Die Frau im Nationalsozialismus. Rollenerwartungen und Erziehungsmaßnahmen zu der Zeit der faschistischen Herrschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALT

EINLEITUNG

1. DIE ROLLE DER FRAU IM NATIONALSOZIALISMUS

2. ERZIEHUNGSZIELE
2.1. BDM: ORGANISATION ZUR WEIBLICHEN ERZIEHUNG

FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

EINLEITUNG

„Die Frau hat auch ihr Schlachtfeld. Mit jedem Kind, das [sic!] sie der Nation zur Welt bringt, kämpft sie ihren Kampf für die Nation.“[1]

Die Frau als ‚Produzentin‘ von Kämpfernachwuchs - war das die essentielle Aufgabe der Frau zur Zeit des Nationalsozialismus? War ihr Beitrag für die Nation im zweiten Weltkrieg nur auf die reine Reproduktion von Nachkommen reduziert? Diese Frage nach der Rolle der Frau im Nationalsozialismus soll die folgende Arbeit beantworten. Auch, wie es geschafft wurde, dass die Mädchen und Frauen jener Zeit die Muster und Vorstellungen einer vollkommenen arischen Frau ohne Hinterfragen annahmen und lebten. Welche Ideale wurden vom System angestrebt und welche Mittel verwendet, um frühestmöglich mit ihrer Manipulation zu beginnen? Um dem nachzugehen soll im ersten Kapitel meiner Arbeit verdeutlicht werden, welche Ideale der vollkommenen Frau angestrebt wurden, welchen Einfluss sie auf deren Leben hatten aber auch, wieso die meisten Frauen widerstandslos und ohne kritisches Hinterfragen dieses Rollenbild annahmen. Welche gewaltige und mitreißende Wirkung muss Hitler auf diese Frauen gemacht haben, welche Hoffnungen steckten sie in seine Prophezeiungen einer utopischen Zukunft? Das Vermitteln als Teil einer Gemeinschaft zu fungieren und als etwas Besonderes gesehen zu werden spielte bei dieser Manipulation eine wichtige Rolle. Ebenso der Zeitpunkt der Beeinflussung. Das Einprägen der Werte wurde keinem bloßen Zufall überlassen, genauso wie der Beginn. Das zweite Kapitel demonstriert, welche Erziehungsbilder zur Zeit des Nationalsozialismus herrschten und wie sich diese zwischen den Geschlechtern unterschieden. Im Fokus liegt hier die Erziehung der Mädchen und wie der Bund Deutscher Mädel - im Folgenden BDM - dazu verwendet wurde um die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Jahre vor dem zweiten Weltkrieg (ab den dreißiger Jahren) bis zu den ersten Jahren des Weltkrieges, da in diesem Zeitraum die Forderungen an die Mädchen und Frauen im Besonderen propagiert und ausgelebt wurden. Die Arbeit schließt mit einem Fazit, dass das Rollenbild im Allgemeinen zusammenfasst und sich damit auseinandersetzt, wofür Hitler dieses Ideal anstrebte und wie sehr sich dieses von dem der Jahre vor der Machtergreifung Hitlers unterschied.

