Das Potenzial von internationalen Sportgroßereignissen zur Stärkung der nationalen Identität. Die Fußballweltmeisterschaften 2006 in Deutschland & 2010 in Südafrika


Bachelorarbeit, 2015

54 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1 Relevanz
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit
1.4 Forschungsstand und grundlegende Literatur

2. KONZEPTIONELLE UND BEGRIFFLICHE GRUNDLAGEN
2.1 Nationale Identität
2.1.1 Nationalismus
2.1.2 Patriotismus
2.2 Sport und nationale Identität
2.2.1 Potenzial von Sportgroßereignissen
2.2.2 Fußball als ,Ankerpunkt"
2.2.3 Einfluss der Massenmedien
2.2.4 Einfluss der Globalisierung.

3. HYPOTHESEN UND METHODIK
3.1 Hypothesen
3.2 Operationalisierung

4. EMPIRIE: STÄRKUNG NATIONALER IDENTITÄT DURCH FUßBALLWELTMEISTERSCHAFTEN
4.1 FUßBALLWELTMEISTERSCHAFT 2006 IN DEUTSCHLAND.
4.1.1 Nationale Identität vor und nach der Weltmeisterschaft.
4.1.2 Einfluss der massenmedialen Berichterstattung.
4.1.3 Einfluss der Globalisierung auf die Zurschaustellung nationaler Symbole
4.2 FUßBALLWELTMEISTERSCHAFT 2010 IN SÜDAFRIKA.
4.2.1 Nationale Identität vor und nach der Weltmeisterschaft
4.2.2 Einfluss der massenmedialen Berichterstattung.
4.2.3 Einfluss der Globalisierung auf die Zurschaustellung nationaler Symbole.

5. ANALYSE

6. FAZIT UND AUSBLICK

7. ABSTRACT

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beurteilung der wichtigsten Sportinformationsmedien aus Nutzersicht, Quelle: Statista.de

Abbildung 2: Veränderung des deutschen Nationalstolzes von 1994 bis 2009, Quelle: Statista.de

1. Einleitung

1.1 Relevanz

Sowohl die Olympischen Spiele, als auch die Europa- und Weltmeisterschaften im Fußball gehören zu den sportlichen Großereignissen, die es vermögen, ein globales Publikum zu erreichen. Der Umstand, dass der Sport internationale Beachtung durch die Ausrichtung sportlicher Großereignisse erlangt, macht ihn zum idealen Medium für die Politik und andere Gesellschaftsbereiche, ihre Eigeninteressen einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen (Groll, 2007). Die ausrichtenden Nationalstaaten solcher Großevents haben oftmals unter Beweis gestellt, dass sie das Potenzial des Sports für eine Vielzahl von Zwecken benutzten, einschließlich der Steigerung des nationalen Prestiges, der Sicherstellung der eigenen Rechtsmäßigkeit, zur Kompensation anderer Aspekte innerhalb des Staates und um internationale Rivalitäten mit friedlichen Mitteln auszutragen (Bairner, 2001). Die Instrumentalisierung von globalen Sportspektakeln sowie die verstärkten wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen diese auszurichten, sind klare Hinweise auf eine zunehmende Globalisierung des Sports und der Medien (Tomlinson, 2006). Es muss allerdings konstatiert werden, dass die politische Instrumentalisierung des Sports lange vor den Anfängen der Massenmedien oder einer einsetzenden Globalisierung, von Bedeutung war. Der noch heute geltende Ausspruch „Brot und Spiele“ wurde bereits im alten Griechenland und in Rom geprägt. War die anfängliche Inszenierung des Sports hauptsächlich innenpolitisch ausgerichtet, findet in der heutzutage stärker globalisierten Welt eine zunehmende Ausrichtung auf die Außenpolitik statt, um sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Bei internationalen Wettkämpfen soll der Welt die eigene Leistungsfähigkeit vor Augen geführt und in der eigenen Bevölkerung Gefühle der nationalen Stärke geweckt werden, um ebenso die nationale Identität zu stärken (Groll, 2007). Insbesondere transnationale Medienereignisse wie die Olympischen Spiele und die Fußball- weltmeisterschaft kreieren einen scharfen Wettbewerb unter den Nationen um deren Austragung. Diese sowohl gekonnt in Szene zu setzen, als auch

