Das zierliche Mädchen - Untersuchung der Erzählung von Hans Janowitz unter erzähltheoretischen Aspekten sowie Deutungsansätze und Figurenanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
22 Seiten, Note: 2

Leseprobe

INhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. Erzähltheoretischer Überblick

3. Analyse der Figuren
3.1. Das zierliche Mädchen
3.2. Der Jüngling
3.3. Die Beziehung zwischen den beiden Figuren

4. Analyse ausgewählter Elemente
4.1. Die Zusammenkunft der Figuren
4.2. Der Schluss der Erzählung
4.2.1. Der Zirkus
4.2.2. Der Mord am zierlichen Mädchen
4.2.3. Die Reaktionen auf den Mord
4.3. Moral und Sühne

5. Die Rolle des Erzählers

6. SCHLUSSBETRACHTUNG

7. QuellenVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Die Erzählung „Das zierliche Mädchen“[1] hinterlässt bei dem Rezipienten einige Unklarheiten. Die Intention des Erzählers bleibt offen, es wird nicht bekannt, was mit dieser Erzählung ausgesagt werden soll. Die moralische Einordnung bleibt dem Leser überlassen, auch die Rolle der Sühne und die Bedeutung des Textendes bedürfen einer Interpretation.

In dieser Hausarbeit sollen Interpretationsansätze für die Erzählung von Hans Janowitz vorgestellt werden. Hierzu werde ich zunächst einen kurzen Einblick in die erzähltheoretische Untersuchung des Textes geben und mich anschließend der Analyse der Figuren widmen. Die Beziehung zwischen den Figuren ist ebenso elementar für die Deutung der Erzählung wie die sexuelle Begegnung zwischen dem Mädchen und dem Jüngling. Für eine Interpretation – insbesondere die Auslegung des Schlusses – könnte zudem die Bedeutung von Moral und Sühne aufschlussreich sein. Diese und weitere ausgewählte Textelemente werde ich im vierten Abschnitt untersuchen.

Im Schlussteil dieser Ausarbeitung sollen dann Gründe für die verstärkte Sympathie mit dem Jüngling aufgezeigt werden, die eventuell im Zusammenhang mit der Existenz einer Verbindung zwischen dem Jüngling und dem Erzähler stehen könnten.

2. Erzähltheoretischer Überblick

„Das zierliche Mädchen“ ist eine chronologische Erzählung mit einigen Analepsen großer Reichweite. Besonders zu Beginn der Erzählung, in dem eine iterative Erzählweise überwiegt, reichen die Analepsen bis in die frühe Kindheit des Mädchens zurück. Ausgehend von der Darstellung und Beschreibung des sechzehnjährigen Mädchens erfährt der Leser mehr über ihre Verhaltensweisen, die sie schon als Elfjährige an sich hatte.[3] Hier findet man also einen Verweis auf die Vergangenheit vor, der eine Zeitspanne von fünf Jahren überbrückt.[2]

Im weiteren Verlauf der Erzählung sind weniger Rückblicke zu finden, zudem werden hier überwiegend singuläre Ereignisse geschildert. Die Geschehnisse im Zirkus und die anschließende Ermordung des Mädchens werden im Vergleich zu der vorherigen Raffung der Ereignisse detaillierter beschrieben. Hier nähern sich die erzählte Zeit und die Erzählzeit ein wenig an.

Die Geschwindigkeitssteigerung in der genannten Szene geht mit einer lebhafteren Schilderung der Ereignisse einher. Die Verfolgung und Ermordung des Mädchens sowie die Gefühle des Jünglings am Ende der Erzählung werden auf einer symbolischen Ebene dargestellt. Die Begriffe aus der Jagdwelt und die Naturbegriffe tragen zur Dramatisierung und Ausdruckssteigerung des Geschehens bei und können auch als expressionistische Elemente aufgefasst werden.

Durch das Fehlen von direkter Figurenrede in der gesamten Erzählung wird eine Distanz zum Geschehen aufgebaut, die Erzählform ist narrativ. Meist wird aus der Perspektive des Mädchens[4], am Ende der Erzählung aus der Sicht des Jünglings[5] berichtet. Es handelt sich um eine Nullfokalisierung.

Obwohl die Erzählung keinen Aufschluss über den genauen zeitlichen Abstand zwischen Erzählen und Geschehen gibt, ist jedoch klar, dass es sich um einen späteren Zeitpunkt des Erzählens handelt. Der Erzähler ist unbeteiligt am Geschehen der Erzählung, welche auf erster Ebene erzählt wird (extradiegetische Erzählung).

3. Analyse der Figuren

3.1 Das zierliche Mädchen

Der Titel der Erzählung vermittelt den Eindruck, dass dessen Hauptfigur das zierliche Mädchen sei. Selbstverständlich spielt das Mädchen eine große Rolle für die Erzählung, die Sympathieverteilung und das Überleben des Jünglings lässt jedoch vermuten, dass er die Hauptfigur sei.[6] Doch auch die Beziehung des Jünglings zum zierlichen Mädchen ist für die Erzählung von großer Bedeutung, aus diesem Grund soll auch das Mädchen hier näher beschrieben und sein Wesen analysiert werden.

