Die mediale Darstellung der einheimischen Bevölkerung in den deutschen Kolonien Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Samoa. Eine linguistische Diskursanalyse

"Kolonie und Heimat" und "Samoanische Zeitung"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
22 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Historischer Überblick des deutschen Kolonialismus

3. Die Diskurslinguistik als Forschungsfeld der Koloniallinguistik

4. Zum Diskursbegriff

5. Methodische Ansätze der linguistischen Diskursanalyse

6. Rekonstruktion des kolonialen Diskurses über einheimische Bevölkerungen
6.1 Material
6.2 Intratextuelle Datenanalyse
6.2.1 Wortorientierte Analyse
6.2.2 Propositionsorientierte Analyse

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

1. Vorwort

„Kolonialismus begründet Macht- und Herrschaftsverhältnisse“ (Mückler 2012: 14) Dieser Diktion eines deutschen Überlegenheitsgefühls bestimmte in der Übergangszeit vom 19. Jahrhundert auf das 20. Jahrhundert drei Dekaden lang die Episode des deutschen Kolonialismus. Dabei spiegelten sich diese Ansprüche nicht nur in den zahlreichen Annexionen von Ländern und Gebieten in Übersee wieder, sondern haben zudem einen großen Einfluss auf die Sprache gehabt. So hat diese Epoche bis heute in vielen Bereichen ihre Spuren hinterlassen.

Diese Seminararbeit befasst sich mit der medialen Darstellung der einheimischen Bevölkerung in den beiden deutschen Kolonien Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Samoa, indem zwei Zeitungsartikel aus den kommerziellen Kolonialzeitungen Kolonie und Heimat und der Samoanischen Zeitung in einer linguistischen Diskursanalyse untersucht werden. Dabei wird zunächst ein historischer Überblick über das Zeitalter des deutschen Kolonialismus gegeben, um zum Zeitpunkt der Analyse, die Ergebnisse in einen adäquaten Kontext einordnen zu können. Anschließend wird eine Verbindung zur Diskurslinguistik hergestellt, indem das Forschungsfeld der Koloniallinguistik näher vorgestellt wird. Es folgt eine kritische Auseinandersetzung zum Diskursbegriff, ehe die konkreten methodischen Ansätze der linguistischen Diskursanalyse, die den Kern dieser Arbeit ausmacht, präsentiert werden. Dabei wird ein Überblick über das diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse-Modell von Jürgen Spitzmüller und Ingo H. Warnke gegeben, welches bei der sprachwissenschaftlichen Untersuchung der beiden Einzeltexte angewendet wird. Im Hauptteil wird dann schließlich versucht, einen kolonialen Diskurs über einheimische Bevölkerungsgruppen zu rekonstruieren, in dem auf der intratextuellen Ebene eine wort- und propositionsorientiere Analyse mit exemplarischen Textstellen durchgeführt wird. Die Bündelung und Einordnung der gesammelten Ergebnisse folgt im Schlussteil.

2. Historischer Überblick des deutschen Kolonialismus

Was ist eigentlich gemeint, wenn von deutschem Kolonialismus gesprochen wird? Was waren die Auslöser und Motive für die Entwicklung einer solchen deutschen Außenpolitik? In diesem Abschnitt soll ein historischer Überblick über die koloniale Vergangenheit Deutschlands gegeben werden, der für die spätere linguistische Diskursanalyse zweier kolonialzeitlicher Texte als Wissensgrundlage von essentieller Bedeutung ist. Die Kenntnis, dass der Kolonialismus dabei kein ausschließlich deutsches Phänomen darstellt und in der Weltgeschichte seit den Amerikareisen von Christoph Kolumbus zum Ende des 15. Jahrhunderts mit einem europaweiten Expansionsbestreben das Zeitalter des Imperialismus des späten 19. Jahrhunderts definierte, wird im Folgenden als bekannt vorausgesetzt und daher nicht tiefergehend behandelt.

Im zeitgenössischen Wortsinn beschreibt Kolonialismus die

auf Erwerb und Ausbau von Kolonien […] gerichtete Politik unter dem Ge- sichtspunkt des wirtschaftlichen, militärischen und machtpolitischen Nutzens für das Mutterland bei gleichzeitiger politischer Unterdrückung und wirtschaft- licher Ausbeutung der abhängigen Völker (DUDEN Online 2016)

Die deutsche Kolonialgeschichte ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine verhältnismäßig kurzweilige historische Episode, dauerte sie von der Mitte der 1980er Jahre bis zum Ersten Weltkrieg, nach dessen Beginn die deutschen Kolonien in die Hände der Alliierten fielen, insgesamt nur drei Jahrzehnte. Diesem Umstand liegt die Tatsache zugrunde, dass Deutschland oder vielmehr das damalige Deutsche Reich, das bis zur Gründung des Deutschen Kaiserreiches im Jahr 1871 in eine Vielzahl von Einzelstaaten zerspaltet war, gemeinhin als kolonialer Spätzünder bezeichnet werden kann. Erst die Bildung eines bundestaatlich-organisierten Nationalstaats gab auch der Kolonialbewegung einen entscheidenden Schub, die aus ökonomischen, po- litischen und sozialdarwinistischen Motiven für den formalen Er- werb von Kolo- nien warb. (Zimmerer 2013: 26)

Dabei wurden die ersten kolonialen Bemühungen überwiegend von Privatpersonen initiiert – zu nennen sind hierbei insbesondere der Bremer Großkaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz, der im Jahr 1882 als erster Deutscher Landgebiete im späteren Deutsch-Südwestafrika erwarb sowie Carl Peters, der gemeinhin als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika gilt. In der Folgezeit fand die Kolonialisierung aber auch zunehmend in der Politik seinen festen Platz. Insbesondere der berühmte Ausruf des damaligen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes des Deutschen Kaiserreiches und späteren Reichskanzlers Bernhard von Bülow aus dem Jahr 1897 verdeutlicht das gewachsene politische Bestreben nach einem eigenen Kolonialreich im Wettrüsten der europäischen Expansion: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne!" Dieser Satz hebt nicht nur die neue deutsche Staatsräson des Jahres 1897 hervor, sondern diente zur damaligen Zeit gleichzeitig als Legitimation der Annexionen. Den Worten sollten bekanntlich auch Taten folgen: Das Kolonialimperium, das in seinen wichtigsten Bestandteilen aus den Gebieten Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Togoland, Kamerun, Nord-Neuguinea sowie den Marshall- und Salomon-Inseln, dem sogenannte Bismarck-Archipel, dem chinesischen Kiautschou und weiteren asiatischen Gebieten, wie den pazifischen Inseln Karolinen, Marianen und Palau sowie den Westteil Samoas bestand (vgl. Ziemann 2016), wurde dabei in einzelnen, rasch aufeinanderfolgenden Vorstößen, denen Züge von Impro- visation und und Torschlußpanik mehr anhafteten als eine weltsichtige und scharf kalkulierte politisch-ökonomische Strategie (Bade 1982: 2) eingenommen. Am Höhepunkt des deutschen Kolonialismus war die Fläche des deutschen Kolonialreichs das viertgrößte in der Welt, hinter dem kolonialen Besitzen von Großbritannien, Frankreich und Russland.

Wie aber bereits zu Beginn dieses Abschnittes erwähnt, dauerte die deutsche Kolonialepisode nicht lange an: Der Erste Weltkrieg markierte schließlich das Ende des deutschen Kolonialreiches und Deutschland wurde im Versailler Vertrag aus dem Jahr 1919 „wegen erwiesener Kolonialunfähigkeit“ (Zimmerer 2013: 30) alle Schutzgebiete aberkannt und dem neu gegründeten Völkerbund zugesprochen.

3. Die Diskurslinguistik als Forschungsfeld der Koloniallinguistik

Die Koloniallinguistik kann berechtigterweise als junges Teildisziplin in der germanistischen Sprachwissenschaft bezeichnet werden, da sich mit der Forschungsgruppe Koloniallinguistik die federführende Instanz, bestehend aus Forschungsinstituten in Bremen, Mannheim und Wuppertal, erst im Jahr 2011 gegründet hat. Sie gilt dabei als neues, interdisziplinäres sprachwissenschaftliches Forschungsprogramm, das sich erstmalig der systematischen Erfassung, Ordnung und Deutung aller linguistisch re- levanten Phänomene widmet, die in Zusammenhang mit Kolonialismus stehen (Derwein et al. 2012: 242) und spielt demnach eine wichtige Rolle in der linguistischen sowie allgemein-kritischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit. Die koloniallinguistische Forschung findet dabei in vier Themenfeldern statt: Sprachkontakt und Sprachwandel, Historiographie der Linguistik, Diskurslinguistik sowie Sprach- und Sprachenpolitik.

Wie bereits in der Einleitung erwähnten, widmet sich diese Arbeit dem drittgenannten Forschungsfeld: der Diskurslinguistik. Warum die Untersuchung des Kolonialdiskurses in der Koloniallinguistik im Zuge dessen überhaupt von Bedeutung sei, beantworten Stefan Engelberg und Doris Stollberg in ihrem Sammelband Sprachwissenschaft und kolonialzeitlicher Sprachkontakt mit folgender Antwort:

Untersucht werden die sprachliche Thematisierung und Herstellung kolonialer Sach- verhalte, die diskursive Konstruktion von Konzepten in kolonialen Zusammenhän- gen und die sprachlich vermittelten Positionierungen, die Kolonisierende und Kolo- nisierte eingenommen haben. (Engelberg/Stolberg: 2012: 8) Die Inhalte dieses Forschungsfeld der Koloniallinguistik führt unmittelbar zu der Kernfrage, deren Versuch der Beantwortung in dieser Arbeit fokussiert wird: Wie wird die einheimische Bevölkerung aus der Sicht der Kolonialisten in den beiden deutschsprachigen kommerziellen Kolonialzeitungen Samoanische Zeitung und Kolonie und Heimat (die Untersuchung erfolgt dabei am Beispiel von zwei Einzeltexten) dargestellt? Die Analysemethodik wird sich dabei an dem diskuslinguistischen Mehr-Ebenen-Analyse-Modell von Jürgen Spitzmüller und Ingo Warnke orientieren, das im nachfolgenden Kapitel vorgestellt wird. Im Zuge der Untersuchung wird versucht, unterschiedliche linguistische Phänomene auf intratextueller Ebene zu beleuchten und somit Aufschluss über die kolonialzeitlichen Wissensbestände in den beiden deutschen Kolonien Deutsch-Samoa und Deutsch-Südwestafrika zu gewinnen.

4. Zum Diskursbegriff

Nachdem im vorangegangenen Kapitel der historische Hintergrund des deutschen Kolonialismus thematisiert worden ist, der für den weiteren Verlauf dieser Arbeit als grundlegendes Wissen von großer Bedeutung ist, folgt in diesem Abschnitt eine genauere Einordnung des Diskursbegriffes, bevor schließlich mit der sprachwissenschaftlichen Analyse zweier beispielhafter Diskursfragmente begonnen werden kann.

Dass eine spezifische Eingrenzung jedoch alles andere als leicht zu vollziehen ist, sehen auch Jürgen Spitzmüller und Ingo Warnke:

Wer sich dem Phänomen ›Diskurs‹ nähert, findet zunächst in vielerlei Hinsicht ›Unordnung‹ vor. Das hat nicht nur damit zu tun, dass der Ausdruck Diskurs selbst […] hochgradig ambig ist, häufig vage gebraucht und mit unterschiedlichen (und teilweise sich widersprechenden) Konzeptionen und Theorien verbunden wird […]. (Spitzmüller/Warnke 2011: 2f.)

Mit dieser kritischen Beobachtung der problematischen Begriffseingrenzung ist Spitzmüller in der Wissenschaft keinesfalls allein. Der Diskursbegriff polarisiert und würde in manchen Fällen am liebsten vermieden werden, da er sich zu einem „Allerwelts- und Modewort“ (Schalk 1997/98: 56), „einem inflationären Schlagwort“ (Kerchner/Schneider 2006b: 9) oder einer „Imponiervokabel, als Metapher, als leere Hülse“ (Schöttler 1997: 142) entwickelt habe. Des Weiteren habe sich der Ausdruck laut Jürgen Link im Laufe der Neunzehnhundertsiebziger und -achtziger immer mehr als elegante Bezeichnung für „Dialog" etabliert (vgl. 1996: 51) und sich somit immer weiter von seinen wissenschaftlichen Ursprüngen und Ansprüchen entfernt. Eine Erklärung für diese Vorbehalte in der Linguistik, liegt wohl in den zahlreichen Wurzeln des Begriffes, dessen Bedeutung sich je nach Fachrichtung und Forschungsthema verschiebt und eine eigene Definition für sich beansprucht. So ist der Diskursbegriff nicht nur in der Sprachwissenschaft, sondern auch in der Philosophie und Soziologie, der Geschichtswissenschaft sowie der Literaturwissenschaft ein fester Bestandteil wissenschaftlicher Publikationen und Diskussionen.

Trotz dieser Begriffsvielfalt haben sich in der Linguistik vier Diskurskonzepte konstituiert, die an dieser Stelle in einer verkürzten Gegenübergestellung verglichen werden. Eine vollständige Beleuchtung der einzelnen Konzepte würde aufgrund ihrer Komplexität den Umfang dieser Arbeit überschreiten.

Zunächst gibt es die bildungssprachliche Verwendungsweise, die den Begriff ‘Diskurs‘ – wie im ersten Teil des Abschnittes bereits angedeutet – als ein durch die Medien geprägtes Synonym für ‘Debatte‘, ‘Gespräch‘ oder ‘Dialog‘ (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011: 9) verwendet.

Einen Schritt weiter geht der Definitionsentwurf nach Habermas, der den ‘Diskurs‘ bzw. die ‘Diskursethik‘ als argumentativen Gedankenaustausch zwischen prinzipiell ebenbürtigen Akteuren bezeichnet, bei dem das Ergebnis, solange die Kommunikation frei von Verzerrungen durch Macht oder Hierarchien sei, konsequenterweise rational und konsensorientiert sei. Bei diesem traditionell philosophischen Diskurskonzept von Habermans wird auch von einem „herrschaftsfreien Diskurs“ (Spitzmüller/Warnke 2011: 9) und damit von einem idealtypischen Diskursmodell gesprochen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die mediale Darstellung der einheimischen Bevölkerung in den deutschen Kolonien Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Samoa. Eine linguistische Diskursanalyse
Untertitel
"Kolonie und Heimat" und "Samoanische Zeitung"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Sprachwissenschaft des Deutschen)
Veranstaltung
Sprache, Literatur & Kolonialismus
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V365727
ISBN (eBook)
9783668449848
ISBN (Buch)
9783668449855
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskursanalyse, Linguistik, Sprachwissenschaft, Kolonialismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Die mediale Darstellung der einheimischen Bevölkerung in den deutschen Kolonien Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Samoa. Eine linguistische Diskursanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/365727

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