1. DIE ROLLE DER FRAU ZUR ZEIT DES NATIONALSOZIALISMUS

Zur Zeit des Nationalsozialismus sollten Frauen und Männer gleichermaßen bereit sein, ihre eigene Persönlichkeit und eigenen Interessen zurückzustellen und dem Vaterland zu dienen. Obwohl beide Geschlechter dieselbe Aufgabe hatten, war die Unterdrückung und Diskriminierung der Frauen von Anfang an ein wichtiges Merkmal des Nationalsozialismus[2] . Frauen und Männer sollten nie als gleichberechtigt angesehen werden, viel mehr wurde die Frau als schwach und verloren angesehen, wenn sie sich nicht dem heldenhaften starken Mann unterordnen würde, der für ihre Sicherheit sorgt[3]. Trotzdem wurde es den Frauen als einen gemeinsamen, nicht geschlechterspezifischen Kampf verkauft, in dem beide dieselben Rechte, wenn auch andere Aufgaben, haben. Was bedeutet, dass die Hingabe für die Nation für alle galt, die Aufgaben allerdings aber nach Geschlecht sortiert waren. Die Frauen sollten den Männern die äußere Welt, also die der Politik und des Krieges, überlassen, während sich die Frauen hauptsächlich um die Innere kümmern sollten: der Familie[4] . Somit war die Aufgabenverteilung klar: Männer sollten „die Positionen in der gesellschaftlichen Hierarchie einnehmen“[5] während die Frauen den Zusammenhalt in der Gemeinschaft und Familie stärken sollten[6] . Als Unterdrückung sollte dies natürlich nicht angesehen werden, viel mehr als eine Wiedererweckung traditioneller Geschlechterrollen, die eine gewisse Sicherheit bieten soll um sich den Feinden entgegenzustellen[7]. Um diese Sicherheit herzustellen sollte im Zentrum der Gesellschaft das ideale Paar stehen, und zwar nicht als Ehemann und Ehefrau, sondern als Mutter und Soldat. Frauen sollten zu dieser Zeit also Hüterinnen der Familie sein und aktiv den Rassenkampf voranbringen, indem sie gesunde und starke arische Kinder hervorbringen[8]. Neben dem Hervorbringen arischer Kinder jedoch, die zukünftig als Soldaten dem Vaterland dienen sollten, war es Hitler ebenso wichtig das Gebären des „Siedlernachwuchses für den zu erobernden Ostraum“[9] voranzubringen. Dieses Rollenverständnis von Mann und Frau entstammt dem Germanentum, bei dem der Mann für die Sicherheit und das Wohl seiner Familie sorgte und die Frau ihren Platz innerhalb der Familie hatte. Dieses eher öffentliche Leben des Mannes und das Untergeordnete der Frau beeinflusste stark das Leitbild des Nationalsozialismus. Laut Hitler hat die Natur diese Rollen vorgegeben, für jedes Geschlecht seine eigene Welt in der sie jeweils glücklich werden kann, beide Welten zusammen ergeben eine Gemeinschaft in der ein Volk dann bestehen kann[10] . Und dieses Volk sollte arische Wurzeln haben und frei sein von anderen Rassen. Nur der Arier war „der Begründer höheren Menschentums“[11]. Daher war die Reinhaltung des Volkes die oberste Aufgabe einer Frau. Rasse und

Blutreinheit bildeten die Grundlage zur Hervorbringung von Kriegern und starken Männern. Diese Blutreinheit sollte unausweichlich mit der Aufgabe der Mutterschaft verbunden werden und oberste Priorität haben[12]. Somit lässt sich sagen dass das Hauptziel der Frauen die Familie und Mutterschaft sein sollte[13]. Ihre Gebiete waren die des Hauses, des Kindes und der Familie, am Herd sollte sie ihren festen Platz haben, was bedeutete, dass alle anderen Lebensbereiche automatisch dem Mann zugesprochen wurden[14] . Es war also der höchste Adel der Frau, stolz ihrer Berufung als Mutter nachzugehen. Um dieses Vorhaben voranzutreiben wurde Rolle der Mutter regelrecht verherrlicht, den Frauen wurden attraktive wirtschaftliche Vorteile geboten um die Geburtensteigerung und den Kinderreichtum voranzutreiben. Abtreibung war zu jener Zeit ein Strafdelikt, der als Volksverrat bezeichnet wurde. Mittel zum Abbruch von Schwangerschaften, die in der Öffentlichkeit präsentiert wurden und die Unterstützung und Hilfe bei solch einem Abbruch wurden mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft. Diese Strafen wurden allerdings nur vollzogen wenn es sich um die Abtreibung eines arischen Kindes handelte, Abbrüche bei jüdischen Müttern oder solchen, die sich um die ‚Erbgesundheit‘ ihres Kindes sorgten wurden sogar unterstützt, später gefordert[15]. Um nochmals die ökonomischen Anreize hervorzuheben: Kinder bekommen wurde mit allen erforderlichen Mitteln attraktiv gemacht. Der Staat lobte kinderreiche Frauen so sehr, dass es sogenannte Kinder- vergünstigungen gab. Mit jedem weiteren Kind „verringerte sich die Darlehensschuld um 25%“ und man „konnte pro Kind bis zu 15% [seines] Bruttoeinkommens vom steuerpflichtigen Einkommen absetzen“[16]. Ab sechs Kindern zahlten die Eltern überhaupt keine Einkommenssteuern mehr[17]. Der Muttertag wurde ein fester Bestandteil der nationalsozialistischen Feiertage, der auf den Geburtstag der Mutter des Führers verlegt wurde[18]. Das ‚Ehrenkreuz der Deutschen Mutter‘ wurde an diesem Tag ab 1939 an die würdigen arischen Mütter verliehen, Bronze, Silber und Gold, je nach Kinderanzahl. Trug man dieses Mutterkreuz waren einem zahlreiche Vorteile im gesellschaftlichen Leben gesichert. Ein weiteres Lockmittel war ab 1936 eine Art Kindergeld, welches wiederrum abhängig von der Kinderanzahl war, und Förderungsmittel zur Bildung von kinderreichen Kleinsiedlungen[19]. Durch diese Angebote hoffte man neben der Geburtensteigerung auch den Anstieg von Eheschließungen, da eine einfache Gleichung des Nationalsozialismus war: „Mehr Ehen gleich mehr Kinder“[20] . Ein stabiler häuslicher Rahmen und eine gute Familienbindung, in der sich die Frau aufopferungsvoll dem Wohle