Diskurse sowie Erzählungen des internationalen Wettbewerbs und nationale Rivalitäten zu schüren, sind Bestandteil deren Vermarktung (Tomlinson, 2006). Der Sport hat damit immer eine wichtige Rolle bei der staatlichen Förderung von nationaler Identität gespielt. Zwischen dem Sport, der nationalen Identität und dem Nationalismus bestehen starke Verbindungen. Deswegen wird der Sport gerne auch von Politikern benutzt, um im Kontext von Sportveranstaltungen Nationalstolz zu wecken oder die Intention der Nationenbildung zu bestärken (Bairner, 2006). In diesen Kontext können die Weltmeisterschaften 2006 in Deutschland und 2010 in Südafrika eingeordnet werden und sollen in dieser Arbeit genauer hinsichtlich ihres Potenzials zur Stärkung nationaler Identität analysiert werden. Im Hinblick auf zukünftige Sportgroßereignisse, gilt es insbesondere bei den Fußball- weltmeisterschaften 2018 in Russland oder 2022 in Katar, das Potenzial von Sportgroßereignissen zur Durchsetzung nationaler Interessen kritisch zu hinterfragen.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, ob Fußballweltmeisterschaften das Potenzial bergen, nationale Identität zu stärken. Dabei sollen auch verschiedene Facetten und Ausprägungen nationaler Identität näher beleuchtet werden bzw. wie diese während einer Weltmeisterschaft zu Tage treten. Als Multiplikator von Kommunikation sollen auch die Medien bzw. die massenmediale Berichterstattung betrachtet werden. Ob diese zu einer Verstärkung nationaler Identität im Zuge von Sportgroßereignissen beitragen können, soll auch im Rahmen dieser Arbeit erörtert werden. Ein weiterer gewichtiger Einflussfaktor auf nationale Identität ist die Globalisierung. Daher wird diese in die vorliegende Arbeit miteinbezogen und ihre Auswirkungen auf die Zurschaustellung nationaler Symbole im Kontext der Fußballweltmeisterschaften untersucht, welche sich wiederum auf die Stärkung nationaler Identität auswirken können.

1.3 Aufbau der Arbeit

Nach Einführung und Erläuterung der wichtigsten Fragestellungen in Kapitel

1. sollen in Kapitel 2. die theoretischen Fundamente gelegt werden, um ein besseres Verständnis von nationaler Identität zu erlangen bzw. wie diese durch Sport und im Kontext von Sportgroßereignissen verstärkt werden kann. Dazu werden in Kapitel 3. Kriterien erarbeitet, auf deren Grundlage, die in diesem Kapitel ebenfalls aufgestellten Hypothesen, operationalisierbar gemacht werden können. Eine empirische Betrachtung der Weltmeisterschaften 2006 in Deutschland und 2010 in Südafrika erfolgt in Kapitel 4.. In Kapitel 5. werden in einer Analyse der vorliegenden Weltmeisterschaften und unter Zuhilfenahme der bereits erarbeiteten Kriterien die Hypothesen belegt oder falsifiziert. Abschließend erfolgt in Kapitel 6. eine Schlussbetrachtung und ein Ausblick auf zukünftige Weltmeisterschaften und deren Herausforderungen vor dem Hintergrund einer möglichen politisch motivierten Inszenierung nationaler Identität.

