Wodurch unterscheidet Herzeloyde sich von der mittelalterlichen Vorstellung der adligen Mutter und welche Konsequenzen hat ihre Erziehung für Parzival?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
14 Seiten, Note: 1,3
Jasmin Behrens (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die adlige Mutter im Mittelalter
2.1 Das Stillen im Adel
2.2 Die adlige Mutter und die Erziehung

3. Herzeloyde als Mutter
3.1 Herzeloyde als mütterliches Vorbild
3.2 Herzeloyde als Egoistin
3.3 Zwischenfazit

4. Konsequenzen der Erziehung Herzeloydes

5. Herzeloyde im Vergleich zu Sieglinde

6. Zusammenfassung

7. Bibliographie

1. Einleitung

Mutter sein ist ein Wert an sich: keine andere Lebensform ist so fraglos allein der Frau zugewiesen, keine andere weibliche Rolle findet ähnliche Akzeptanz in der Gesellschaft und ist gleichzeitig mit so hohen Erwartungen verknüpft. […] Eine sachliche Auseinandersetzung scheint beim ,Reizwortʻ Mutter unmöglich, so unmöglich, daß (sic!) sogar literarische Mütter dem emotionalen Verdikt verfallen, wenn sie dem idealen Grundmuster nicht entsprechen.[1]

Doch wodurch zeichnet sich die ideale Mutter – insbesondere im Adel – überhaupt aus?

In den höfischen Romanen des Mittelalters scheint es, als seien adlige Mütter nach der Geburt des zukünftigen Helden für den Verlauf der Handlung wenig wichtig; detaillierte Beschreibungen sowie Erzählungen von Aktionen der Frauen beziehen sich meist auf ihre Rollen als Ehefrau oder Königin, während mütterliche Tätigkeiten nur nebensächlich thematisiert werden. Dies erweckt den Eindruck, dass die Mutterschaft für adlige Frauen nicht oberste Priorität hatte.

Vor diesem Hintergrund ist Herzeloyde aus Wolframs von Eschenbachs Parzival definitiv eine literarische Besonderheit, sodass es lohnenswert erscheint, diese Frauenfigur als Mutter näher zu betrachten.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll daher die Beantwortung der Frage sein, inwiefern sich Herzeloyde von der mittelalterlichen Vorstellung einer Mutter im Adel unterscheidet und welche Konsequenzen ihr Verhalten für den Sohn hat.

Um dies zu analysieren, soll zunächst die Rolle der adligen Mutter in der Kindererziehung des Mittelalters erarbeitet werden. Basierend auf diesem Mutterbild wird anhand zweier verschiedener Interpretationen des Verhaltens Herzeloydes herausgearbeitet, wie sich diese Figur zum gängigen Bild der adligen Mutter verhält.

Anschließend daran soll genauer untersucht werden, welche Konsequenzen die Erziehung für den Charakter Parzivals hat.

Um die Besonderheit Herzeloydes noch einmal hervorzuheben, wird diese einer Mutterfigur aus einem anderen höfischen Roman gegenübergestellt.

Abschließend sollen die Ergebnisse der jeweiligen Untersuchungen zusammengefasst betrachtet werden.

2. Die adlige Mutter im Mittelalter

2.1 Das Stillen im Adel

Schon im Mittelalter wurde dem Stillen des Kindes eine ganz besondere Bedeutung zugeschrieben; man war überzeugt davon, dass durch die zugeführte Milch der Charakter des Kindes geprägt wurde.[2]

Die Ansicht, dass das Kind von seiner leiblichen Mutter selbst gestillt werden sollte, war im Volk weitaus verbreitet. Hauptsächlich basierte diese Überzeugung auf der mittelalterlichen Vorstellung, Muttermilch sei gebleichtes Menstruationsblut, welches der Versorgung des Neugeborenen diene.[3]