ihrer Familie hingibt, waren verbunden mit der Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit. Außerdem war dieses nach außen hin positiv erscheinende Bild der Gemeinschaft, des Volkes und der gut funktionierenden Familie ein für die Nationalsozialisten sehr praktisches, es verdeckte den brutalen und mörderischen Charakter des Staates[21] . Und um diesen zu vertuschen und die Absichten zu verwirklichen griff die NS also in alle Lebensbereiche des Menschen ein, ließ ihm keinen privaten Raum mehr um jegliche Aktivitäten im Auge zu behalten[22]. Frauen sollten wegkommen von der Emanzipation und zur Mutterrolle hingeführt werden, wodurch Männer ihr Regime durch starke Frauen gestärkt wussten[23]. Es wurde auf eine Zeit hingearbeitet, in der die Männer in den Krieg ziehen sollten und die Frauen mit ihren Kindern allein waren. Und damit sie während dieser Zeit nicht vom rechten Weg abkamen und auf die Männer in ihrer Heimat nur noch Frauen erwarteten, die den Idealvorstellungen entsprachen, wurden ihnen ihre kleine häusliche Welt eingeprägt, in der sie ihre Aufgaben zu erfüllen hat und an der sie nicht zweifeln sollen:

„Bleiben wir nur schön eisern bei unserem guten Glauben, Sie werden sehen, eines Tages werden wir dafür belohnt.[…] aber wir müssen ja auch daran denken, daß [sic!] unsere Männer nette, gesunde Frauen brauchen, wenn sie vielleicht doch wieder zurückkommen; nicht zuletzt auch unsere Kinder eine wache, widerstandsfähige Mutter […]“[24].

Doch wieso folgten Frauen einem solchen Ideal, weshalb waren die nationalsozialistischen Vorstellungen über das Frauenbild so anziehend? Der Nationalsozialismus wurde deshalb so attraktiv, da er seine Opfer als Feinde bezeichnete, die Chaos anrichteten, welches sie in Ordnung bringen wollten. Die Frauen gingen davon aus, dass sie nicht stark genug waren, sich in die Männerwelt einzubringen und ihnen bei der Beseitigung der Feinde behilflich zu sein, weshalb sie sich auf ihren Schutz verließen und auf ihn angewiesen waren. Sie wollten das alte Bild der Frau, die sich traditionell um die Familie und deren Wohl kümmert während der tapfere Mann für das der Gemeinschaft zuständig ist. Auch wenn dieses Bild das komplette Gegenteil der feministischen Bewegung war. Laut dem Nationalsozialismus wurde eine neue Frauenbewegung geschaffen, die der Wesensart der Frau entsprechend gestaltet ist und ihre natürliche Bestimmung unterstützt[25] . Auch wenn diese Bestimmungen bedeuteten, sich dem Willen der Männerwelt zu beugen und bescheiden die Rolle einzunehmen. Trotz dem Unterordnen und den geschlechtsspezifischen Aufgabenverteilungen folgten sie diesen Idealen, da Hitler ihnen eine Version der Zukunft versprach, die sie zugleich faszinierte und hoffen ließ auf eine neue Gesellschaft fern von der Niederlage des ersten Weltkrieges. Frauen sollten der Grundstein dieser neuen und sicheren Gesellschaft sein[26], sie waren als Einzige in der Lage den

