Im Folgenden wird zunächst untersucht, inwieweit der Essay „Der Aufbau der Persönlichkeit“ und die politischen Veränderungen in Deutschland Anlass für Gottfried Benns Züchtungsgedanken sein könnten. Nicht zu übersehen ist dabei Benns Wunsch nach der Schaffung eines neuen Menschen. Aber welche Eigenschaften hat dieser neue deutsche Mensch und was unterscheidet ihn zum vorherigen Menschen? Diese Frage soll durch eine Gegenüberstellung anhand des Essays „Züchtung I“ geklärt werden.
In seinem Aufsatz „Geist und Seele künftiger Geschlechter“ wird eine Antwort darauf gegeben, ob und inwieweit sich Benn mit seinen Aufsätzen an das nationalsozialistische Gedankengut annähert. Kommentare und Rezensionen der Öffentlichkeit zu seinen Züchtungsvorstellungen werden vorgestellt und fließen in die Analyse mit ein. Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit seine Gedanken zur Züchtung eines neuen Menschen mit denen des Nationalsozialismus in Einklang gebracht werden können und ob sie nur eine Vision des Dichters waren oder Einfluss auf die Realität nehmen konnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Zeitgeist 1900-1933
2. Zwischen Vision und Realität: Gottfried Benns Züchtungsgedanken
2.1 Anlass für Gottfried Benns Züchtungsgedanken
2.1.1 Gottfried Benns Konstruktion zum Wesen des Menschen
2.1.2 Gottfried Benns Sicht auf die politischen Vorgänge 1933
2.2 Der alte Mensch und Gottfried Benns Vision vom neuen Menschen
2.3 Gottfried Benns Annäherung an die Realität
2.4 Reaktionen in der Öffentlichkeit
2.5 Gottfried Benns Scheitern an der Wirklichkeit
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Gottfried Benns utopischen Züchtungsgedanken zur nationalsozialistischen Realität im Deutschland der 1930er Jahre. Ziel der Analyse ist es, herauszuarbeiten, inwieweit Benns Konzepte zur Erschaffung eines "neuen Menschen" mit dem Gedankengut des NS-Regimes korrespondierten, ob sie als Visionen des Dichters zu verstehen sind und wie seine Haltung in der zeitgenössischen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.
- Analyse des expressionistischen Zeitgeistes als Hintergrund für Benns Züchtungsvorstellungen.
- Untersuchung der biologischen und anthropologischen Konstruktionen Benns im Essay "Der Aufbau der Persönlichkeit".
- Gegenüberstellung von Benns Idealvorstellungen und der politischen Ideologie des Dritten Reichs.
- Reflektion über die Rolle und Reaktionen von Exilschriftstellern, insbesondere im Briefwechsel mit Klaus Mann.
- Beurteilung des Scheiterns von Benns Visionen an der grausamen Realität des Nationalsozialismus.
Auszug aus dem Buch
2.4 Reaktionen in der Öffentlichkeit
Gottfried Benns Aussagen zur Eugenik, die sich deutlich dem Gedankengut des Nationalsozialismus angenähert haben, lösen in der Öffentlichkeit, vor allem in seinem Bekanntenkreis, Bestürzung und Verwunderung aus. Briefwechsel von Gottfried Benn mit Thea Sternheim und Klaus Mann zeugen von dieser Fassungslosigkeit. Sie stehen stellvertretend für die Meinung vieler anderer Kunst- und Literatenkollegen. Ihre Kommentare und Anfeindungen zeigen, dass sie Benns Haltung ernst nehmen, verwundert sind und sich Sorgen machen.
Vor allem die Briefe und Tagebucheinträge von Thea Sternheim zeugen von Aussagen, die zwischen Faszination und Abscheu oszillieren. In ihrer Sprache zeigt Thea Sternheim mehr als deutlich, wie sie zu Benns Gedanken steht. In ihrem Tagebuch schreibt sie am 04.07.1933 über Benn:
„Das Non plus ultra aber der Entmenschung die in der Börsenzeitung vom 25 Juni erschienene Kostprobe des neuen Bennschen Buches, ein Artikel ‚Züchtung‘ betitelt. Der alte märkische Pfarrer Benn scheint jedenfalls im frischfröhlichen Blutrausch gezüchtet zu haben. Erst den Fehmenmörder Theo, dann der Reklamechef der neuen Mordfirma: Gottfried. Im Ernst: Ist der Reklamechef nicht noch widriger als der Mörder? Man hat das Bedürfnis sich fortwährend die Hände zu waschen, jede Erinnerung auszukotzen. Mein Gott, man ist schon durch die frühere Sympathie zu solchem Abhub beschmutzt!“
Wie Thea Sternheim äußern sich auch andere Schriftsteller und Freunde zu Benns doch sehr nationalen Aussagen. Besonders beachtet soll in diesem Zusammenhang der Briefwechsel zwischen Klaus Mann und Gottfried Benn im Jahre 1933 werden. Dieser sticht vor allem hervor, weil Klaus Mann ein großer Bewunderer Benns war und seiner Ergebenheit Ausdruck verlieh, bis er sich nach langer Auseinandersetzung mehr als abwertend und verächtlich über sein ehemaliges Vorbild äußerte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zeitgeist 1900-1933: Dieses Kapitel erläutert die prägenden gesellschaftlichen und kulturellen Ereignisse dieser Ära, die den Nährboden für Benns spätere Auseinandersetzung mit dem Menschenbild bildeten.