Einige befürworteten jedoch die Ernährung der Säuglinge durch Ammen; manche hielten die Milch der Mutter aufgrund von Folgen der Geburtsanstrengungen für qualitativ nicht ausreichend[4], andere waren der Ansicht, „dass die Muttermilch durch Sexualkontakte während der Stillzeit verdorben würde und dem Säugling sogar schaden könnte.“[5] Insbesondere im Adel war das Stillen des Kindes durch die leibliche Mutter keineswegs angesehen;

Im Adel und in den sozialen Schichten, die sich an seiner kulturellen Vorrangstellung orientierten, wurde Stillen [...] als animalische Tätigkeit angesehen, die sich für Damen der Gesellschaft nicht schickte, ihre Figur ruinierte und sie an der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten hinderte.“[6]

Ammen, welche die Ernährung der Kinder übernahmen, waren demnach in sozial privilegierten Schichten häufig vertreten. Sie wurden nach sorgfältiger Überlegung ausgewählt, da die Angst verbreitet war, durch die Milch einer schlechten Amme könnten auch schlechte Eigenschaften übernommen werden.[7]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Stillen der Kinder durch die leibliche Mutter im Adel nicht üblich war, sondern stattdessen von Ammen übernommen wurde. Diese wurden sehr bedacht ausgewählt, um eine schlechte Beeinflussung des Kindes zu vermeiden.

2.2 Die adlige Mutter und die Erziehung

Das Stillen war in der höfischen Erziehung nicht die einzige Aufgabe, die von Ammen übernommen wurde; abgesehen davon, dass sie die Frauen bei der Geburt unterstützen, waren sie außerdem für die Kinderbetreuung zuständig.[8]

„Bis zum siebten Lebensjahr lebten adlige Kinder im Frauenzimmer, wo auf ihre kindlichen Bedürfnisse Rücksicht genommen wurde.“[9] Hier kümmerten sich sowohl die Mutter selbst, als jedoch vor allem die Ammen und andere Angestellte des Hofes um das Kind. Die Aufgaben innerhalb der kindlichen Erziehung waren fest vorgegeben und geschlechtsspezifisch aufgeteilt; „Die Mutter und ihre Umgebung [hatten] das emotionale Umfeld zu schaffen, väterliche Erzieher [übernahmen] die körperliche und geistige Ausbildung.“[10]

Diese begann bei den Knaben nach dem siebten Lebensjahr. Hierzu wurde der Sohn von ausgewählten Rittern, oder am Hofe eines Fürsten ausgebildet, wobei die Aneignung ritterlicher Fähigkeiten im Mittelpunkt stand.

Der fürstliche Hof war im Spätmittelalter die wichtigste Erziehungseinrichtung des Adels, denn höfisches Verhalten ließ (sic!) sich nur bei Hofe erlernen. […] Die Dauer des Aufenthalts war unbestimmt.[11]

Dementsprechend waren die adligen Mütter an diesem Teil der Erziehung nicht nur unbeteiligt, sondern viele sahen ihre Söhne über einen Zeitraum von einigen Jahren nicht wieder.[12]

Resümierend kann festgehalten werden, dass nicht nur das Stillen, sondern auch andere erzieherische Aufgaben von Ammen und Ausbildern übernommen wurden, sodass die adlige Mutter – wenn überhaupt – nur einen kleinen Beitrag zur Erziehung leistete. Spätestens ab dem siebten Lebensjahr des Kindes wurde die weitere Ausbildung gänzlich von anderen übernommen, so dass eine große Distanz zwischen Mutter und Kind durchaus gängig war.

3. Herzeloyde als Mutter

Wie in der Einleitung bereits angedeutet, ist Herzeloyde in Bezug auf adlige Mütter des Mittelalters eine literarische Ausnahme.