neuen deutschen Menschen zahlreich hervorzubringen und das Volk zusammenzuschweißen[27]. Frauen sollten ihre naturgegebene Rolle wieder einnehmen, die jahrelang von den Feinden verschleiert und verdrängt worden war. Die Juden und die neuen Frauen gaben ein perfektes Feindbild ab, das mit seinen Vorstellungen von Emanzipation und Gleichberechtigung eine Gefahr für das Land war[28]. Durch den Zorn, der sich nun auf die Feinde richtete und den attraktiven Zukunftsversionen waren die meisten Frauen bedingungslos bereit, ihrem Führer und Vaterland zu dienen und die vorgesehenen Rollen einzunehmen. Vor Allem, weil sie von seinen emotionalen und sentimentalen Reden geblendet wurden, in denen er direkten Dank an die Frauen aussprach, ohne die er laut ihm niemals so weit gekommen wäre[29]. Sie wurden mitgerissen wie von einem Messias, gaben sich ihm hin wie bei einer kirchlichen Messe und sahen ihn als den Erlöser alles Bösen[30]. Sie erfüllten die Ideale und Vorstellungen des Nationalsozialismus wie die Sakramente des Christentums, sie schufen sich eine „neue politische Religion“[31] . Und diese neue Religion hatte den Plan, mit dem Vermitteln der Werte zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu beginnen um eigenständiges Denken und Handeln im Kern zu ersticken: dem Zeitpunkt der Erziehung.

2. ERZIEHUNGSZIELE

Hitlers Erziehungsziele lassen sich gut in einem einzigen Zitat verdeutlichen:

„Der völkische Staat hat […] seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Line nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten.“[32]

Hier wird deutlich, dass für ihn die Erhaltung der deutschen, arischen und blutreinen Rasse der geistigen Bildung vorgezogen wurde[33] . Die Jugend soll nicht mit unnützem Wissen belastet und verwirrt werden, das es später sowieso nicht anwenden wird und kann, sondern sich viel mehr auf die Körperliche Gesundheit konzentrieren. Es fand eine „Reduzierung der schulischen Wissens- vermittlung“[34] statt, es genügte wenn man ihnen ein allgemeines Grundwissen aneignete, das für das spätere Leben genügte. Für das Land wäre die allgemeine Bildung viel Nutzbringender als ein

spezifisches Fachwissen[35], es sollte eher nach Leistung bewertet werden nach dem der Staat dann das beste Material an Menschen heraussieben sollte, der sich dann für das Volk aufopferungsvoll einsetzt[36]. Das Aufopfern für das Volk ohne jegliches Hinterfragen war der wichtigste Bestandteil in der Erziehung des Nationalsozialismus, alle anderen Ziele sollten sich diesem anpassen und gegebenenfalls auch unterordnen[37]. Die individuelle Person an sich war nicht viel Wert, es war nicht geplant Persönlichkeiten heranzubilden, sondern Menschen die verwurzelt mit ihrem Volk waren und sich diesem hingeben[38]. Festhalten lässt sich ebenfalls, dass die Heranbildung und Erziehung der Kinder nicht gemeinsam, sondern getrennt stattfinden sollte. Mädchen und Jungen wären zwei völlig unterschiedliche Wesen mit unterschiedlichen Bestimmungen, auf die gezielt erzogen werden sollte. Die Erziehung und Ausbildung der Jungen hatte jedoch Vorrang, es passte nicht zur Frau, dieselbe intellektuelle Bildung zu genießen wie die der Jungen, wo ihre Aufgabe doch die der Mutter werden sollte. Um dies aber nicht abwertend klingen zu lassen, wurde die Mädchenerziehung sogar noch als viel wichtiger verkauft, schließlich konnte nur eine gut erzogene Frau eine verantwortungsvolle Mutter werden, die ihren Kindern die richtigen Werte vermittelt und Erziehung innerhalb des Elternhauses gewährleistet[39]. Um diese Werte zu verinnerlichen wurden die Kinder früh dem Elternhaus und seinen Regeln und Erziehungsmethoden entzogen, da im Kindesalter eine Kritik an diesen Vorstellungen eines bestimmten Ideals kaum bis gar nicht möglich ist, weshalb man die Kinder mit dem kinderfreundlichen Programm leicht begeistern konnte[40] . Und dieses Programm fand in den Organisationen der Hitlerjugend statt, durch das Gemeinschaftsleben in diesen. Durch dieses Gemeinschaftsgefühl, den Aktivitäten und dem sportlichen Programm wurden spielerisch nationalsozialistische Werte vermittelt, es wurde mehr als Vergnügen angesehen, nicht als Zwang[41].

