Die Philosophie des Staates. Ein Vergleich der Kontraktualismen von Hobbes und Rousseau


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Der Naturzustand des Menschen
2.1. Thomas Hobbes
2.2. Jean-Jacques Rousseau

3. Die Verstaatlichung der Gesellschaft
3.1. Die Notwendigkeit der Verstaatlichung
3.2. Der Kontrakt

4. Der bürgerliche Zustand

5. Vergleich

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im ausgehenden 17ten Jahrhundert steht Europa kurz vor einem großen sozioökonomischen Umbruch. Säkularisierung und Rationalisierung sind die ersten Vorboten einer modernen Gesellschaft, denn die kirchliche Autorität verliert ihre Macht zunehmend wieder an weltliche Herrscher[1]. Auch die industrielle Revolution und die mit ihr einhergehende Kapitalisierung und Enttraditionalisierung der Gesellschaft wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Inmitten dieser gewaltigen Entwicklungen findet noch ein anderer wichtiger Prozess statt: die Entstehung des westfälischen Systems von nach innen und außen souveräner Nationalstaaten[2]. Diese zeichnen sich durch Regierungen aus, „welche innerhalb eines bestimmten Gebietes (...) das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beanspruch[en][3].

Die Errichtung dieser weltlichen Zentralgewalt bedarf einer vollkommen neuen Form der Herrschaftslegitimation. In dieser Hausarbeit sollen die Kontraktualismen, die Hobbes und Rousseau, zwei der wichtigsten Philosophen des 17ten und 18ten Jahrhunderts, zur Legitimation des Staates aufgestellt haben, vergleichend vorgestellt werden.

Auf die Beschäftigung mit vielen spannenden, sich aus der historischen Kontextualisierung ergebenden, Fragen muss mit Rücksicht auf die Länge der Hausarbeit verzichtet werden. Die Hausarbeit konzentriert sich auf die Beantwortung der Frage: Inwiefern gleichen sich die Kontraktualismen von Hobbes und Rousseau und worin unterscheiden sie sich?

Arbeitsthese ist dabei die Vermutung, dass die beiden Philosophen zwei inhaltlich komplett unterschiedliche Konzepte zur Philosophie des Staates entwickelt haben. Ob diese These haltbar ist, wird im Laufe der Hausarbeit überprüft. Dazu sollen in der Hausarbeit die beiden Kontraktualismen in drei verschiedene Argumentationsblöcke eingeteilt und innerhalb dieser verglichen werden: Der Naturzustand, das vertragliche Konzept und der bürgerliche Zustand.

Doch warum ist die Beschäftigung mit den Kontraktualismen Hobbes‘ und Rousseaus heute noch so wichtig? Auch wenn uns ihre Argumente heute teils abwegig und nicht mehr zeitgemäß erscheinen, so haben sie doch den ideologischen Nährboden mitbereitet, auf dem die heutige Demokratie in Europa entstehen konnte[4].

Außerdem sind die in den Kontraktualismen diskutierten Fragen auch heute noch aktuell. Berichte von jährlicher Polizeigewalt gegen Demonstranten am 1. Mai in Berlin oder die Diskussion um das Demokratiedefizit der Europäischen Union; sie sind lediglich neue Beispiele für die alte Frage: Wann und unter welchen Umständen sind Staaten und Herrschaft legitim?

Wer sich mit dieser Frage beschäftigt, wird an Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau nicht vorbeikommen. Ihre Kontraktualismen sind die wohl meistdiskutiertesten unter den Vertragstheorien. Dies war der Ausschlaggeber für die Auswahl der Kontraktulismen für die vergleichende Betrachtung in dieser Hausarbeit.

Aus Gründen der flüssigeren Lesbarkeit der Hausarbeit wird auf die durchgängige und gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Personenbezeichnungen verzichtet. Die benutzten Personenbezeichnungen gelten ausdrücklich für beide Geschlechter.

2. Der Naturzustand des Menschen

Sowohl Thomas Hobbes, als auch Jean-Jacques Rousseau beginnen ihre Kontraktualismentheorien mit einer Betrachtung der physiologischen und psychologischen Beschaffenheit des Menschen in einer fiktiven Umgebung, die sie den „Naturzustand“ des Menschen nennen[5].

In diesem Naturzustand wird der Mensch weder von moralisch-kulturellen Regeln, noch von einer sanktionsbewährten Zentralinstanz in seinem Handeln eingeschränkt. Es herrschen lediglich die Gesetze der Vernunft und Natur.

2.1. Thomas Hobbes

Hobbes empfindet den Menschen als egoistisches, aber vernunftgeleitetes sowie kriegerisches, aber dem Frieden verpflichtetes Wesen. Was erst einmal konträr klingt, argumentiert Hobbes wie folgt:

Im Naturzustand, in dem der Mensch keinerlei kulturellen Auflagen unterliegt noch Sanktionen für sein Handeln erwarten muss, ist er vernünftigerweise primär der Verfolgung seiner eigenen Bedürfnisse verpflichtet. Dazu besitzt er das Recht auf Alles. Er kann sich nehmen, was er zur Erfüllung seiner Bedürfnisse benötigt. Durch dieses Recht auf Alles besitzt der Mensch in Hobbes‘ Naturzustand kein Eigentum, da niemand alleinigen Anspruch auf irgendetwas, nicht einmal sich selbst, erheben könne.

Dieses Recht auf Alles, sogar auf andere Menschen, bezeichnet Hobbes als die Freiheit des Menschen im Naturzustand.

Der Mensch an sich ist in Hobbes‘ Entwurf des Naturzustandes ein unpolitisches Wesen, das nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist.

Aber diese menschlichen Bedürfnisse überschneiden sich; jeder andere Mensch ist ein potentielles Hindernis bei der Befriedigung eigener Bedürfnisse[6]. Die Menschen, so Hobbes, unterschieden sich zwar in Körperkraft und Intelligenz, dennoch sei es noch dem am meisten benachteiligten Menschen möglich, „den Stärksten zu töten – entweder durch Hinterlist oder durch ein Bündnis mit anderen.[7]

Dass alle Menschen nehmen können, was ihnen beliebt, führt dazu, dass keiner vor den Übergriffen anderer geschützt ist. Die einzig logische Ausflucht aus diesem Dilemma ist für Hobbes der kriegerische Angriff nach vorne. Denn das eigene Leben muss notfalls auch mittels physischer und/oder psychischer Gewalt, verteidigt werden[8].

Und wenn daher zwei Menschen nach demselben Gegenstand streben, den sie jedoch nicht gemeinsam genießen können, so werden sie Feinde und sind in der Folge ihrer Absicht […] bestrebt sich gegenseitig zu vernichten oder zu unterwerfen.[9]

Aus dem Recht Aller auf Alles entsteht, getrieben von der menschlichen Natur, der „Krieg Aller gegen Alle“[10]. Dennoch behaart Thomas Hobbes darauf, dass der Mensch auch im Naturzustand eine Verpflichtung gegenüber dem Frieden habe und auf die Anwendung kriegerischer Mittel verzichten sollte, solange es potentiell noch möglich ist, einen Interessenkonflikt friedlich zu lösen[11].

2.2. Jean-Jacques Rousseau

Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten.[12]“ So beginnt Rousseau seine Betrachtung des Menschen.

Aber inwiefern ist der Mensch frei? Die „natürliche Freiheit“ ist der ursprüngliche Zustand des Menschen. In ihr besitzt er drei primäre Fähigkeiten: Die Liebe zu sich selbst („amour de soi meme“), die Fähigkeit, sich selbst zu vervollkommnen („perfectibilité“) und die Fähigkeit Mitleid zu empfinden („pitié“)[13]. Trotz physiologischer Differenzen seien die Menschen doch grundsätzlich gleich, frei und unabhängig. In diesem Zustand besitzt der Mensch keinerlei politische Ambitionen, sondern erfüllt schlicht seine Bedürfnisse ohne dabei anderen zu schaden.

Und warum liegt er dennoch in Ketten? Weil der Mensch im Laufe seiner Geschichte sesshaft wurde und das Konzept des Eigentums entwickelt hat, kommt es zum Konflikt. Um der Rivalität um Güter zu entgehen und seinen Selbsterhalt zu sichern, muss er sich in Gesellschaften zusammenfinden[14].

Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen "Dies gehört mir" und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: "Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, die Erde aber niemandem gehört.“[15].

Durch diesen Prozess der Inbesitznahme der natürlichen Umgebung kommt es zu gravierenden Unterschieden zwischen Menschen. Diejenigen die viel besitzen können diejenigen, die wenig besitzen, unterwerfen und ihnen Machtstrukturen auferlegen.

Für den Menschen ist diese Entwicklung fatal. Denn dadurch büßt er große Teile seiner natürlichen Freiheit und Unabhängigkeit ein. Das, so Rousseau, wiederspreche der ursprünglichen Natur des Menschen[16].

3. Die Verstaatlichung der Gesellschaft

Beide Naturzustände laufen zwangsläufig auf eine Katastrophe hinaus. Mord und Totschlag bei Hobbes und Unfreiheit und Unmündigkeit bei Rousseau sind das Resultat. Beide Philosophen beginnen ihre Staatstheorien auf Grundlage dieser Erkenntnis.

3.1. Die Notwendigkeit der Verstaatlichung

Trotz dieser gemeinsamen Erkenntnis über die im Konflikt endende Natur des Menschen setzten Hobbes und Rousseau verschiedene Schwerpunkte in der Lösungssuche.

Bei Hobbes braucht der Mensch einen zuverlässigen Schutz vor gewaltsamen Übergriffen auf sein Eigentum durch andere. Für Rousseau steht die Wiedererlangung der Freiheit und Unabhängigkeit an oberster Stelle[17]. Die Umsetzung dieser Ziele bedarf einer umfassenden Maßnahme.

So sieht Hobbes die Lösung in der Errichtung „allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor dem Angriff fremder und vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen.“[18], sprich eines Staates, der das Gewaltmonopol ausübt; der „Leviathan“. Seine Aufgabe ist die langfristige Sicherung des Friedens und damit die Befriedung der Gesellschaft.

Rousseau geht noch einen Schritt weiter und sucht eine „Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen Kraft die Person und das Vermögen des einzelnen Mitglieds verteidigt und schützt und durch die doch jeder […] nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor.[19].

Sollte dieser Schulterschluss gegen die Bedrohung der Freiheit und die eigene Existenz nicht geschafft werden, so Rousseau, könne die Menschheit nicht weiterbestehen und werde aussterben[20]. Die Aufgaben des Staates gehen hier noch weiter, denn er dient nicht nur zur Friedenssicherung. Er verbürgt außerdem für den Erhalt der persönlichen Freiheit.

Doch wie wird diese Zentralgewalt, der Staat gegründet?

[...]


[1]Lehmann, Hartmut (2007): Säkularisierung. Der europäische Sonderweg in Sachen Religion. Seite 87f. 2., erw. Aufl. Göttingen: Wallstein (Bausteine zu einer europäischen Religionsgeschichte im Zeitalter der Säkularisierung, 5).

[2]Voigt, Rüdiger (2016): Staatliche Souveränität. Zu einem Schlüsselbegriff der Staatsdiskussion. Wiesbaden: Springer VS (essentials).

[3]Weber, Max (2010): Politik als Beruf. 11. Aufl., 11. Aufl. Berlin: Duncker & Humblot.

[4]Vgl.: Geisler, Antonia: Jean-Jacques Rousseau. In: Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart; Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

[5]Vgl.: Hobbes, Thomas (2000): Leviathan. Erster und zweiter Teil. Unter Mitarbeit von Jacob Peter Mayer. Stuttgart: Reclam (Universal-Bibliothek, 8348).;

Vgl.: Brandt, Reinhard; Herb, Karlfriedrich (Hg.) (2000): Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts. Berlin: Akad.-Verl. (Klassiker auslegen, 20

[6]Schumacher, Eric (2013): Thomas Hobbes: Der Naturzustand des Menschen. In: Zeit Online, 25.09.2013. Online verfügbar unter http://blog.zeit.de/schueler/2013/09/25/thomas-hobbes-naturzustand/, zuletzt geprüft am 23.01.2017.

[7]Hobbes, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. (1651). In: Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart ; Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

[8]Ebd.

[9]Ebd.

[10]Hobbes, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. (1651). In: Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart ; Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

[11]Ebd.

[12]Brandt, Reinhard; Herb, Karlfriedrich (Hg.) (2000): Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts. Berlin: Akad.-Verl. (Klassiker auslegen, 20).

[13]Vgl.: Universität Köln: Das Menschenbild bei Rousseau. Philosophische Fakultät. Online verfügbar unter http://www.uni-koeln.de/phil-fak/fs-rwl/infos/examen/pdf/Rousseau2.pdf, zuletzt geprüft am 24.01.2017.

[14]Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart ; Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

[15]Rippel, Philipp (Hsg.); Rousseau, Jean-Jacques (2010): Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen: Reclam.

[16]Rippel, Philipp (Hsg.); Rousseau, Jean-Jacques (2010): Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen: Reclam.

[17]Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart; Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

[18]Hobbes, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. 1651. In: Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart. Seite 91. Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

[19]Rousseau, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. 1762. In: Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart. Seite 123. Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

[20]Rousseau, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts. 1762. In: Massing, Peter (Hg.) (2011): Demokratietheorien. Von der Antike bis zur Gegenwart. Seite 123. Texte und Interpretationshilfen. 8., völlig überarb. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Philosophie des Staates. Ein Vergleich der Kontraktualismen von Hobbes und Rousseau
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V366069
ISBN (eBook)
9783668450622
ISBN (Buch)
9783668450639
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratie, Theorien, Hobbes, Rousseau, Kontraktualismus, Kontraktualismen
Arbeit zitieren
Jan Onno Steenweg (Autor), 2017, Die Philosophie des Staates. Ein Vergleich der Kontraktualismen von Hobbes und Rousseau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366069

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