„Percy Jackson“ und die griechisch-römische Mythologie im Latein- und Deutschunterricht

Kritische Bemerkungen zur Didaktisierung mythologischen Wissens in der aktuellen Fantasy- und Phantastik-Literatur sowie im Film


Studienarbeit, 2017
30 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt dieser interdisziplinären Studie

1. Abstract dieser Studie

2. Zur Hochphase von Fantasy und Phantastik mit Sujets aus der griechisch-römischen Mythologie

3. Analyse der z.T. interaktiven Glossare: Alphabetisch geordnete Nachschlagewerke am Ende des Romans oder im Zusatzmaterial der Film-DVD

4. Zwischenfazit zum didaktischen Wert mythoshaltiger Fantasy und Phantastik

5. Gründe gegen die Lektüre von Percy Jackson vs. weitere Werke der Mythopoesie

6. Gründe für die Lektüre von Percy Jackson

7. Einsatzmöglichkeiten von Percy Jackson im Unterricht

8. Fazit: Die Lektüre von Percy Jackson als Möglichkeit zur Förderung literarischer Kompetenz und mythologischen Grundwissens

9. Literaturverzeichnis
9.1 Primärliteratur
9.1.1 Romane
9.1.2 Filme
9.2 Sekundärliteratur
9.3 Internetquellen

10. Kurzvita des Autors

Kritische Bemerkungen zur Didaktisierung mythologischen Wissens in der aktuellen Fantasy- und Phantastik-Literatur sowie im Film[1]

1. Abstract dieser Studie

„Sie meinen, die griechischen Götter sind hier? Also hier … in Amerika?“ „Ja, natürlich. Sie bewegen sich mit dem Herzen des Abendlandes.“ […] „Ein kollektives Bewusstsein, dessen Flamme nun schon seit Jahrtausenden lodert. Die Götter gehören dazu.“ (Riordan, Rick: Percy Jackson. Diebe im Olymp, Carlsen 2006, S. 90f.)

Die überaus erfolgreiche „Percy Jackson“-Reihe, der „Jack Perdu“-Zweiteiler und die „Göttlich“-Trilogie sowie der mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Roman „Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele“ sind herausragende Belege für die Dominanz der griechisch-römischen Mythologie in der gegenwärtigen fantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Mit namhaften Titeln wie „Kampf der Titanen“, „Krieg der Götter“, „Troja“ und „Hercules“ prägt dieser Trend auch die postmoderne fantastische Filmlandschaft.

Es ist daher lohnend, mit wissenschaftlicher Methodik die Fragestellung anzugehen, auf welche Weise so viele zeitgenössische (Drehbuch-)Autoren Einzelelemente oder ganze Sagenzyklen aus der griechischen und römischen Mythologie entlehnen. Wird damit eine kulturelle Identität für die abendländische Zivilisation konstruiert oder wird das traditionelle Sagengut durch eklektische Abwandlungen sogar dekonstruiert? Zur Beantwortung dieser Frage ist folgender Befund von Bedeutung: Die griechisch-römische Mythologie dient vorwiegend in englisch- und deutschsprachigen Romanen einerseits als aitiologisch-kulturelle Verankerungsmöglichkeit der westlichen Zivilisation in der antiken Hochkultur und andererseits werden viele mythologische Einzelelemente und Motive so sinnentstellend weitertradiert, dass es für kundige Rezipienten aufgrund von Verwirrungen unter Umständen von Nachteil sein kann, die antike Sagenwelt zu kennen. Denn aufgrund von willkürlichen Vertauschungen bzgl. der Haupterzählstränge von Sagen kommt es zu Abänderungen, die die Standardversionen des antiken Mythos in ihrem Kern zerstören.