2.1. BDM: ORGANISATION ZUR WEIBLICHEN ERZIEHUNG

Der BDM hatte eine zentrale Bedeutung bei der Erziehung der Mädchen. Da sich die Erziehung der Mädchen und Jungen in vielen Punkten unterschieden, sollte die Erziehung getrennt stattfinden[42].

Aus diesem Grund wurde innerhalb der Hitlerjugend eine eigene Gruppe für Mädchen errichtet[43]. Der

Eintritt in diese Organisation wird im Nachhinein oft als zufällig beschrieben, in Wirklichkeit aber stieg die Wahrscheinlichkeit des Eintritts in den BDM mit den staatlichen Zwängen, andere Jugendverbände zunächst einzuschränken und später dann zu schließen[44]. Der BDM sollte die Mitgliederinnen nach den nationalsozialistischen Vorstellungen formen und die Mädchen zu harmonischen Menschen heranbilden. Den späteren Gesetzen nach hatte die Hitlerjugend die Aufgabe, sich um die gesamte Erziehung, sei es die geistige, sittliche oder körperliche, außerhalb der Schule und des Elternhauses zu kümmern[45]. Ein sehr attraktives Angebot an die Mädchen zu dieser Zeit, wurde ihnen nun ein neuer Lebensraum angeboten, fernab von elterlichen Regeln und Aufsichten, was als „ein sehr wichtiger Schritt zur Emanzipation von der eigenen Familie“[46] angesehen werden kann. Der BDM spielte eine wichtige Rolle bei der Formung der Mädchen nach den nationalsozialistischen Zielen, von denen das Wichtigste „die Erziehung zur Hausfrau und Mutter“[47] war. Sie sollten nicht zu eigenverantwortlichem Handeln erzogen werden und auch keine individuelle Entfaltung ihrer Selbst fand statt, sondern vielmehr sollten sie zu einem Glauben an die Volksgemeinschaft erzogen werden[48]. Glauben bedeutet in diesem Fall das Vermeiden von eigenständigem Denken, Erkenntnissen, der Vernunft und des Verstandes[49]. Anstelle der Subjektwerdung des Individuums fand eine Objektwerdung der Menschen statt, zu einer Art ‚Menschenmaterial‘ geformt sollten sie ihr persönliches Ich zurückstellen[50] . Individuen waren nicht gefragt zu dieser Zeit, sie wurden als Störfaktoren angesehen, als Risiko, dass auf den Gedanken kommen könnte, sich den Anforderungen zu widersetzten. Deswegen sollten sie ohne jegliches Hinterfragen und ohne Kritikäußerung ihre vom Staat angeforderte Rolle übernehmen[51]: „[…]zur zukünftigen Produzentin von Nachkommen“[52] mit dem heimischen Herd als ihren gesellschaftlichen Ort. Den Nationalsozialisten war es sehr wichtig, den Frauen die Mutterschaft als den weiblichen Sinn ihres Lebens zu vermitteln[53]. Als „Hüterin der Werte des Volkes“[54] sollten sich Frauen als etwas Besonderes und Wichtiges fühlen. Endlich erfuhren die Frauen ein Gefühl von Besonderheit, sie waren ein wichtiger Bestandteil des Systems. Sie waren für den Fortbestand der deutschen Rasse, des deutschen Blutes verantwortlich, das Hervorbringen erbgesunder Kinder und „die Reinerhaltung des Blutes“ waren die Grundlagen der Mädchenerziehung im Nationalsozialismus. Aus diesem Grund durften ausschließlich arische Mädchen Mitglied im BDM werden. Einzig der Arier war „der Begründer höheren Menschentums“[56]. Und deswegen wurde ihnen so früh wie möglich dargelegt, dass nur durch das Gebären arischen Nachwuchses ein neues Deutschland entstehen könne. Es wird deutlich, wie sehr die Frauen und Mädchen in ihrer Funktion beschränkt wurden, wie sehr sie reduziert wurden auf diese eine Aufgabe, und dass die Erziehung der Mädchen vereinfacht wurde um nur dieses Endergebnis zu erzielen und Abweichungen zu verhindern. Der „neue deutsche Mädeltyp“ sollte nun also durch den BDM geschaffen werden, sie sollten hervorgehen als disziplinierte, starke und tapfere Frauen[57] , die sich jederzeit für ihr Volk opfern würden, ihrem Mann treu zur Seite stehen, sich bewusst sind, dass ihre spätere Aufgabe die ist, die arische Rasse anhand vieler Kinder zu vervielfältigen und ihre Familie zu behüten. Die richtig angewandte, den Mädchen angepasste Erziehung würde jede Frau zu ihrem Lebensziel, dem Muttersein, bringen[58]. Um die Mädchen auf das Muttersein vorzubereiten war es ebenso wichtig, auch den Körper auf diese Rolle vorzubereiten. Ein schwacher Körper könne keine starken Kinder hervorbringen, weshalb eine der Hauptaufgaben des BDM die sportliche Ertüchtigung war. Sport stand in direktem Zusammenhang mit der Zukunft als Mutter[59]. Es wird deutlich, dass neben geistigen Ideal auch ein körperliches verfolgt wurde. Um diese Ziele nun erreichen zu können, ohne dass das gesamte Vorgehen der Hitlerjugend kritisiert werden würde und die Kinder ohne zu hinterfragen ihre Rolle übernehmen[60], sollte laut Schirach eine Erziehung erfolgen nach dem Prinzip „Jugend führt Jugend“, durch eine „Selbstführung der Jugend“[61] . Ein „jugendliches Eigenleben“ und die Eigen- verantwortlichkeit der Jugendlichen verhinderte, dass im Nachhinein von einem totalitären Staat geredet werden könnte[62]. Die Verantwortung wurde in dem Glauben an ein selbstbestimmtes Leben in die Hände der Jugend gelegt. Die nationalsozialistischen Erziehungsziele sollten mittels Gemeinschaft verwirklicht werden, als Mitglied einer solchen „Erlebnispädagogik“[63] sollten Gefühle wie „Ehrfurcht, nationale Zugehörigkeit, Freude und Trauer“[64] gelehrt werden. Außerdem erfuhren die Kinder oft zum ersten Mal das Gefühl von einer Gruppenzugehörigkeit, welches es so in der Zeit davor in Deutschland noch nicht gegeben hatte. Man identifizierte sich mit der Gruppe[65], ein neues Wir-Gefühl entstand und die gemeinsame Arbeit an Projekten stärkte das emotionale Bewusstsein[66].

