Terror-Management-Theorie. Eine kritische Diskussion


Seminararbeit, 2016

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die Terror-Management-Theorie

Empirische Kritik an der TMT

Theoretische Kritik an der TMT
Informationsprozessorische Perspektive
Evolutionspsychologische Perspektive

Literatur

Abstract

Die Terror-Management-Theorie stellt eine der einflussreichsten sozialpsychologischen Mo­delle der letzten Jahre dar. Sie geht davon aus, dass Menschen ihre kulturelle Weltanschau­ung als Puffer gegen existenzielle Angst einsetzen und daraus Selbstbewusstsein ziehen (Greenberg, Solomon & Pyszczynski, 1997). Produziert diese Theorie zwar eine Vielzahl an bestätigenden Studien (Martin & Erber, 2006), so gibt es ebenfalls Kritik von empirischer Seite, welche von einseitiger Probandenauswahl bis zu Einschränkungen bei der Manipulation von existenzieller Angst reicht (Burke, Martens & Faucher, 2010). Theoretische Kritik wird unter anderem vom Standpunkt der Dual-Process -Theorien geübt, sowie aus evolutionspsy­chologischer Sicht, wobei sich letztere mehr auf die aktuelle Form der Terror-Management-Theorie bezieht.

Zusammenfassung: 101 Wörter

Gesamter Text: 2055 Wörter

Stichworte: Terror-Management-Theorie, Mortality Salience, Self-Determination-Theory, death reflection, worldview defense, natürliche Selektion

Die Terror-Management-Theorie (TMT) ist eines der dominantesten theoretischen Modelle der Sozialpsychologie der letzten Jahre. Sie wird auf eine große Bandbreite an Phänomenen wie z.B. Selbstregulation, Rauchverhalten, Fahrverhalten, Bereitschaft zu spenden, Sexualität, Religion etc. bezogen und hat eine Vielzahl von bestätigenden Befunden hervorgebracht (Martin & Erber, 2006). Dass die Theorie auf eine Vielzahl von Themen angewandt werden kann, macht sie zu einer gewichtigen, aber auch angreifbaren Theorie.

Die Terror-Management-Theorie

Die TMT geht davon aus, dass der Mensch (anders als ein Tier) aufgrund seiner kognitiven Fähigkeiten, seinem abstrakten Denken und des Bewusstseins seiner eigenen Sterblichkeit ein Potenzial für existenzielle Angst besitzt (Greenberg et al., 1997). Um sich gegen die potentielle Angst vor dem Tod zu verteidigen, dient die Kultur eines Menschen als Angstpuffer, der sich aus zwei Komponenten zusammensetzt:

a) der Glaube daran, dass die eigene kulturelle Weltsicht richtig ist und
b) der Glaube daran, dass man den Normen und Werten seiner Kultur entspricht, welcher dem Mensch Selbstbewusstsein gibt (Rosenblatt, Greenberg, Solomon, Pyszczynski & Lyon, 1989). Konfrontiert mit dem Tod, sollten Menschen demnach an ihren kulturellen Werten und Normen festhalten und z.B. Personen mit gleichem kulturellem Hintergrund gegenüber solchen mit fremdem kulturellen Hintergrund bevorzugen. Als motivationale Theorie geht die TMT davon aus, dass dieser Prozess außerhalb der bewussten Erfahrung stattfindet und somit nicht greifbar für Personen ist, welche die oben genannte worldview defense zeigen. Der Gedanke an den eigenen Tod triggert distale Verteidigungsmechanismen in Form von Aufrechterhaltung des eigenen Weltbilds, was Menschen Selbstbewusstsein gibt (Burke et al., 2010). Der große Reiz der Theorie besteht darin, dass sie auf viele menschliche Verhaltensweisen anwendbar ist und eine Erklärung dafür liefert, warum viele Menschen ihren Werten und Normen so starkes Gewicht verleihen. Von besonders großem Nutzen ist die TMT zur Erklärung von Intergruppen-Konflikten (Burke et al., 2010). Unter der Prämisse, dass der Mensch danach strebt, sich vor dem Tod zu retten, postuliert die TMT, dass typischerweise dann Probleme zwischen Menschen auftreten, wenn Unterschiede zwischen ihnen als Angriff auf ein jeweiliges Wertesystem und den eigenen Lebenssinn interpretiert werden. Die oben aufgeführten distalen Verteidigungsmechanismen, können dann dazu führen, dass fremde Kulturen abgewertet werden und Vorurteile gegen kulturfremde Personen steigen (Greenberg et al., 1990).

Der populärste Ansatz die TMT zu untersuchen bezieht sich auf die mortality salience (MS)-Hypothese (Burke et al., 2010). In einer typischen MS Studie bekommen die Teilnehmer einen Fragebogen vorgelegt, der neben Distraktoren wie Fragen zur Persönlichkeit die Aufgabe enthält, entweder über den eigenen Tod (Experimentalgruppe), oder über andere negative Dinge (Kontrollgruppe) zu schreiben (Burke et al., 2010).

Aus Reviews und Zusammenfassungen über die TMT und MS (z.B. Greenberg et al., 1997; Solomon, Greenberg & Pyszczynski, 2004) geht hervor, dass die von der TMT vorhergesagten distalen Effekte in einer Vielzahl von Kulturen und Populationen vorkommen. Die diskriminante Validität der MS Hypothese wird durch das Auftreten unterschiedlicher Effekte für Priming mit Tod und mit Themen wie Schmerz und Soziale Abweisung gestützt (Burke et al., 2010). Diese Argumente sprechen eindeutig für die Plausibilität der TMT, jedoch sollten folgende empirische Kritikpunkte und Einschränkungen beachtet werden.

