Zwischen Vision und Realität. Gottfried Benns Züchtungsgedanken


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Zeitgeist 1900-1933

2. Zwischen Vision und Realität: Gottfried Benns Züchtungsgedanken
2.1 Anlass für Gottfried Benns Züchtungsgedanken
2.1.1 Gottfried Benns Konstruktion zum Wesen des Menschen
2.1.2 Gottfried Benns Sicht auf die politischen Vorgänge 1933
2.2 Der alte Mensch und Gottfried Benns Vision vom neuen Menschen
2.3 Gottfried Benns Annäherung an die Realität
2.4 Reaktionen in der Öffentlichkeit
2.5 Gottfried Benns Scheitern an der Wirklichkeit

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Zeitgeist 1900-1933

Wenn man Gottfried Benns Züchtungsgedanken beschreiben, analysieren und im Hinblick auf den Nationalsozialismus werten möchte, ist es unumgänglich, auf die Jahre von 1900 bis 1933 einzugehen. Was geschah zu dieser Zeit? Welche Vorstellungen gab es in der Literatur? Und machte Benn in seinen Werken Andeutungen, die möglicherweise Grundlage für seine Züchtungsgedanken waren?

Der erste Weltkrieg, der Vertrag von Versailles, die Novemberrevolution und die Weimarer Republik sind nur die bekanntesten Ereignisse, die diese Jahre in Deutschland prägten. Ein ewiges Auf und Ab, von Krieg über die Goldenen Zwanziger Jahre bis hin zur Weltwirtschaftskrise, die sich durch Arbeitslosigkeit, Inflation und politisches Chaos auszeichnete.[1]

Geschehnisse, die nicht an den Menschen und vor allem nicht an Künstlern und Literaten vorbeigingen. Letztere erfassten dieses Chaos und setzten ihre Gedanken, speziell ihre inneren Gefühle, in der Epoche des Expressionismus um. Zu Anfang war die Lyrik, wie auch bei Gottfried Benn, die bevorzugte Ausdrucksweise der Literaten. Dabei wurden häufig Metaphern gebraucht, um Ekstase und Pathos, hässliche und schockierende Dinge darzustellen. Themen waren die Großstadt, Untergang, Krieg, Tod sowie das Leiden im Allgemeinen und speziell am eigenen Ich.[2]

„Leiden am Gehirn, der Wunsch, Erlösung von der Qual des Bewußtseins zu finden, Sehnsucht nach vorrationalen, archaischen Existenzzuständen, Sichtreiben-Lassen, Sich-Verströmen, Auflösung des Ichs […] das sind Hauptmotive vor allem der Lyrik Benns.“[3]

Der sogenannte Ich-Zerfall lässt sich auch bei Gottfried Benn wiederfinden. 1917 beschreibt er in seinem Gedicht Cocain[4] die Enthemmung und das Erleben des Zerfalls als Folge des Leidens am eigenen Bewusstsein. „Den Ich-zerfall, den süßen, tiefersehnten, den gibst Du mir“, heißt es in der ersten Strophe.[5] Es findet eine Unterscheidung der zwei Formen des Ichs statt: zum einen das Personalpronomen ich, zum anderen Das Ich. Diese Differenzierung verdeutlicht das Leiden am Körper, das Erkennen des Bewusstseins als Verhängnis und das daraus resultierende Verlangen nach dem Aufsprengen des eigenen Gefängnisses namens Ich.

Gottfried Benns Gedicht weist eine deutliche Unzufriedenheit mit sich und dem Menschen auf. Durch dieses Leiden an der eigenen Identität ergibt sich ein tiefersehnter Wunsch nach Veränderung. Der Wunsch nach einem neuen Menschen? Ein Indiz für seine Züchtungsgedanken?

2. Zwischen Vision und Realität: Gottfried Benns Züchtungsgedanken

Im Folgenden wird zunächst untersucht, in wie weit der Essay Der Aufbau der Persönlichkeit[6] und die politischen Veränderungen in Deutschland Anlass für Gottfried Benns Züchtungsgedanken sein könnten. Nicht zu übersehen ist dabei Benns Wunsch nach der Schaffung eines neuen Menschen. Aber welche Eigenschaften hat dieser neue deutsche Mensch und was unterscheidet ihn zum vorherigen Menschen? Diese Frage soll durch eine Gegenüberstellung anhand des Essays Züchtung I[7] geklärt werden.

In seinem Aufsatz Geist und Seele künftiger Geschlechter[8] wird eine Antwort darauf gegeben, ob und inwieweit sich Benn mit seinen Aufsätzen an das nationalsozialistische Gedankengut annähert. Kommentare und Rezensionen der Öffentlichkeit zu seinen Züchtungsvorstellungen werden vorgestellt und fließen in die Analyse mit ein.

Ziel ist es, zu analysieren, in wie weit seine Gedanken zur Züchtung eines neuen Menschen mit denen des Nationalsozialismus in Einklang gebracht werden können und ob sie nur eine Vision des Dichters waren oder Einfluss auf die Realität nehmen konnten.