In diesem Zusammenhang ist die Hypothese zu erweisen, dass die griechisch-römische Mythologie in der postmodernen Fantasy und Fantastik als eklektisches Spiel mit identitätsstiftenden kulturellen Elementen und Motiven dient. Im Sinne der Doppeltadressierung von Kinder- und Jugendliteratur wird das griechisch-römische Kulturgut in den im Rahmen dieser Studie über 20 untersuchten Werken häufig als (interaktives) Glossar oder als Kurzzusammenfassung aufbereitet, damit u.a. bei den Erwachsenen als Vermittler dieser Romane und Filme der Eindruck geweckt wird, dass sie damit dem Nachwuchs ein kulturelles Bildungsgut näherbringen können. Schließlich wird auch geprüft, ob es sinnvoll ist, „Percy Jackson“ als Klassenlektüre zu lesen oder ob andere Werke der Mythopoesie zu diesem Zweck gewinnbringender sind.

2. Zur Hochphase von Fantasy und Phantastik mit Sujets aus der griechisch-römischen Mythologie

The classics are re-presented in mass culture. That re-presentation itself is then chewed over by the mass media: in 2006, the BBC/HBO series Rome generated close on 35,000 column inches, by anyone’s standards an impressive measure of media coverage. The web community devotes chatrooms, Facebook groups and new web pages to arcane, Classics-related broadcasting and gaming projects. The mechanics of putting antiquity on screen have become a charismatic object for the academic gaze.[2]

Themen und Motive aus der griechisch-römischen Antike werden immer wieder von der Massenkultur bzw. den Massenmedien aufgegriffen. Laut Hughes löste vor allem das Erscheinen der Serie Rome (versch. Regisseure, 2005-2007) einen wahren Antikenhype aus, der von vielen anderen Medien begleitet wurde und anhand von Fanforen zusätzlich verstärkt wurde. Seit dem Erscheinen dieser Serie sei das Thema Antike in populären Medien zudem wieder en vogue und verleihe den massenkulturellen Produkten eine intellektuelle Aura. Ähnlich wie sich diese Reetablierung des antiken Sujets im Jahre 2006 auf die Rezeption von antiker Historie in der Populärkultur positiv auswirkte, so löste das Jahr 2005 mit dem Beginn der weltweit erfolgreichen und millionenfach verkauften Percy-Jackson -Reihe einen weiteren, von den USA ausgehenden Boom aus, der eng mit der Antike[3] verbunden ist. So erscheinen seit diesem Zeitpunkt unzählige freie Adaptionen griechisch-römischer Mythen, die häufig in einen Medienverbund münden. In diesem Zusammenhang ist zu betonen, dass sich Adaptionen antiker Mythen sehr häufig im Rahmen von phantastisch geprägten Medien finden, die an Kinder und Jugendliche adressiert sind.[4]

Ein auffälliges Merkmal dieser zeitgenössischen filmischen und literarischen Mythen-Adaptionen ist eine didaktische Aufbereitung des Sagenstoffes für Kinder und Jugendliche. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob Schüler durch die Rezeption solcher Werke tatsächlich einen Zuwachs an Wissen über die griechisch-römische Mythologie verzeichnen können.

Dass populäre Untersuchungsgegenstände aus dem Bereich der KJL[5], welche antike Sujets thematisieren, in Zukunft noch weiter in den Fokus der Didaktik, insbesondere der Lateindidaktik, gestellt werden sollten, betonte Fritsch bereits im Jahr 1974. In diesem Zusammenhang fordert er die Fachdidaktiken zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit auf:

Die Freizeitlektüre von Schülern ist schon lange Gegenstand zahlreicher Untersuchungen und Veröffentlichungen. Auch die Didaktik des Lateinunterrichts wird sich mit diesem Bereich gründlicher befassen müssen, und es wird eine ihrer Aufgaben sein, in Zusammenarbeit mit Erziehungs­wissenschaft, Motivationspsychologie, Allgemeiner- und Medien-Didaktik und anderen Disziplinen den Stellenwert der Freizeitlektüre für Motivation und Vorinformation der Schüler, aber auch die Möglichkeiten der Einbeziehung dieser Lektüre in den Fachunterricht zu ermitteln.[6]

Dieser Forderung von Fritsch folgend soll dieser Beitrag auch die Zusammenarbeit zwischen Deutsch- und Lateindidaktik unterstützen.