2. Zwischen Vision und Realität: Gottfried Benns Züchtungsgedanken: Das Hauptkapitel untersucht Benns Entwurf einer anthropologischen Wandlung und dessen Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut.
2.1 Anlass für Gottfried Benns Züchtungsgedanken: Hier werden Benns Unzufriedenheit und seine biologischen Konstruktionen zur menschlichen Natur als Ursprung seiner Überlegungen dargelegt.
2.1.1 Gottfried Benns Konstruktion zum Wesen des Menschen: Das Kapitel analysiert Benns Sicht auf die Materie, das Gehirn und die Vererbbarkeit von Charaktermerkmalen.
2.1.2 Gottfried Benns Sicht auf die politischen Vorgänge 1933: Es wird analysiert, wie Benn den Aufstieg des NS-Regimes als Chance zur Wandlung des Menschenbildes interpretierte.
2.2 Der alte Mensch und Gottfried Benns Vision vom neuen Menschen: Dieses Kapitel stellt das Bennsche Konzept des "alten Menschen" seinem Idealbild des "neuen Menschen" gegenüber.
2.3 Gottfried Benns Annäherung an die Realität: Hier wird thematisiert, wie Benns theoretische Überlegungen in den rassenpolitischen Diskurs des NS-Staates einflossen.
2.4 Reaktionen in der Öffentlichkeit: Das Kapitel dokumentiert die kritische Auseinandersetzung und Distanzierung von Freunden und Kollegen gegenüber Benns Position.
2.5 Gottfried Benns Scheitern an der Wirklichkeit: Hier wird Benns Einsicht in das Scheitern seiner utopischen Vorstellungen im Kontext der historischen Realität beleuchtet.
3. Fazit: Das Kapitel fasst zusammen, dass Benn trotz seiner guten Absichten am historischen Umfeld scheiterte und ein tragisches Bild zwischen Dichterideal und politischer Verblendung abgibt.
Schlüsselwörter
Gottfried Benn, Züchtungsgedanken, Nationalsozialismus, neuer Mensch, Eugenik, Expressionismus, Mutation, Anthropologie, Klaus Mann, Thea Sternheim, Totalitarismus, Biologisierung, Geistesgeschichte, Literatur des 20. Jahrhunderts, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Züchtungsutopien des Dichters Gottfried Benn während der 1930er Jahre und deren Bezug zum nationalsozialistischen Weltbild.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen Benns Menschenbild, die rassenhygienische Debatte der Ära, die politische Vereinnahmung durch das NS-Regime sowie die ethische Kritik von zeitgenössischen Intellektuellen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie Benns theoretische Konzepte zur "Züchtung" mit der Ideologie des Nationalsozialismus in Einklang standen und warum seine Visionen letztlich als Utopien bzw. Illusionen scheiterten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung erfolgt auf Basis einer literaturwissenschaftlichen Analyse von Benns Essays und Gedichten sowie einer Einbettung dieser Texte in den historischen Kontext anhand von Primär- und Sekundärquellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die genetischen Konstruktionen Benns, seine Einschätzung der politischen Lage 1933, die Differenzierung zwischen altem und neuem Menschen sowie eine detaillierte Dokumentation der Reaktionen im Exilumfeld.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Gottfried Benn, Züchtungsgedanken, Eugenik, Nationalsozialismus, anthropologische Wandlung und das Spannungsfeld zwischen Vision und Realität.
Wie reagierte Klaus Mann auf Benns Haltung?
Klaus Mann distanzierte sich scharf von Benn, bezeichnete ihn als Verräter an geistigen Werten und versuchte in einem Brief eindringlich, ihn zur Revision seines Bekenntnisses zum totalen Staat zu bewegen.
Verfolgte Benn aktiv politische Ziele mit seinen Schriften?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Benn eher einer eigenen, utopischen Vision nachhing und kein aktiver politischer Akteur war, der gezielte "Tötungspläne" verfolgte, wobei seine Rhetorik jedoch gefährliche Nähe zur NS-Ideologie aufwies.
- Arbeit zitieren
- Marie-Lyce Plaschka (Autor:in), 2017, Zwischen Vision und Realität. Gottfried Benns Züchtungsgedanken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366550