2.1 Anlass für Gottfried Benns Züchtungsgedanken

Gottfried Benns Unzufriedenheit am Menschen bekam den entscheidenden Anstoß durch den politischen Wandel in den Jahren um 1930. Im Aufsatz Der Aufbau der Persönlichkeit zeigen sich Ansätze, wie Benn um das Menschenbild ringt und Veränderungen herbeiführen möchte.

2.1.1 Gottfried Benns Konstruktion zum Wesen des Menschen

Im Essay Der Aufbau der Persönlichkeit aus dem Jahre 1930 beschreibt Gottfried Benn seine biologische Sicht auf den Menschen. Diese könnte durchaus Grundlage für seine späteren Züchtungsgedanken sein.

Im Gegensatz zu der Annahme die Persönlichkeit des Menschen säße im Großhirn und sei „alleiniger Träger des Bewußtseins“, vertritt Benn die These, dass das ganze, über den Körper verteilte Organsystem am Aufbau der Persönlichkeit beteiligt wäre.[9] Charakterzüge, Triebhaftigkeit und Instinktivität säßen laut Benn in den Genen und wären somit vererbbar.

Angefangen mit den verschiedenen Gehirnzentren über das Nervensystem bis hin zum Hormonkreislauf, beschreibt Gottfried Benn, wie sich die Persönlichkeit durch die verschiedenen Organe zusammensetzt.[10] Der Hormonkreislauf sei z.B. in der Phase der Pubertät für „Erotisierung und geschlechtsspezifischen Wandel“ zuständig und würde ebenso die „seelische Erregbarkeit“ beeinflussen.[11] Zudem würden die Hormonsysteme auch rassetypische Merkmale erzeugen. Benn schildert diese Rassenanthropologie wie folgt: „Besonderheiten der Schilddrüse sollen den Mongolentyp, der Nebenniere den Negertyp bedingen, und Entartungen von Rassen führt man auf Schädigungen der inneren Sektion zurück.“[12]

Gesteigert werden diese Gedanken durch die absurde Vorstellung, dass in Deutschland die Gehirne intelligenter Schüler im Gegensatz zu denen von ungebildeten Schülern in den letzten Jahren gewachsen wären. „Er meint, daß das Menschheitsschicksal im ganzen bestimmt sei durch das Gesetz der fortschreitenden Verhirnung des Menschen, genauer der sprunghaft sich vollziehenden Zunahme des Großhirnvorlumens.“[13] Diese Entwicklung trage dazu bei, dass Neugeborene wegen der großen Köpfe nicht mehr durch den Geburtskanal der Mütter passen würden und so „das Weiterbestehen der Rasse gefährden [könnten]“.[14] Benn deutet diesen Verhirnungsprozess ebenso wie den damit verbundenen Zivilisationsprozess als etwas Unheilvolles.[15]

Er stellt fest, dass sich der historische Wandel in der Biologie begründet und sich somit der Mensch in einer Mutation befindet.[16]

„Diese Hoffnung auf eine innere Erneuerung ist typisch für den Irrationalismus in allen seinen Spielarten. So glaubt Benn, daß Neues nur in die Welt kommt, indem eine Mutation geschieht. Eine andere Menschheit, eine andere Menschheitsstunde wird ohne Anschluß an reale Entwicklungen als unvermitteltes Wunder erwartet, und 1933 glaubt er sie zu sehen.“[17]

Wie im Gedicht Cocain, kristallisiert sich auch hier heraus, dass er sich einen neuen Menschen wünscht, eine radikale Zensur und damit das Ende der damaligen Zeit. Seine Gedanken konzentrieren sich auf die Biologisierung, von der er sich eine genetisch, körperlich, physische Veränderung des Menschen erhofft.

2.1.2 Gottfried Benns Sicht auf die politischen Vorgänge 1933

Im Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und die NSDAP zur führenden Partei.[18] In diesem politischen Umbruch sieht Benn die Möglichkeit einer Wandlung des Menschenbildes. Aus dem pluralistischen Gemeinwesen bildet sich ein totalitäres Regime. Ein Regime, das sich auszeichnet „durch völlige Identität von Macht und Geist, Individualität und Kollektivität, Freiheit und Notwendigkeit, [es ist] monistisch, antidialektisch, überdauernd und autoritär“.[19]

Es besteht für Gottfried Benn kein Zweifel an Hitlers Daseinsberechtigung. Er verkörpert den „Führer“, aber nicht als „Inbegriff der Macht“, sondern als „höchstes geistiges Prinzip“.[20] Er ist „das Schöpferische, in ihm sammeln sich Verantwortung, die Gefahr und die Entscheidung, auch das ganze irrationale des ja erst durch ihn sichtbar werdenden geschichtlichen Willens […]“.[21] Der Führer ist aber nicht nur Begründer des Nationalsozialismus, der Macht Deutschlands. Gottfried Benn sieht ihn auch als Schöpfer eines neuen Menschen, einer neuen Rasse.