Die Form der Didaktisierung von kulturellem Wissen ist in der KJL aufgrund der Doppeltadressiertheit[7] häufig ausgeprägt. Schließlich werden KJ-Romane und Filme häufig von Eltern als Vermittler für ihre Kinder gekauft und sollten deshalb für beide ansprechend sein. Wenn Erwachsene merken, dass ihren Kindern z.B. bei der Lektüre eines Romans nicht nur Lesefreude, sondern auch wertvolles Wissen vermittelt wird, kaufen die Eltern die Lektüre mit höherer Wahrscheinlichkeit.[8] So wird z.B. in der gemeinsamen Werbebroschüre des Carlsen-und Beltz-Verlags Klasse Lektüre 2015/2016 der Roman Percy Jackson. Diebe im Olymp explizit damit als Klassenlektüre für die Sekundarstufe beworben, dass er „mit umfangreichem Glossar zur griechischen Götter- und Sagenwelt“[9] ausgestattet ist. Diese Marketing-Strategie der Nachschlagewerke soll anhand dieses Exkurses nicht nur am Beispiel von Percy Jackson, sondern auch am Beispiel von anderen Werken in erster Linie als Pseudo-Didaktisierung enttarnt werden. Denn es soll in diesem Zusammenhang gezeigt werden, dass die Didaktisierung nicht nur dahingehend oberflächlich ist, dass viele wesentliche Merkmale von mythologischen Heroen, Fabelwesen, Orten und Gegenständen nicht tradiert werden, sondern auch, dass z.T. verwirrende Informationen transportiert werden. Der amerikanische Autor Rick Riordan lässt das griechische Pantheon in seiner oben genannten Reihe nicht nur in die Großstadt New York einziehen und modernisiert bzw. aktualisiert damit den antiken Sagenkomplex, sondern er bereitet als ehemaliger Geschichtslehrer die antike Mythologie auch für Heranwachsende (pseudo-)didaktisch auf. Diese Strategie zur scheinbaren Information der in erster Linie heranwachsenden Rezipienten über den kulturellen Kontext der Mythologie findet sich in einem Teil der 100 mythoshaltigen Werke, die Grundlage dieses Textkorpus sind. Diese Didaktisierungsstrategie ist keineswegs eine moderne oder postmoderne[10] Erscheinung. Dass Antikenadaptionen für Kinder und Jugendliche seit ihren Wurzeln eine didaktische Absicht trugen, betont v.a. Rutenfranz:

Diese Nacherzählungen [über den Trojanischen Krieg; Anm. M.S.] standen gerade im 19. Jahrhundert gern unter dem Postulat jugendlicher Bildung. Es mag allerdings überraschen, wie weit die Spannbreite der Bearbeitungen für Kinder und Jugendliche auch heute noch reicht: vom Bilderbuch bis zur opulent bebilderten Nacherzählung vom Erstlesetext bis zum Mitratekrimi.[11]

3. Analyse der z.T. interaktiven Glossare: Alphabetisch geordnete Nachschlagewerke am Ende des Romans oder im Zusatzmaterial der Film-DVD

Glossare mit Erläuterungen zu mythologischen Einzelelementen und Motiven finden sich in z.B. in Folgenden zwanzig mythopoetischen[12] Werken, die für diesen Beitrag näher fokussiert werden sollen: Helden des Olymp 1-5 (Sigle: Helden 1-5), Percy Jackson 1-5 (Sigle: Percy 1-5), Die sagenhaften Göttergirls 1-7 (Sigle: Göttergirls 1-7), Pina reist nach Griechenland (Sigle: Pina) , Disney’s Hercules (Sigle: Hercules) und der Verfilmung von Percy Jackson. Diebe im Olymp (Sigle: Percy Film 1).