1.4 Forschungsstand und grundlegende Literatur

Zum Themenkomplex nationale Identität gibt es zahlreiche Abhandlungen, Theorien und wissenschaftliche Herangehensweisen. Einige der einflussreichsten Autoren auf diesem Gebiet, welche den Diskurs über nationale Identität geprägt haben, sind Hobsbawm (2004), Renan (1882), Gellner (1991) Dann (1993), Andersson (1983) Estel (2002) und Nora (1990). Einige dieser Autoren stellen auch bedingt einen Bezug zum Sport her, haben sich aber zumeist nicht tiefergehend mit dem dieser Arbeit zugrunde liegenden Thema auseinandergesetzt. Der überwiegende Teil der Abhandlungen über Sport und Sportgroßereignisse, deren Potenzial und Inszenierung beziehen sich auf die massenmediale Vermarktung und sind vielfach stark publizistischer Natur (vgl. Gondorf, 2011; Moldenhauer, 2010; Hattig, 1994; Schaffrath, 2009). Einige dieser Abhandlungen gehen auch auf den Transport nationaler Stereotype durch die mediale Berichterstattung ein. Sie stellen aber nur selten einen Zusammenhang zwischen einer bewusst inszenierten Stärkung nationaler Identität während dieser Sportgroßereignisse her. Dieser Themenkomplex wird von Schwier & Leggewie (2006) als auch von Mittag & Nieland (2007) bedingt thematisiert, welche dem Fußball und vor allem Sportgroßereignissen im Fußball eine kulturelle und gesellschaftliche Projektionsfläche verorten und sein identitätsstiftendes Potenzial darlegen, sowie die einflussnehmenden Faktoren der Massenmedien und der Globalisierung mit einbeziehen.

2. Konzeptionelle und begriffliche Grundlagen

Dieser Teil der vorliegenden Arbeit soll, sowohl ein besseres Verständnis des Begriffes nationaler Identität, als auch dessen Untergliederungen in die Begrifflichkeiten von Nationalismus und Patriotismus ermöglichen. Diese Erscheinungsformen gilt es im folgenden Kapitel von einander abzugrenzen und darzustellen, durch welche Einflussgrößen diese, bei Sportgroß- ereignissen maßgeblich beeinträchtigt werden bzw. wie sie mit dem Sport in Verbindung stehen.

2.1 Nationale Identität

Die Begriffsbestimmung der nationalen Identität vorzunehmen erweist sich als komplexes Unterfangen. Unzählige Abhandlungen und Studien haben sich mit dem Themenkomplex „nationale Identität“ beschäftigt. Es gibt in dieser Hinsicht unterschiedliche Herangehensweisen und theoretische Konstrukte, von denen die einflussreichsten im Folgenden vorgestellt werden sollen.

Das Prinzip der nationalen Identität beruht auf dem modernen Verständnis von Nation und Nationalstaat, welches vor allem durch und nach der Französischen Revolution geprägt wurde. Ausschlaggebend bei der Proklamation der französischen Nation waren die Werte Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Der Konsens auf die Schöpfung gemeinsamer Werte und die Entwicklung einer gemeinsamen Nationalkultur stehen im Zentrum der modernen Nation (Gellner & Büning, 1991). Für Gellner und Büning ist das Bestreben des Menschen nach Orientierung an Nationalität und damit einhergehend einer nationalen Identität selbst im Zeitalter der Globalisierung unabdingbar:

„ Ein Mensch braucht eine Nationalität, so wie er eine Nase und zwei Ohren haben muss; das Fehlen eines dieser Attribute ist zwar nicht unvorstellbar und mag von Zeit zu Zeit vorkommen, aber nur als Ereignis eines Unglücks: Es ist selbst eine Art Unglück. “ (Gellner & Büning, 1991, S.15)

Der Religionswissenschaftler Ernest Renan spricht in seiner berühmten Vorlesung 1882 an der Sorbonne von der Nation, als ein „tägliches Plebiszit“, das als täglich erneuerte Zustimmung des Staatsbürgers zu seiner Nation verstanden werden kann. Er verwirft viele der gängigen Definitionen, welche sich hauptsächlich auf die Sprache, Rasse, Konfession oder Territorialgrenze als alleinige Unterscheidungskriterien beziehen, da sie nicht für alle Nationen anwendbar sind. Vielmehr versteht er die Nation als ein geistiges Prinzip, welches sich sowohl aus einem reichen Erbe an Erinnerungen, als auch aus der Opferbereitschaft vergangener und zukünftiger Tage der Solidargemeinschaft zusammensetzt (Vogt, 1967). Ähnlich den Gedanken von Renan beschreibt Bernd Estel (2002) als Charakteristikum das „Wir- Bewusstsein“ einer Nation, was von Benedict Anderson (1983) als „vorgestellte Gemeinschaften“ („immagined Communities“) begriffen wird, welche zwar durch die räumliche Trennung keinen direkten Kontakt zueinander haben, jedoch indirekt als Vorstellungen in den Köpfen der Mitglieder als Gemeinschaft existieren. Eine solche Wahrnehmung der Gemeinschaft wird auch als Nationalbewusstsein bezeichnet und drückt sich für gewöhnlich durch stärkeres Handeln im Bezug auf nationale Institutionen aus, als es bei einem rein ethnischen Bewusstsein der Fall wäre (Estel, 2002). Die nationale Identität formt sich auch aus Konstruktion bzw. Rekonstruktion nationaler Narrationen, welche gemeinsame Erinnerungsorte generieren, die wichtig sind für die Schaffung einer kollektiven Identität (vgl. Bhabha, 2000; Nora, 1990). Erinnerungsorte stellen Erinnerungen an reale oder imaginäre Orte dar, an welche gemeinsame Erfahrungen und Emotionen, Erfolge sowie Misserfolge einer Gruppe verknüpft sind. Diese haben sich durch ihre sinnstiftende Eindrücke tief ins kollektive und kulturelle Gedächtnis verankert (Nora, 1990). Abgesehen von der geschichtlichen Komponente spielen auch Symbole bei der Identitätskonstruktion eine wichtige Rolle. Symbole erlangen ihre Bedeutung für kollektive Identitäten, da sie innerhalb einer Gemeinschaft die Gleichheit bewusst vor Augen führen (Jenkins, 2008). Sowohl bei der Konstruktion als auch der Aufrechterhaltung nationaler Identität gilt es als unbestrittene Tatsache, dass Symbole eine tragende Rolle spielen. Hobsbawm (2004) spricht in diesem Kontext von nationalen Ikonen. Bilder, Praktiken, rituelle Worte, regelmäßig stattfindende Festspiele oder Wettkämpfe und vor allem Flaggen dienen als Symbole der nationalen Darstellung schlechthin.

Um die Begrifflichkeit der nationalen Identität etwas greifbarer und allgemeiner zu formulieren bezieht sich Piwoni (2012) auf die Ausführungen von Bernd Estel und verortet die nationale Identität als eine besondere Form der kollektiven Identität, welche auf das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gruppe von Menschen zurückgreift, die sich als Angehörige einer gemeinsamen Nation versteht (Piwoni, 2012). Die Identifikation mit der als positiv wahrgenommenen Nation wird zur Ressource für das individuelle Selbstwertgefühl. Eine starke Identifikation mit der Nation wird nun allerdings keineswegs als ausschließlich positives Merkmal von Personen betrachtet. Die normativen Debatten kreisen vielmehr um die Frage, an welchem Punkt die Identifikation mit dem Nationalstaat in unerwünschten Nationalismus umschlägt. In diesem Zusammenhang wird oft zwischen wünschenswertem „Patriotismus“ und einem schädlichen „Nationalismus“ differenziert (Mutz, 2012).

2.1.1 Nationalismus

Die Ideologie des Nationalismus wird zumeist als eine überhöhte Form der nationalen Identität verstanden. Nach einer Definition von Dann (1993) kann der Nationalismus als ein politisches Verhalten verstanden werden, dessen Überzeugung es ist, dass nicht alle Nationen und Völker gleichwertig sind, sondern fremde Völker und Kulturen als minderwertiger eingestuft werden. Ferner geht Dann (1993) davon aus, dass der Nationalismus eine Form von radikalisiertem nationalem Verhalten ist, welches den Patriotismus gefährdet. Der Nationalismus geht tendenziell eher von einem ethnisch-kulturellen homogenen Verständnis der Nation aus, währenddessen der Patriotismus

vielmehr auf dem Konzept einer „politisch fundierten Willensgemeinschaft“ fußt, welche eine ethnisch-kulturelle Pluralität miteinbezieht (Klein, 2014). Die Gefahr eines übersteigerten Nationalismus besteht in dem Potenzial, breite Massen mobilisieren zu können. Vor allem nationalistische Fanatiker folgen dieser Ideologie oft aus einem übersteigerten Nationalismus heraus und adaptieren chauvinistische Verhaltenszüge, welche den demokratischen Grundgedanken von verschiedenartigen Werten und Wahrheiten diametral gegenüberstehen (Daalmann, 1999).

2.1.2 Patriotismus

Beim Nachschlagen des Begriffes „Patriotismus“ in diversen Lexika, erhält man als Erklärung zumeist den Begriff der „Vaterlandsliebe“ oder „Liebe zum Vaterland (patria)“. Umgangssprachlich ist dies bei den meisten Bürgern mit echtem Verständnis von Patriotismus gleichgesetzt. Der Begriff des Patriotismus tauchte in Schriften des deutschen Bildungsbürgertums Mitte des 18. Jahrhunderts auf und ist somit historisch älter als der des Nationalismus (Schediwy, 2012). Patriotismus meint eine positive, affektive Bindung an die eigene Nation bzw. eine „Liebe zum eigenen Land“, die nicht mit der Exklusion und Abwertung von Fremdgruppen einhergeht. Ähnlich grenzt auch Kronenberg (2006) den Patriotismus ab, indem er diesem eine innergesellschaftliche Homogenität und eine Anerkennung des Anderen als Gleichen zuschreibt, währenddessen Nationalismus die innergesellschaft- liche Homogenität und die Priorität der eigenen nationalen Ziele proklamiert. Auch bei Kecmanovic (1996) grenzt sich der Patriotismus vom Nationalismus ab, dadurch dass er keine negativen oder minderwertigen Gefühle anderen Nationalitäten gegenüber äußert, welche beim Nationalismus ein immanentes Charakteristikum darstellt. Bedingt durch die deutsche Geschichte ist die Diskussion um die genaue Unterscheidung zwischen den Begrifflichkeiten Patriotismus und Nationalismus eine typisch deutsche. Eine Unterscheidung dieser beiden Begriffe findet im angelsächsischen Raum kaum statt. Dort findet sich hauptsächlich der Terminus „nationlism“ wieder, welcher der Bedeutung unseres Verständnisses von Patriotismus entspricht. Diese Nicht-Unterscheidung beruht auch auf dem gemeinsamen Konzept der sozialen Vergleichsprozesse, bei denen das eigene Land eine Aufwertung gegenüber anderen erfährt (Schediwy, 2008). Schlussendlich stimmen jedoch alle drei Konstrukte in einem wesentlichen Punkt miteinander überein. Bei nationaler Identität, Patriotismus und Nationalismus handelt es sich im wesentlichen um unterschiedlich starke Ausprägungen einer als positiv empfundenen Verbindung des Einzelnen mit der eigenen Nation (Blank, 2003).

2.2 Sport und nationale Identität

Der Sport als identitätsstiftendes, kulturelles Vehikel schafft die Möglichkeit, die nationale Identität zum Ausdruck zu bringen. Als Besonderheit vermag er diese identitätsstiftende Funktion über verschiedene soziale Klassen, Alter, Geschlecht, Regionen und andere sozioökonomische Barrieren hinweg zu initiieren (Lever & Wheeler, 1993). Der Nationalstaat versucht dieses besondere Charakteristikum des Sports zu nutzen. Er fördert diese Identität durch nationale Symbole wie Flaggen, Hymnen, Uniformen, Nationaldenkmäler, Gedenktage oder Wappen, sowie durch Betonung einer nationalen Geschichte und Kultur, gemeinsame Werte oder Traditionen und nicht zuletzt einer gemeinsamen Sprache (Mutz, 2012). Vor allem unter Männern und auch bei denjenigen, die sonst politisch eher als uninteressiert galten, wurde insbesondere im Kontext von Sportgroßveranstaltungen mühelos eine Identifikation mit der Nation hergestellt. Der einzelne wird in seiner Verbundenheit mit dem Athleten oder den 11 Spielern der Fußball- Nationalmannschaft selbst zu einem Symbol seiner Nation (Hobsbawm, 2004). Die Gemeinschaft als Ganzes erfährt eine Bestätigung und Festigung ihrer eigenen Identität durch den Sport. Unter besonderen Umständen können Fußballspiele und Sportgroßveranstaltungen Teil des kollektiven Gedächtnisses werden. Sie verankern sich auf diese Weise als Erinnerungsort in der eigenen Geschichte (Groll, 2007).

