Frühe Traumatisierung von Kindern. Eine Herausforderung für den pädagogischen Alltag in der Jugendhilfe


Bachelorarbeit, 2016

76 Seiten, Note: 2,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Komplexität frühkindlicher Traumatisierung
2.1. Definition Trauma
2.2. Auslöser von Trauma
2.2.1. Vernachlässigung
2.2.2. psychische Misshandlung
2.2.3. körperliche Misshandlung
2.2.4. traumatische Sexualisierung
2.2.5. häusliche Gewalt
2.3. Risiko- und Schutzfaktoren
2.4. Traumareaktionen von Körper und Geist
2.5. Verarbeitungsprozess des Traumas
2.6. Zusammenfassung

3. Frühkindliche Traumatisierung und dessen Einfluss auf die kindliche S.22 Entwicklung
3.1. Kindliche Entwicklung und typische Symptome in den Entwicklungs- phasen
3.2. Entwicklungspsychologische Auswirkungen komplexer Traumatisierung
3.3. Posttraumatische Belastungsstörung bei Kindern
3.3.1. Entwicklungsbezogene Trauma-Folgestörung
3.4. Zusammenfassung

4. Traumpädagogik: Interventionsmöglichkeiten der Jugendhilfe am Beispiel der Tagesgruppe
4.1. Begriffserklärung
4.1.1. Tagesgruppe
4.1.2. Traumapädagogik
4.2. Methoden der Traumapädagogik
4.2.1. Gestaltung der Zukunft und Unterstützung der kognitiven Neuordnung
4.2.2. Biographiearbeit
4.2.3. Sicherung kontinuierlicher Bezüge
4.2.4. Unterstützung im Umgang mit Übertragungen und Beendigung von Flashbacks
4.2.5. Unterstützung zur Selbstbemächtigung
4.3. Zusammenfassung

5. Professionalität im Umgang mit frühkindlicher Traumarisierung
5.1. Potenzielle Belastungen und Grenzen der pädagogischen Fachkräfte
5.2. Grundkompetenzen der pädagogischen Fachkräfte
5.3. Zusammenfassung

6. Schussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Abstract

Gegenstand der hier vorgestellten Arbeit ist die frühe Traumatisierung von Kindern im pädagogischen Alltag der Jugendhilfe. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Bear- beitung der Frage, wie sich ein pädagogischer Umgang mit den sich aus trauma- tischen Erlebnissen resultierenden Verhaltensmuster gestalten soll. Dabei soll in Erfahrung gebracht werden, welche pädagogischen Handlungsmöglichkeiten für die Jugendhilfe eine Unterstützung darstellen, um einen adäquaten Umgang gewähr- leisten zu können. Weiterhin werden Kenntnisse gezogen, an welchen Stellen die Jugendhilfe an ihre Grenzen stoßen und welche Konsequenzen daraus folgen. Die Motivation besteht in erster Linie aus der Traumaforschung und -pädagogik, da beide Kernpunkte noch relativ in den Anfängen stecken, aber die Zahlen der trauma- tisierten Kindern im pädagogischen Alltag einen Anstieg verbuchen. Dies hat zur Folge, dass pädagogische Fachkräfte oft an ihre Grenzen stoßen und die Arbeit als Herausforderung erleben, nicht zuletzt wegen fehlendem Fachwissen aus dem Be- reich Psychotraumatologie. Um den traumatisierten Kindern in ihrer Entwicklung und den pädagogischen Fachkräften Rechnung tragen zu können, weist die Trauma- pädagogik eine Chance für alle Beteiligten dar. Die Traumapädaogik ersetzt keines- wegs die Therapie, jedoch ist sie für den pädagogischen Alltag von großer Be- deutung, da traumatisierte Kinder ihre Verhaltensweisen im Alltag zeigen und nicht nur in der Therapie. Die Arbeit führt zu dem Ergebnis, dass die Handlungsmethoden der Traumapädagogik in den pädagogischen Alltag grundsätzlich integrierbar sind, jedoch an den Rahmenbedingungen der teilstationären Jugendhilfe angepasst werden muss, da das Zeitkontingent begrenzt erscheint. Um Kinder auf der Suche nach ihrem Ich begleiten und unterstützen zu können, bedarf es an Kontinuität der Bezugsperson, welche gleichzeitig das Kernelement der Traumapädagogik darstellt.

Schlüsselwörter: traumatisierte Kinder, Jugendhilfe, Traumapädagogik, Symptome, Entwicklung, Unterstützung, Begleitung

1. Einleitung

„Das traumatische Erlebnis lässt sich aus der Biographie nicht mehr entfernen, aber ungeheuer viel hängt davon ab, welchen Platz es einnimmt.“

(Jan Philipp Reemtsma 1997)

Erlebnis, ein Wort mit einem großen Repertoire an Emotionen mit einer langan- haltenden Platzeinnahme in der eigenen Biografie. So können Erlebnisse als wunderschön, spannend oder amüsant empfunden werden. Doch leider zeigen sich häufig im Alltag der heutigen Gesellschaft auch Erlebnisse, auf denen ein dunkler Schatten liegt und alles andere als positiv behaftet sind. Jeden Tag folgen in den Medien Berichterstattungen aus aller Welt über Krieg, Flucht, Terroranschläge, Morde, Missbrauch, Misshandlung, Naturkatastrophen oder schwere Unfälle. All diese Erlebnisse sind grundlegend verschieden, aber sie besitzen zwei prägnante Gemeinsamkeiten, zum einen diese grausame Gewalt und zum anderen rufen sie leider immer wieder Opfer hervor. Die Häufigkeit, das Kinder und Jugendliche zum Opfer eines derartiges Martyriums fallen, lässt sich aus nationalen sowie inter- nationalen Statistiken entnehmen.