Ein nicht dazugehören der Gemeinschaft vermittelte das Gefühl, ausgeschlossen zu werden, nicht zur Gemeinschaft zu gehören. Man sehnte sich einerseits nach dem Zusammenhalt einer Gruppe, andererseits wollte man auch verhindern, als Außenseiter negativ aufzufallen, als Feind bezeichnet zu werden. Nur zu gerne schloss man sich deswegen dem BDM an, man war auf der sicheren, der richtigen Seite, wurde willkommen geheißen und fühlte sich geborgen, und auch wenn dieser Wunsch zur Organisation dazuzugehören heute als eine Art ‚Gruppenzwang‘ bezeichnet werden würde, fühlte es sich weniger nach Zwang, viel mehr nach einem attraktiven Angebot an. Durch dieses als angenehm empfundene Gemeinschaftsleben ohne jegliche Zwänge konnte sich ohne Hinterfragen eine Jugendgemeinschaft entwickeln, die „auf sich selbst und auf Hitler“[67] eingeschworen war. Auf sich selbst auch im Sinne der Artgleichheit, durch die Selektion der Rassen fand eine Gemeinschaftsbildung unter Gleichgesinnten statt, Mädchen die arischer Herkunft waren und sich der Gruppenzugehörigkeit verweigerten wurden gleichgesetzt mit denen, die ‚unrein‘ waren und als Feine angesehen wurden[68]. Somit kann man die Hitlerjugend an sich nicht nur als eine pädagogische Veranstaltung sehen, sondern als eine Art Lebensform, die nicht nur erzieht sondern auch sozialisiert und die Kinder und Jugendlichen aussortiert, ihnen den Unterschied untereinander deutlich vor Augen hält[69], und abschreckt mit dem, was passiert wenn man die Hitlerjugend und deren Ziele hinterfragt. Als Mitglied fühlte man sich sicher, und da man keine negativen Erfahrungen innerhalb dieser Gruppe machte oder Gefahren befürchten musste, war die Auflösung des BDM am 8.Mai 1945[70] deshalb für viele Mitglieder ein „[seelischer] Zusammenbruch“[71] . Sie fühlten sich verloren in einem Land, von dem sie überzeugt waren, dass es seine Vorstellungen in die Tat umsetzten würde, dass seine Ziele durchsetzen und sich behauptet würde in der Welt. Sie waren nun alleingelassen in einem Land, das von der Niederlage gekennzeichnet wurde, und wussten nun nicht mehr, was falsch oder richtig war, und an was sie noch glauben sollten.