2.2.1 Potenzial von Sportgroßereignissen

Auf besonders einfache, direkte Art und Weise veranschaulichen sportliche Wettkämpfe, bei denen Nationalteams gegeneinander antreten, den sozialen Vergleich zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe. Elias und Dunning führen dies wie folgt aus:

„ Das ein Wesenszug des Sports die Auseinandersetzung zwischen Gegnern ausmacht, ist entscheidend, da auf diese Weise die Identifikation mit der Eigengruppe gestärkt werden kann, das heißt: Das Wir-Gefühl, der Sinn für ihre Zusammengehörigkeit und Einheit wird durch die Anwesenheit einer zweiten Gruppe gestärkt, deren Mitglieder als `Die Anderen` wahrgenommen werden und die aus der gegnerischen Mannschaft, auf lokaler oder nationaler Ebene, und deren Anhängerschaft besteht “ (Elias & Dunning, 2003, S.358)

Das erfolgreiche Abschneiden der Sportlerinnen und Sportler des eigenen Landes wird zu einer wichtigen Quelle für Nationalstolz und positive Identifikation mit dem eigenen Land. Die Leistungsfähigkeit, Stärke und Überlegenheit der eigenen Nation wächst mit jeder Medaille und jedem Sieg an, sei es bei den Olympischen Spielen oder einem internationalen Fußballturnier. Dies führt zu einer verstärkten Bindung an die Nation und die Selbstkategorisierung als Angehöriger dieser Nation (Mutz, 2012). Olympische Spiele werden immer auch als „Kampf der Nationen“ gesehen. Olympiateilnehmer starten nicht nur als Athleten, sondern auch als Vertreter ihres Landes. Schließlich werden die Teams nach Ländern gebildet, bei der Siegerehrung wird die Nationalflagge gehisst und die Hymne gespielt (Gondorf, 2012). Für Vergemeinschaftungsprozesse sind emotionale Bindungen an die Gruppe von Bedeutung. Insofern benötigt auch eine nationale Identität emotional aufgeladene Ereignisse, welche gewährleisten, dass die Nation für den Einzelnen erlebbar wird und er in symbolischer Form an ihr teilhaben kann. Derartige Gefühle der Verbundenheit lassen sich durch herausragende Sportereignisse kreieren. Dadurch finden diese ihren Platz im kollektiven Gedächtnis der Nation und können emotionale Bindungen an die Nation erzeugen (Mutz, 2012).

2.2.2 Fußball als „ Ankerpunkt “

Durch seine stark identitätsstiftende Wirkung birgt der Sport die Möglichkeit, zur Stärkung nationaler Identität beizutragen, welche von nationalstaatlichen Regierungen oftmals bewusst inszeniert wird. Dabei spielt vor allem die Popularität und die kulturelle Bedeutung einer Sportart für ihre Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Sie ermöglicht die Vermittlung von Identität, weswegen sich hauptsächlich Sportarten eignen, die innerhalb einer Gesellschaft oder über mehrere Gesellschaften hinweg bekannt und beliebt sind. Die offizielle FIFA-Zählung („Big Count“) der registrierten oder auch nicht organisierten Fußballspieler und -spielerinnen, welche aktiv den Fußballsport betreiben, werden weltweit auf 242 Millionen geschätzt (von Seggern, 2007). Fast überall auf der Welt zählt der Fußball zu den beliebtesten Sportarten. Abgesehen von Nordamerika, Südasien und Australien, spielt der Fußball auf den meisten Teilen des Globus die dominante Rolle innerhalb der Sportarten (Groll, 2007). Der Fußball verbindet als globales Spiel mehr als alle anderen Sportarten eine Repräsentationsfunktion und ökonomisches Gewinnstreben, mit Identitätspolitik und Taktiken der Selbstermächtigung (Schwier & Leggewie, 2006). Wie bei allen Mannschaftssportarten und bereits in Kapitel 2.2.1 festgestellt, kommt es auch im Fußball zu Herausbildung von „Wir“- und „Fremdgruppen“, was ein immanentes Charakteristikum des Wettkampf- sports ist und weiter die kollektive bzw. nationale Identität verstärkt (Schediwy, 2008). Die kollektive Identität folgt im Fußball dem Prinzip der Wir-Bildung (in-group), als Code der Inklusion. Gleichzeitig findet eine Abgrenzung zum Fremden, also eine Exklusion gegenüber dieser (out-group) statt, welche auch gerade in den Stadien durch die gegenüberliegenden Fanblocks mit ihren andersartigen Farben, Fahnen und Fangesängen deutlich sichtbar wird (Groll, 2007). Diese Form der Inklusion und Exklusion kann durch den Fußball ebenso auf nationaler Ebene stattfinden. Bei Spielen von Fußball-Nationalmannschaften wird die Gruppenbindung vor allem durch nationale Symbole unterstrichen. Ob im Stadion oder bei den Public-Viewing Veranstaltungen finden sich zahlreiche Flaggen und Embleme in den nationalen Farben. Diesen Symbolen haftet eine emotionale Aufladung an, welche durch den Wettstreit der Teams innerhalb der 90 Minuten entstehen und oftmals auch den Schlusspfiff noch überdauern (2012, Mutz). Der Fußball dient auch deshalb so gut als Projektionsfläche nationaler