Im Rahmen dieses exemplarischen Textkorpus werden also literarische ebenso wie filmische Werke gleichwertig analysiert. Für audiovisuelle Produkte gelten dieselben, eben genannten Auswahlkriterien wie für die Romane. Beide Medien werden in einem Korpus vereint, weil auch Filme unter Anwendung des ‚weiten Textbegriffs‘ aus semiotischer Perspektive als Texte anzusehen und auch so zu behandeln sind.[13]

Exemplarisch wird im Folgenden zunächst an fünf einschlägigen Glossar-Einträgen zu der Gorgone Medusa aus vier Romanen (Percy 1, Helden 2, Göttergirls 7 und Pina) und einem Film (Percy Film 1) überprüft, wie viele prototypische Merkmale aus der lexikographischen Standardversion von Tripp, die sich u.a. auf Hesiodes Theogonie 270-283 bezieht, diese übernehmen oder transformieren. Diese prototypischen Merkmale werden dann angeführt und in Beziehung zu den Glossareinträgen gesetzt. Die Gorgone Medusa (vgl. dazu Punkt 6.1.5) wird bei Tripp durch folgendes Merkmalbündel ausgestattet:

1. Hässliches Ungeheuer mit Schweinezähnen, heraushängender Zunge, goldenen Flügeln, eherne Klauen und Schlangenhaaren, welches Menschen versteinert
2. Die einzige Sterbliche von drei Schlangenfrauen, deren Schwestern Stheno und Euryale hießen
3. Früher eine schöne Frau
4. Affäre mit Poseidon in Athenes Tempel
5. Bestrafung durch Athene
6. Rand des Ozeans als Wohnort
7. Enthauptung durch Perseus im Schlaf mithilfe von einem Spiegelschild
8. Versteinerung des Königs Polydektes und seiner Gefährten mithilfe des Medusen­haupts
9. Übergabe des Medusenhaupts an Athene, die damit ihre Ägide ziert
10. Flügelpferd Pegasus, der bei der Enthauptung aus Medusas Rumpf springt
11. Riese Chrysaor, der bei der Enthauptung aus Medusas Rumpf springt
12. Abstammung von den chtonischen Gottheiten Phorkys und Keto[14]

Das Glossar aus dem ersten Band der Percy-Jackson -Reihe Diebe im Olymp verweist beim Eintrag zur Medusa auf die Gorgonen und beschreibt diese wie folgt:

Medusa: eine der drei Gorgonen: drei Töchter des Meeresgottes Phorkys und dessen Schwester, des Meeresungeheuers Keto. Sie hießen Stheno, Euryale und Medusa, von furchterregendem Aussehen, ihr Anblick soll jeden Menschen versteinern; unsterblich, außer Medusa, die von Perseus erschlagen wurde (Percy 1, 443/445).

In diesem Glossar finden sich nur die vier Merkmale aus der Standardversion 1, 2, 7 und 12, also nur ein Drittel wieder. Problematisch ist dabei, dass nicht auf die wichtige Vorgeschichte, des Medusa-Mythos eingegangen wird. Darin wird nämlich erklärt, wie Medusa zu einem Monster geworden ist. Auch das wichtige Merkmal der Schlangenhaare findet sich nicht.

Identische Einträge zur Medusa-Figur finden sich auch in folgenden Bänden der Percy-Jackson- Reihe: Percy 3, 364/366; Percy 4, 426; Percy 5, 456/458. Nur in Band 2 der Reihe Percy Jackson. Im Bann des Zyklopen fehlt ein Eintrag zur Medusa und den Gorgonen ganz. Dies muss aus Ungenauigkeit geschehen sein. Denn auch in anderen Bänden muss die Gorgone Medusa nicht immer im Plot auftauchen, um im Glossar erwähnt zu werden.