[...]


[1] In: „Die Parole der Woche: 07.-13.Mai 1936: Ein Wort des Führers zum Ehrentag der Mutter.“

[2] vgl. Tidl 1984, S.37

[3] vgl. ebd., S.41f

[4] vgl. Koonz 1991, S.96 [zit. n. Zander 1932, Nr.212]

[5] ebd., S.114

[6] vgl. ebd.

[7] vgl. ebd., S.97

[8] vgl. ebd., S.428f.

[9] Schneider 2001, S.15

[10] vgl. Kade 1937, S.6 [zit. n. Hitler 1936]

[11] vgl. Kinz 1990, S.51 [zit. n. Hitler 1934, S.317]

[12] vgl. Kock 1994, S.54

[13] vgl. Kinz 1990, S.113

[14] vgl. Tidl 1984, S.37

[15] vgl. Schneider 2001, S.19f.

[16] Koonz 1994, S.220

[17] vgl. Koonz 1994, S.220f.

[18] vgl. Schneider, S.20

[19] vgl. ebd., S.21f.

[20] ebd., S.22

[21] vgl. Koonz 1994, S.423ff.

[22] vgl. ebd., S.212

[23] ebd., S.107

[24] Perching 1996, S.111 [zit. n. Bloch, S.691]

[25] vgl. Kade 1937, S.6

[26] vgl. ebd., S.70f.

[27] vgl. ebd., S.118

[28] vgl. ebd., S.71ff.

[29] vgl. Koonz 1994, S.71

[30] vgl. ebd., S.84

[31] ebd., S.85

[32] Giesecke 1993, S.22 [zit. n. Hitler 1940, S.452]

[33] vgl. Kinz 1990, S.106

[34] Kinz 1990, S.110

[35] vgl. Kinz 1990, S.110 [zit. n. Hitler 1940, S.468f.]

[36] vgl. ebd., S.111 [zit. n. Hitler 1940, S.481f.]

[37] vgl. Kinz 1990,

[38] vgl. Feld 1938, S. 81

[39] vgl. Kinz 1990, S.260ff.

[40] vgl. Klinksiek 1982, S.36

[41] vgl. Reese 1989, S.60ff.

[42] vgl. Benze 1940, S.95f. [zit. n. Becker 1940]

[43] vgl. Klinksiek 1982, S.48

[44] vgl. Klaus 1983, S.52

[45] vgl. Klaus 1983, S.224ff.

[46] Giesecke 1993, S.212

[47] Klinksiek 1982, S.50

[48] vgl. Kinz, S.126f.

[49] vgl. Kock, S.50

[50] vgl. Kinz 1990, S.127

[51] vgl. Kock, S.53

[52] Reese 1989, S.44

[53] vgl. Fanderl 1933, S.186

[54] Rosenthal 1976, S.55f

[55] Kock, S.54

[56] Brückner 1937, S.7

[57] vgl. Klaus 1983, S.142f.

[58] vgl. Kock, S.57ff.

[59] Kock 1994, S.68

[60] vgl. Rüdiger 1983, S.46

[61] Kock, S.43

[62] vgl. Ebd., S.43

[63] Miller-Kipp 2001, S.100

[64] Giesecke 1993, S.219

[65] vgl. Kock, S.47

[66] vgl. Miller-Kipp 2001, S.100

[67] ebd., S.100

[68] vgl. Kock, S.52

[69] vgl. Giesecke 1993, S.224

[70] vgl. Klaus 1983, S.253

[71] Miller-Kipp 2001, S.20

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Frau im Nationalsozialismus. Rollenerwartungen und Erziehungsmaßnahmen zu der Zeit der faschistischen Herrschaft
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V365718
ISBN (eBook)
9783668449305
ISBN (Buch)
9783668449312
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frau, nationalsozialismus, rollenerwartungen, erziehungsmaßnahmen, zeit, herrschaft
Arbeit zitieren
Jessica Wientzek (Autor), 2015, Die Frau im Nationalsozialismus. Rollenerwartungen und Erziehungsmaßnahmen zu der Zeit der faschistischen Herrschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365718

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