Erinnerungsmomente, da nur selten so ausdrucksstark nationale Symbole, wie das Schwenken der Nationalflagge oder das Singen der Nationalhymne zelebriert werden. Dies ist zum Beispiel im Sport bzw. während den Spielen der jeweiligen Nationalmannschaften der Fall (Scheuble & Wehner, 2006).

Das gemeinsame Erleben solch aufgeladener, emotionaler nationalsportlicher Momente, kann zu einem verstärkten Zusammenhalt innerhalb eines Nationalstaates führen. Diese Form der Generierung von Nationalstolz über verschiedenste soziale Klassen hinweg, vermag kaum ein anderes kulturelles Vehikel zu leisten, wie es der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Besonderen vermag (Mutz, 2012). Abgesehen von nationalen Solidaritätsbekundungen wird eine verstärkte nationale Identität, welche maßgeblich durch den Fußball und vermehrt durch Fußballgroßereignisse in Erscheinung treten, durchaus auch kritisch hinterfragt. Die Gefahr eines Abgleiten in nationalistische, rassistische oder chauvinistische Weltbilder werden durch ein starres Regelwerk im Fußball begünstigt. Dieses substanziell auf Befehl, Gehorsam und Bestrafung basierende Regelwerk vereinnahmt oftmals autoritäre Charaktere mit patriarchalischen Wertevorstellungen (Scheuble & Wehner, 2006).

2.2.3 Einfluss der Massenmedien

Über alle Übertragungsarten hinweg spielt Fernsehen eine besondere Rolle bei der Vermittlung von Sportinhalten. Laut einer Statista-Umfrage aus dem Jahre 2012 wurde das Fernsehen von Mediennutzern deutlich auf den 1. Rang des wichtigsten Sportinformationsmediums gewählt (82%), gefolgt von dem Internet (44%), was sich besonders der Nutzung jüngerer User erfreut, und den Tageszeitungen (24%) (Statista, 2012).

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Das Potenzial von internationalen Sportgroßereignissen zur Stärkung der nationalen Identität. Die Fußballweltmeisterschaften 2006 in Deutschland & 2010 in Südafrika
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln  (Sportpolitik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
54
Katalognummer
V366352
ISBN (eBook)
9783668452565
ISBN (Buch)
9783668452572
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Politik, Weltmeisterschaft, Sportgroßveranstaltung, Fußball, Sportgroßereignisse, 2006, 2010, International, Stärkung
Arbeit zitieren
Robin Reynolds (Autor), 2015, Das Potenzial von internationalen Sportgroßereignissen zur Stärkung der nationalen Identität. Die Fußballweltmeisterschaften 2006 in Deutschland & 2010 in Südafrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366352

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Potenzial von internationalen Sportgroßereignissen zur Stärkung der nationalen Identität. Die Fußballweltmeisterschaften 2006 in Deutschland & 2010 in Südafrika



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden