Hitlerjugend und oppositionelle Jugend - war es wirklich Widerstand?


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hitlerjugend
2.1 Hitlerjugend als Staatsjugend
2.2 Hitlerjugend und die Wirklichkeit

3 Oppositionelle Jugend im Nationalsozialismus
3.1 Die Jugend der politischen Linken
3.2 Von Bündischer Jugend zu „bündischen Umtrieben“
3.3 Jugendcliquen im Dritten Reich

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Hitlerjugend und oppositionelle Jugend – war es wirklich Widerstand? Der Literatur ist zu diesem Thema zu entnehmen, dass es in der Vergangenheit bisher nur vereinzelte historisch-soziologische Untersuchungen zur politischen Organisierung der Jugend und zum jugendlichen Oppositionspotenzial unter dem Nationalsozialismus gegeben hat.[1] Entsprechend ist es Ziel dieser Arbeit, eine Annäherung unter der o.g. Fragestellung zu versuchen. Das Thema soll dabei unter politischen und pädagogischen Aspekten erarbeitet werden – schließlich handelt es sich hier um Fragen nach der Erziehung und dem Heranreifen junger Menschen.

Daher wird im Folgenden zunächst die Hitlerjugend an sich untersucht. Ihre Forderung, Staatsjugend zu sein, der daraus resultierende Totalitätsanspruch und ihr scheinbar hoher Attraktivitätsgrad sollen im Verhältnis zur Realität und der Reaktion der Jugend im Dritten Reich betrachtet werden. Es ist Ziel, damit deutlich zu machen, welche Ursachen für die Arbeit und Entstehung jugendlicher Opposition vorliegen. Im Weiteren werden die zunächst noch organisierten Jugendverbände der politischen und Bündischen Jugend, ihre Auflösung und die daraus folgenden Reaktionen dargestellt. Einerseits soll damit bereits eine Antwort auf die Frage nach Widerstand vor Beginn des Zweiten Weltkrieges gefunden werden. Andererseits ist zu erörtern, inwiefern diese organisierten Verbände die später aufkeimenden Jugendcliquen prägten, wenn nicht sogar beeinflussten. Es ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, die konfessionelle Jugend näher zu betrachten. Abschließend wird dann einzelnen Jugendgruppen Aufmerksamkeit gewidmet, um die Untersuchung, ob es Widerstand gab, bis zum Jahr 1945 abzurunden.

2 Hitlerjugend

2.1 Hitlerjugend als Staatsjugend

Am 30.Januar 1933 kam es in Deutschland zur Machtergreifung der NSDAP. Mit ihr erhielt auch die Hitlerjugend (HJ) eine zentrale Bedeutung im Staat. Innerhalb der Partei spielte sie aber schon seit ihrer Gründung 1922 eine entscheidende Rolle. Für die Nationalsozialisten galt die HJ während ihrer Herrschaftsausübung als „Garant der Zukunft“[2]. Davon kann sicher auch schon vor 1933 die Rede sein, da die HJ zum einen der Sturmabteilung (SA) unterstellt war, zum anderen aber maßgeblich für die NS-Propaganda zuständig war. „Garant der Zukunft“ blieb die HJ auch nach der Machtergreifung. Jedoch wurden ihr von nun an andere Ziele zugedacht. Sie sollte als Staatsjugend die Macht der Nazis sichern, aber auch alleiniger Erziehungsträger neben Elternhaus und Schule sein. Daraus resultierten ein Totalitätsanspruch der HJ und die Ausschaltung anderer Jugendverbände. Das „Monopol“ der HJ wurde durch das „Gesetz über die HJ“ Ende 1936 rechtlich verankert. Endgültig verpflichtend wurde die Mitgliedschaft in der HJ aber erst 1939, als die sog. Durchführungsverordnungen verabschiedet wurden.

Die zentrale Aufgabe der Jugendarbeit der HJ war der Sport bzw. die Leibeserziehung. Mit ihr verbanden sich zahlreiche Reichsberufs- und Reichssportwettkämpfe. Damit lässt sich ein wesentlicher Aspekt erkennen, der die Attraktivität der HJ begründet. Der Reichsberufswettkampf war nach Baldur von Schirach, dem Jugendführer des Deutschen Reiches, das Symbol der HJ.[3] Entsprechend war das Begehren der Jugendlichen auch groß, sich gegenüber Gleichaltrigen durchzusetzen.

Den weitaus kleineren Anteil hatte die weltanschauliche Schulung. Sie fand v.a. auf Heimabenden sowie Fahrten bzw. in Lagern statt. Die Jugendlichen sollten weniger zu aktiven Nationalsozialisten, wohl aber zum Staat hin erzogen werden. Dies bedeutete nach Klönne einen Verzicht auf die Entwicklung einer eigenen Meinung sowie die weitgehende politisch-gesellschaftliche als auch ethische Neutralisierung der Jugend.[4] Hauptelement des Unterrichts war die Rassenkunde. Die Lehre von der arischen Rasse kann den oben benannten Drang der Jugendlichen nach sportlicher Betätigung erklären. Schließlich war es – so sah es zumindest ein HJ-Führer – von nicht zu unterschätzender Attraktivität, im Sport oder in den Wettkämpfen durch die von der HJ propagierte „rassische Auslese der Besten“ entsprechendes Selbstvertrauen zu erlangen.[5]

Zudem bot die HJ ein Programm an, das in der damaligen Zeit als durchaus jugendgemäß bewertet werden konnte. Oft wandte sie Lebensformen aus der bündischen Jugendbewegung, wie z.B. das Fahrten- und Lagerwesen an. Ohne eine solche Übernahme wäre der Aufbau der HJ nach Hellfeld und Klönne kaum so erfolgreich vonstatten gegangen.[6]

Außerdem war die HJ eine Organisation, in der sich die Jugendlichen nach Schubert-Weller ernst genommen fühlen konnten. Die HJ bot den Jugendlichen als Organisation die Chance, sich geschlossen zu präsentieren und so (gegenüber den Erwachsenen) zu entsprechender Geltung zu kommen.[7] Daher verwirklichte sich auch das Ziel der NS-Führung, in der HJ den wichtigsten Sozialisationsraum der Jugend zu schaffen.[8]

Zuletzt darf das Prinzip „Jugend soll von Jugend geführt werden“ nicht übersehen werden. Die einzelnen Führer der HJ-Gruppen waren oft nur wenig älter als die Mitglieder. Einerseits dürfte dies dazu geführt haben, dass die Jugendlichen das Gefühl bekamen, sich besser mit dem Führer identifizieren zu können. Andererseits bot sich hierin ein entsprechender Ansporn für die Jugendlichen womöglich selbst einmal die Rolle eines HJ-Führers zu übernehmen. Klönne erwähnt zwar, dass sich in dieser hoffnungsvollen Haltung auch entsprechende Konsequenzen in der Persönlichkeitsentwicklung ergaben.[9] Jedoch muss dieser „Reiz“ auch unter den o.g. Aspekten des Strebens nach Selbstbewusstsein und der „rassischen Auslese der Besten“ als entsprechend verlockend betrachtet werden.

Daher lässt sich eine Aussage von Brandenburg über den Nationalsozialismus und seine Wirkung im Verhältnis zur Bündischen Jugend sicherlich auch auf den hohen Attraktivitätsgrad der HJ übertragen:

„... [D]ieser Nationalsozialismus war so vielfältig und schillernd, daß es fast jedem möglich war, ihn zu bejahen, und Hitler war damals schon mehr ein Mythos als ein Mensch von Fleisch und Blut.“[10]

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die HJ mit ihrem scheinbar breiten Spektrum offensichtlich allen Jugendlichen etwas anzubieten hatte, mit dem sie diese an sich binden konnte.[11]

2.2 Hitlerjugend und die Wirklichkeit

Sämtliche Ergebnisse bzgl. der Attraktivität dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass damit nur eine Seite beleuchtet wird. Nach außen hin bot die HJ zwar ein für die Jugendlichen interessantes Programm an. Doch hinter dieser Fassade verbarg sich viel mehr als nur das Ziel, bloße Jugendarbeit zu betreiben.

Zahlreiche Stilformen und Betätigungsfelder entstammten aus der Bündischen Jugend. Die Leibeserziehung, die zahlreichen Wettkämpfe und damit das „Heranzüchten kerngesunder Körper“[12] dienten in Wahrheit aber nicht dazu, der Jugend ein attraktives Angebot zu machen. Von vornherein wurde das Ziel verfolgt, die Jugendlichen als potenziellen Nachwuchs auf den Krieg vorzubereiten.

Der Missbrauch, den die HJ betrieb, wird noch deutlicher, wenn man den weltanschaulichen Unterricht mit seinen Hauptelementen der Rassenkunde und „Erziehung zum Staat“ zu den Betrachtungen mit einbezieht. Weil es im Wesentlichen nur um die „rassische Auslese der Besten“ ging, wird offensichtlich, dass die Arbeit der HJ gezielt auf die Fanatisierung der Jugend abzielte. Wenn Klönne von Manipulierung spricht, so kann dies sicher durch den Begriff „Gehirnwäsche“ verstärkt werden.[13]

Auch das angeblich jugendgemäße HJ-Prinzip „Jugend soll von Jugend geführt werden“ muss überprüft werden. In Wirklichkeit war der HJ-Führer nur nach oben hin Rechenschaft schuldig, nicht aber den HJ-Mitgliedern. Er wurde von oben her eingesetzt und glich nach Klönne eher einem paramilitärischen Vorgesetzten.[14]

Ferner darf nicht übersehen werden, dass der immer stärker werdende Totalitätsanspruch und damit verbunden der Zwangscharakter, die straffe und einheitliche Organisation, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, die drakonischen Strafen bei Missachtung irgendwelcher Gesetze sowie der Drill, der ausgeübt wurde, zunehmend abschreckend wirkten. Scholtz meint daher, dass das individualisierende pädagogische Denken grundlegend verkehrt wurde.[15]

Schon vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Erziehung durch die militärische Ausbildung ergänzt. Die Lager glichen immer mehr militärähnlicher Disziplin und die wandernde Horde wurde durch die marschierende Kolonne ersetzt.[16] Die Bindung zur SS wurde mit zunehmendem Zwangscharakter der HJ und Verwirklichung der Jugenddienstpflicht auch immer intensiver.[17] Die Jugend sollte v.a. gegen Ende des Krieges als „Drittes Aufgebot“ dienen und wurde aktiv in den Krieg miteinbezogen.[18] Die nationalsozialistische Politik war, so Scholtz, zweifelsohne vom Größenwahn geprägt, aber auch vom Machtpragmatismus. Die Erziehung der Jugend war hiernach ausgerichtet.[19]

Diese Art von „Pädagogik“ kann folglich als vollkommen lebensfremd angesehen werden. Mit jugendgemäßen Lebensformen hatte sie nichts mehr zu tun. Die zu Beginn des Nationalsozialismus noch einigermaßen jugendgemäße Erziehung, die auf regelrechte Begeisterung stieß, geriet hinter den eigentlichen NS-Zwecken immer mehr in den Hintergrund. Nach Scholtz wurde das zuvor angesprochene Geltungsstreben der Jugendlichen spätestens ab 1939 nur noch ausgenutzt.[20]

[...]


[1] vgl. Klönne, Arno: Jugend im Nationalsozialismus – Ansätze und Probleme der Aufarbeitung. In: Keim, Wolfgang (Hrsg.): Pädagogen und Pädagogik im Nationalsozialismus – Ein unerledigtes Problem der Erziehungswissenschaft. 2., durchgesehene Auflage. Frankfurt am Main u.a. 1990. S.83.

[2] Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner. Dokumente und Analysen. Düsseldorf u.a. 1982. S.7.

[3] vgl. Hellfeld, Matthias von; Klönne, Arno: Die betrogene Generation. Jugend in Deutschland unter dem Faschismus. Köln 1985. S.96.

[4] vgl. Klönne 1982. S.124.

[5] vgl. Heußler, Wilhelm: Aufbau und Aufgaben der NS-Jugendbewegung. Würzburg 1940. S.25f. Zitiert nach: Klönne 1982. S.78.

[6] vgl. Hellfeld; Klönne 1985. S.18f.

[7] vgl. Schubert-Weller, Christoph: Hitlerjugend. Vom „Jungsturm Adolf Hitler“ zur Staatsjugend des Dritten Reiches. Weinheim u.a. 1993. S.196.

[8] vgl. Klönne 1982. S.55.

[9] s.a. Klönne 1982. S.130.

[10] Brandenburg, Hans-Christian: Die Geschichte der HJ. Wege und Irrwege einer Generation. 2., durchgesehene Auflage. Köln 1982. S.65.

[11] Alle nicht weiter belegten (historischen) Angaben nach: Klönne 1982. S.15-42.

[12] Hitler, Adolf: Mein Kampf. Zitiert nach: Klönne 1982. S.56.

[13] vgl. Klönne. S.124.

[14] vgl. Klönne. 1982. S.73.

[15] vgl. Scholtz, Harald: Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen 1985. S.17.

[16] vgl. Klönne 1982. S.57.

[17] vgl. Klönne 1982. S.47.

[18] vgl. Klönne 1982. S.41.

[19] vgl. Scholtz 1985. S.187.

[20] vgl. Scholtz 1985. S.182.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Hitlerjugend und oppositionelle Jugend - war es wirklich Widerstand?
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Veranstaltung
Geschichte der Pädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V36609
ISBN (eBook)
9783638361835
ISBN (Buch)
9783638756068
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit Frage, ob es im NS-Regime eine oppostionelle Jugend gab und inwiefern diese (echten) Widerstand gegen das Regime und die Hitlerjugend leistete. Die Arbeit wurde im Rahmen des Studiums der Sozialarbeit/Sozialpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule Berlin im Seminar "Pädagogik - Geschichte der Pädagogik" (WS 2003/04 - 1.Studiensemester) erstellt.
Schlagworte
Hitlerjugend, Jugend, Widerstand, Geschichte, Pädagogik
Arbeit zitieren
Henning Becker (Autor), 2004, Hitlerjugend und oppositionelle Jugend - war es wirklich Widerstand?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36609

Kommentare

  • Henning Becker am 15.8.2006

    Diskussionsanmerkung des Autors.

    Ich würde mich über Rückmeldungen sehr freuen!

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