Die Theorie des sozialen Lernens nach Bandura und der pädagogische Einfluss auf die Entwicklung von Gewissen und Urteilsfähigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
20 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung

2. Die Theorie des sozialen Lernens nach Albert Bandura
2.1. Die Theorie des sozialen Lernens im Kontext klassischer Forschungsparadigma
2.2. Die Prozesse des sozialen Lernens
2.2.1. Überblick
2.2.2. Aufmerksamkeitsprozesse
2.2.3. Gedächtnisprozesse
2.2.4. Motorische Reproduktionsprozesse
2.2.5. Die Rolle der Motivations- und Verstärkungsprozesse
2.3. Die Bedingungen für das soziale Lernen nach Bandura
2.4. Das Prinzip der Selbstwirksamkeit

3. Die moralische Urteilsfähigkeit
3.1. Die moralische Urteilsfähigkeit im Kontext der sozial- kognitiven Lerntheorie nach Bandura
3.2. Möglichkeiten zur pädagogischen Beeinflussung des moralischen Urteils auf der Basis von Banduras Lerntheorie
3.3. Die Grenzen der pädagogischen Beeinflussung der moralischen Urteilsfähigkeit

4. Die Entwicklung des Gewissens unter dem Blickwinkel der Theorie des sozialen Lernens

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Der Ruf nach moralischen Entscheidungen und moralischeren Urteilen wird in allen Bereichen der heutigen Zeit zunehmend lauter. Es wird geklagt, dass sich die heutige Jugend deutlich unmoralischer verhält als zu früheren Zeiten, die Entscheidungen der Politik lassen vom moralischen Standpunkt her immer mehr zu wünschen übrig und auch in den privaten Lebensbereichen wird of geklagt, dass die Unmoral immer weiter um sich greift. So erscheint es logisch, sich wieder mehr den Entwicklungsmöglichkeiten moralischer Urteilsfähigkeit zuzuwenden und den Schulen den Auftrag zu erteilen, der Jugend die Moral wieder näher zu bringen, da selbst die Eltern meist nicht mehr in der Lage sind, ihren Kinder moralische Standpunkte und traditionelle Werte näher zu bringen. Hierzu bietet es sich an, sich intensiv mit Albert Banduras Theorie des sozialen Lernens auseinander zu setzen und deren Möglichkeiten und Grenzen bei Anwendung in den Schulen näher zu beleuchten.

Im Rahmen dieser Arbeit wird daher das Konzept der sozial-kognitiven Lerntheorie Albert Banduras vorgestellt, sowie dessen Anwendbarkeit auf die Erklärung und die pädagogische Beeinflussung der moralischen Urteilsfähigkeit herausgearbeitet. Ferner erfolgt die Betrachtung der Entwicklung des Gewissens unter Banduras Paradigma des sozialen Lernens.

Im zweiten Kapitel dieser Arbeit wird das Konzept der Theorie des sozialen Lernens von Albert Bandura ausführlich dargestellt, um somit die Grundlage zu schaffen, in den folgenden Kapiteln darauf Bezug nehmen zu können. Hierbei wird bewusst darauf verzichtet, auf die einzelnen Forschungsarbeiten Banduras näher einzugehen da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde und es hier sinnvoller erscheint, sich mit den grundlegenden Inhalten und Prinzipien seiner Theorie zu beschäftigen. Die entsprechenden Daten zu Banduras Untersuchungen können jedoch in seinen jeweils in den Kapiteln zitierten Werken nachgelesen werden. In Kapitel 2.1 wird Banduras Theorie des sozialen Lernens grob in den Kontext führender Lern- und Entwicklungstheorien eingeordnet, um deren Position besser herausstellen zu können. In Abschnitt 2.2 werden die einzelnen Prozesse des sozialen Lernens vorgestellt und in Kapitel 2.3 werden die Bedingungen herausgearbeitet, welche notwendig sind, damit es überhaupt zu dieser Art des Lernens kommen kann. Abgeschlossen wird das zweite Kapitel durch die Ausführungen über den Aspekt der Selbstwirksamkeit, da dieser, neben den bereits genannten Punkten, eine zentrale Stellung in Banduras Theorie des sozialen Lernens einnimmt.

Das dritte Kapitel befasst sich im ersten Abschnitt mit den Aspekten des Phänomens der moralischen Urteilsfähigkeit im Hinblick auf Banduras Lerntheorie. In Kapitel 3.2 werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie im Sinne Banduras Theorie auf die moralische Urteilsfähigkeit der Schüler eingewirkt werden könnte. Anschließend werden in Abschnitt 3.2 die Grenzen der pädagogischen Beeinflussung der moralischen Urteilsfähigkeit im Rahmen der Schule aufgezeigt. Im abschließenden vierten Kapitel erfolgt die Abgrenzung des Gewissens-Begriffs zum Verständnis der moralischen Urteilsfähigkeit. Darüber hinaus wird in diesem Kapitel die Entwicklung des Gewissens auf der Grundlage der Theorie des sozialen Lernens skizziert.

2. Die Theorie des sozialen Lernens nach Albert Bandura

2.1. Die Theorie des sozialen Lernens im Kontext klassischer Forschungsparadigm a

Die ursprüngliche Basis von Banduras Theorie des sozialen Lernens bilden die behavioristischen Forschungsparadigma von Watson und Skinner, welche den Menschen mehr oder weniger als reine „Lernmarionette“ (Bandura 1979a, S. 7) sehen, deren Handlungen und Reaktionen lediglich durch äußere Einflüsse beeinflusst und gesteuert wird. Bei diesen Ansätzen wurde einer aktiven Beteiligung des Menschen an seinem eigenen Lernprozess aufgrund innerer Lernvorgänge in keiner Weise Beachtung geschenkt. Demgegenüber standen die Forschungsparadigma rein kognitiver Persönlichkeitstheorien, wonach das Verhalten der Menschen lediglich aufgrund intrapersoneller Vorgänge und Motivationen zu erklären ist, ohne besonderen Bezug auf Umwelteinflüsse zu nehmen (vgl. Bandura 1979, S. 55).

Bandura ist es mit seiner Theorie des sozialen Lernens, welche auch als ,sozial-kognitive Theorie’ bezeichnet wird, gelungen, eine Brücke zwischen den rein behavioristischen und rein kognitiven Ansätzen zu schlagen. Und gerade in der sozialen Lerntheorie wird sein Modell des sozialen Lernens heutzutage als zentrale Lernform betrachtet (vgl. Sodian 1998, S. 148). Nach seiner Auffassung entsteht das menschliche Lernen und Handeln aufgrund der „Wechselwirkung zwischen kognitiven Determinanten, Verhaltensdeterminanten und Umweltdeterminanten“ (Bandura 1979a, S. 10), welche er als „reziproken Determinismus“ (Pervin 1993, S. 382) bezeichnet. Die Menschen sind folglich aktiv am eigenen Lernprozess beteiligt, indem eine gegenseitige Beeinflussung von Umwelt und Persönlichkeitsmerkmalen erfolgt und sie „ihr Verhalten auf der Grundlage gelernter kognitiver Operationen in wechselseitiger Bezogenheit regulieren“ (Bandura, 1979a, S. 8).

2.2. Die Prozesse des sozialen Lernens

2.2.1. Überblick

Das zentrale Konzept Banduras Theorie des sozialen Lernens stellt das Lernen am Modell, auch Beobachtungslernen genannt, dar, wonach „menschliches Verhalten weitgehend durch soziale Modelle vermittelt wird“ (Bandura 1976, S. 9). Die Menschen erwerben hierbei neue Verhaltensweisen, indem sie andere Individuen bei der Ausführung von Handlungen beobachten und sehen, welche Konsequenzen diese aus dem jeweiligen Verhaltens davontragen. Der Lernende nimmt somit die Position des Beobachters und die ausführende Person die des Modells ein. Es besteht für den Beobachter folglich die Möglichkeit, sich neue Verhaltensformen anzueignen bzw. bestehende Verhaltensdispositionen zu verändern, ohne selbst die entsprechenden Konsequenzen oder Irrtümer eigener Fehlversuche ,erleiden’ zu müssen (vgl. Bandura 1979, S. 85). Maurer schreibt, dass Lernen eine „mühselige und risikoreiche Angelegenheit (wäre), wenn die Menschen nur durch die Auswirkungen ihres eigenen Tuns Erfahrungen machen würden“ (1995, S. 21). Ob ein durch Beobachtung erworbenes Verhalten im Folgenden auch ausgeübt wird, hängt vor allem von den kognitiven Faktoren des Lernenden ab. Eine wichtige Stellung nimmt in diesem Kontext der Einfluss verstärkender Maßnahmen, seien sie extrinsischer oder intrinsischer Natur (vgl. Bandura 1979a, S. 107-108) sowie die Antizipation zu erwartender Konsequenzen ein, aufgrund derer man sich gegebenenfalls für oder gegen eine Nachahmung des beobachteten Verhaltens entschließt.