Adolf Hitler ist für Benn eine „Ausnahme“, aus der er sich das „Unausweichliche“ erhofft: eine radikale, tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft und des Menschseins.[22] Diese Veränderung fände laut Benn „sukzessive“ statt: die „Masse“ des Volkes würde dem Führer folgen und verschmelze mit ihm zu einer elementaren Macht, die „gemeinsam das Reich erobert“.[23] In der Realität entwickelte sich die Politik in eine völlig andere Richtung. Das Volk besitzt keine Macht, verfällt als Masse dem Führer und wird letztendlich durch den zweiten Weltkrieg zum Opfer des Regimes.

Benn deutet die Heraufkunft des Nationalsozialismus als die beginnende Entwicklung des neuen Menschen. Was diesen in zurückliegenden Generationen auszeichnet, verliert an Wert, ist fehlerhaft, gerät in Vergessenheit und macht Hoffnung auf neue Ansätze.

„Mit seinen Reden und Artikeln zum Thema ‚Züchtung‘ beteiligte sich Benn am rassenhygienischen und bevölkerungspolitischen Diskurs und versuchte dabei, sein Konzept der ‚anthropologischen Wandlung‘ mit den politischen Zielsetzungen des ‚neuen Staates‘ zu verbinden.“[24]

Für ihn ist die politische Veränderung ein Grund für großen Optimismus und die Gewissheit, dass sich der Mensch grundlegend verändern kann und wird: „Es erscheint […] nun nicht zweifelhaft, daß aus dieser Verwandlung noch einmal ein neuer Mensch in Europa hervorgehen wird, halb aus Mutation und halb aus Züchtung: der deutsche Mensch.“[25]

[...]


[1] Griesshaber, Dieter: Deutsche Geschichte (2016). Verfügbar unter: http://geschichtsverein-koengen.de/DtGesch.htm (Zugriff am 18.03.2017, 14:16 Uhr)

[2] Bogner, Ralf Georg: Definition der Epoche. In: Einführung in die Literatur des Expressionismus. Darmstadt 2005, S.24-28

[3] Wellershoff, Dieter: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. München 1976, S.78

[4] Benn, Gottfried: Cocain. In: Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt am Main 2006, S.108

[5] Benn: Cocain. Frankfurt am Main 2006, S.108

[6] Benn, Gottfried: Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriß einer Geologie des Ich. In: Essays und Reden in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt am Main 1989, S.111-124

[7] Benn, Gottfried: Züchtung I. In: Essays und Reden in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt am Main 1989, S.237-244

[8] Benn, Gottfried: Geist und Seele künftiger Geschlechter. In: Essays und Reden in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt am Main 1989, S.253-259

[9] Benn: Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriß einer Geologie des Ich. Frankfurt am Main 1989, S.112-113

[10] Benn: Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriß einer Geologie des Ich. Frankfurt am Main 1989, S.114-115

[11] Benn: Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriß einer Geologie des Ich. Frankfurt am Main 1989, S.115

[12] Benn: Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriß einer Geologie des Ich. Frankfurt am Main 1989, S.116

[13] Wellershoff: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. München 1976, S.71

[14] Benn: Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriß einer Geologie des Ich. Frankfurt am Main 1989, S.117

[15] Wellershoff: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. München 1976, S.76

[16] Benn: Der Aufbau der Persönlichkeit. Grundriß einer Geologie des Ich. Frankfurt am Main 1989, S.111

[17] Wellershoff: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. München 1976, S.89

[18] Ridley, Hugh: Gottfried Benn. Ein Schriftsteller zwischen Erneuerung und Reaktion. Opladen 1990, S.23

[19] Benn: Züchtung I. Frankfurt am Main 1989, S.237

[20] Benn: Züchtung I. Frankfurt am Main 1989, S.237

[21] Benn: Züchtung I. Frankfurt am Main 1989, S.237

[22] Benn: Züchtung I. Frankfurt am Main 1989, S.237-238

[23] Benn: Züchtung I. Frankfurt am Main 1989, S.237

[24] Streim, Gregor: 1933 als anthropologische Verwandlung: „Züchtung“ und „Mutation“. In: Das Ende des Anthropozentrismus. Anthropologie und Geschichtskritik in der deutschen Literatur zwischen 1930 und 1950. Berlin 2008, S.338

[25] Benn: Züchtung I. Frankfurt am Main 1989, S.238

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zwischen Vision und Realität. Gottfried Benns Züchtungsgedanken
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Gottfried Benn. Die Texte der 1930er und 1940er Jahre
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V366550
ISBN (eBook)
9783668454279
ISBN (Buch)
9783668454286
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried Benn, Züchtung, Nationalsozialismus, 1930, Germanistik, NDL
Arbeit zitieren
Marie-Lyce Plaschka (Autor), 2017, Zwischen Vision und Realität. Gottfried Benns Züchtungsgedanken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366550

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