König Ludwig II. und Richard Wagner. Eine einzigartige Beziehung zweier prägender Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts in Bayern


Examensarbeit, 2012
74 Seiten, Note: 2,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Die Kindheit und Jugend von König Ludwig II. als Ausgangspunkt für die zukünftige Freundschaft mit Richard Wagner
1. Die frohe Kunde
2. Phantasievolles Wesen
3. Strenge Erziehung
4. Ludwig und Otto
5. Das Schloss Hohenschwangau
6. Die Oper Lohengrin
7. Die theoretischen Schriften von Richard Wagner
8. Der junge König

II. Der Weg zur vorherbestimmten Freundschaft
1. Die Vergangenheit von Richard Wagner
2. Exil und Odyssee
3. Die Audienz beim König
4. Innige Freundschaft
4.1 Die Interpretation des regen Briefwechsels
4.2 Die Bewertung der Idealfreundschaft
4.3 Die finanzielle Förderung

III. Richard Wagner auf dem Höhepunkt seiner Macht bis zur erzwungenen Abreise
1. Der Einfluss von Richard Wagner gegenüber dem König
1.1 Einleitung
1.2 Kulturelle Ebene
1.3 Politische Ebene
2. Die Wirkung der musikdramatischen Werke
2.1 Einleitung
2.2 Der Ring des Nibelungen
3. Anfeindungen gegen Richard Wagner
4. Die erzwungene Abreise
4.1 Die politische Lage
4.2 Der politische Machtkampf bis zum Artikel 333

IV. König Ludwig II. zwischen Bismarck und Wagner – ein Wechselspiel von Wirklichkeit und Traumwelt
1. Verzweiflung und Leid
2. Der Krieg gegen Preußen
3. Die Idealfreundschaft unter Spannung
4. Die Reichsgründung von 1871
5. Der weitere Werdegang von Richard Wagner bis zum Tod
V. Der Niedergang von Ludwig II. bis zur Katastrophe
1. Zurückgezogenheit und Abschließung
2. Königlicher Bauherr
2.1 Einleitung
2.2 Das Schloss Neuschwanstein
2.3 Die Venusgrotte
3. Die Entmündigung
4. Die Katastrophe am Starnberger See

VI. Literaturverzeichnis

VII. Bilderverzeichnis

Vorwort

Auf der Suche nach einem Thema für meine Zulassungsarbeit fokussierte ich mich zunächst auf meine Lehramtsfächer Mathematik und Wirtschaftswissenschaften.

Erst mit dem Besuch der Vorlesung „Bayerische Kirchengeschichte“ kam mir die Idee ein geschichtliches Thema ins Auge zu fassen. Da ich in der Schulzeit bereits den Leistungskurs in Geschichte belegte und einen starken Bezug zu meiner bayerischen Heimat habe, entschied ich mich über König Ludwig II. zu schreiben, den wohl bekanntesten bayerischen Monarchen der Wittelsbacher Dynastie. Natürlich gibt es bis heute unzählige Autoren, die sich mit diesem König intensiv beschäftigt haben, weshalb ich mein Thema verfeinern und abgrenzen wollte.

Da ich seit 15 Jahren begeistert Keyboard und Klavier spiele und meine Leidenschaft zur Musik sehr groß ist, fiel mir die Wahl nicht schwer. Ich beschloss meine Zulassungsarbeit über die Beziehung zwischen König Ludwig II. und dem Komponisten Richard Wagner zu verfassen.

Bei der Bearbeitung des Themas hatte ich großen Spaß und in der Nachbetrachtung würde ich das Thema jederzeit wieder wählen. Die Begründung dafür ist leicht zu erklären. Das Thema erwies sich weitaus facettenreicher als ich zunächst annahm. Der Leser erhält nicht nur interessante Hintergründe zur Freundschaft zwischen Ludwig II. und Richard Wagner, sondern auch pikante Details zum viel zitierten „Märchenkönig“. Zudem liefert die Arbeit Einblicke über das außergewöhnliche Leben von Richard Wagner und seinem musikalischen Schaffen.

I. Die Kindheit und Jugend von König Ludwig II. als Ausgangspunkt für die zukünftige Freundschaft mit Richard Wagner

1. Die frohe Kunde

Ludwig II. wurde am 25. August 1845 gegen halb ein Uhr nachts auf Schloss Nymphenburg in München geboren. Dieses Geburtsdatum ist als besonders hervorzuheben, denn der kleine Kronprinz kam am gleichen Tag zur Welt wie sein Großvater, Ludwig I. 59 Jahre zuvor. Die stolzen Eltern, Maximilian II. und seine Gattin Marie von Preußen, waren überglücklich über die Geburt ihres ersten Sohnes, der somit als ersehnter Thronfolger dem bayerischen Volke präsentiert werden konnte.

Das Königshaus verkündete die Geburt in München mit 101 Kanonenschlägen. Dieser feierliche Anlass wurde zunächst in Verbindung mit dem Sakrament der Taufe, die am 26. August 1845 stattfand, ausgiebig zelebriert. Eigentlich sollte der Knabe den Namen „Otto“ erhalten. Diesen Namen hatte man schon auf der Taufmedaille eingeprägt. Doch auf ausdrücklichen Wunsch seines Großvaters Ludwig I. erhielt er den Namen „Ludwig“. Unter der Leitung des Erzbischofes Gebsattel wurde die Taufe, mithilfe der Taufpaten König Ludwig I. sowie seiner Gemahlin Königin Therese vollzogen. Die königliche Hofkapelle untermahlte das festliche Zeremoniell musikalisch. Bis zum späten Abend, versammelte sich eine riesige Menschenmasse vor dem prächtig geschmückten Schloss Nymphenburg und den umliegenden Straßen, um am Glück der Königsfamilie teilzuhaben. Doch Ludwig II. blieb kein Einzelkind. Am 27. April 1848 wurde sein Bruder „Otto I.“ geboren. Otto war eine Frühgeburt und die Ärzte gaben ihm kaum eine Überlebenschance. Trotz der großen Schwierigkeiten blieb er der Familie erhalten. Der Taufpate des Kleinen wurde sein Onkel König Otto von Griechenland. Mit der Geburt Ludwig II. und Otto I. waren die erhofften und ersehnten Thronfolger im Hause Wittelsbach gefunden. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, wie schnell Ludwig II. dabei den Thron Bayerns erklimmen würde. Schon im Alter von achtzehn Jahren musste er die Regierungsgeschäfte eines Königs meistern, da sein Vater Maximilian II. sehr früh starb.1

2. Phantasievolles Wesen

In seiner Kindheit entwickelte Ludwig II. schon früh seine Interessen zur Kunst. Der Knabe war vor allem fasziniert von Bauwerken wie Schlössern, Kirchen und Klöstern. Für den kleinen Jungen zählten vor allem das Baukastenspiel sowie das Errichten von Gebäuden mit Holzbauklötzen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Ludwig II. war zudem sehr empfänglich für Erzählungen und Geschichten aller Art. Vor allem zeigte er großes Interesse an der Bibel. Die Geschichte der Samariterin und die Sonntagsevangelien gefielen ihm sehr. Außerdem hatte der Jüngling eine Vorliebe dafür, sich zu kostümieren und am Theaterspiel teilzunehmen. Diesen Wesenszug zur Phantasie und Kunst schätzte auch sein Großvater Ludwig I., der selbst als genialer Bauherr und Kunstfreund angesehen war. Ludwig I. zeigte sich vollauf begeistert über die Grundfähigkeiten und Eigenschaften, die sein Enkel verkörperte. Er sprach sogar davon, dass er und sein Enkel sich auffallend ähneln würden und er sich in ihm wiederfände.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Ludwig II. im Jahre 1850

Mit fortschreitendem Alter, lässt sich klar erkennen, dass Ludwig II. seine künstlerischen Neigungen stark entfaltete. Ludwig II. blühte regelrecht auf, wenn er in das Reich der Phantasie eintauchen konnte. Er neigte dazu, zu schwärmen und hatte einen starken Hang zu Tagträumereien. Auch stundenlanges Lesen waren keine Seltenheit mehr. Diese Erfahrungen führten auch dazu, dass er sich in der Welt der Kunst und Phantasie geborgen fühlte. Bedauerlicherweise konnten seine Eltern ihm diese Geborgenheit nie geben. Stattdessen bekamen Ludwig II. und sein Bruder Otto I. eine strenge Erziehung auferlegt, mit hartem und nüchternem Verlauf. In der späteren Jugendzeit von Ludwig II. urteilte eine Freundin der Königin, Marie Schultze, über das ausgeprägte phantasievolle Gemüt des Kronprinzen:

„Der Kronprinz hatte eine sehr rege Phantasie, einen erhabenen Gedankenflug und ein hohes Streben; sein Geist beschäftigte sich am liebsten mit poetischen Gestalten; alles Unschöne, Unfeine lag seiner ideal gestimmten Natur ferne und berührte ihn peinlich. Ebenso peinlich, ja geradezu schmerzlich war es ihm, wenn er in seiner Idealwelt nicht verstanden wurde; in solchen Fällen zog er sich scheu auf sich selbst zurück. […]“3

In diesem Zitat ist sehr schön zu deuten, welchen enormen Stellenwert die Poesie für Ludwig II. hatte. Es ist die Rede von einer „Idealwelt“, in der er sich befand, wenn sein Geist sich mit dem „Schönen und Feinen“ beschäftigte. Es wird aber auch auf die Reaktion hingewiesen, nämlich die scheue Abkehr von den Menschen, die seine Leidenschaft nicht teilten. Doch auch wenn seine Mitmenschen diese Idealwelt nicht so großartig empfanden wie er selbst, blieb der Eifer des Jünglings ungetrübt. Deshalb wurden später die deutsche Sagenwelt sowie Goethe, Schiller und zahlreiche andere Vertreter des Theaters und der Poesie, ein wichtiger Bestandteil für den sensiblen Knaben. Das wachsende Interesse an Literatur, Theater und Schauspiel war der Grundstein zur zukünftigen Freundschaft und Beziehung mit Richard Wagner.

3. Strenge Erziehung

Die Kindheit von Ludwig II. verlief aufgrund der harten Erziehungsmethoden seiner Eltern eher trist und freudlos ab. Geschuldet war dieser Umstand vor allem durch seinen Vater Maximilian II., der die Willenskraft und den schwärmerischen Eigensinn seines Sohnes rigoros bestrafte. Dabei zählten regelmäßige Disziplinierung sowie körperliche Züchtigungen zu den gängigsten Erziehungsprinzipien, die Ludwig II. zu ertragen hatte. Ludwig II. äußerte sich mit folgenden Worten:

„Wir (ich und Otto) haben vor unserem Vater gezittert.“4

Eine weitere Marotte der damaligen vornehmen Erziehung bestand darin, dass man die Kinder nicht satt essen ließ. Darum war Ludwig II. froh, als ihm seine Erzieherin oder auch seine Lakaien etwas Proviant zusteckten. Somit war klar, warum sich Vater und Sohn schon früh entfremdeten, denn Ludwig baute innerlich Angst und Furcht ihm gegenüber auf und mied daher immer mehr den Kontakt zu seinem Vater. Max II. selbst hielt diese Art der Erziehung für absolut notwendig, denn er wollte seine Söhne Ludwig und Otto zu gewissenhaften und arbeitsamen Prinzen machen. Doch der Vater selbst erkannte, dass er kein vertrauensvolles Verhältnis zu seinen Söhnen hatte. Der König sah die beiden meistens nur beim gemeinsamen Essen bei der Hoftafel. Zudem wusste er nicht wirklich, über was er mit seinen Söhnen sprechen sollte. Dieser Zustand verbesserte sich mit fortschreitendem Alter etwas, dennoch fand er besonders zu Ludwig keinen guten Draht, da die Interessen von Vater und Sohn immer weiter auseinander gingen. Wegen dieser immer schlechter werdenden Beziehung zu seinem Vater, hätte Ludwig II. den Rückhalt durch seine Mutter mehr denn je gebraucht. Königin Marie verbrachte zwar mehr Zeit mit ihren Söhnen als der Vater, doch kümmerte auch sie sich nicht genügend um ihre mütterlichen Pflichten. Eine intensive und einfühlsame Beziehung zwischen Mutter und Kindern war nie richtig entstanden. Hierzu schrieb Kabinettssekretär Franz von Pfistermeier folgende Zeilen:

„Auch die Königin verstand es sehr wenig, ihre Prinzchen an sich anzuziehen. Sie besuchte sie zwar häufiger in ihren Zimmern, wusste sich aber nicht mit ihnen abzugeben, wie Kinder es eben verlangen. Das zog die Söhnchen auch nicht an die Mutter.“5

Gründe dafür liegen wohl auch in den Einstellungen und Vorlieben der Mutter. Königin Marie interessierte sich nie wirklich für Wissenschaft und Kunst. Sie teilte auch nie die Leidenschaft zum Theater oder zum Schauspiel. Ludwig II. und seine Mutter hatten deshalb nicht viele Gemeinsamkeiten. Einzig die Vorliebe zur Natur, dem Wandern in den Bergen, teilte sie mit ihren Söhnen. Für Ludwig II. war es deshalb sehr schwierig die Beziehung zu seiner Mutter zu verbessern. Trotzdem war er stets bemüht, die Zuneigung und Liebe seiner Mutter zu erfahren. Diese Bemühungen äußerten sich z.B. als Ludwig mit dem ersten Taschengeld seiner Mutter ein Medaillon kaufte. Doch Königin Marie hielt dieses Geschenk nicht für ein Zeichen seiner Zuneigung, sondern als Beweis dafür, dass ihr Sohn nicht mit Geld umgehen konnte. Außerdem hatte Königin Marie kaum etwas für die Poesie und die damit verbundenen Schwärmereien von Ludwig übrig, was sie ihm auch in missfälligen Bemerkungen klarmachte. Diese Reaktionen seiner Mutter hinterließen eine verletzende Wirkung beim königlichen Jüngling. Aufgrund dieser Aspekte hatte Ludwig II. schon sehr bald eine schlechte Beziehung zu ihr. Zudem wandelte sich diese enttäuschte Zuneigung sogar in eine Art Abneigung um. Als Ludwig II. bereits in jungen Jahren König von Bayern wurde, äußerte er sich sehr negativ über seine Mutter Marie:

„Die Königin hat eine mir gegenüber sich äußernde, nur Ihr allein eigene höchst unsympathische Art zu sprechen. In Ihrem ganzen Wesen, Ihren Blicken und Worten legt sie nicht selten ein gewisses Misstrauen, einen hie und da sich zeigenden lauernden Argwohn an den Tag.“6

Neben den Eltern sind die beiden wichtigsten Erzieher in Ludwigs Kindheit zu nennen. Sehr positiv zu bemerken ist dabei die erste Erzieherin von Ludwig II., Fräulein Sybille Meilhaus, der späteren Baronin Sybille Leonrod. Sie kümmerte sich bis zu seinem 7. Lebensjahr um ihn. Dieses Verhältnis konnte man durchaus als herzlich und warm beschreiben, ja sogar soweit gehen, dass Ludwig II. in ihr eine Ersatzmutter fand. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie groß der innerliche Schmerz gewesen sein musste, als Fräulein Meilhaus 1854 den königlichen Hof verließ. Dennoch setzte sich diese innige Beziehung zwischen Königssohn und Ersatzmutter fort. Ludwig II. schickte ihr immer wieder Briefe und Telegramme, um sie über seine Erlebnisse und Gemütszustände zu informieren und das bis ins hohe Lebensalter. Als Nachfolger von Fräulein Meilhaus übernahm der angesehne Graf Theodor Basselet de La Rosée die Erzieherrolle des Jungen. Neben der Aufgabe des Erziehers war er auch der erste Lehrer des Jünglings. Er machte Ludwig II. deutlich, welche Machtposition er als zukünftiger König einmal haben werde. Darum vermittelte er Ludwig II. die Distanz zum Volke zu wahren, nur von oben herab zu grüßen. Das Verhältnis zwischen Erzieher und Ludwig II. war aber gleichberechtigt. Ludwig II. schätzte den Menschen Graf de La Rosée mehr und mehr. Er sprach sogar von einem zweiten Vater. Insgesamt ist festzustellen, dass die Erziehung von Graf de La Rosée vor allem den Hochmut sowie die Selbstherrlichkeit Ludwig II. förderte, was aus heutiger Sicht als durchaus problematisch einzustufen ist.7

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Abbildung 2: Vater Max, Mutter Marie, die Söhne Ludwig (l.) und Otto (r.)

