahren. Die meisten Vehikel sind kaum noch richtig funktionstüchtig, Schlauchboote zum Beispiel oft schon porös. Zudem sind sie meist vollkommen überladen. Der Großteil der Flüchtlinge kann nicht schwimmen, sodass ihre Überlebenschancen bei Kentern des Bootes sehr gering sind.

Zu den Ereignissen, die zum Teil die skrupellosen Schlepper zu verantworten haben, addieren sich auch solche, die den Flüchtlingen bereits auf dem Boden der europäischen Mitgliedsstaaten widerfahren. Grenz, Lehmann und Keßler (2015) verweisen auf dokumentierte Fälle unterlassener Hilfeleistung seitens der Vertreter der entsprechenden Exekutive gegenüber hilfsbedürftigen Flüchtlingen wie beispielsweise die verspätete Reaktion der italienischen Küstenwache auf den Schiffbruch eines mit 500 Menschen beladenen Bootes 2013, bei dem daraufhin 268 Flüchtlinge ertranken (vgl. Grenz/ Lehmann/ Keßler 2015, S. 15). Staatliches Handeln kann aber zum Beispiel auch in Form von Inhaftierungen unter miserablen Bedingungen dazu beitragen, dass Flüchtlinge traumatisiert werden.

Erschwerend zu diesen Fluchtbedingungen kommt insbesondere für Kinder hinzu, dass die meisten von ihnen nicht einmal wissen, wohin sie ihre Reise führt und selbst wenn sie es erfahren, haben sie kaum konkrete Vorstellungen davon, wo genau das Zielland liegt oder was sie dort erwartet (vgl. Dieckhoff 2010, S. 8).

Es kann davon ausgegangen werden, dass die oben genannten Erlebnisse während einer Flucht in einem Kind neben extremer körperlicher und emotionaler Erschöpfung auch das Gefühl des vollkommenen Ausgeliefertseins und Hoffnungslosigkeit auslösen. Erneut ist auf die Dauer der Belastung als ein Trauma begünstigender Faktor zu verweisen – eine Flucht geschieht in den seltensten Fällen in wenigen Wochen. Manche Flüchtlinge brauchen sogar mehrere Jahre, um das Exilland zu erreichen.

6.3. Im Aufnahmeland

Haben Kinder mit oder teilweise auch ohne ihre Familien (siehe folgendes Kapitel „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“) das Zielland erreicht und alle Hindernisse während ihrer Flucht überstanden, stellt sich bei Ankunft im Aufnahmeland vielleicht zunächst ein Gefühl der Erleichterung ein. Die Einreise heißt dennoch immer noch nicht das Ende der belastenden Umstände.

Zunächst sind die infrastrukturellen Gegebenheiten zu betrachten. Die Familien leben in Gemeinschaftsunterkünften teilweise auf engstem Raum miteinander und haben aufgrund mangelnder Rückzugsmöglichkeiten kaum Privatsphäre. Dadurch aber auch aufgrund der gewalttätig aufgeladenen Situation im Heimatland, die enttäuschenden und auslaugenden Erlebnisse während der Flucht und das daraus resultierende zerstörte Vertrauen in die Gemeinschaft wie auch Grothe es beschreibt, kann es zu Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern der gleichen Unterkünfte kommen. Als Folge der Erschütterung durch die erlebten Geschehnisse entstanden in deren Bewusstsein häufig Gewalt und Hass als Verhaltensmuster (vgl. Zimmermann 2015, S. 55). Solche Ausschreitung werden von den seitens der Organisatoren wenig durchdachten Zusammensetzungen hinsichtlich der Vorgeschichte und Glaubenszugehörigkeit der Bewohner der Unterkünfte begünstigt (vgl. ebd., S. 57). Ethnische oder religiöse Gruppen, die sich im Herkunftsland schon verfolgt und bekriegt haben, sind geneigt, dies auch im Exilland zu tun.