Das zierliche Mädchen ist sechzehn Jahre alt und befindet sich in der Adoleszenz. An vielen Textstellen wird deutlich, dass sich das Mädchen seiner bereits gewonnenen äußerlichen Weiblichkeit und Attraktivität langsam bewusst wird. Es bewegt sich mehr und mehr wie eine Frau:

„[…] die kindlichen Formen hatten Schwung erhalten und Gang und Linie wirkten irgendwie entzügelt. Täglich sprach sich in ihrem Gesicht mehr und mehr eine dirnenhafte Willigkeit aus. […] Sie begann sich schon etwas in den Hüften zu wiegen, die voller wurden, aber der Gang zeigte noch die einstige Grazie […]“.[7]

Das Mädchen ist selbstbewusst, was insbesondere in seinem Umgang mit erwachsenen Männern und ihrem freizügigen Sexualleben zum Ausdruck kommt. Es ist trotz des jugendlichen Alters sexuell sehr aktiv und wird auch als triebhaftes[8] Mädchen mit einem ausschweifenden Sexualleben[9] beschrieben. Neben den masochistischen Neigungen[10] des Mädchens wird auch dessen häufiges Wechseln seiner Sexualpartner angeführt. Das Mädchen erscheint sehr fröhlich und temperamentvoll[11]. Es ist unternehmungslustig und hat eine Leidenschaft für Zirkuskunst und Zauberei.[12]

Insgesamt fällt auf, dass das Mädchen auch als „schönes Kind“[13] benannt, die Bezeichnung „junge Frau“ aber völlig vermieden wird. Die weiblichen Rundungen machen das Mädchen äußerlich zu einer jungen Frau, auch seine sexuellen Interessen entsprechen denen einer Erwachsenen. Die „romantische Sucht“[14] und ihre Begeisterung für den Zirkus deuten jedoch auf „letzte kindliche Züge“ im Mädchen hin, die aus ihrer Kindheit geblieben sind. Vermutlich soll mit der Bezeichnung die Ambivalenz der Figur deutlich gemacht werden. Das Mädchen wird einerseits als zierlich etikettiert und hat kindliche Züge an sich, andererseits führt es ein unverblümtes Leben, macht insgesamt einen eher „derben“ Eindruck. Auch die Eigenschaften, die das Mädchen tatsächlich an sich hat und die, die der Jüngling in dem Mädchen zu suchen scheint, stellen sich ambivalent dar.

Das zierliche Mädchen wird vor allem durch seine Handlungen beschrieben. Der Leser erfährt nahezu nichts über die innere Welt des Mädchens wie z.B. Gefühle. Das Mädchen selbst ist also sehr oberflächlich dargestellt, nur die äußere Welt des Mädchens, mit seinen Erlebnissen und Handlungen, ist explizit dargestellt.

3.2 Der Jüngling

Der Jüngling wirkt – insbesondere im direkten Vergleich zum Mädchen – sehr traurig und introvertiert.[15] Er verbringt den Sommer trotz seines hohen Gesellschaftsstatus „ungesellig“[16] und hält sich abgesondert.[17] Diese Außenseiterrolle ist vermutlich durch die Scheu des Jünglings zu erklären.

[...]


[1] Janowitz (1913).

[2] Vgl. Martinez/ Scheffel (2002). Die folgenden Begriffe zur Beschreibung erzähltheoretischer Merkmale sind der „Einführung in die Erzähltheorie“ der genannten Autoren entnommen.

[3] Vgl. Janowitz (1913): S. 363.

[4] Vgl. Janowitz (1913): S. 367: „Das Mädchen sah […]“.

[5] Vgl. Janowitz (1913): S. 365: „Seine Erinnerung suchte […] nach den Zügen ihrer schönen Kindheit […]“.

[6] In Abschnitt fünf dieser Hausarbeit werde ich auf diese Frage näher eingehen.

[7] Janowitz (1913): S. 364 f.

[8] Vgl. Janowitz (1913): S. 364: „[…] aber ihre Triebe gelangten eher in einer Nacht […] zur Befriedigung, in Nachmittagen, die sie mit Strölchen […] durchhurte.“

[9] Vgl. Janowitz (1913): S. 365: „Unkeuschheit und allzubereite[r] Willigkeit“.

[10] Vgl. Janowitz (1913): S. 364: „Und worin ihre Lust eigentlich gipfelte […], das waren Hiebe, Peitschenhiebe, Stockhiebe, die Schläge sehniger Fäuste.“.

[11] Vgl. Janowitz (1913): Sein Temperament wird in der Beschreibung der Art der Bewegung des Mädchens (S. 364f), aber auch in der Szene deutlich, in der es gemeinsam mit einem anderen Mädchen um die Gunst des Artisten buhlt (S. 367).

[12] Vgl. Janowitz (1913): S. 363f.

[13] Janowitz (1913): S. 365.

[14] Janowitz (1913): S. 363.

[15] Vgl. Janowitz (1913): S. 365.

[16] Janowitz (1913): S. 365.

[17] Vgl. Janowitz (1913): S. 366.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das zierliche Mädchen - Untersuchung der Erzählung von Hans Janowitz unter erzähltheoretischen Aspekten sowie Deutungsansätze und Figurenanalyse
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V36632
ISBN (eBook)
9783638362016
ISBN (Buch)
9783638653633
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mädchen, Untersuchung, Erzählung, Hans, Janowitz, Aspekten, Deutungsansätze, Figurenanalyse, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Beeke Tillert (Autor), 2004, Das zierliche Mädchen - Untersuchung der Erzählung von Hans Janowitz unter erzähltheoretischen Aspekten sowie Deutungsansätze und Figurenanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36632

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