Als Resümee werden noch kurz die Folgen angesprochen, die aus dieser strengen Erziehung hervorgingen. Zahlreichen Strafen, geringe Zärtlichkeit und wenig Verständnis prägte die Kindheit von Ludwig II., was sich letztendlich stark auf seine Person auswirkte. Als Folge, ist hier sein schüchternes, scheues und überempfindliches Wesen anzuführen, dass aus diesen Umständen resultierte. Zudem ist die spartanische Lebensweise zu nennen. Beispiele dafür sind das geringe Taschengeld, das karge Essen oder auch die vielen Unterrichtsstunden, die Ludwig II. täglich straff absolvieren musste. Auch das Zimmer in der Münchner Residenz war sehr bescheiden eingerichtet. Ziel der Eltern war es, Ludwig II. den richtigen Umgang mit Geld beizubringen und sein Eigentum schätzen zu lernen. Doch als Ludwig II. am 11. März 1864 König von Bayern wurde, verkündete er nach nur zehn Tagen:

„Es ist mein Wille, daß jegliche übertriebene Sparsamkeit und Knauserei ende“ 8

Diese Aussage zeigt aber, dass der Erziehungsstil der Eltern genau das Gegenteil bewirkte. Mit der aufgezwängten Sparsamkeit kam Ludwig II. nie zurecht. Die Konsequenz aus diesem Missverständnis, war die falsche Beziehung zum Geld.

4. Ludwig und Otto

Zwischen den beiden Königsbrüdern Ludwig II. und Otto I. gab es in vielerlei Hinsicht große Unterschiede. Otto hatte eine etwas stämmigere Figur, wirkte fest und robust, wohingegen Ludwig sehr groß, schlank und schlaksig war. Doch die Beiden waren nicht nur rein optisch sehr verschieden, sondern auch in ihrer Art und ihrem Wesen. Lebhaft, heiter, zugänglich und weltoffen waren Attribute, die man mit Otto in Verbindung brachte. Ludwig beschrieb man als eher zurückhaltend, menschenscheu, verträumt und ernst. Zudem hatten beide eigene Interessen und Gewohnheiten. Otto verbrachte seine Zeit am liebsten bei der Jagd und interessierte sich für das Militär und das Kriegsspiel mit Bleisoldaten. Der ältere Bruder dagegen, war ein Kunstfreund, der sein Vergnügen im Lesen, dem Theaterspiel und im Botanisieren fand. Doch es gab auch ein paar Gemeinsamkeiten. So gingen die beiden gerne zum Fischen und hörten Musik, wobei Otto beim Spielen von Instrumenten sogar begabter war als sein Bruder. Die größte Leidenschaft der beiden Brüder war das Reiten.

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Abbildung 3: Ludwig II. (l.) mit seinem Bruder Otto I. (r.)

Dennoch sollen diese Eindrücke nicht über die schwere Kindheit der Brüder hinwegtäuschen. Die beiden Kronprinzen wurden ständig überwacht und waren meist auf sich allein gestellt. Vorübergehend wurde es Ludwig und Otto erlaubt, mit anderen gleichaltrigen Jungen spielen. Hierzu wurden aber auch nur ausgewählte adlige Kinder ins Schloss nach München eingeladen. Den Spielkameraden von Ludwig und Otto war es dabei verboten, die beiden Kronprinzen mit „Königliche Hoheit“ anzusprechen oder ihnen die Hand zu küssen. Neben dem normalen Umgang mit Gleichaltrigen standen Kriegs- und Soldatenspiele im Vordergrund. Dabei kam es zu einem schwerwiegenden Vorfall. Der kleine Graf Tony Arco ging bei einer spielerischen Auseinandersetzung zu weit und gab Ludwig eine Ohrfeige. Dieser Vorfall war Auslöser dafür, dass zukünftig alle Einladungen und jeglicher Kontakt zu Gleichaltrigen untersagt wurden.

Die Entscheidung ist nach heutigem Stand äußerst bedenklich. Sie führte dazu, dass Ludwig und Otto kaum soziale Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen konnten. Zudem verbrachten sie damit einen Großteil ihrer Kindheit isoliert, was das schüchterne und scheue Auftreten in der Öffentlichkeit erklärt.

Insgesamt gesehen war das Verhältnis zwischen den Brüdern großartig, abgesehen von den Rivalitäten und Streitereien, wie es unter Kindern üblich ist. Auch wenn Ludwig seinen Bruder sehr gern mochte, zeigte er Otto stets seine Überlegenheit, die er ihm gegenüber als künftiger Thronfolger hatte. Doch Otto fügte sich oft den Launen und Wünschen Ludwigs, denn schon früh wurde Otto eingebläut, dass Kronprinz Ludwig stets der Erste sei.9

5. Das Schloss Hohenschwangau

Nahe des idyllischen Kurortes Füssen, ist die Burg Hohenschwangau zu bewundern.

Schon seit dem 12. Jahrhundert existiert dieses prächtige Schloss. Ludwigs Vater

Max II. kaufte jenes Schloss im Jahre 1832 und ließ es im neugotischen Stil restaurieren.

In den Sommermonaten hielt sich die königliche Familie, besonders die Mutter mit den Kindern, häufig im Schloss Hohenschwangau auf. Ludwig II. war stets begeistert, wenn er auf die Natur – und Bergwelt traf, die die Burg umgeben. Vor allem der Alpsee hatte es den Kindern angetan, der unmittelbar in der Nähe des Schlosses liegt. Hier konnten die beiden jederzeit zum Schwimmen oder Fischen gehen. Gemeinsam mit ihrem Erzieher Graf La Rosée unternahmen Ludwig und Otto auch viele Spaziergänge und Ausflüge, u.a. besuchten sie die Frohenleichnamsprozession in Füssen. Wie wichtig für Ludwig II. die Schönheit der Natur sowie die Ruhe der Berge waren, zeigte sich in seinem späteren Leben noch sehr deutlich. Diese heile Welt, weg von der Stadt München diente, ihm immer wieder als ein Ort des Vertrauens und Rückzuges.

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Abbildung 4: Schloss Hohenschwangau

Doch neben der Natur war für Ludwig II. vor allem das Schloss an sich, ein Erlebnis der besonderen Art. Die Gemäuer der Burg, geschmückt mit vielen Wandmalereien, waren für Ludwig II. wie ein fortlaufendes Bilderbuch. Hier sammelte er entscheidende Eindrücke über die altdeutsche Sagenwelt. Vor allem die edle Gestalt des Schwanes und des Helden Lohengrin, in der Sage des Schwanenritters Lohengrin hatten es dem jungen Kronprinzen angetan. Diese Faszination ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los. Luise von Kobell berichtet darüber folgendes:10

„Einen häufig wiederholten Anschauungsunterricht gaben ihm die Abbildungen mittelalterlicher Sagen an den Wänden des Schlosses Hohenschwangau, und einen unwiderstehlichen Einfluß übte auf ihn der Anblick des Schwanes, dem man dort in allen möglichen Darstellungen auf Schritt und Tritt begegnet […]“11

Aus dem Zitat lässt sich gut nachvollziehen, wie es dazu kam, dass Ludwig II. den Schwan als sein Lieblingstier nannte. Für ihn war der Schwan zugleich Märchengestalt und Götterwesen in einem, voller Anmut und Würde. Im Schloss gibt es dazu zahlreiche künstlerische Eingriffe, die den Schwan hervorheben. Hierzu zählen zum Beispiel der Schwanenbrunnen im Schlosshof, das Schwanenwappen über dem Schlosstor und natürlich der Schwanenrittersaal. Im Schwanenrittersaal wird die germanische Sage des Lohengrins im romantischen Stil auf insgesamt vier Fresken veranschaulicht.

Abschließend ist festzustellen, dass die Kindheitseindrücke, die Ludwig II. auf Schloss Hohenschwangau sammelte, entscheidende Wirkung auf ihn hatten. In Verbindung mit der Sage des Schwanenritters Lohengrin wurde er erstmals auf den Komponisten Richard Wagner aufmerksam. Es dauerte nicht allzu lange, bis er dessen dazu inszenierte Oper entdeckte. Für Ludwig II. wurde schnell klar, dass er mehr über Richard Wagner und seine Werke erfahren musste.12

6. Die Oper Lohengrin

Die romantische Oper „Lohengrin“ ist ein Werk des Komponisten Richard Wagner.

Sie gliedert sich in drei Akte und ist am 28. August 1850 im großherzoglichen Hoftheater zu Weimar uraufgeführt worden. Die literarische Vorlage zu diesem Stück stammt vom Versroman „Parzival“, geschrieben von Wolfram von Eschenbach.

Die Oper handelt vom Gralsritter Lohengrin, der mit einem Boot, gezogen von einem Schwan, ins Fürstentum Brabant kommt. Er will der Erbin Elsa gegen ihren Widersacher Graf Telramund helfen und um ihre Hand anhalten. Elsa kennt den unbekannten Schwanenritter nicht, hat aber von ihm geträumt, dass der gottgesandte Mann sie schützt und verteidigt. Die einzige Bedingung, die Lohengrin von Elsa verlangt ist, dass sie nie nach seiner Herkunft und seinem Namen fragt. Lohengrin besiegt darauf in einem Kampf den Grafen Telramund, tötet ihn aber nicht.

Doch Ortrud, die Frau von Telramund schafft es durch eine Intrige Elsa zu beeinflussen. Ortrud redet Elsa ein, sie genüge den Ansprüchen ihres Ritters nicht. Die Zweifel von Elsa werden immer größer, sie hat Angst den Unbekannten Helden zu verlieren. Deshalb fragt sie den Schwanenritter nach seinem Namen. Der unendlich traurige Lohengrin muss Elsa zurücklassen und verschwindet, wie er gekommen ist in seinem Boot.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 : Schwanenritter Lohengrin

Am 2. Februar 1861 besuchte auch Ludwig II. voller Vorfreude die Oper Lohengrin. Für den Thronerben war es eine Premiere, denn er war erstmals in seinem Leben zu Gast bei einer Opernaufführung. Mit der Oper ging für den damals fünfzehnjährigen Kronprinzen ein Traum in Erfüllung, denn seine geliebte deutsche Sagenwelt wurde auf der Bühne Wirklichkeit. Vor allem die Hauptfigur des Schwanenritters, von dem er schon als Kind fasziniert war, bewegte ihn sehr. Welch entscheidende Wirkung die Oper Lohengrin bei dem Jüngling hinterließ, ist aus einer Notiz von Gottfried von Böhm ersichtlich:

„[…] Der Kronprinz vergoß darüber Tränen höchsten Entzükkens, lernte in der Einsamkeit seines Zimmers und des Parkes das Textbuch und die übrigen Dramen Wagners auswendig und las >>mit brennender Begier<< auch die Prosaschriften Wagners,[…]“13

Allein in diesem Zitat lässt sich sehr gut erkennen, welch enormen Stellenwert die Person Richard Wagner im Leben Ludwig II. bereits einnahm. Von diesem Zeitpunkt an sammelte Ludwig II. fieberhaft alle Werke und Schriften, die es von Wagner gab. Er wollte diesem besonderen Komponisten nahe sein, seine Gedanken kennen und ihm seine gesamte Aufmerksamkeit und Bewunderung schenken.

Die Oper Lohengrin ist als ein Schlüsselerlebnis im Leben von Ludwig II. zu sehen. Von diesem Zeitpunkt an, waren für ihn Theaterbesuche unersetzlich und wurden in seinem späteren Leben zu einer großen Leidenschaft. Deshalb besuchte er wenig später auch Richard Wagners Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“, „Antigone“ von Sophokles, „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing und „Faust“ von Charles Gounod nach Goethes Faust. Dies waren nur wenige Beispiele von den vielen Besuchen, die Ludwig II. bereits in seiner Jugendzeit unternahm. Doch auffällig blieb, dass er sich vor allem immer wieder auf die Werke von Richard Wagner fokussierte. Dies ging auch aus einem Brief hervor, den er im Sommer 1863 an seine frühere Erzieherin Frau von Leonrod, geborene Meihaus, richtete:14

„23. Juli 1863 - […] Ich lese jetzt immer beim Fischen, was sich sehr gut vereinigen läßt. – Wundervoll ist die Trilogie von R. Wagner: >> Der Ring des Nibelungen << , heute werde ich sie beenden. […] Eben spielt Otto den Pilgerchor aus >> Tannhäuser << ! Wundervoll![…]“15

Für Ludwig II. waren zudem die Bekanntschaften mit erfolgreichen Dichtern, Sängern und Komponisten ein wichtiger Bestandteil in seinem Alltag. Er wollte am Leben dieser Künstler teilhaben und mit ihnen seine Gedanken teilen. Deshalb gewährte Ludwig II. diesen Menschen öfters Audienzen am königlichen Hofe. Ein Beispiel für diese Art von Verehrung war der Sänger Albert Niemann. Niemann spielte unter anderem auch die Hauptrolle in der Oper Lohengrin. Für Ludwig II. war dieser Sänger deshalb so wichtig, weil er als die ideale Verkörperung in der Rolle des Schwanenritters Lohengrin gesehen wurde. Daraufhin veranlasste Ludwig II., dass Niemann unbedingt nach München kam und erhielt eine Audienz beim jungen Kronprinzen. Ludwig II. wirkte etwas verlegen und sogar schüchtern als er dem Sänger gegenüberstand, doch er war hellauf begeistert über dessen Darstellung und Qualitäten als Sänger. Als Zeichen seiner Anerkennung schenkte er dem Sänger nach seinem Auftritt edle Manschettenknöpfe und kleine Brillianten.16

7. Die theoretischen Schriften von Richard Wagner

Inspiriert von Arthur Schopenhauers Philosophie verfasste Richard Wagner im Züricher Exil seine umfassenden theoretischen Schriften. Ludwig II. kannte diese Schriften bereits vor seinem Besuch der Oper Lohengrin, was deutlich macht, dass sein Interesse nicht nur Wagners Musik galt. Im folgenden Verlauf werden vier ausgewählte Schriften analysiert. Als erstes betrachten wir die Schrift „Die Kunst und die Revolution“.

Wagner beschreibt in dieser recht kämpferisch formulierten Schrift seine Vorstellungen einer idealen Gesellschaft. Dabei nimmt er Bezug auf das antike Griechenland, welches er als Idealstaat ansah. Ein Idealstaat, indem es nur starke und schöne Menschen gab, die für das Wohl aller eintraten und nur für die Öffentlichkeit lebten. Dagegen sieht Wagner in der Gegenwart nur noch schlechte Menschen. Jeder Mensch ist nach Wagner egoistisch und schaut nur auf seinen eigenen Vorteil. Deshalb kommt Wagner zu einem harten Urteil. Die Menschen der Gegenwart sind keine Einheit mehr, sie verkörpern keine Liebe und Gemeinsamkeit. Aus dem einst starken und schönen Menschen der Griechenzeit, sind nur noch schwache und elende Menschen der Gegenwart übrig geblieben. Um aus Wagners Sicht diese verzweifelte und katastrophale Gegenwart zu beseitigen kann nur eine Revolution helfen, um eine Umstrukturierung der Missstände zu erreichen. Nur so könnte sich eine Einheit aller Menschen formen, in der es weder Willkür noch Egoismus gibt, sondern nur noch Gemeinsamkeit und Liebe.