Des Weiteren wird die Folgereihe zu der Percy-Jackson -Serie Helden des Olymp genauer analysiert. In Band 2 Der Sohn des Neptun findet sich folgender Glossareintrag zur Gorgo Medusa, der im Vergleich zu dem gerade angeführten Eintrag den Aspekt der Schlangenhaare als zusätzliche Information liefert:

Gorgonen: die drei Töchter des Meeresgottes Phorkys und dessen Schwester, des Meeresungeheuers Keto. Sie hießen Stheno, Euryale und Medusa, hatten Schlangenhaare und waren von furchterregendem Aussehen. Ihr Anblick soll jeden Menschen versteinern. Unsterblich, außer Medusa, die von Perseus erschlagen wurde (Helden 2, 538).

Auch hier werden lediglich die o.g. vier Merkmale transportiert. Dies eintspricht einem Anteil von einem Drittel der Merkmale aus der Standardversion. Gleiche Einträge finden sich in folgenden weiteren Bänden der Serie: Helden 1, 580; Helden 3, 587 (Dieser Eintrag enthält sogar einen Druckfehler. Medusas Schwester Stheno wird hier als „Sthenol“ bezeichnet); Helden 4, 612 und Helden 5, 518. In den Helden - des - Olymp -Romanen von Rick Riordan werden also nur ein Drittel der Merkmale aus der Standardversion angeführt. Daher muss hier von einer Schein-Didaktisierung gesprochen werden.

Als nächstes Beispiel für einen Glossareintrag zum Begriff ‚Medusa‘ aus einem Roman sei auf Band 8 Sieg für Artemis & Medusas Traum der Reihe Die sagenhaften Göttergirls verwiesen:

Wusstest du, dass …

Medusa und ihre Schwestern Stheno und Euryale als Gorgonen bezeichnet wurden? Das bedeutet „die Schrecklichen“. Sie sollen nämlich ausgesprochen hässlich gewesen sein – mit Schlangenhaaren, spitzen Eckzähnen, Schuppen, einem fürchterlichen Blick und heraushängender Zunge. Kein Wunder, dass jeder bei ihrem Anblick zu Stein erstarrte!

Wusstest du, dass …

Medusa die berühmteste der drei Gorgonen und tatsächlich die einzige Sterbliche ist? Als sie noch schön war, liebte Poseidon Medusa. Athene war wütend, weil die beiden sich in einem ihr gewidmeten Tempel trafen und ließ Medusa hässlich werden. Perseus, ein Sohn von Zeus, sollte einem Verehrer seiner Mutter Danaë Medusas Kopf bringen – wegen der tödlichen Wirkung ihres Anblicks eine fast unlösbare Aufgabe. Doch da Athene auf seiner Seite war und ihm auch Hermes und einige Nymphen halfen, gelang es ihm, Medusa zu töten, ohne sie direkt anzuschauen. Er entkam und brachte Athene Medusas Kopf, die ihn zur Abschreckung in ihren Schild einsetzte (Göttergirls 7, 432f).

In diesem Glossar finden sogar 7 von 12 Merkmale Eingang (M 1, 2, 3, 4, 5, 7, 9). Dies sind jedoch insgesamt nur knapp unter 60%. Wichtige Merkmale wie der Wohnort der Medusa, die Versteinerung des Königs Polydektes und die Entstehung der einschlägigen mythologischen Fabelwesen Pegasus und Chrysaor werden übergangen.

Als Vorletztes wird das Glossar von Pina reist nach Griechenland eingehend begutachtet. Dieses findet sich nicht gebündelt am Ende des Romans, sondern die Einträge sind als metanarratologische Infotafeln in den Text eingestreut. Zusätzlich werden diese mythologischen Sachinformationen mit witzigen Kommentaren von Pina versehen:

Medusa/Hatte Schlangen auf dem Kopf. Wer sie ansah, wurde in Stein verwandelt. Ein anderer Name für Medusa ist Gorgone. Sie wurde von Perseus besiegt – gut gemacht! Ich mag keine Wesen, die die anderen erstarren lassen (Pina, 78).

In dieser Variation eines Glossars finden sich nur zwei von 12 Merkmalen wieder (M 1 und 7). Es enthält also nur knapp unter 17% der prototypischen Merkmale, sodass nur ein oberflächliches Kennenlernen der mythologischen Figur ermöglicht wird.

Daneben finden sich auch interaktive Glossare im Zusatzmaterial von DVDs, wie z.B. Percy Jackson. Diebe im Olymp und Disneys Hercules. Diese sind optisch wie eine Säulenhalle gestaltet und erwecken somit den Eindruck von Authentizität in Bezug auf deren Informationen: Auf Säulen stehen griechische Vasen oder antike Teller, auf denen Helden und Fabelwesen als Schwarz- oder Rotfiguren nach Vorbild griechischer Vasenmalerei abgebildet sind. Als Letztes wird nun das Beispiel Percy Jackson fokussiert, da es im Film Hercules keinen Eintrag zur Figur der Medusa gibt. Je nach Interesse kann der Rezipient hier einen großen Teller auswählen und anklicken, auf dem das Haupt der Medusa in archaischer Ikonographie als Monster mit Schlangenhaaren abgebildet ist. Darunter findet sich ein Screenshot aus dem Film, der den Kopf der postmodernen Medusa mit Sonnenbrille und Turban – dargestellt von Uma Thurman – zeigt. Sodann startet eine kurze Sequenz mit Ausschnitten aus dem Film, die von einem Sprecher aus dem Off mit didaktisierten Sachinformationen zur Figur der Medusa angereichert werden:

Sprecher aus dem Off: „Medusa was once a beautiful maiden and one of the three sisters called the Gorgons.“

Medusa: „I was courted, desired by many suitors.“

Sprecher: „She entered the sacred temple of Athena and had an affair with the god Poseidon.“

Medusa: „I used to date your daddy!“

Sprecher: „This angered Athena so much, that she transformed Medusa into a hideous creature with snakes for hair and a gaze, that would turn anyone, who looked upon her, to stone“ (Percy Film 1, Zusatzmaterial).

In diesem Eintrag finden sich fünf von zwölf Merkmalen (M 1, 2, 3, 4, 5) wieder. Dies entspricht einem Wert von knapp über 40%. Jedoch wird das Aussehen der Medusa oberflächlich auf ihre Hässlichkeit und die Schlangenhaare beschränkt. In Bezug auf Merkmal zwei fehlt der Aspekt der Sterblichkeit und die Namen der Gorgonen.

4. Zwischenfazit zum didaktischen Wert mythoshaltiger Fantasy und Phantastik

Insgesamt lässt sich also als Zwischenschritt zusammenfassen, dass als Mittelwert in den zwölf genauer untersuchten Glossaren der Mythopoesie nur ca. 35% der Merkmale transportieren. Dies bedeutet, dass etwas weniger als 2/3 der prototypischen Merkmale keinen Eingang ins die Glossare finden. Daher sind alle hier untersuchten Glossare als lückenhaft und oberflächlich zu bezeichnen. Selbst bei dem weltweit verbreiteten, rhizomatisch angelegten Lexikon Wikipedia, dessen Einträge zumeist unvollständig sind, finden sich unter dem Suchbegriff ‚Medusa‘ elf von zwölf Merkmalen, also knapp über 90%.[15] Nur Merkmal 8, die Versteinerung des Polydektes mit dem Medusenhaupt, wird dort nicht erwähnt. Somit sollten Heranwachsende mythologische Fabelwesen lieber auf dieser Seite recherchieren bevor sie zu Mythenadaptionen zum Wissenserwerb greifen. Die Glossare aus postmodernen Adaptionen können also nur zum Einstieg in die und Motivation für die griechisch-römische Mythologie als Vorabinformation genutzt werden. Somit ist auch der didaktische Mehrwert des gerade angeführten interaktiven Glossars von Percy Jackson als gering einzuschätzen, und wird daher von Schrackmann überbewertet:

Beachtenswerterweise ermöglicht nun aber der Medienverbund, insbesondere in Form der Sonderausstattung auf DVDs und Blurays, Anknüpfungspunkte an die literarischen Vorlagen, auf die in der Kinoversion der Filme noch verzichtet werden musste. Im Falle von The Lightning Thief bietet das DVD-Bonusmaterial zusätzliches Wissen zu den Göttern, welches mythische Hintergrund-informationen vermittelt und ansatzweise die Authentizitätsbekundung der Buchvorlage erkennen lässt. Im interaktiven Feature ‚Geheimnisse der Götter‘ können beispielsweise einzelne Götter und Monster nachgeschlagen werden; in einer kurzen Einleitung bekräftigt der Erzähler die tatsächliche Existenz der im Film gezeigten Wesen.[16]

Auch Morey und Nelson betonen mit wenig Substanz – wie aus den obigen Ausführungen hervorgeht –, dass freiere Adaptionen antiker Mythen, wie z.B. die Percy-Jackson-Reihe, mythologisches Spezialwissen über antike Fabelwesen vermitteln. Sie vernachlässigt bei dieser Aussage die Oberflächlichkeit solcher Glossare:

The series often provides highly arcane mythological information; consumers of these books are enabled to speak knowledgeably about telkhines and empousae, for example. At the same time, however, Riordan is clearly offering not a retelling of traditional myths in modern language but an effort to continue within today’s world the tradition represented by the ancient tales.[17]

Aufgrund der prekären Sachlage müssen die in diesem Unterpunkt untersuchten Glossare als nahezu funktionslose Spielerei von Verlagen abgetan werden. Folgende drei Merkmale finden sich in keinem der Glossare wieder: 6. Rand des Okeanos (Weltstrom) als Wohnort der Medusa; 9. Flügelpferd Pegasus und 10. Riese Chrysaor, die bei der Enthauptung der Medusa aus ihrem Rumpf entspringen. Dafür lassen sich unterschiedliche Gründe anführen:

Der in der Standardversion marginalisierte Wohnort der Medusa wird in den Glossaren weggelassen, da Medusa in den oben angeführten vier Adaptionen entweder in einem Wald, am Rande eines Highways oder in einem Eliteinternat am Olymp angesiedelt wird.

Das Entspringen von Pegasus und Chrysaor aus Medusas kopflosem Rumpf wird wohl deshalb ausgespart, weil dieses Ereignis für eine Adaption für Heranwachsende sehr brutal wäre.

[...]


[1] Für essentielle Hinweise zu dieser interdisziplinären Studie als Kooperationsprojekt zwischen der Didaktik der Germanistik und der Didaktik der Alten Sprachen danke ich von Herzen Prof. Dr. Anita Schilcher und Prof. Dr. Markus Janka.

[2] Hughes 2009, 2.

[3] Eine systematische Zusammenschau zu diesem populärkulturellen Phänomen liefern Janka und Stierstorfer 2017.

[4] Vgl. dazu ausführlicher mit Blick auf problematische Werte und Normen, mit denen Jugendliche in derartigen Rezeptionsdokumenten konfrontiert sind: Stierstorfer 2017.

[5] KJL wird hier und im Fortfolgenden als Abkürzung für Kinder- und Jugendliteratur verwendet.

[6] Fritsch 1974, 88-89.

[7] Ewers (2000/2012, 103) erläutert zu diesem Phänomen Folgendes: „Unter der Doppeltadressiertheit von Kinder- und Jugendliteratur ist der Umstand zu verstehen, dass diese sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern gleichzeitig auch an die erwachsenen Vermittler richtet – hinsichtlich des zeitlichen Ablaufs der Kommunikation gar an erster Stelle. Die erfolgreiche Kommunikation mit den Vermittlern eröffnet erst den Zugang zu den intendierten Lesern.“

[8] Vgl. Ewers 2000/2012, 103-104.

[9] http://www.beltz.de/produkt_produktdetails/8003-klasse_lektuere_20152016.html (Seite 84; Stand: 13.09.15)

[10] Der Begriff ‚Postmoderne‘ wird hier nach Saupe (2007, 602) gebraucht: Sie schreibt dieser „kulturgeschichtliche<n> Periode nach der Moderne“ einen „Pluralismus von Wissensmodellen und Kunstformen“, einen „Verzicht auf eine einheitliche Sinnstiftung in Kunst, Philosophie und Wissenschaft“ sowie „eine Aufhebung der Grenze zwischen Hoch- und Populärkultur“ zu. Außerdem sind als weiteres Charakteristikum „Tendenzen zum Eklektizismus und zur Beliebigkeit“ einschlägig. In postmodernen Mythenadaptionen, die seit dem Millennium auf dem Buchmarkt erschienen sind, zeigen sich vor allem der eklektische Umgang mit den antiken Stoffvorlagen und die bis zur Aufhebung dieser Kategorien reichenden Grenzüberschreitungen zwischen Hoch- und Populärkultur.

[11] Rutenfranz 2010, 48.

[12] Der Begriff ‚Mythopoesie‘ wird im Folgenden nach Ewers (2012, 24) verwendet: „Für mich stellt die Fantasy ursprünglich nichts anderes als eine romanhafte Parodie des vormodernen Heldenepos dar. Damit befinde ich mich in einer gewissen Nähe zu Arbeiten aus der englischsprachigen Fantasyforschung und der deutschen Anglistik, für die Fantasy eine zeitgenössische Form von Mythopoesie, ein modernes literarisches Spiel mit überlieferten Mythen darstellt.“

[13] Dazu trifft Krah folgende Aussage: „Wenn von ‚Text‘ gesprochen wird, dann wird darunter aus semiotischer Perspektive nicht nur verstanden, wie er allgemeinsprachlich verwendet wird, als schriftlich verfasste Äußerung in einer natürlichen Sprache. Ein ‚Text‘ in diesem weiten Sinne konstituiert sich stattdessen ganz allgemein aus Zeichen und ist eine konkrete Manifestation eines Zeichensystems, als Auswahl und Kombination, zu verstehen. Dabei ist es egal welcher Provenienz, ob dies nun eine natürliche Sprache ist, ob dies Gestik und Mimik der Körpersprache, oder ob dies ein audiovisuelles wie etwa der Film ist“ (Krah 2013, 41). Dieser erweiterte Texbegriff findet auch Eingang in die neuen Lehrpläne.

[14] Vgl. Tripp 1974/2012, 201/333-334/426.

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Medusa (Stand: 06.03.16)

[16] Schrackmann 2012, 281-282.

[17] Morey und Nelson 2015, noch unp.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
„Percy Jackson“ und die griechisch-römische Mythologie im Latein- und Deutschunterricht
Untertitel
Kritische Bemerkungen zur Didaktisierung mythologischen Wissens in der aktuellen Fantasy- und Phantastik-Literatur sowie im Film
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Lehrstuhl für Didaktik der Alten Sprachen)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
30
Katalognummer
V366619
ISBN (eBook)
9783668447554
ISBN (Buch)
9783668447561
Dateigröße
1335 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
percy, jackson, mythologie, latein-, deutschunterricht, kritische, bemerkungen, didaktisierung, wissens, fantasy-, phantastik-literatur, film
Arbeit zitieren
Michael Stierstorfer (Autor), 2017, „Percy Jackson“ und die griechisch-römische Mythologie im Latein- und Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366619

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