Ausgewählte Beiträge zu einer religionswissenschaftlichen Definition von Religion


Hausarbeit, 2004

28 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung

2. Prototypentheorie)

3. Kontraintuitive Repräsentationen

4. Übernatürliche Akteure

5. Rituale

6. Resumée

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Diese Arbeit gibt einen Einblick in die „kognitive Religionswissenschaft“. Seit einiger Zeit versuchen Kulturwissenschaftler, die Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft zu nutzen, um kulturelle Erscheinungen mit Mitteln der Naturwissenschaft zu erklären:

We believe that this approach offers exciting possibilities, including the potential for new interdisciplinary linkages between scholars in fields that have become increasingly specialized over the years (Andresen, 2001, S.2)

Die Kognitionswissenschaft ist eine relativ junge Disziplin. Sie entstand 1975 aus einem Forschungsförderungsprogramm der Alfred P. Sloan Foundation, die jahrelang Geld bereitstellte, um die sich abzeichnende Integration theoretischer Ansätze in der Künstlichen Intelligenz, der Psychologie, den Neurowissenschaften, der Linguistik und der Anthropologie, sowie der Philosophie zu unterstützen. Ein Forschungsreport der Alfred P. Sloan Foundation, New York aus dem Jahr 1978 erklärt zur Kognitionswissenschaft:

„What has brought the field into existence is a common research objective: to discover the representational and computational capacities of the mind and their structural and functional representation in the brain." (Sloan Foundation., 1978)

Die Kognitionswissenschaft war am Anfang sehr eng an die Entwicklung künstlicher Intelligenz gebunden, deshalb war ihre Auffassung des menschlichen Geistes auch eher technisch. Kognition wurde als rein rechnerische Verarbeitung von Symbolen betrachtet. Im Laufe der Zeit, gab es innerhalb der Kognitionswissenschaft verschiedene Strömungen, wie z.B. den Konstruktivismus, der davon ausgeht, dass höhere Erkenntnisstrukturen aus dem Zusammenspiel niedrigerer Strukturen entstehen. Jede dieser Strukturen arbeitet nach ihren eigenen Gesetzten, und Kognition entsteht durch die wechselnden Verbindungen zwischen den Strukturen. Die Konstruktivisten gehen davon aus, dass unsere Kognition die Außenwelt konstruiert.

Innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften ist man bisher davon ausgegangen, dass nur die eigenen Methoden etwas über kulturelle und soziale Phänomene aussagen können. Traditionell beschäftigt man sich eher mit der Interpretation kultureller Erscheinungen, als mit deren Erklärung. Unterschwellig geht man von der Annahme aus, dass die Repräsentationsfähigkeit des menschlichen Geistes unbegrenzt ist, und damit auch die Vielfalt kultureller Formen. Eine kognitionswissenschaftliche Herangehensweise versucht nun Strukturen und Gründe für kulturelle Ideen und Handlungen zu finden, und so kognitive Zwänge innerhalb der Kultur zu beweisen.

Unter Theologen, Religionswissenschaftlern und Philosophen war und ist die Annahme weit verbreitet, dass es sich bei Religion um ein Phänomen „sui generis“ handle, das man, wenn überhaupt, nur mit ganz speziellen Methoden verstehen könne, z.B. mit Hilfe von Theologie. Der in dieser Arbeit dargestellte Denkansatz versucht genau das Gegenteil zu beweisen, dass nämlich unsere natürlichen, kognitiven Fähigkeiten ausreichen, um religiöse Ideen zu erklären. Dan Sperbers Buch “Rethinking Symbolism” (1975), das inzwischen als Klassiker gilt, zeigt, dass weit verbreitete kulturelle Erscheinungen, wie z.B. der Gebrauch von Symbolen, auf bestimmten mentalen Fähigkeiten beruhen, die dem menschlichen Gehirn zu eigen sind.

Die kognitive Religionswissenschaft beschäftigt sich vor allem mit drei Fragen:

“The emerging cognitive science of religion has focused on three problems: 1) How do human minds represent religious ideas? 2) How do human minds acquire religious ideas? 3) What forms of action do such ideas precipitate? “(Lawson, 2001, S. 344)

Um Religion mit den Mitteln der Kognitionswissenschaft zu untersuchen, muss man, trotz der offensichtlichen Vielfalt der religiösen Erscheinungen, allgemeine Strukturen finden, die in den Religionen der Welt verbreitet sind, und die man auf die Tätigkeit des menschlichen Geistes, also auf kognitive Mechanismen, zurückführen kann. Das erste Kapitel dieser Arbeit beschreibt mit Hilfe von Benson Salers Prototypenansatz, dass es kein notwendiges Merkmal von Religion gibt, wir also immer nur Elemente von Religion untersuchen können und nie Religion als Ganzes. Im Folgenden zeige ich einige dieser Elemente und stelle Theorien vor, die sie erklären sollen. Ein Großteil der herangezogenen Aufsätze stammt aus dem Sammelband „Religion in Mind“ (Hrsg. Jensine Andresen, 2001).