Die angesprochenen Gedanken bilden die wichtigsten Eckpfeiler für eine aus der Natur angestrebte Zukunft. Wagner formulierte dies als „Utopie- Zukunft“ der Gesellschaft.17

Mit seiner Schrift „Das Kunstwerk der Zukunft“ bezieht Wagner die Betrachtungen der Zukunftsutopie auf die Kunst. Dabei gibt es nach Wagner drei Kunstarten, nämlich die Ton-, Tanz- und Dichtkunst. Erst die Verschmelzung bzw. die vollständige Umschlingung der Kunstarten, führe zu einem Gesamtkunstwerk, nämlich dem „Kunstwerk der Zukunft“. Dieses Gesamtkunstwerk verhilft den elenden Menschen zum Bewusstsein des Natürlichen und Reinmenschlichen zu gelangen. Doch jenes Kunstwerk der Zukunft und das damit verbundene „utopische Ideal“ sind nur schwer zu realisieren.18

Wagner argumentiert in seiner Schrift „Oper und Drama“ so, dass sich nach dem Zerfall des griechischen Idealstaats vor allem die Musik und Dichtkunst getrennt voneinander entwickelt haben. Zudem unterteilt er die hervorgegangenen Künstler der Musik und Dichtung. Hier gibt es laut Wagner die maroden Künstler, das bedeutet willkürliche Menschen, die der elenden Gegenwart verfallen sind. Dem gegenüber stehen die genialen Künstler, die versuchen mit ihrer Kunst das „utopische Ideal“ zu erreichen. Zu den genialen Musikern zählt Wagner z.B. Mozart und Beethoven. Bei den genialen Dichtern fokussiert er sich u.a. auf Shakespeare, Goethe und Schiller.19

Sie alle haben einen wichtigen Beitrag geleistet, um das ideale „Kunstwerk der Zukunft“ voranzubringen. Mit ihrer Genialität, Unwillkür und Liebe konnten sie sich an das „utopische Ideal“ annähern, aber dennoch nie erreichen. Der Grund für ihr Scheitern nennt Wagner in seiner vierten wichtigen Schrift „Mittheilung an meine Freunde“.

Das Genie ist völlig auf sich allein gestellt. Sein eigenes inneres Ideal bleibt unverstanden, da die marode Gesellschaft der Vollendung im Wege steht. Deshalb ist es auch für Wagner, der sich selbst als genialer Künstler sieht ein Dilemma. Der einzige Weg besteht darin, dass nicht „der Einsame“, sondern nur „Der Gemeinsame“ das „Kunstwerk der Zukunft“ erreichen kann.20

Daraus resultiert natürlich die Frage, wie „Der Gemeinsame“ erreicht werden kann. Dazu schreibt das einsame Genie Wagner: „Ich kann nur von denen verstanden werden, welche Neigung und Bedürfnis fühlen, mich zu verstehen“.21

Wagner richtet seine Botschaft somit an diejenigen Menschen, die auch „das Ideal“ in sich tragen und ihn dadurch verstehen können. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die gewonnen Erkenntnisse der theoretischen Schriften von Richard Wagner noch von zentraler Bedeutung sein. Es ist vorwegzunehmen, dass sich Ludwig II. mit Wagners Weltbild von Kunst und Gesellschaft identifizierte. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass Ludwig II. sich als einer derjenigen Menschen sah, der „das Ideal“ in sich trägt. Ob diese Vermutung wirklich zutrifft, wird sich noch herausstellen.

8. Der junge König

Eine schier unfassbare Nachricht erschütterte am 10. März 1864 ganz Bayern. Der geliebte König, Maximilian II. verstarb nach einer dreitägigen Rotläuferkrankheit.

Durch dieses schreckliche Ereignis wurde Ludwig II. schon mit achtzehn Jahren König von Bayern. Am 11. März 1864 fand bereits die Eidesleistung auf die Verfassung statt.

Drei Tage später wurde Maximilian II. mit einer prunkvollen Bestattungsfeier die letzte Ehre erwiesen. Mehr als 20.000 Menschen schlossen sich dem dreistündigen Trauerzug an, der an der Theatinerkirche endete. Mit gebeugtem Haupte und wackligen Schritten ging Ludwig II. hinter dem Sarg seines Vaters her. Das Gesicht bleich, sein Blick war leer. Es hatte fast den Anschein, dass er gar nicht bemerkte, was um ihn herum passierte.

Dieser Anblick des trauernden Jünglings, erregte natürlich das Mitleid seines Volkes, die ihn dadurch nur noch mehr in ihr Herz schlossen.22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Ludwig II., König von Bayern

Doch es blieb kaum Zeit für lange Trauer. Ludwig II. musste als neuer König von Bayern die Regierungsgeschäfte seines Landes leiten. Diese schwere Bürde des blutjungen Königs war natürlich eine riesige Herausforderung für ihn. Zur Überraschung aller, meisterte Ludwig II. am Anfang seine Aufgaben mit größter Sorgfalt. Er ging mit enormem Eifer an seine Arbeit heran und bewältigte seinen Tagesablauf souverän. Leider hielt dieser vorbildliche Arbeitswille nicht lange an. Ludwig II. wusste selbst, dass er als König bestimmte Verpflichtungen zu erfüllen hatte, doch diese stellte er nach wenigen Monaten erst einmal hinten an. Durch seine neu erhaltene Machtposition, konnte er sämtliche Freiheiten und Vorzüge genießen. So residierte er im Frühjahr 1864 vor allem auf Schloss Berg am Starnberger See oder auf Schloss Hohenschwangau. Im Sommer reiste Ludwig II. für vier Wochen nach Bad Kissingen. Er besuchte Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth von Österreich, die dort zur Kur zu Gast waren. Es folgte danach ein mehrtägiger Ausflug nach Köln, wo er den Rhein und den Kölner Dom besichtigte und von den tollen Eindrücken noch lange schwärmte. Deshalb war Ludwig II. kaum in München anzutreffen, was zur Konsequenz hatte, dass die Arbeit mit seinen Ministern liegen blieb. Den Ministern war es natürlich unmöglich dem König überallhin nachzureisen. Somit verblieben beide Parteien in ständigem schriftlichem Kontakt. Zusammengefasst sind die Regierungs- und Repräsentationstätigkeiten von Ludwig II. in den ersten Monaten seiner Regentschaft eher gering.23

Die Gründe für dieses Verhalten waren leicht auszumachen. Zum einen wollte der junge König natürlich sein Leben in vollen Zügen auskosten. Darum zog es Ludwig II. immer wieder in die Natur- und Bergwelt rund um seine Schlösser Hohenschwangau und Berg. Zum anderen fehlte Ludwig II. die nötige Erfahrung und vor allem das Interesse sich fortlaufend um die politischen Fragen und Entwicklungen seines Landes zu kümmern. Er war in vielen Situationen einfach überfordert, was auch seinem jugendlichen Alter geschuldet war. Später spricht Ludwig II. sogar davon, dass er es als eine Art Belästigung empfand, wenn er mit seinen Ministern über politische Dinge diskutieren musste. Nicht die Politik sondern die Kunst und Musik stand für Ludwig II. im Vordergrund. Deshalb erfüllte sich Ludwig II. einen seiner größten Wünsche kurz nach der Thronbesteigung. Er ließ im Mai 1864 Richard Wagner nach München berufen, um endlich dem Menschen gegenüberzutreten, den er schon seit seiner Kindheit verehrte.

Dieses Zusammentreffen wird im nächsten Kapitel ausführlich erläutert, wobei zuvor auf die Vergangenheit und den Werdegang von Richard Wagner Bezug genommen wird.

II. Der Weg zur vorherbestimmten Freundschaft

1. Die Vergangenheit von Richard Wagner

Richard Wagner wurde am 22. Mai 1813 im Haus „Zum roth und weißen Löwen“ in Leipzig geboren. Sein Vater starb bereits am 23. November desselben Jahres an Typhus. Ludwig Geyer, ein Dichter und Schauspieler, nahm sich der Familie an und wurde der Stiefvater von Richard. Ludwig Geyer und seine Mutter Johanna Pätz hatten gute Beziehungen zum Schauspiel und zum Theater. Deshalb verwundert es nicht, dass vier seiner sechs älteren Geschwister eine Laufbahn auf der Bühne einschlugen. Wagner selbst wurde aber am meisten von seinem Onkel Adolf Wagner geprägt und beeinflusst, der als Gelehrter und Übersetzer arbeitete. Adolf Wagner hatte zudem gute Kontakte zu Goethe. Zusätzlich profitierte der junge Richard Wagner von einer umfangreichen Bibliothek, die er im Hause des Onkels vorfand. Somit war er schon früh mit Werken von z.B. Shakespeare oder E.T.A. Hoffmann vertraut. Auf dieser Grundlage, verfasste Richard Wagner im Alter von fünfzehn Jahren sein erstes Drama, die Tragödie „Leubald“, ein Trauerspiel in fünf Akten. Kurz darauf schrieb er bereits an Sonaten und Ouvertüren. Im Jahre 1829 besuchte Wagner erstmals die Oper Fidelio von Ludwig van Beethoven. Die Aufführung wurde ein Schlüsselerlebnis für den sechzehnjährigen Wagner. Völlig verzaubert von der Sängerin Wilhelmine Schröder – Devrient, die die Titelrolle in diesem Stück eindrucksvoll verkörperte, fasste Richard Wagner den Entschluss eine musikalische Laufbahn einzuschlagen. So angetan von den Eindrücken, brachte Wagner persönlich einen Brief ins Hotel, um der Sängerin seine Wertschätzung und Anerkennung für diese Leistung mitzuteilen.

[...]


1 Franz Herre, Ludwig II. von Bayern, S. 7-21

2 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.20-22

3 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.29

4 Alfons Schweiggert, Schattenkönig, S.26

5 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.27

6 Franz Herre, Ludwig II. von Bayern, S.61

7 Franz Herre, Ludwig II. von Bayern, S.59-64

8 Alfons Schweiggert, Schattenkönig, S.32

9 Alfons Schweiggert, Schattenkönig, S.9-25

10 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.27-29

11 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten S.28

12 Franz Herre, Ludwig II. von Bayern, S.69-72

13 Gottfried von Böhm, Ludwig II. König von Bayern sein Leben und seine Zeit, S.42

1 4 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.34/35

15 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.35

16 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.40

17 Verena Nägele, Ludwig II. und Richard Wagner, S.51-56

18 Verena Nägele, Ludwig II. und Richard Wagner, S.39-43

19 Verena Nägele, Ludwig II. und Richard Wagner, S.63-66

20 Verena Nägele, Ludwig II. und Richard Wagner, S.67

21 Verena Nägele, Ludwig II. und Richard Wagner, S.73

22 Ludwig Hüttl, Ludwig II. König von Bayern, S.9-18

23 Rupert Hacker, Ludwig II. von Bayern in Augenzeugenberichten, S.44-60

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
König Ludwig II. und Richard Wagner. Eine einzigartige Beziehung zweier prägender Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts in Bayern
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,00
Autor
Jahr
2012
Seiten
74
Katalognummer
V366019
ISBN (eBook)
9783668451964
ISBN (Buch)
9783668451971
Dateigröße
1638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ludwig II., Richard Wagner, Bayern im 19. Jahrhundert, Reichsgründung 1871
Arbeit zitieren
Daniel Mader (Autor), 2012, König Ludwig II. und Richard Wagner. Eine einzigartige Beziehung zweier prägender Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts in Bayern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366019

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