Richtet man den Fokus auf die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) Deutschlands, so geht hervor, dass im Jahr 2015 rund 136.992 Kinder und Jugendliche (0-18 Jahre) zum Opfer von Mord und Totschlag, Sexual-, Gewalt- und Raubdelikte sowie von Straftaten gegen die persönliche Freiheit wurden. (vgl. PKS 2015, S.4) Gerade in Bezug auf sexuellen und emotionalen Missbrauch sowie körperliche Misshandlungen gegenüber Kindern, welcher vor keiner Gesellschaftsschicht halt macht, liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich höher als angegeben, da die Statistik von angezeigten Delikten ausgeht und die Opfer aufgrund ihres Alters sowie psychischen Zustandes nur bedingt in der Lage sind, dieses zur Anzeige zu bringen. Genau diese, aber auch schon allein Erlebnisse als Augenzeuge, machen aus Kindern traumatisierte Lebe- wesen mit einer narbigen Hinterlassenschaft an Körper und Seele. Was bleibt sind schmerzhafte frühkindliche Erinnerungen, die sich Trauma nennen und somit einen großen Einfluss auf die kindliche Entwicklung sowie Lebensqualität nehmen. (vgl. Eschrich 2014, S.13)

Aufgrund der Entwicklung und den damit einhergehenden Verhaltensweisen werden diese Kinder häufig an die (teil-) stationäre, wie auch ambulante Jugendhilfe ange- bunden. Bei der Integration von traumatisierten Kindern in den pädagogischen Alltag dieses Settings wird jedoch meist vergessen, „(…) dass traumatisierte Kinder die Folgen ihrer Traumatisierung natürlich nicht nur in den Therapiestunden zeigen, sondern überall da, wo sie leben (…)“. (Eschrich 2004, S.13) Dieses Spiegeln der traumatischen Erfahrungen im Verhalten der Kinder, wird oftmals von den pädago- gischen Fachkräften im Alltag der sozialen Arbeit als Herausforderung erlebt. Hier zeigt sich deutlich, dass die Jugendhilfe, vor allem die Tagesgruppe auf diese Kinder oftmals nicht vorbereitet ist, da es an Wissen über diese Thematik fehlt und die damit verbundene Komplexität bezüglich pädagogischer Handlungsansätze. (vgl. Jaritz 2008, S. 272f; Kühn 2013, S.34f) Betrachtet man gegensätzlich dazu das eingangs formulierte Zitat von Reemtsma, so erscheint es in der Jugendhilfe als unabdingbar, Kinder und Jugendliche pädagogisch so zu unterstützen und zu begleiten, das sie befähigt werden ihre negativ behafteten Erlebnisse nach aussen zu tragen, um die Platzeinnahme dieser in der eigenen Biografie zu reduzieren.

Um ein tiefgreifendes Verständnis für die oben aufgeführten Thematik zu erhalten und darüber hinaus eine intensive Auseinandersetzung mit dieser anzuregen, be- schäftigt sich die Arbeit mit dem Schwerpunkt: traumatisierte Kinder in der Jugend- hilfe. Es ist vorwegzunehmen, dass die Arbeit eine Einschränkung auf die Tages- gruppe vornimmt, da eine theoretische Auseinandersetzung mit allen Formen der Jugendhilfe den Rahmen der vorliegenden Arbeit ausreizen würde. Zudem obliegt die Eingrenzung auch auf persönlichen Interesse der Autorin, da sie zum Zeitpunkt des Verfassens in einer Einrichtung mit Tagesgruppenbereich tätig war.

Im Fokus der Arbeit steht dabei folgende, abgeleitete zentrale Fragestellung: Wie sollte sich ein pädagogischer Umgang mit den sich aus traumatischen Erlebnissen resultierenden Verhaltensmuster gestalten? Dabei gilt es herauszufinden, welche pädagogischen Handlungsmöglichkeiten der Jugendhilfe zur Verfügung stehen, um einen adäquaten Umgang mit traumatisierten Kindern gewährleisten zu können. Weiterhin soll mit der Arbeit in Erfahrung gebracht werden, an welchen Stellen die Strukturen der Jugendhilfe an ihre Grenzen stoßen und welche Konsequenzen sich daraus für die Arbeit der Jugendhilfe im Bereich der Tagesgruppe ergeben.

Um diese Fragen in der Zusammenfassung beantworten zu können, wird zunächst die Komplexität frühkindlicher Traumatisierung näher beleuchtet, um aus pädago- gischer Sicht eine Aufklärung erfolgen zu lassen. In diesem Kapitel werden eingangs die Definition von Trauma und diejenigen Traumatisierungen dargestellt, die insbe- sondere bei Kindern als Auslöser dienen und in der Jugendhilfe immer wieder vorzu- finden sind. Im Anschluss dessen folgt eine Darstellung der Risiko- und Schutz- faktoren, welche mit dem Kapitel vier Traumapädagogik einhergehen.

Um einen adäquaten pädagogischen Umgang mit traumatisierten Kindern gewährleisten zu können, ist es von Nöten sich mit den Grundlagen der Psychotraumatologie auseinandersetzen. Aus diesem Grund werden zudem in diesen Kapitel Erkenntnisse über die Traumareaktionen von Körper und Geist wiedergegeben, welche nachfolgend in Kapitel drei in einem entwicklungspsychologischen Vergleich eine erneute Präsenz aufweisen. Der Fokus dieser Arbeit ist in dem Verarbeitungsprozess des Traumas verortet und stellt ebenso eine Grundlage der Psychotraumalogie dar, die für die pädagogische Arbeit eine prioritäre Bedeutung darstellt.