2. Die Prototypentheorie

Benson Salers Buch „Conceptualizing Religion“ schildert die Unmöglichkeit einer klassisch, logischen Definition von Religion.

The phenomena commonly comprehended by applications of the word “religion“are too complex and variable, and often too enmeshed with other phenomena in a larger universe, to be confined analytically within sharp, impermeable boundaries.

In der traditionellen, essentialistischen Sichtweise ging man bisher davon aus, dass eine Kategorie eine natürliche Gegebenheit ist, deren Elemente mindestens ein gemeinsames Merkmal haben. Ein Element gehört also entweder in die Kategorie, weil es die notwendigen Merkmale hat, oder es gehört nicht in die Kategorie, weil eins oder mehrere der Merkmale fehlen.

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts leitete Wittgensteins Philosophie die Wende von der Sprachtheorie zur Pragmatik ein.

Worte und Sätze leisten mehr, als auf eine unabhängig von ihnen existierende Wirklichkeit zu verweisen. Worte erhalten ihre Bedeutung durch den Gebrauch, den man von ihnen macht, oder, im Sinne Ludwig Wittgensteins, durch das jeweilige Sprachspiel. (Kippenberg, von Stuckrad, S.11)

Dass man den gleichen Ausdruck benutzen kann, um über ganz verschiedene Dinge zu sprechen, lässt darauf schließen, dass es gar kein allen Begriffen einer Kategorie gemeinsames Merkmal geben muss. Wittgenstein nennt hier das Beispiel des Spiels:

Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir ’Spiele’ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele usw. Was ist allen diesen gemeinsam? […] wenn du sie anschaust, wirst du zwar nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften sehen, und zwar eine ganz Reihe. […] Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. […] Ich kann diese Ähnlichkeiten nicht besser charakterisieren als durch das Wort ’Familienähnlichkeiten’; denn so übergreifen und kreuzen sich die verschiedenen Ähnlichkeiten, die zwischen den Gliedern einer Familie bestehen: Wuchs, Gesichtszüge, Augenfarbe, Gang, Temperament, etc. etc. (Wittgenstein, 1999, S.277f)

Erkenntnisse über die natürliche Kategorisierung im Alltag beinhalteten nach Meinung Salers wichtige Implikationen für Vergleichsbegriffe in den Kulturwissenschaften, deshalb verknüpft er Wittgensteins Konzept der Familienähnlichkeit mit dem kognitionswissenschaftlichen Ansatz der Prototypentheorie:

The significance of the idea of family resemblances, indeed, has been increased by some recent work on ‘prototypes’ and prototype theory, in my opinion, renders it unnecessary to avail ourselves of monothetic definitions with respect to religion. (Saler, S.198)

Die Prototypentheorie wurde als Forschungsrichtung der Linguistik und Psychologie 1973 von E. Rosch begründet. Ausgangspunkt der Theorie ist, dass in der Alltagssprache die Zugehörigkeit eines Begriffs zu einer bestimmten Kategorie nicht immer eindeutig ist. Versuchspersonen ordnen z.B. einen Hund schneller und selbstverständlicher der Kategorie „Tier“ zu, als einen Seestern. Manche Vertreter einer Kategorie sind also (proto-)typischer für diese Kategorie als andere. Diese „Typikalität“ ist ein Kontinuum auf dem sich alle Vertreter des Begriffs anordnen lassen. Unterschiede, die entstehen, wenn Versuchspersonen sagen sollen wie gut ein Vertreter in eine bestimmte Kategorie passt, nennt man Prototypeffekte. Die Grenzen der Kategorien sind also unscharf und manche Mitglieder der Kategorien befinden sich in einer Art Grauzone, man kann nicht genau sagen, ob der Begriff noch in diese Kategorie fällt, oder schon in eine andere.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Ausgewählte Beiträge zu einer religionswissenschaftlichen Definition von Religion
Hochschule
Universität Bremen  (Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Was ist Religiösität
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V36595
ISBN (eBook)
9783638361743
ISBN (Buch)
9783638679930
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ausgewählte, Beiträge, Definition, Religion, Religiösität
Arbeit zitieren
Ina Hillmann (Autor), 2004, Ausgewählte Beiträge zu einer religionswissenschaftlichen Definition von Religion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36595

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