In der folgenden Analyse soll aufgezeigt werden, inwiefern sie sich von dem erarbeiteten Mutterbild unterscheidet. Hierzu werden zwei verschiedene Interpretationen des Verhaltens von Herzeloyde betrachtet, anhand derer sowohl die Besonderheit Herzeloydes erarbeitet, als auch verschiedene Möglichkeiten der Wertung aufgezeigt werden sollen.

3.1 Herzeloyde als mütterliches Vorbild

Kurz nachdem Herzeloyde von dem Tod ihres Mannes erfährt, bringt sie den gemeinsamen Sohn Parzival zur Welt. Zwar ist Herzeloyde aufgrund des Verlustes Gahmurets schmerzerfüllt, gleichzeitig zeigt sie jedoch auch Freude über die Geburt des Kindes:

die küngîn des geluste
daz sin vil dicke kuste.
Si sprach hinz im in allen flîz
›bon fîz, scher fîz, bêâ fîz.‹ (113, 1-4).[13]

Die Liebkosungen sowie die wiederholte Bezeichnung „fîz“ für Parzival können als Ausdruck von Mutterliebe interpretiert werden.

Herzeloyde erscheint hier in einer neuen Rolle; sie ist nicht mehr Ehefrau und Königin von Waleis, sondern Mutter. Ihr mütterliches Empfinden äußert sich darin, daß (sic!) sie Parzival […] von Anfang an mit Kosenamen bezeichnet.[14]

Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass die Königin die Aufgabe des Stillens ohne zu zögern selbst übernimmt, was für eine Frau ihres Standes unüblich ist:

selbe ewas sîn amme
diu in truoc in ir wamme:
an ir brüste si in zôch,
die wîbes missewende vlôch (113, 9-12).

Herzeloyde empfindet ihr außergewöhnliches Verhalten jedoch als richtig, denn schließlich verhält sie sich so, wie das Vorbild aller Mütter; die Maria Muttergottes: diu hœhste küneginne / Jêsus ir brüste bôt (113, 18-19). [15]

Parzivals Mutter ist mit dem Besitz dreier Länder eine sehr mächtige Königin, lässt aber nun in voller Trauer all ihren Reichtum zurück und flieht mit ihrem Gefolge und Parzival in das Ödland Solitude, wo dieser fernab des Ritterdaseins aufwachsen soll. Wolfram selbst behauptet, dieses Leben in Armut sei von Herzeloyde aus triuwe (116, 19) heraus gewählt worden,[16] wodurch deutlich wird, dass die Mutterschaft für sie wichtiger ist, als ihre Herrschaft. Damit unterscheidet sie sich von gewöhnlichen Müttern des Adels, denn Kinder sollten ihre Eltern bei der Ausführung der Herrschaft nicht behindern und standen somit nicht an erster Stelle.

Herzeloyde verzichtet auf das, was ihr standesgemäß zusteht und beginnt ein neues Leben in Einfalt. Nicht nur das Stillen übernimmt sie selbst; Si kunde wol getriuten / ir sun (117, 18-19), wodurch sie weiterhin die Bezugsperson für Parzival bleibt. Somit führt Herzeloyde erzieherische Aufgaben aus, für die im Adel normalerweise Ammen zuständig waren.

Als Parzival seine Mutter schließlich verlässt, ist ihr Schmerz so groß, dass sie diesen nicht überlebt. Dies verdeutlicht, dass Herzeloyde in ihrer Mutterschaft so sehr aufgegangen ist, dass sie sich nur noch durch die Rolle als Mutter definiert, während die Herrschaft für sie nicht mehr von Bedeutung ist. Als Parzival aufbricht, verliert sie nicht nur ihre Identität, sondern auch ihr Leben.

Durch diese Interpretation lässt sich das Verhalten Herzeloydes als vorbildlich werten; dass sie selbst stillt und auch die weitere Erziehung übernimmt, zeugt von Hingabe an die Mutterschaft. Um Parzival vor den Gefahren des Ritterdaseins zu beschützen, opfert die Königin ihr adliges Dasein, so dass für sie nicht die Ausübung der Herrschaft, sondern die Erziehung des Kindes zur Lebensaufgabe wird. Damit unterscheidet Herzeloyde sich nicht bloß vom gängigen Bild der adligen Mutter, sondern strebt in ihrem Verhalten der Maria Muttergottes nach.