Das dritte Kapitel setzt sich mit der Entwicklungspsychologie der frühen Kindheit auseinander sowie dessen traumatischen Einfluss. Dabei erfolgt eine Art Gegen- überstellung von den Entwicklungsphasen nach Piaget zu den Symptomen, die eine Traumatisierung auslösen. Weiterhin wird das Augenmerk gezielt auf die entwick- lungspsychologischen Auswirkungen komplexer Traumatisierungen und die post- traumatische Belastungsstörungen gerichtet. Hier werden besonders die Trauma- folgen beschrieben, die entweder die direkten Auswirkungen auf den pädagogischen Alltag nehmen oder bestimmte Entwicklungsbereiche traumatisierter Kinder in der Jugendhilfe betonen. Dieser Einblick hilft dabei, ein besseres Verständnis bezüglich der Verhaltensweisen traumatisierte Kinder zu erlangen. Durch diese Auseinander- setzung wird am Ende des Kapitels ein pädagogischer Bedarf ermittelt, den es in der Arbeit mit diesen Kindern zu berücksichtigen gilt.

Aus diesem Grund wird in Kapitel vier die Traumapädagogik analysiert, in dem auf fünf pädagogische Handlungsmöglichkeiten dieser Pädagogik genauer eingegangen wird. Dabei werden Möglichkeiten für den pädagogischen Alltag aufgezeigt, welche im Umgang mit traumatisierten Kindern sich als sinnvoll erweisen können. Jedoch bedarf es in der Arbeit mit der Traumapädagogik bzw. im Umgang mit frühkindlichen Traumatisierungen professionelle pädagogische Fachkräfte. Demzufolge wird in Kapitel fünf die Haltung der Pädagogen sowie mögliche Belastungen und Grenzen dargelegt. Auch hier muss eine Wissensvermittlung erfolgen, da pädagogische Fachkräfte sich durch diese Arbeit selbst belasten können und somit aufgezeigt wird, auf was es zu achten gilt.

Im Anschluss an die Auseinandersetzung mit der Thematik folgt die Zusammen- fassung in Kapitel sechs, in der es gilt die zentralen Fragen zu beantworten und die eigenen Erfahrungen zu reflektieren sowie einen weiteren Ausblick zu gewährleisten.

2. Komplexität frühkindlicher Traumatisierung

Traumatische Erfahrungen kennen kein Alter, so dass bereits Kinder im frühen Alter schon zu Opfern oder Zeugen werden können. Doch was wird unter dem Begriff Trauma verstanden und durch was wird ein Solches ausgelöst?

In der heutigen Zeit findet der Begriff Trauma nicht nur in der Pädagogik oder Psychologie Verwendung, sondern auch in der Umgangssprache, um die Schwere einer Situation, die ein Mensch aus seiner Sicht erlebt hat, zum Ausdruck zu bringen. Dabei handelt es sich um Situationen, die in dem Moment eventuell als ärgerlich empfunden wurden, „(…) jedoch weder im Ereignis noch in seinen Folgen dem fachlichen Verständnis des Traumabegriffs entsprechen. Problematisch bei dieser umgangssprachlichen Begriffsverwendung ist gerade aus Sicht traumatisierte Menschen die Bagatellisierung dessen, was in ihrem eigenen Leben in höchstem Maße zur Zerrüttung mit häufig langfristigen bis lebenslangen Folgen geführt hat.“ (Scherwarth/ Friedrich 2016, S.20)

Aus diesem Grund wird eingangs auf die Definition von Trauma eingegangen sowie die Auslöser eines Solches näher beleuchtet, um ein Verständnis für die Problematik zu gewinnen. Weiterhin wird ein Blick in die psychotraumatologischen1 Grundlagen gewährt, damit die Komplexität aufgezeigt wird und zugleich eine Vermittlung von Kenntnisse über Risiko- und Schutzfaktoren, die Traumareaktionen von Körper und Seele und den Verarbeitungsprozess erfolgen kann.

2.1. Definition von Trauma

Das Wort Trauma stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet in seiner Über- setzung soviel wie „Verletzung“ oder „Wunde“. Dabei findet der Begriff in diversen Kontexten, wie zum Beispiel im medizinischen oder psychologischen Bereich seine Verwendung. Während sich die „Verletzung“ im medizinischen Bereich auf eine körperliche Schädigung durch eventuelle Gewalteinwirkungen bezieht, „(…) bezeich- net sie in der Psychologie die Verletzung der menschlichen Psyche (…)“, da auch sie größere Belastungen nicht unbeschadet standhalten kann. (edb) Richtet man nun einen Blick auf das DSM-IV2, so wird der Begriff Trauma wie folgt definiert:

„Die Person wurde mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert, bei dem die beiden folgenden Kriterien vorhanden waren:

1. Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren Ereignissen konfrontiert, die tatsächlichen oder drohenden Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen beinhalteten.
2. Die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entset- zen.“ (Landolt 2012, S.15)

Im Gegensatz dazu definiert das ICD-103 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Trauma als „(…) ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaßes (kurz oder langanhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde.“ (WHO 2000 zit.n. Scherwarth/ Friedrich 2016, S.20)

So kann festgehalten werden, dass nach einem solchem Ereignis, wie es in der Definition dargestellt wird, die meisten Menschen ein Trauma erfahren, egal ob sie direkt von der Situation betroffen sind oder nicht. Traumata treten demzufolge durch Erlebnisse bzw. Ereignisse auf, die eine Bedrohung für das eigene Leib und Leben darstellen und somit Angst und Hilflosigkeit auslösen sowie die normale Strategien der Anpassungs- und Bewältigungsfähigkeit des Menschen überfordern. (vgl. Weiß 2016, S.25) Das bedeutet nichts anderes als, das der Mensch sich in einer Situation befindet, die von absoluter Unabsehbarkeit, Heftigkeit und Ausweglosigkeit geprägt ist, bei denen das normale Selbstwirksamkeits- und Verarbeitungsvermögen außer Kraft gesetzt wird. (vgl.edb.) Jedoch ist festzuhalten, dass traumatische Ereignisse sich auch wiederholen und es sich dabei um eine objektiv und subjektiv existenziell ausweglose Bedrohung für den Menschen handelt, bei denen sie in eine Art Schutz- losigkeit der Traumatischen Zange4 geraten können. (vgl.Besser 2011, zit.n. Scher- wath/ Friedrich 2016, S.21) Ein Trauma umfasst somit immer eine objektive und sub- jektive Komponente zwischen denen es zu unterscheiden gilt. Die objektiv leichtere Komponente umschließt das Ereignis an sich und die Subjektive das Erleben sowie die Interpretation, der Bewertung und das Verarbeiten einer solchen Situation von Seiten des Betroffenen.

In Bezug auf die frühe Traumatisierung von Kindern, auch Kindheitstrauma gennant, liegen der Literatur keine Unterschiede bezüglich einer Definition vor, da sie für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gelten. Abzuleiten ist lediglich das Alter, wann ein Mensch solch traumatische Ereignisse erlebt hat, wodurch sich nachhaltig die Folgen eines Kindheitstraumas auch im Erwachsenenalter einstellen können und welche Merkmale zur Bestimmung eines Solchen wesentlich sind. Nach Scheuer- Englisch sind folgende Merkmale ausschlaggebend: „Es handelt sich um eine ein- malige oder fortlaufende Erfahrung, die zu einer psychischen Verletzung führt, die für das Kind überwältigend und mit seinen physischen und psychischen Möglichkeiten nicht kontrollierbar ist, die Todesangst und Angst vor Vernichtung des physischen oder psychischen Selbst auslöst und bei der das Kind in der Situation auf niemanden zurückgreifen kann, bei dem es Schutz oder Hilfe erfährt.“ (Scheuer-Englisch 2002, S.67)

Zu solchen Situationen zählen auch, wie bereits in der Einleitung schon erwähnt, Kindesmisshandlung und -missbrauch, welche unter anderem im nachfolgenden Kapitel unter Auslöser von Traumata näher beleuchtet werden.

2.2. Auslöser von Traumata

Traumatische Situationen für Kinder können so vielfältig sein, wie allein schon die Definition an sich.

In diesem Kapitel werden die traumatischen Situationen aufgeschlüsselt, welche gleichzeitig als Auslöser eines Traumas dienen und somit als Kindheitstrauma verstanden werden können. Dabei werden die Auslöser: Vernachlässigung, psych- ische Misshandlung, körperliche Misshandlung, traumatische Sexualisierung und häusliche Gewalt näher beleuchtet, um aus pädagogischer Sicht ein Verständnis dafür zu erlangen, was Kindern alles widerfahren kann und mit welchen Schicksal sie sich zum Teil bereits schon in ihrer frühen Kindheit auseinandersetzen müssen.

Gerade in Bezug auf die Traumatisierung von Kindern5 hat es sich bewährt, diese in zwei Dimensionen zu analysieren: apersonale und personale Traumatisierungen sowie einmalige und überraschende oder langanhaltende und kumulative Trauma- tisierungen. Bei den Apersonalen Traumatisierung handelt es sich um Ereignisse bzw. Situationen, die nicht durch einen Menschen hervorgerufen werden, sondern sich eher auf die Gewalt von Außen zum Beispiel Naturkatastrophen oder Unfälle bezieht. Im Gegensatz dazu werden die personalen Traumatisierungen durch menschliches Handeln ausgelöst, wie beispielsweise Kindesmisshandlung, Miss- brauch oder Vergewaltigung. Bei der einmaligen und überraschenden oder langan- haltenden und kumulativen Traumatisierung liegt das Unterscheidungsmerkmal in der zeitlichen Abfolge. Im Großen und Ganzen wird zum einen abgewägt, ob ein Trauma durch menschlichen Einfluss erfolgt oder nicht und zum anderen über welchen Zeitraum sich dieses erstreckt sowie dessen Häufigkeit. (vgl. Wöller 2006, S.12)

Für die Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist es unerlässlich eine weitere Kategorisierung von Traumata erfolgen zu lassen, um die nachfolgenden Auslöser im Nachhinein exakt einstufen zu können. So nahm Lenore Terr eine Kategorisierung von Traumatisierungen vor und typisierte diese in Typ I und Typ II. Bei Typ I, auch Schock-Trauma genannt, handelt es sich um ein traumatisches Erlebnis, bei denen die Betroffenen plötzlich und überraschend aus ihrem gewohnten Leben gerissen werden. Dabei ist zu vermerken, dass die Ereignisse meist einmaliger Natur sind. „Diese Ereignisse sind durch ein Aufeinandertreffen von Tätern und Opfern, ein radikales Macht-Ohnmacht-Gefälle und eine völlige Ohnmacht und Hilflosigkeit auf Seiten der Opfer gekennzeichnet.“ (Eschrich 2014, S.101)

Typ II, auch chronisch kumulatives Trauma genannt, bezeichnet dagegen Ereignisse, die wie eine Serie als Dauerbelastung auf die Betroffenen einwirken. Damit sind Traumatisierungen im Kindes- sowie Jugendalter gemeint, die sich aus einem Spek- trum traumatischer Ereignisse zusammensetzt, wie durch Misshandlung, Miss- brauch oder Vernachlässigung. „Indem mehrere Ereignisse auf das Kind einwirken, verursachen sie in ihrer Gesamtheit (kumulativ) eine seelische Verletzung, obwohl jedes Ereignis allein womöglich nicht unbedingt sichtbare Auswirkungen gehabt hätte.“ (ebd)

Im Folgenden werden die im Kapitel eingangs beschriebenen möglichen Auslöser von Traumata dargestellt, welche insbesondere auf Kinder und Jugendliche in der Jugendhilfe zutreffen können. „Eine Untersuchung über Gefährdungslagen von Kindern und Jugendlichen bei der Anrufung der Gerichte durch die Fachkräfte am Jugendamt (Münder/Mutke/Schone 2000) bestätigt diese Auswahl.“ (Weiß 2016, S. 28)

2.2.1. Vernachlässigung

Von Vernachlässigung wird gesprochen, wenn „(…) über längere Zeit bestimmte Versorgungsleistungen materieller, emotionaler und kognitiver Art ausbleiben (…)“. (Schone 1997, zit.n. Weiß 2016, S.28) „Diese Unterlassung kann aktiv und passiv (unbewusst) aufgrund unzureichender Einsicht oder unzureichenden Wissens erfolgen“ (ISA zit.n. Weiß 2016, S.28) so weiter die Definition des Instituts für Soziale Arbeit e.V. (ISA) in Münster.“ (ebd)

Kinder, die von Vernachlässigung betroffen sind, erfahren eine vollkommen andere Dynamik der Aufmerksamkeit als die der sexuellen oder körperlichen Gewalt. Im Detail bedeutet dies, dass vernachlässigte Kinder von ihren Eltern als Person nicht wahrgenommen werden. „Sie werden körperlich durch unzureichende Pflege und Kleidung, mangelnde Ernährung und gesundheitliche Fürsorge, Unterlassen ärzt- licher Behandlungen und unzureichendem Schutz vor Risiken und Gefahren vernachlässigt. Sie werden emotional durch Mangel an Aufmerksamkeit und emotionaler Zuwendung, nicht hinreichendes oder ständig wechselndes Beziehungsangebot, nicht ausreichende Anregung und Förderung motorischer, geistiger, emotionaler und sozialer Fähigkeiten und einem Mangel an Entwicklungsimpulsen und schulischer Förderung vernachlässigt.“ (edb, S.29)

Zudem nehmen viele der Eltern kaum körperlichen Kontakt mit ihrem Kind auf, so dass die Signale des Kindes unbeachtet bleiben. Das Kind wartet demzufolge ver- gebens auf irgend eine Art körperlicher Zuwendung. Falls es in einem typischen Ver- nachlässigungsszenario zur einer Eltern-Kind-Interaktion kommt, dann meist so, dass die Bedürfnisse des Kindes falsch wahrgenommen werden und in Folge dessen eine inadäquaten Reaktion der Eltern folgt, d.h. auf ein hungriges Weinen wird mit Schimpfen oder Einsperren reagiert. De facto werden die elementarsten Bedürfnisse eines Kindes durch die Vernachlässigung missachtet, so dass es die körperliche, kognitive, emotionale und soziale Entwicklung beeinflusst. (vgl.edb) Wie jedoch die Entwicklung eines Kindes bei einem Trauma verläuft, wird in Kapitel 3 spezifisch erörtert.

2.2.2. Emotionale Misshandlung

„Seelische oder emotionale Misshandlung kann in subtiler Weise als integrale Kom- ponente aller Misshandlungsformen und auch alleine auftreten.“ (edb, S.30) Für diese Form der Misshandlung sind mehrere Kategorien zu unterscheiden: Erniedrig- ungen, Entwürdigung, Zurückweisung, emotionale Unerreichbarkeit, Terrorisierung und der Gebrauch des Kindes für die Bedürfnisse des Erwachsenen. Es ist zu ver- merken, dass diese Form sich nicht nur in Kategorien unterscheiden lässt, sondern auch im Allgemeinen von seiner Art, da sie durch die Beziehung und nicht durch eine Tat definiert wird. „Bei emotionaler Misshandlung ist eine aktive feindselige, entwürd- igende, einschüchternde und verbal schädigende Interaktion ein durchgehendes Muster der Eltern-Kind-Beziehungen.“ (Herrmann 2006, zit.n. Weiß 2016, S.31) Die britischen Kinderpsychiaterinnen und zugleich Kinderschützerinnen Glaser und Prior verweisen daraufhin, dass die Schwelle zur erheblichen Traumatisierung dann er- reicht ist, wenn das Gleichgewicht zwischen guter und inakzeptabler Interaktion so verschoben ist, dass die misshandelnden Aspekte der Interaktion typisch bzw. nor- mal für die Beziehung in ihrer Gesamtheit werden. (vgl. Glaser/ Prior 1998, zit. n. edb) Weiterhin halten sie fest, dass diese Form der Misshandlung mit Ausnahme der kontemporären Lebensbedrohung genauso schwerwiegende Folge für das zukünf- tige Leben mit sich zieht, wie andere möglichen Auslöser von Traumata. (edb)

2.2.3. Körperliche Misshandlung

Im Gegensatz zu allen anderen Misshandlungsformen ist die körperliche Misshandlung die Offensichtlichste. Dabei handelt es sich um eine überstimulierende und verletzende Beziehung, bei der wichtige körperliche und seelische Willens- und Bedürfnisäußerungen von Kindern zum Anlass der Tat werden. „Körperlich misshandelte Kinder werden geschlagen, weil sie neugierig sind, weil sie fragen, weil sie sich über Dinge äußern, vielleicht beschweren.“ (edb, S.32)

2.2.4. Traumatische Sexualisierung

In Bezug auf die sexuelle Gewalt liegt derzeit eine Vielzahl an Forschungsergebnisse sowie Veröffentlichungen über die Tathintergründe, das Ausmaß und dessen Folgen vor. Schon Anna Freud stellte bereits Anfang der 30er Jahre fest, „(…) dass sexueller Missbrauch von Eltern gegen ihre Kinder pathologischer und schädlicher wirkt als früheste Deprivation6, Vernachlässigung und Misshandlung.“ (edb, S.36) Die eigen- ständige sexuelle Entwicklung der Kinder sowie der Jugendlichen wird in Folge dieser traumatischen Schädigung gestört oder verstört. Im Gegenzug zu allen anderen traumatisierenden Auslösern formt diese Art die Sexualität des Kindes auf unangemessene Art und Weise. Bei der sexuellen Traumatisierung steht häufig die Verleugnung im Vordergrund, da die Tat ein Geheimnis darstellt. Der oder die Täter gehen in der Zeit ihrem ganz normalen Leben nach und verhalten sich gegenüber ihre Umwelt so, als hätte es nie einen sexuellen Missbrauch gegeben. „In der Regel haben die Opfer dann den Eindruck, ihre Wahrnehmung stimme nicht, da sie nicht stimmen darf.“ (edb) Durch das Verhalten, welches aus der Verleugnung hervorgeht entwickelt sich eine Dynamik zweier Welten. Die Opfer besitzen den Willen den Missbrauch ebenso zu verleugnen, wie der oder die Täter, um dieses auch vor sich selbst geheim zu halten. Dabei versetzen sie sich in Tagträume oder andere Dissoziationen7, die zugleich die Folge dieser Dynamik darstellen. „Die amerika- nische Psychiaterin und Professorin (…) Judith Lewis Herman spricht von einem Doppeldenk (…)“ (Herman 1994, zitn.n. Weiß 2016, S.36), bei dem Kinder, die nicht über ein Abwehrmechanismus verfügen, die Fähigkeit besitzen bzw. entwickeln zwei einander widersprüchliche Überzeugungen zu hegen und diese simulant gelten zu lassen. (vgl. edb)

Das Modell der „vier traumatogenen Faktoren“ von Finkelhor und Browne (1985) konkretisiert die charakteristischen Folgen traumatischer Sexualierung im Kindes- alter:

Verrat: Das Kind muss entdecken, dass eine Person, von der es emotional abhängig ist, und der es vertraut, ihm Schaden zufügt. Das Kind wird in seinem Vertrauen zutiefst erschüttert.

Ohnmacht/ Hilflosigkeit: Die grundlegende Missachtung seines Willens, seiner Bedürfnisse und Wünsche und die (fortgesetzte) Verletzung seiner körperlichen Integrität konfrontieren das Kind mit Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Die Überzeugung der eigenen Kontrollfähigkeit wird ständig untergraben.

Stigmatisierung: Das missbrauchte Kind wird mit den negativen Bedeutungen und Implikationen von sexuellen Missbrauch und Opfersein konfrontiert.

Traumatische Sexualisierung: Die Sexualität (sexuelle Empfindungen und Einstellungen) des Kindes wird in einer Weise geprägt, die nicht dem Entwicklungsstand des Kindes entspricht und die zwischenmenschlich Dysfunktion ist.“ (Finkelhor/ Browne 1985, zit.n.edb, S.36)

Diese vier traumatogenen Faktoren verfügen jeweils über eine eigene Dynamik, Auswirkungen und Verhaltensmanifestationen. So kann Verrat zu Misstrauen, Feind- seligkeit und Wut führen, sowie tiefste Trauer und Depressionen auslösen. Ohn- macht hingegen führt zu Hilflosigkeit im Sinne, das die Person in dieser Situation nichts bewirken kann. Aus der Ohnmacht heraus können sich Angst, Panik, Disso- ziationen, Zwänge oder Phobien bilden. „Die Stigmatisierung verstärkt den Zwang der Geheimhaltung, die Isolation, das Gefühl nicht dazuzugehören. Schuld und Scham prägen den Selbstwert.“ (edb, S.37) Durch diese Faktoren entstehen oftmals Verhaltensweisen wie Sucht und Autoaggression. Außerdem kann eine Verwirrung der sexuellen Normen, Identität und Verwechslung von Sexualität mit Liebe sowie zwanghaften sexuellem Verhaltensweisen zur Folge haben. (vgl. edb, S.37f)

2.2.5. Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt betitelt in den meisten Fällen die Gewalt zischen den Elternteilen eines Kindes, unabhängig davon, ob es sich dabei um die leiblichen Eltern handelt oder nicht. „Sind Mütter der Gewalt durch den Partner ausgesetzt, so sind in bis zu 90 Prozent der Fälle die Kinder während der Gewalttat anwesend oder im Nebenraum, ein Drittel der Kinder werden ebenfalls körperlich oder sexuell durch den Partner der Mutter misshandelt.“ (edb, S.33) Die Interaktion zwischen Mutter und Kind bleibt über Jahre hin beeinträchtigt, wenn das Kind aus einer Vergewaltigung hervorgeht. Gerade Jungen haben es besonders schwer, da sie negativ mit den Täter und der Tat an sich in Verbindung gebracht werden.

Sind Kinder, wie eben schon erwähnt, bei körperlichen Gewalt Zeuge, so hinterlässt es in ihrer Seele Spuren. Das zeigt sie zum einem im Verzicht oder Unterdrücken der eigenen Gefühle von Seiten des Kindes, um die Mutter nicht weiter zu belasten oder zum anderen in der Verantwortungsübernahme gegenüber der Tat sowie der eigenen Schuldzuweisung, „(…) da sie in die Vorfälle als Schlichter, Verbündete, Geschlag- ene oder Schiedsrichter hineingezogen werden.“ (edb, S.34) Prinzipiell haben Kinder in dieser Zeit Angst um ihre Mutter, sich selbst und vor der Zukunft, was als nächstes folgen mag. Wenn Kinder jedoch dieser anhaltenden Gewalt des Vaters gegenüber der Mutter dauerhaft bzw. über einen längeren Zeitraum ausgesetzt sind, muss mit einer traumatischen Schädigung gerechnet werden. Im Detail zeigt sich die Schä- digung untypisch durch Schlafstörungen, Aggressivität und/ oder Entwicklungs- verzögerungen.

Aus Sicht der Kinder kann zwischen folgenden Formen der häuslichen Gewalt unter- schieden werden: Zeugung einer Vergewaltigung, Misshandlung wegen der Schwan- gerschaft, direkte Gewalterfahrungen als Mitgeschlagene, Verlust von mütterlicher Kompetenz und Sicherheit, eventueller Verlust der Mutter durch Weggang und Selbstmord bzw. Mord, Bedrohung von Geschwistern, Mittel zur Erpressung und Entscheidungsgrundlage (Geiseln), Stütze der misshandelten Mutter, Übernahme der Verantwortung für die Versorgung der Geschwister, Zeuge der Gewalt, Gewalt nach einer Trennung und Armut oder soziale Benachteiligung. (vgl. Heynen 2000, zit.n.edb, S.34) Zudem belegten Studien geschlechtsspezifische Auswirkungen: „Mädchen, die sich in dieser Situation mit der Mutter identifizieren, sind eher gefährdet, später Gewalt in den eigenen Beziehungen zu dulden. Söhne, die sich in dieser Situation mit den Vätern identifizieren, sind eher gefährdet, später selbst Gewalt anzuwenden.“ (edb, S.34f) Es ist zwar nicht wissenschaftlich belegt, dass es sich dabei um einen Gewaltkreislauf handelt, jedoch besteht die Annahme das ein enormer Zusammenhang zwischen Kindheitserfahrungen und eigener Gewaltaus- übungen besteht. Allgemein kann festgehalten werden, dass es von der Dramatik des Geschehnisses abhängig ist, wie gravierend die Spuren sind und sich äußern.

2.3. Risiko- und Schutzfaktoren

Sobald ein Kind von einem psychischen Trauma betroffen ist, stellt dies in der Regel immer ein Risikofaktor in dessen Leben dar. Kinder verarbeiten ein Trauma auf unterschiedlichster Weise. Die Verarbeitung und dessen möglicher Erfolg ist jedoch von vielfältigen Faktoren in der eigenen Person sowie ihrer Umwelt abhängig. Bei den Faktoren wird zwischen Risiko- und Schutzfaktoren unterschieden, die im Leben der betroffenen Kinder vorkommen können.

„Unter Risikofaktoren werden diejenigen Faktoren verstanden, die belastete oder traumatische Situationen negativ beeinflussen. Durch ihre destabilisierenden Effekte wird die Wahrscheinlichkeit von Folgestörungen erhöht. Risikofaktoren beziehen sich dabei vor allem auf lebensgeschichtlicher oder psychosoziale Umstände, die situationsverschlimmernd wirken.“ (Scherwarth/ Friedrich 2016, S.54)

Es ist vorwegzunehmen, das es zwei Arten bzw. Gruppen von Risiken vorliegen: all- gemeine Risikofaktoren aus der Umwelt und kindbezogene Risikofaktoren, so gen- annte Vulnerabilitätsfaktoren8. Wustman (2004) u.a. stellen folgende Aspekte als mögliche allgemeine Risikofaktoren dar:

- niedriger sozio-ökonomischer Standard/ Armut,
- geringe soziale Einbindung und Unterstützung,
- dysfunktionale Familienstrukturen
- Trennungs-/ Verlusterlebnisse in der Vorgeschichte,
- psychische Erkrankungen und Sucht in der Familie

Vulnerabilitätsfaktoren beziehen sich dagegen, wie oben erwähnt, auf die indivi- duellen Merkmale und Voraussetzungen der betroffenen Person bzw. des betroffenes Kindes. In Bezug auf das Trauma scheinen zwei prägnante Faktoren relevant zu sein:

- Reife: Die Vulnerabilität ist gegenüber des traumatischen Ereignisses in der frühen Kindheit dadurch erhöht, „(…) dass aufgrund mangelnder Lebenserfahrung, einge- schränkter Handlungskompetenzen und reifungsbedingten Verarbeitungsein- schränkungen (…) dem traumatischen Geschehen wenig entgegengesetzt werden kann. Je jünger ein Mensch ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Ereignis größer ist als er selbst. “ (edb, S.55) In dieser Phase des Lebens ist das Risiko für eine Traumatisierung besonders hoch. Bei der Reife steht zwar das tatsächliche Alter eines Kindes im Vordergrund, aber auch die individuelle Reife wird berück- sichtig, da zum Beispiel auch eine Entwicklungsverzögerung die Verletzbarkeit er- höhen kann. (vgl.edb)

- Unsichere Bindungsstrukturen: Unsichere Bindungen werden als zentrale negative Wirkfaktoren angesehen und stellen somit ein schmales sowie weiches Fundament dar, welches Belastungen gegenüber eher weniger widerstandsfähig ist. (vgl. Brisch 2015, zit.n. Scherwath/ Friedrich 2016, S.56) „Dies mag sowohl auf das mangelnde Urvertrauen zurückzuführen sein wie auch darauf, dass Bindung als Bollwerk gegenüber Schutzlosigkeit und Unterstützung bei der Stressregulation von bindungsunsicheren Menschen nicht ausreichend genutzt werden kann.“ (edb) Das Hauptmerkmal einer unsicheren Bindung zeigt sich darin, dass Kinder ihre Bezugsbzw. Bindungsperson nicht im vollen Umfang erfahren, wenn es darum geht Sorge für Entlastung und Selbstberuhigung zu tragen. (vgl.edb, S.56f)

Im Gegensatz zu den Risiko- und vereinzelten Vulnerabilitätsfaktoren, welche „(…) als negative Indikatoren in die Traumabiografie eines Menschen eingehen (…)“, wirken Schutzfaktoren, auch protektive Faktoren genannt, abwehrend, mildernd bzw. heilend bezüglich einer Traumatisierung. (edb, S.62) Das bedeutet, dass sie die Möglichkeit der Anpassung an die traumatisierenden Umgebung und eine spätere Heilung ermöglichen können. In Bezug auf die Resiliensforschung stellen Schutzfaktoren Prozesse, Eigenschaften und Bedingungen dar, „(…) die die Wucht von Belastungen abmildern können und Menschen nach einem Niederschlag in ihr eigentliches Gleichgewicht zurückbringen.“ (edb) Als Grundlage für eine gelingende Traumaverarbeitung können folgende Schutzfaktoren agieren:

- personale Faktoren (robustes, aktives und kontaktfreudiges Temperament, Kreativität und überdurchschnittliche Intelligenz)
- eigentliche Resilienzfaktoren (Parentifizierung9, positives Selbstbild, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, Ausbildung optimistischer Grundhaltungen)
- umgebungsbezogene Faktoren (sichere emotionale Bindungen zu einer Bezugs- person, positive Rollenbilder, soziale Förderung) (vgl.edb, S.62f; Weiß 2016, S.46)

Gerade die umgebungsbezogenen Faktoren im Sinne sicherer Bindungen sind für die pädagogische Arbeit mit traumatisierten Kindern von großer Bedeutung. Hier zeigt sich deutlich, dass eine stabile vertrauensvolle Beziehung zu einer konstanten Bezugsperson für eine positive Verarbeitung des Geschehens unabdingbar ist. Und genau diesen prägnanten Faktor hat sich die Traumapädagogik zu nutze gemacht und als Methode „Sicherung konstanter Beziehungen“ etabliert. Eine detaillierte Dar- stellung der Methode folgt in Kapitel 4 - Traumapädagogik: Interventionsmöglichkeit- en der Jugendhilfe am Beispiel der Tagesgruppe im Unterkapitel 4.2. Methoden der Traumapädagogik.

[...]


1 Psychotraumatologie setzt sich mit der Entstehung, Erfassung, dem Verlauf und der Behandlung von seelischen Verletzungen auseinander

2 US - amerikanisches Handbuch für psychische Krankheiten mit internationalen Nutzung

3 Internationale Klassifikation von Krankheiten

4 Erklärung der traumatischen Zange nach Huber in Kapitel 2.4.Traumareaktionen von Körper und Geist

5 Die hier vorliegende Typisierung wird nicht nur bei Kindern vorgenommen, sondern ebenfalls auch bei Erwachsenen.

6 Entbehrung, Mangel, Verarmung

7 Dissoziation: ein Zustand, in dem das Bewusstsein nicht mehr in der Lage ist, die Informationen von außen und innen sinnvoll in Einklang zu bringen und Folge dessen eine Trennung von Gefühle und Gedanken stattfindet.

8 Vulnerabilität: Verletzlichkeit

9 Bedeutung von Kindern, die für andere Sorge getragen haben und als Sub- statt Objekt der Eltern zu sein. Die Sorge um andere stellt für diese Kinder eine wichtige Quelle von Selbstwert dar und sollte in der pädago- gischen sowie therapeutischen Arbeit berücksichtigt bzw. beachtet werde.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Frühe Traumatisierung von Kindern. Eine Herausforderung für den pädagogischen Alltag in der Jugendhilfe
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)
Note
2,2
Autor
Jahr
2016
Seiten
76
Katalognummer
V366639
ISBN (eBook)
9783668453654
ISBN (Buch)
9783668453661
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendhilfe, frühkindliche Traumatisierung, Traumapädagogik, Professionalität, kindliche Entwicklung, Symptome, Ursache
Arbeit zitieren
Cornelia Döring (Autor), 2016, Frühe Traumatisierung von Kindern. Eine Herausforderung für den pädagogischen Alltag in der Jugendhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366639

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