Empirische Kritik an der TMT

Die Effekte von MS sind zwar häufig dokumentiert, jedoch nicht universell gültig (Grevenstein & Bluemke, 2016). Individuelle Unterschiede in der Persönlichkeit von Menschen moderieren die Effekte von MS. So zeigen Menschen mit hoher trait mindfulness ein reduziertes Maß an defensiven Antworten (Harmon-Jones et al., 1997). Laut einer Meta-Analyse von Burke und Kollegen (2010), gibt es des Weiteren immer dann starke Effekte nach einer MS-Induktion wenn die Studien an amerikanischen Teilnehmern, und insbesondere College-Studenten vorgenommen wird. Ein als universell postulierter Wirkmechanismus wie die TMT sollte eigentlich keine großen Unterschiede für unterschiedliche Probandengruppen aufweisen. Weiter bewirkt eine lange Verzögerung zwischen MS Induktion und Messung der AV, dass die Effekte größer werden (Burke et al., 2010). Greenberg und Kollegen (1990) argumentieren, dass für das Wirksamwerden der distalen Verteidigungsmechanismen, sich das Tod-Priming vom Bewusstsein ins Unterbewusstsein verschieben müsse, was etwas Zeit in Anspruch nehme. Die Effekte von MS waren auch kleiner wenn die Defensivreaktionen an konkreten Personen (z.B. an einer asiatischen Person) anstatt an abstrakten Konzepten gemessen wurden (Burke et al., 2010).

Auch kulturelle Aspekte haben einen Einfluss auf MS-Effekte. So konnte ein MS-Effekt von Yen und Cheng (2010) in Taiwan nicht repliziert werden. Des Weiteren fanden sie in einer Meta-Analyse von 24 Studien im ostasiatischen Raum eine sehr kleine Effektstärke von r = 0.06, die deutlich geringer ist als die von Burke und Kollegen (2010) festgestellte Effektstärke von r = 0.35. Auffällig ist zudem, dass die Mehrheit der MS Studien von einem relativ kleinen amerikanischen Forscherkreis durchgeführt wurden, welche zudem signifikant größere Effektstärken produzierten als andere Forscherteams (Yen & Cheng, 2013). Die Annahme, dass der MS-Effekt ausschließlich kulturelle Hintergründe habe, kann angesichts von Studien, die MS-Effekte auch in deutschen Stichproben gefunden haben (z.B. Jonas & Greenberg, 2004) nicht völlig überzeugen. Die Befundlage stellt sich als gemischt dar (siehe z.B. Grevenstein & Bluemke, 2016).

Theoretische Kritik an der TMT

Informationsprozessorische Perspektive

Für Cozzolino (2010) greift das von der TMT beschriebene Reaktionsmuster auf Konfrontation mit dem Tod zu kurz. Er versucht das Phänomen der defensiven Reaktionen auf Konfrontation mit dem Tod in Relation zu Fällen zu bringen, in denen diese Konfrontation nicht zu defensiven Verhaltensweisen führt, sondern ganz im Gegenteil, die betroffene Person mental wachsen und das Leben mehr wertschätzen lässt. Dies ist typischerweise der Fall bei Personen die nicht auf abstrakte Weise mit dem Tod konfrontiert werden (z.B. beim bloßen Nachdenken über den eigenen Tod), sondern tatsächlich Nahtoderfahrungen machten oder Menschen mit einer unheilbaren, sicher tödlich endenden Krankheit (z.B. Krebspatienten auf der Palliativstation) sind.

Diese Personen erleben oftmals posttraumatic growth (PTG), der sich in den drei Kategorien Selbstwahrnehmung (z. B. erhöhte Selbstwirksamkeit), zwischenmenschliche Beziehungen (z.B. engere soziale Beziehungen) und Lebensphilosophie (z.B. Reorganisation der Prioritäten im Leben) äußert (Cozzolino, 2006). Cozzolino (2006) bringt diese empirischen Befunde mit der Self-Determination-Theory (SDT; Deci & Ryan, 1980) in Zusammenhang, welche davon ausgeht, dass eine Person, deren fundamentales Bedürfnis nach Unabhängigkeit, Familie und Qualifikation befriedigt ist, mehr Lebenszufriedenheit erlebt.

Da diese Reaktion auf Konfrontation mit dem Tod in der TMT nicht vorgesehen ist, geht Cozzolino (2006) davon aus, dass durch Tod induziertes mentales Wachstum und durch Tod induzierte Verteidigungsreaktion das Ergebnis zweier separater Informationsverarbeitungsprozesse sind. Der eine Pfad fußt auf der SDT, der im Falle von Nahtoderfahrungen und PTG zu einer worldview capitulation führt und somit einen optimistischen Umgang mit dem Tod beschreibt. Der zweite Pfad folgt dem klassischen TMT Weg, wonach die Konfrontation mit dem Tod zu worldview defense führt, was die TMT eher zu einer pessimistischen Theorie macht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Terror-Management-Theorie. Eine kritische Diskussion
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Psychologisches Institut)
Veranstaltung
Self-regulation
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V366748
ISBN (eBook)
9783668454941
ISBN (Buch)
9783668454958
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Terror Management Theory, Self-regulation, Mortality Salience, Self Determination Theory, Death reflection, Worldview defense
Arbeit zitieren
Engin Devekiran (Autor), 2016, Terror-Management-Theorie. Eine kritische Diskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366748

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