Die wahrgenommenen Modelle, deren Verhalten und die daraus erwachsenen Konsequenzen können drei voneinander verschiedene Effekte auf den Beobachter haben (vgl. Bandura 1963, S. 60). Bandura beschreibt zum einen den ,Lerneffekt durch Beobachtung’, der bereits im vorigen Abschnitt beschrieben wurde. Hierbei erwerben die Individuen neue Verhaltensweisen, indem sie beobachten, wie andere Personen bestimmte Handlungen ausführen, die sie dann, unter später näher zu erläuternden Umständen, in ihr Repertoire aufnehmen. Des Weiteren spricht Bandura davon, dass die Hemmung bereits vorhandener Reaktionsweisen durch das Lernen am Modell gestärkt oder geschwächt werden kann. Ob nach erfolgter Beobachtung eines bestimmten Verhaltens eine Stärkung oder Schwächung der entsprechenden Reaktionsweisen des Beobachters erfolgt, d.h. ob die Hemmschwelle zur Nachahmung steigt oder sinkt, hängt weitestgehend von den beobachteten positiven oder negativen Konsequenzen ab, die das Modell nach gezeigtem Verhalten erfährt. Als dritte Wirkung der Beobachtung bestimmter Handlungsweisen eines Modells nennt Bandura den Auslösungseffekt, bei dem das Verhalten anderer bewirkt, dass das gleiche, bereits im Repertoire vorhandene Verhalten, auch beim Beobachter ausgelöst und von ihm gezeigt wird (vgl. Bandura 1976, S. 13-14).

Der Prozess des sozialen Lernens vollzieht sich nach Bandura in mehreren wechselseitig aufeinander bezogenen Schritten, wobei den jeweiligen „Modellierungseinflüssen hauptsächlich informative Funktion zukommt“ (Bandura 1976, S. 23). Demzufolge werden die modellierten Handlungen und deren Konsequenzen von dem Beobachter in symbolischer Form gespeichert, statt als reine Reiz-Reaktions-Assoziationen erfasst zu werden, und geben Aufschluss darüber, welche Folgen er bei Nachahmung einer bestimmten Handlung zu erwarten hat.

Zur Einteilung der einzelnen Prozesse sind zunächst die übergeordneten Phasen der Aneignung und Ausführung voneinander zu unterscheiden, da diese jeweils durch unterschiedliche Faktoren ausgelöst und beeinflusst werden (vgl. Bandura 1969, S. 219). Zur Aneignungsphase werden die Aufmerksamkeits- sowie die Gedächtnisprozesse gezählt, während derer ein „neues, komplexes Verhaltensmuster […] unabhängig von Verstärkern erlernt“ (Pervin 1993, S. 394) wird. Demgegenüber gehören die motorischen Reproduktionsprozesse sowie die Motivationsprozesse zur sogenannten Ausführungsphase, deren Auslösung vor allem dadurch beeinflusst wird, ob das modellierte Verhalten eine Belohnung oder Bestrafung zur Folge hatte (vgl. ebd.), was bedeutet, dass während der Ausführungsphase besonders die kognitiven Prozesse des Lernenden eine entscheidende Rolle spielen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Theorie des sozialen Lernens nach Bandura und der pädagogische Einfluss auf die Entwicklung von Gewissen und Urteilsfähigkeit
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V36641
ISBN (eBook)
9783638362047
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Lernens, Konzept, Erklärung, Beeinflussung, Urteilsfähigkeit, Entwiclkung, Gewissens
Arbeit zitieren
Tanja Lorenz (Autor), 2003, Die Theorie des sozialen Lernens nach Bandura und der pädagogische Einfluss auf die Entwicklung von Gewissen und Urteilsfähigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36641

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