[...]


[1] Brinker-von der Heyde, Claudia: Geliebte Mütter – Mütterliche Geliebte, Rolleninszenierung in höfischen Romanen. Bonn: Bouvier 1996, S.9.

[2] Vgl.: Arnold, Klaus, Kindheit im europäischen Mittelalter. Zur Sozialgeschichte der Kindheit, Band 4. (1986), S.451.

[3] Brinker-von der Heyde, Geliebte Mütter – mütterliche Geliebte. S.217.

[4] Vgl.: Ebd., S.218.

[5] Planert, Ute: V. Familie im Wandel; Mythos Familie – Spiegel Special 4/2007. Unter: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-52497373.html.

[6] Ebd.

[7] Vgl.: Arnold, Klaus, Kindheit im europäischen Mittelalter. S. 451.

[8] Vgl.: Deutschländer, Gerrit: Dienen lernen, um zu herrschen. Berlin, 2012, S.85.

[9] Ebd.: S.68.

[10] Brinker-von der Heyde, Geliebte Mütter-Mütterliche Geliebte, S.243 f.

[11] Deutschländer: Dienen lernen, um zu dienen, S.338.

[12] Töchter blieben im Gegensatz zu Söhnen meist am Hof, sodass sie auch über das siebte Lebensjahr hinaus unter der Aufsicht des Frauenzimmers blieben. Da dies für die weitere Betrachtung nicht von Bedeutung ist, wird auf diesen Unterschied nicht näher eingegangen.

[13] Ich zitiere nach folgender Ausgabe: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kommentiert von Eberhard Nellmann. Übertragen von Dieter Kühn. Frankfurt am Main [Deutscher Klassiker Verlag] 1994.

[14] Vgl.: Russ, Anja: Kindheit und Adoleszenz in den deutschen Parzival- und Lancelot-Romanen: hohes und spätes Mittelalter, Stuttgart 2000, S.38.

[15] Herzeloyde ist in der weltlichen Literatur die erste Mutter, die selbst stillt. Dementsprechend „wird das Stillen auch als Anbrechen einer neuen Zeit interpretiert: Es ist Ausdruck von Mutterliebe und Geborgenheit“ (Vgl.: Russ, Anja: Kindheit und Adoleszenz in den deutschen Parzival- und Lancelot-Romanen, S.39) Auch Brinker-von der Heyde hebt die Bedeutung des Stillens von Herzeloyde besonders hervor, vor allem „weil zum ersten Mal in der Literatur explizit die analoge Gestaltung der Mutter eines sterblichen Kindes und der Mutter des Gottessohnes gewagt wird“ ( Brinker-von der Heyde, Geliebter Mütter-Mütterliche Geliebte, S.237).

[16] Das Wort triuwe wird in der Vorliegenden Textausgabe mit Mutterliebe übersetzt.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wodurch unterscheidet Herzeloyde sich von der mittelalterlichen Vorstellung der adligen Mutter und welche Konsequenzen hat ihre Erziehung für Parzival?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V366316
ISBN (eBook)
9783668451087
ISBN (Buch)
9783668451094
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wodurch, herzeloyde, vorstellung, mutter, konsequenzen, erziehung, parzival
Arbeit zitieren
Jasmin Behrens (Autor), 2016, Wodurch unterscheidet Herzeloyde sich von der mittelalterlichen Vorstellung der adligen Mutter und welche Konsequenzen hat ihre Erziehung für Parzival?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366316

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wodurch unterscheidet Herzeloyde sich von der mittelalterlichen Vorstellung der adligen Mutter und welche Konsequenzen hat ihre Erziehung für Parzival?


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden