Literaturarchive und ihr wissenschaftlicher Nutzen. Die Korrespondenz zwischen Hans Fallada und Kurt Tucholsky


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Veröffentlichte Dokumente

3. Die Beziehung zwischen Fallada und Tucholsky in Sekundärtexten

4. Die in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste vorhandene Korrespondenz

5. Erschließung des Inhaltes
5.1. Sachverhalte
5.2. Auslegung des Inhaltes

6. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Primärtexte

Sekundärtexte

Internetquellen

1. Einleitung

Literaturwissenschaftliche Forschung ist bei zahlreichen Frage- und Problemstellungen auf Archiv-Material angewiesen. In diesen Einrichtungen, die das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst als das „kulturelle Gedächtnis der Menschheit“[1] bezeichnet, wird das literarische Erbe verwahrt, erhalten, erschlossen und nutzbar gemacht. Die Arbeit an den Originalen bietet die Gelegenheit einer ganz besonderen Begegnung mit dem Künstler. In Archiven wirkt der Autor in seinen persönlichen Dokumenten fort: in den Fassungen seines künstlerischen Werkes, in Tagebuch-Aufzeichnungen, in anderen biographischen Dokumenten und in seiner Korrespondenz.[2]

Die Erkenntnisinteressen, denen Literaturwissenschaftler mit Hilfe von Archivalien nachspüren können, sind vielfältig. Nachlass-Materialien machen nachvollziehbar, wie sich bestimmte gesellschaftliche Prozesse auf das Leben eines Künstlers ausgewirkt haben. In ihnen offenbaren sich politische Einstellungen, subjektive Wahrnehmungen von Ereignissen, persönliche Beziehungen und Zu- oder Abneigungen eines Autors.[3] Die Benutzung von Archiven ist unabdingbar, um die Entstehungsphasen eines Textes unabhängig von (nur zum Teil existierenden) Gesamtausgaben nachzuvollziehen. Hier erhält die Wissenschaft auch Zugang zu Dokumenten, die nie veröffentlicht wurden, beispielsweise aus dem Schriftverkehr von Verlagen. Zahlreiche Archiv-Bestände sind noch unerschlossen. Literaturarchive bergen ungehobene Schätze, mit denen die Forschung zu neuen Erkenntnissen gelangen kann.

Im Folgenden soll der wissenschaftliche Nutzen literarischer Archive anhand eines Beispiels vorgeführt werden. Im Bestand der Stiftung Archiv der Akademie der Künste befindet sich die Korrespondenz zwischen Rudolf Ditzen, der unter dem Namen Hans Fallada publizierte, und Kurt Tucholsky. Diese Arbeit geht der Frage nach, was die Korrespondenz über die Beziehung zwischen den beiden Schriftstellern verrät. In wie weit ist das Archiv-Material für die Bestimmung des Verhältnisses unverzichtbar? Welche neuen Erkenntnisse können durch die Benutzung des Archivs gewonnen werden? Es wird sich zeigen, dass Archivalien wertvolle Quellen für die literaturwissenschaftliche Forschung sind.

2. Veröffentlichte Dokumente

Der Versuch, die Beziehung zwischen Fallada und Tucholsky mit den veröffentlichten Dokumenten der Autoren zu klären, bringt wenig Resultate. Es existieren mehrere Sammelbände mit Briefen von Kurt Tucholsky,[4] in denen sich keine Korrespondenz mit Fallada findet. Die Herausgabe der gesamten Texte und Briefe Tucholskys war zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Aufsatzes noch nicht abgeschlossen. Für die Bände 15 bis 19, welche Tucholskys Briefe bis einschließlich 1932 sowie zu Lebzeiten ungedruckte Werke enthalten, stand kein Veröffentlichungstermin fest[5].

Unter der bereits gedruckten Korrespondenz ab 1933 sind Schriften an Fallada nicht zu finden. Tucholsky bezieht sich lediglich in Briefen an andere Personen auf ihn und seine Werke[6]. Darauf wird an späterer Stelle genauer eingegangen.

Von Hans Fallada existiert keine Gesamtausgabe. Der Schriftsteller hatte eine solche zwar schon 1946 bei seinem Verleger angeregt[7], sie scheint aber auch weiterhin nicht geplant zu sein.[8] Bis vor kurzem gab es auch keine Briefsammlungen. Im vergangenen Jahr ist mit der Korrespondenz zwischen Rudolf Ditzen und Sohn Ulrich[9] erstmals eine repräsentative Auswahl an Briefen erschienen. Zwar finden sich verschiedene Briefzitate in den Biographien und wissenschaftlichen Texten zu Fallada,[10] wenige Quellen geben sogar vollständige Briefe wieder,[11] doch Schreiben an Tucholsky sind nicht darunter.

Alles in allem ist anzunehmen, dass die Korrespondenz zwischen den Schriftstellern nicht in veröffentlichter Form vorliegt. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Fallada und Tucholsky führt unweigerlich in die Literaturarchive. Das Bestandsverzeichnis der Stiftung Akademie der Künste weist eindeutig aus, dass ein Schriftwechsel zwischen den Autoren existiert haben und zumindest zum Teil erhalten sein muss.

3. Die Beziehung zwischen Fallada und Tucholsky in Sekundärtexten

Welche neuen Erkenntnisse bringt die im Archiv aufbewahrte Korrespondenz mit sich? Um das zu ermitteln, soll zunächst geklärt werden, inwieweit Fallada und Tucholsky in Sekundärtexten bereits in Zusammenhang gebracht werden. Lassen sich hier Hinweise auf einen Kontakt finden, den es in Anbetracht der im Archiv vorhandenen Korrespondenz zweifellos gegeben haben muss? In Sekundärtexten zum Leben und Schaffen Kurt Tucholskys bleibt Hans Fallada weitgehend unerwähnt. Hingegen wird in den Texten zu Fallada des Öfteren auf Tucholsky als Rezensent von Falladas erstem Erfolgsroman Bauern, Bonzen und Bomben verwiesen.[12] Die Rezension erschien unter dem Synonym Ignaz Wrobel am 7.4.1931 in der Weltbühne und war eine der ersten Besprechungen dieses Buches.

In verschiedenen Biographien und Monographien werden Parallelen zwischen Hans Fallada und anderen Schriftstellern seiner Zeit gezogen - darunter auch zu Tucholsky. Er und Fallada seien im gleichen Jahrzehnt geboren, schreibt beispielsweise Jenny Williams.[13]

Hans Fallada hat ab dem 15. Januar 1930 bis zu seiner Kündigung 1933 im Rowohlt-Verlag gearbeitet. In der Rezensionsabteilung kümmerte er sich um den Versand der Besprechungsexemplare an die Presse, sammelte Rezensionen und arbeitete sie für den Verlag auf. Auch Tucholsky habe im Rowohlt-Verlag verkehrt, heißt es in verschiedenen Biographien Falladas.[14] Es ist denkbar, dass sich beide begegnet sind oder dass Fallada Bücher zur Besprechung an den Weltbühne -Autor geschickt hat. In der Fachliteratur wird auch erwähnt, dass Tucholskys Werke im Gegensatz zu Falladas auf der Liste verbotener Bücher standen und 1933 verbrannt wurden. Tucholsky nahm sich im Exil das Leben, während Fallada in Deutschland blieb und nicht resignierte, heißt es außerdem.[15]

Anhand der Sekundärtexte lässt sich nur mutmaßen, dass sich die im Archiv befindliche Korrespondenz auf Bauern, Bonzen und Bomben beziehen könnte - etwa in Form einer Auseinandersetzung um die Bewertung des Buches. Ein enges Verhältnis zwischen Fallada und Tucholsky ist nicht erkennbar - zumindest wird nicht darauf verwiesen. Wie es scheint, können vornehmlich die Dokumente im Archiv oder anderweitig lagerndes, unveröffentlichtes Material zur Aufklärung beitragen.

4. Die in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste vorhandene Korrespondenz

Bevor die im Archiv der Stiftung Akademie der Künste vorhandene Korrespondenz auf ihren Inhalt untersucht wird, sollen einige Angaben zu Umfang, Form, Zeitpunkt sowie zur archivalischen Verwahrung des Schriftwechsels gemacht werden. In der Abteilung Literatur des Archivs befindet sich ein Brief von Hans Fallada an Kurt Tucholsky und dessen Antwort darauf in Form einer Postkarte. Beide Dokumente sind im Juni 1932 entstanden und wurden maschinenschriftlich verfasst. Sie gehören zum Nachlass von Hans Fallada. In seinem Besitz befanden sich zum Todeszeitpunkt ein Durchschlag des Briefes an Tucholsky sowie dessen Antwort darauf. Der Original-Brief von Fallada ist im Stiftungsarchiv nicht vorhanden. Es wäre zu erforschen, ob er in einem anderen Archiv mit Nachlass-Materialien von Tucholsky verwahrt wird.

Die Korrespondenz liegt in Form von Mikrofiches vor. Die Originale befinden sich im Hans-Fallada-Archiv des Literaturzentrums Neubrandenburg e.V. in Carwitz. Sie waren bis in die 90er Jahre im Archiv der Akademie der Künste Ost untergebracht, welche zu DDR-Zeiten dem Ministerrat unterstellt war. Im Zuge der Wiedervereinigung ging die AdK in den Besitz der neuen Bundesländer über. Weil diese die Einrichtung nicht finanzieren konnten, wurde 1993 ein Vertrag zur Auflösung der Akademie der Künste Ost geschlossen. Dem folgte der Zusammenschluss zur Stiftung Archiv der Akademie der Künste. Das Land Mecklenburg-Vorpommern knüpfte die Zustimmung zur Auflösung an die Bedingung, dass der Nachlass von Ernst Barlach und Hans Fallada an das Bundesland geht. Dem wurde stattgegeben.[16] Der geringe Umfang der Korrespondenz ermöglicht es, den Wortlaut hier vollständig wiederzugeben. Der Inhalt des Briefes, den Fallada an Tucholsky geschrieben hat, lautet folgendermaßen:

[...]


[1] http://www.stmwfk.bayern.de/kunst/archive.html (Ausdruck vom 30.01.2005)

[2] Vgl. Stiftung Archiv der Akademie der Künste (Hrsg.): Die Stiftung Archiv der Akademie der Künste. Eine Bestandsaufnahme. Archiv-Blätter 2. Berlin 1995, S. 17.

[3] Vgl. http://www.thueringen.de/imperia/md/content/staatsarchive/abst/O_einfuehrungsvortrag_fischer.pdf (Ausdruck vom 30.1. 2005)

[4] Hier drei Sammelbände als Beispiele: Kurt Tucholsky: Briefe. Auswahl 1913 bis 1935. Herausgegeben von Roland Links. Mit einem Nachwort und Register des Herausgebers. Berlin 1983. Kurt Tucholsky: Ausgewählte Briefe 1913-1935. In: Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz. Reinbek 1962. Kurt Tucholsky: Briefe aus dem Schweigen. Briefe an Nuuna. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Gustav Huonker. Reinbek 1977.

[5] Vgl. http://www.tucholsky-gesellschaft.de/index.htm?KT/Bibliografie/bibliografie.htm (Ausdruck vom 30.1. 2005)

[6] Er bezieht sich auf Fallada und/oder sein Werk in folgenden Briefen: An Walter Hasenclever. Zürich,16.6.1933. In: Kurt Tucholsky: Gesamtausgabe. Herausgegeben von Antje Bonitz (u.a). Band 20: Briefe 1933-1934. Reinbek 1996, S. 50. An Hedwig Müller. Lysekil, 15.9.1934 In: Ebd., S. 406.

[7] Vgl. Brief an Kurt Wilhelm vom 24.11.1946. In: Elmar Faber/Carsten Wurm (Hrsg.): Allein mit Lebensmittelkarten ist es nicht auszuhalten. Autoren- und Verlegerbriefe 1945-1947, Berlin 1991, S. 79.

[8] http://www.literaturkritik.de/id/7313 (Ausdruck vom 30.1.2005)

[9] Hans Fallada/Uli Ditzen: Mein Vater und sein Sohn. Briefwechsel. Berlin 2004.

[10] Briefzitate finden sich beispielsweise in: Werner Liersch: Hans Fallada. Sein großes kleines Leben. Hildesheim 1993. Jürgen Manthey: Hans Fallada in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. 9. Auflage. Reinbek 1993. Cecilia von Studnitz: Es war wie ein Rausch. Fallada und sein Leben. Düsseldorf 1997.

[11] Einen Überblick gibt: Enno Dünnbier: Hans Fallada 1893-1947. Eine Bibliographie. Neubrandenburg 1993.

[12] Hinweise darauf finden sich unter anderem hier: Vgl. Manthey, Hans Fallada, S. 75 ff. Vgl. Gerhard Schmidt-Henkel: Hans Falladas Roman Bauern, Bonzen und Bomben. Zum Genretypus und zum Erzählmodell. In: Gunnar Müller-Waldeck/Roland Ulrich (Hrsg.): Beiträge zum Leben und Werk. Materialien der 1. Internationalen Hans-Fallada-Konferenz vom 10.06. bis 13.06.1993. Rostock 1995, S. 45-66, hier S. 51f. Liersch, Hans Fallada, S. 216 und 221f.

[13] Jenny Williams: Mehr Leben als eins. Hans Fallada. Biographie. Berlin 2002, S. 14.

[14] Vgl. Ebd., S. 134. Vg1. Liersch, Hans Fallada, S. 215f.

[15] Die genauen Hintergründe können in dieser Arbeit nicht behandelt werden. Vg1. Williams, Mehr Leben als eins, S. 190.

[16] Die Informationen stammen von der im Stiftungsarchiv für den Fallada-Nachlass zuständigen Archivarin Martina Hanf sowie aus Drucksachen des Landtages Mecklenburg-Vorpommern: http://www.dokumentation.landtag-mv.de/Parldok/dokument/ 3721/nachlaß-hans-fallada.pdf und http://www.dokumentation.landtag-mv.de/Parldok/dokument/18716/hans-fallada-archiv-in-feldberg.pdf (Ausdrucke vom 30.1.2005).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Literaturarchive und ihr wissenschaftlicher Nutzen. Die Korrespondenz zwischen Hans Fallada und Kurt Tucholsky
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Literaturarchive - ihre Funktionen und die Möglichkeiten ihrer wissenschaftlichen Nutzung
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V366672
ISBN (eBook)
9783668455382
ISBN (Buch)
9783668455399
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturarchiv, Editionsphilologie, Rudolf Ditzen, Hans Fallada, Schriftsteller, Archive, Literaturwissenschaften, kulturelles Gedächtnis, Bücher, Gesamtausgaben, Veralge
Arbeit zitieren
Janine Wergin (Autor), 2005, Literaturarchive und ihr wissenschaftlicher Nutzen. Die Korrespondenz zwischen Hans Fallada und Kurt Tucholsky, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366672

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