Ein weiterer Aspekt ist die emotionale Verfassung der Geflüchteten. Die vielen Vorschriften wie beispielsweise das Verbot, sich frei zu bewegen, vermittelt den Flüchtlingen den Eindruck, bevormundet und kontrolliert zu werden (vgl. Wirtgen/ Iskenius/ Eisenberg 2010, S. 111). Viele Betroffene leben von nun an außerdem ständig mit der Angst vor einer drohenden Abschiebung, da ihr Aufenthaltsrecht durch langwierige bürokratische Verfahren, die meist für sie sowohl aufgrund der fremden Sprache als auch ihrer strukturellen Beschaffenheit unverständlich und undurchdringlich sind, oft noch nicht gesichert ist (vgl. ebd.). Die psychische Belastung durch das laufende Asylverfahren wird auch dadurch aufrecht erhalten, dass dieses über die Zukunft der betroffenen Familien entscheidet und ihre Sicherheit sowie die ersehnten stabilen Lebensverhältnisse davon abhängen (vgl. ebd.). Währenddessen leben sie stets mit nur ungewissen Perspektiven und dem Ohnmachtsgefühl, das Verfahren nicht beeinflussen oder beschleunigen zu können (vgl. ebd.). Die Betroffenen begeben sich erneut in eine völlige Abhängigkeit (diesmal in die von den Verantwortlichen der entsprechenden Ämter sowie Unterkünfte), was das bereits bekannte Gefühl der Machtlosigkeit und Selbstunwirksamkeit aufrechthält (vgl. Zimmermann 2015, S. 57). Auch dürfen sie während dieser Wartezeiten keiner regulären Arbeit nachgehen, welche ihrem Leben eine Steigerung an Sinnhaftigkeit verleihen könnte, und müssen daher mit dem ihnen vom Staat zur Verfügung gestellten Geld auskommen (vgl. Zimmermann 2015, S. 21). Viele der Flüchtlinge verlieren im Aufnahme- gegenüber dem Heimatland deshalb auch enorm an Prestige und sozialem Status. Denn selbst wenn sie dort beispielsweise sehr wohlhabend waren, bleibt ihnen hier von diesem Wohlstand meistens kaum etwas übrig (vgl. Sacher 2016, S. 16).

Außerdem sehen sie sich nicht nur mit einer vollkommen fremden Kultur sondern zugleich auch in eben dieser nicht selten mit Marginalisierung konfrontiert, wie dem Kapitel „Soziopolitischer Anspruch und Gesellschaftliche Haltung“ zu entnehmen ist. Ihnen wird teilweise das Gefühl vermittelt, unerwünscht zu sein und oft wird ihnen sogar die Notwendigkeit ihrer Flucht für das eigene Überleben abgesprochen. Das Erleben von Demonstrationen gegen die Gruppe, zu der man gehört, oder gar offenen Anfeindungen und Beleidigungen kann durchaus zu einer sekundären Traumatisierung führen.

Das Aufeinandertreffen mit dieser neuen Kultur und die dort erfahrene Stigmatisierung zum Opfer können insbesondere für Jungen schwierig zu verarbeiten sein. Für sie besteht oft eine Diskrepanz zwischen der Opferrolle, die ein Flüchtling zunächst in der Gesellschaft des Ziellandes einnimmt, und dem Jungenbeziehungsweise Männerbild, das sie haben (vgl. Halper/ Orville 2011, S. 114). Ihr ihnen bekanntes Wertesystem wird unter Umständen ungültig und muss dahingehend revidiert werden, was vielen jedoch sehr schwer fällt. Eingespielte Geschlechterrollen werden plötzlich in Frage gestellt und müssen auf ihre Legitimität hin untersucht werden (vgl. Sacher 2016, S. 16). Das Problem hierbei ist, dass die Identifikation mit der Herkunftskultur in den meisten Fällen stets größer bleibt als die mit der Aufnahmekultur, weshalb eine Adaption der vorherrschenden Werte und Normen in der Aufnahmegesellschaft häufig fehlschlägt (vgl. Adam/ Inal 2013, S. 112).

Von großer Relevanz für die psychische Verfassung und die Bereitschaft, sich auf das Aufnahmeland einzulassen, ist auch die Einstellung dem Heimatland gegenüber. Zwangsmigrierte Menschen sind diesbezüglich häufig von ambivalenten Gefühlen geprägt. Auf der einen Seite sind sie erleichtert darüber, der elendigen und aussichtslosen Situation in ihrer Heimat den Rücken kehren und einen Neuanfang in Sicherheit wagen zu können. Auf der anderen Seite betrauern sie das, was sie zurücklassen mussten und hegen eventuell nach wie vor die latente Hoffnung, eines Tages wieder dorthin zurückkehren zu können. Ein bewusstes Abschiednehmen von der Heimat, von materiellem Besitz sowie von zurückbleibenden Freunden, Verwandten und Bekannten begünstigt normalerweise die Trauerverarbeitung. In den meisten Fällen blieb den Betroffenen jedoch nicht die Zeit dazu (vgl. Zimmermann 2015, S. 23). Deshalb kommt erschwerend auch die Sorge um die Zurückgebliebenen hinzu, die mit jeder neuen erschütternden Nachricht aus der Heimatregion wächst. Trauer ist ein ständiger Begleiter von Verlust- wer verliert, was einen persönlichen Wert besaß, betrauert es (vgl. Levine/ Kline 2008, S. 98). Das Trauma, welches wie bereits verdeutlicht wurde, im Nervensystem des Individuums steckt, wird also in den meisten Fällen zusätzlich von einem starken Trauerempfinden begleitet.

Für Flüchtlinge bedeuten diese aufgezählten Missstände im Aufnahmeland eine stetige Fortsetzung ihres Traumas, wenn nicht sogar eine Re-Traumatisierung. Nicht alle der bisher aufgezählten Aspekte betreffen ein Kind direkt. Es ist jedoch naheliegend, dass Kinder die Belastungen ihrer Eltern oder anderer Bezugspersonen erkennen und auf sich selbst übertragen. Erwachsene, die mit der aktuellen Lebenssituation selbst überfordert sind, können, wie bereits erwähnt, ihre Schutzfunktion für das Kind nicht erfüllen (Zimmermann 2015, S. 62). Zudem ist die mögliche Vertauschung der Rollen zwischen Eltern und ihren Kindern als äußerst problematisch einzustufen. Kinder müssen im Ankunftsland häufig Aufgaben übernehmen, die ihre Eltern unterstützen. Ein gutes Beispiel ist das Dolmetschen bei Amts- und Behördengängen. Da Kinder leichter eine neue Sprache erlernen als ihre Eltern und dieser Spracherwerb durch die Schulpflicht in Deutschland für Kinder staatlich garantiert ist, werden sie oftmals gebeten, zwischen den Parteien zu vermitteln. Das Kind erfährt durch seine Rolle als Mediator eventuell ganz neue Dimensionen der elterlichen Situation und Gefühlswelt und erlebt die eigenen Eltern möglicherweise als komplett hilflos, was einen Autoritätsverlust nach sich ziehen kann. Dieser Prozess des Rollentausches kann auch als „Parentifizierung“ beschrieben werden – die Betroffenen müssen Erwachsener und Kind zugleich sein (vgl. Sacher 2016, S. 16). Diese Änderung der Hierarchieverhältnisse innerhalb der Familie hat zur Folge, dass das Kind auch in der vermeintlichen Sicherheit des Exillandes nach wie vor dem Gefühl ausgesetzt ist, mit allen Belastungen trotz des Beiseins der Eltern alleine zu sein.

7. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Manche Flüchtlingskinder sind tatsächlich alleine. Eine Thematik, welche bei der Auseinandersetzung mit minderjährigen Flüchtlingen deshalb immer wieder ins Zentrum des Interesses gerät, ist der Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Diese sind zwar meistens bereits über das Grundschulalter hinaus, dennoch gibt es immer wieder auch solche Fälle, in denen noch sehr junge Kinder unbegleitet in Deutschland einreisen, weshalb diese Gruppe meines Erachtens durchaus die Berechtigung einer Erwähnung in der vorliegenden Arbeit hat.

Irmela Wiesinger ist als Sozialraumleiterin im Jugendamt Hofheim tätig und gestattete im Rahmen einer Ringvorlesung an der Universität Gießen am 30.06.2016 einen Einblick in ihre Arbeit und Erfahrungen mit dieser Teilgruppe von Flüchtlingen in Deutschland. Einige der folgenden Aussagen basieren auf eigenen Mitschriften zu ihrem Vortrag.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist knapp jeder zweite Flüchtling vor dem Gesetz noch ein Kind. In den meisten Fällen wird die Entscheidung, das Heimatland zu verlassen, von Erwachsenen, das heißt Eltern oder anderen volljährigen Bezugspersonen, getroffen und dementsprechende Fluchtpläne sowie -Maßnahmen werden von diesen organisiert und ergriffen. Aus den verschiedensten Gründen kann es jedoch durchaus auch vorkommen, dass Minderjährige ohne ihre Erziehungsberechtigen in Deutschland einreisen. Mögliche Ursachen können sein, dass das Kind entweder bereits im Herkunftsland verwaist ist oder die Flucht im Familienverband aufgrund der Ermangelung der dafür nötigen finanziellen Mittel nicht realisiert werden kann. So werden manchmal nur die Kinder ins Exil geschickt, in der Hoffnung, wenigstens sie könnten eine bessere Zukunft haben oder sogar mit dem Auftrag, die Familie später nachzuholen. Selbst wenn die Flucht zunächst gemeinsam gelingt und die Kosten dafür kein ausschlaggebendes Kriterium für die Familie sind, kann es immer wieder passieren, dass Familienmitglieder auf der Flucht getrennt werden, wenn sie beispielsweise auf verschiedene Boote aufgeteilt werden, die das Meer überqueren sollen und eines davon verunglückt. Manchmal werden sie auch erst im Zielland getrennt – auch dann fallen die Betroffenen dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nach unter die Definition der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, sofern davon ausgegangen werden kann, dass die Trennung längerfristig sein wird (BAMF 2009, S. 13). Teilweise sind jedoch auch nach wie vor kindspezifische Gründe wie beispielsweise die Angst vor einer Zwangsrekrutierung als Kindersoldat, Zwangsverheiratung, beschränkter Zugang zu Bildungsmöglichkeiten oder die drohende Genitalverstümmelung bei Mädchen die Auslöser für eine Flucht im Alleingang.

Besonders problematisch ist der Umgang mit den unbegleiteten Kindern und Jugendlichen, weil sie sich zwischen zwei politischen Systemen befinden. Zum einen sind sie nach wie vor Flüchtlinge und müssen deshalb den gängigen Verfahren zur Klärung ihres Aufenthaltsbeziehungsweise Asylrechtes unterzogen werden. Zum anderen kann jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass Minderjährigen eine besondere Schutzbedürftigkeit zugesprochen wird. Die EU-Richtlinien sowie die UN-Konvention von 1989 (auf welche im folgenden Kapitel noch etwas genauer eingegangen wird) versichern in ihren Schriften betreffend sowohl internationaler als auch nationaler Schutzgarantien, dass das Kindeswohl als zentrales Gut angesehen wird. Die Abwesenheit von Personensorgeberechtigten wird demnach als Kindeswohlgefährdung eingestuft, weshalb das Jugendamt die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Obhut nimmt. Um zwischen diesen beiden politischen Systemen, das heißt zwischen dem Asylverfahrensgesetz und dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, zu vermitteln und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner dieser beiden – das Kindeswohl – zu kommen, bedarf es Fachkräfte. Diese müssen zunächst in den Grenzbehörden veranlassen, dass die Ankömmlinge als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erfasst werden. Anschließend müssen sie die Flüchtlinge an das Jugendamt übergeben. Dieses wiederum muss sich darum kümmern, dass sofern keine Verwandten in Deutschland leben, eine angemessene Unterkunft sowie ein Vormund für sie organisiert wird (vgl. BAMF 2009, S. 9). Auch wenn es aufgrund zeitlichen Druckes seitens des Vormundschaftsgerichtes oft schwierig ist, einen Einzelvormund zu finden, ist diese Form der Vormundschaft für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge meist am besten, da der Vormund so zu einer „zentralen Unterstützungsperson“ im Leben des Heranwachsenden werden und dadurch in gewisser Hinsicht ein Ersatz für die verlorenen Eltern werden kann (Stauf 2012, S. 39).

Um die Erfahrungen einer Flucht für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Hinblick auf deren psychische Verfassung zu interpretieren, wird erneut auf den Vortrag von Klaus-Dieter Grothe am 2. September 2016 an der Universität Gießen verwiesen. Er erklärte dort, dass aus psychologischer Sicht betrachtet der Verlust von Bezugspersonen für Kinder viel schlimmer sei als beispielsweise selbst Gewalt erfahren zu müssen. Er rezitierte aus einer Studie, welche ergab, dass Kinder, die während des zweiten Weltkrieges in Gegenwart ihrer Eltern waren, die traumatischen Szenarien viel besser verarbeiten konnten als solche, die währenddessen von ihren Eltern getrennt waren. Zusätzlich zu den traumatischen Erfahrungen des Krieges kämen in letzterem Fall noch die Sorgen um das Wohlergehen der Eltern als psychische Belastung hinzu. Bei Kindern, deren Eltern im Heimatland geblieben sind, kann sich außerdem ein Schamgefühl einstellen, da sie nun unter besseren Bedingungen leben können als die Zurückgebliebenen (vgl. Zito/ Martin 2016, S. 51). Grothe betont erneut die Rolle der Eltern als Schutz- und Vertrauenspersonen, die bei der Verarbeitung von Traumata unterstützen und vor allen Dingen dem Gefühl der totalen Einsamkeit entgegenwirken können. Durch den Verlust der Eltern dürfen die Heranwachsenden plötzlich selbst keine Kinder mehr sein, weshalb ihre Identitätsentwicklung unterbrochen wird. Vordergründig scheinen viele der unbegleiteten Minderjährigen daher sehr selbstständig zu sein und sie legen teilweise ein hohes Autonomiebedürfnis an den Tag. Diese scheinbare Selbständigkeit verschleiert leicht den eigentlichen Hilfebedarf dieser Kinder, da gerade sie eigentlich Unterstützung bei der Verarbeitung des Erlebten brauchen, um nicht vollkommen alleine mit ihrer seelischen Last zu sein. Hilfreich ist es, den Heranwachsenden einen Raum zu bieten, ihre Persönlichkeitsentwicklung sowie ihre Sozialisation nachzuholen.

Dieses Kapitel sollte erneut verdeutlicht haben können, welche große Bedeutung die Eltern für Kinder mit Fluchterfahrungen haben. Im folgenden Kapitel wird daher neben anderen Aspekten auch die Rolle der Eltern im Hinblick auf die Beschulung von Flüchtlingskindern näher betrachtet.

[...]


[1] Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche personenbezogenen Bezeichnungen sind demnach geschlechtsneutral zu verstehen.

[2] Zu Deutsch für United Nations High Commissioner for Refugees. Im Folgenden UN- HCR abgekürzt.

[3] Für ein tieferes Verständnis kann beispielsweise auf das Stufenmodell der kognitiven Entwicklung von Jean Piaget verwiesen werden.

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Flüchtlingskinder in der Grundschule. Wie die Grundschule die Herausforderungen durch den aktuellen Zustrom an Flüchtlingen bewältigen kann
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
100
Katalognummer
V365448
ISBN (eBook)
9783668448421
ISBN (Buch)
9783960950790
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
flüchtlingskinder, grundschule, herausforderungen, zustrom, flüchtlingen
Arbeit zitieren
Leslie Neul (Autor:in), 2016, Flüchtlingskinder in der Grundschule. Wie die Grundschule die Herausforderungen durch den aktuellen Zustrom an Flüchtlingen bewältigen kann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365448

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