Antagonismus, Demokratie, Identitäten, Populismus. Chantal Mouffes "Projekt Linkspopulismus"


Bachelorarbeit, 2016

32 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen für das Verständnis eines ÄProjekt Linkspopulismus“
2.1. Antagonismus, Hegemonie und die Konstituierung des Volkes
2.2. Das Projekt radikaler und pluraler Demokratie
2.3. Die Herausforderungen für die postpolitische Vision

3. Das ÄProjekt Linkspopulismus“
3.1. Ein neuer Antagonismus im Register der Moral
3.2. Die Stärkung der europäischen Dimension
3.3. ÄEs gibt keine Demokratie ohne Repräsentation“
3.4. Pluralismus, Identitäten und der Begriff des politischen Handelns
3.5. Die populistische Dimension der Demokratie

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Euro-Krise, Flüchtlingskrise, Ukraine-Krise, der drohende ÄBrexit“ - die Europäische Union steht in diesen Tagen vor vielen Herausforderungen, die ihren Zusammenhalt infrage stellen. Währenddessen verzeichnen überall in Europa rechtspopulistische Parteien Wahlerfolge. Vom Front National in Frankreich, über die AfD in Deutschland und die Ukip in Großbritanien, bis hin zu den PiS in Polen - rechte Demagogen schüren die Angst vor Fremden, appellieren an das Nationalbewusstsein und wollen Ädem Volk“ eine Stimme geben. Im Süden Europas formiert sich derweilen Gegenwehr gegen die neoliberalen Kräfte in der Europäischen Union. In Griechenland regiert mit Syrizia eine linkspopulistische Partei und auch in Spanien und Portugal ist ein linker Aufbruch zu beobachten. Vordenkerin dieser linken Bewegungen ist die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, die zu den wichtigsten Vertreterinnen des modernen Diskurses der Äradikalen Demokratie“ zählt. Das gemeinsam mit ihrem kürzlich verstorbenen Ehemann Ernesto Laclau verfasste Werk ÄHegemony and Socialist Strategy“ aus dem Jahr 1985 gilt als eine der einflussreichsten Werke der Politischen Theorie der Gegenwart und wird je nach Betonung einzelner Aspekte unter den Schlagwörtern ÄHegemonietheorie“, ÄDiskurstheorie“, ÄPoststrukturalismus“ oder ÄPostmarxismus“ im Arsenal der Politischen Theorie geführt (Oppelt 2014a: 254). Chantal Mouffe sieht das Erstarken des Rechtspopulismus als Konsequenz des ÄKonsens in der Mitte“, der durch die Strategie der sozialdemokratischen Parteien in Europa sich zur politischen Mitte hin zu bewegen, entstanden ist (Mouffe 2011: 3). Soziologen wie Ulrich Beck und Anthony Giddens vertreten die These, dass wir uns heute in einem zweiten Stadium der Moderne, der Äreflexiven Moderne“, befinden, in der aufgrund des erstarkten Individualismus, das sich um kollektive Identitäten kreisende Politikmodell überholt sei und dass das Politische in Begriffen jenseits von links und rechts gedacht werden muss. Unter dem Etikett ÄDer dritte Weg“ entwickelte Giddens eine Strategie für New Labour in England, um eine neue Politik der Äradikalen Mitte“ anzustreben, die später von anderen sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien übernommen wurde (unter anderem von Gerhard Schröder in Deutschland), Ädie begannen, sich als ‚linke Mitte‘ zu präsentieren und sich dabei deutlich von früheren antikapitalistischen Elementen zu distanzieren“ (ebd.). Mit ihrem Anspruch, das sozialdemokratische Projekt zu modernisieren, um es an die globale Welt anzupassen, haben die Parteien der linken Mitte allerdings gegenüber dem Neoliberalismus kapituliert und begnügen sich nun damit, Ädie neoliberale Globalisierung zu managen und ihr ein bisschen humaneres Gesicht zu geben“ (Finkeldey 2014). Entgegen des Äcommon sense“ in westlichen Gesellschaften sieht Chantal Mouffe diese Entwicklung allerdings nicht als Ägroßen Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit“, sondern als einen von Grund auf verfehlten Ansatz an, der Ästatt zu einer ‚Demokratisierung der Demokratie‘ beizutragen, am Ursprung vieler gegenwärtiger Probleme demokratischer Institutionen steht“ und Teil einer antipolitischen Vision ist, Ädie sich weigert, die für das ‚Politische‘ konstitutive antagonistische Dimension anzuerkennen“ (Mouffe 2007b: 7-8).

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Herausforderungen formuliert Mouffe ihre Strategie zur Umkehrung dieser antipolitischen Vision. In ihrem 2005 veröffentlichten Werk ÄOn the Political“ (deutsche Übersetzung 2007, ÄÜber das Politische“), das zu ihrer wohl bekanntesten Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum geworden ist, sieht Chantal Mouffe die Lösung noch Äin der Stärkung des agonistischen Charakters von Politik durch die Wiederbelebung der Links-Rechts-Unterscheidung“ (Mouffe 2007b: 156). Seit Beginn des Jahres 2014 tritt sie nun allerdings für eine andere Strategie ein, da Äeine dynamische demokratische Politik … nicht mehr auf der traditionellen Links-Rechts-Achse angesiedelt werden“ kann, weil die ÄMitte- Links-Parteien“ in Europa Äan den Mechanismen der neoliberalen Hegemonie eine zu große Mitschuld tragen, als dass sie eine Alternative zu bieten hätten“ (Mouffe 2015). Fortan tritt sie nicht mehr für eine antihegemoniale Offensive des linken Spektrums und die Wiederbelebung Äechter Parteipolitik“ ein, sondern fordert Ädie Förderung einer linkspopulistischen Bewegung, die für eine demokratische Neugründung Europas kämpft“ (ebd.). Mit ihrer Forderung Äfür einen linken Populismus“ spricht sich Chantal Mouffe dabei nicht nur gegen die Äneoliberale Hegemonie“, sondern im Allgemeinen gegen die am Konsens orientierte Politik in Europa aus, ermutigt gesellschaftliche Bewegungen dazu, sich mit der Parteipolitik zusammenzuschließen, und so keine an Michael Hardt und Antonio Negri entlehnte Strategie des ÄExodus“ zu wählen, und fordert eine effektive Antwort auf den Neoliberalismus auf europäischer, und nicht auf nationalstaatlicher Ebene.

ÄIch bin überzeugt, dass wir in den kommenden Jahren eine tiefe Veränderung der in Europa einst vorherrschenden politischen Grenzen erleben werden und dass die entscheidende Konfrontation zwischen dem linken Populismus und dem rechten Populismus stattfinden wird“ (Mouffe 2015).

Im Folgenden werden nun ihre neuen Forderungen im ÄProjekt Linkspopulismus“ herausgearbeitet und dahingehend überprüft, ob es sich bei dieser Strategie um eine konsequente Weiterentwicklung ihrer Theorie handelt, oder ob sie mit ihrer Forderung nach einem starken Linkspopulismus hinter zuvor vertretene Positionen zurückfällt. Mouffes Theorie der Äradikalen und pluralen Demokratie“ wird dabei einer immanenten Kritik unterzogen und ihr defizitäres Politikverständnis im Hinblick auf den Äkonfliktualen Konsens“, ihre Auffassung von Pluralismus und dem Eigenwert des politischen Handelns sowie in Hinblick auf die populistische Dimension ihrer Theorie, dargelegt.

2. Grundlagen für das Verständnis eines ÄProjekt Linkspopulismus“

2.1. Antagonismus, Hegemonie und die Konstituierung des Volkes

Grundlage für Chantal Mouffes Denken und theoretische Basis ihrer viel rezipierten Veröffentlichungen der 1990er und 2000er Jahre, bildet das gemeinsam mit ihrem Ehemann Ernesto Laclau verfasste Werk ÄHegemony and Socialist Strategy“ aus dem Jahr 1985, indem sie erstmals eine poststrukturalistische Diskurstheorie als umfassende Gesellschaftstheorie entwerfen, die Pfeiler für eine postfundamentalistische politische Ontologie legen und das sozialistische Projekt in neuartiger Weise als Projekt der radikalen Demokratie relancieren (Martell 2014). Die zwei Hauptanliegen dieses Buches sind eine politische Intention, die darin begründet liegt, Ädas sozialistische Projekt zu reformulieren, um eine Antwort auf die Krise der kommunistisch und sozialistisch geprägten Linken zu geben“, sowie das theoretische Ziel, Äeinen Ansatz zu entwickeln, der es erlaubte, die besonderen Eigenschaften von Bewegungen zu verstehen, die nicht auf Klassenunterscheidungen basierten und deshalb nicht einfach in Begriffen ökonomischer Ausbeutung verstanden werden konnten“ (Mouffe 2014a:191f). Im Zentrum ihres Denkens steht dabei die Frage nach dem Wesen des ÄPolitischen“, welches im Folgenden in Anlehnung an Martin Nonhoff in drei Facetten diskutiert wird: als Antagonismus, als Hegemonie und als Konstituierung des Volkes (Nonhoff 2010: 54).

Beim Begriff des Antagonismus handelt es sich um ein zentrales Theorem in der Laclau- Mouffeschen Theorie, da mit ihm die Beziehung von Identitäten zu ihrem Außen erklärt wird. Der konstitutive Antagonismus Äfirmiert als jene Spaltung, die Gesellschaft überhaupt erst möglich macht“ (Nonhoff 2010: 38) und bezeichnet ein Äan die Differenz-Relativität von Identitäten gekoppeltes konfliktives Verhältnis“ (Westphal 2013: 5). Laclau und Mouffe lehnen einen positiven Identitätsbegriff explizit ab. Identitäten tragen stets ein Element der Negativität in sich, sie können sich immer nur in Abgrenzung zu einem ÄAnderen“, einem ÄSie“, bilden.

ÄInsofar as there is antagonism, I cannot be a full presence for myself. But nor is the force that antagonizes me such a presence: its objective being is a symbol of my nonbeing and, in this way, it is overflowed by a plurality of meanings which prevent its being fixed as full positivity” (Laclau / Mouffe 1985: 125).

Die Beziehung zwischen Innen und Außen bezeichnet die Grenze der Objektivität und kann als undurchlässige Grenze nicht natürlich gegeben sein, sondern sie lasse sich nur durch einen Ausschluss, antagonistisch, etablieren. Dem Ausgeschlossenen, dem konstitutiven Außen, wird dabei ein ambivalenter Charakter zugeschrieben: Zum einen wird er ausgeschlossen, weil seine Zugehörigkeit die eigene Position in Frage stellen würde und er die Identität der Formierung zu untergraben versucht, aber andererseits kann sich diese Formierung erst durch die Abgrenzung zum Ausgeschlossenen konstituieren (Nonhoff 2014: 39). Die durch den Antagonismus entstandenen Grenzen sind dabei keine fixierten Grenzen, sondern werden diskursiv immer wieder neu konstruiert. ÄHegemonie“ lautet der von Antonio Gramsci, dessen Denken Chantal Mouffe in nicht zu unterschätzender Weise beeinflusste, entlehnte Name für die Logik von politischer Artikulation unter Kontingenzbedingungen (Flügel-Martinsen/Marchart 2014: 198). Neben dem Antagonismus stellt die Hegemonie den zweiten Schlüsselbegriff für eine Untersuchung des ÄPolitischen“ dar. Die Verknüpfung bezeichnet Mouffe als folgende:

"Begreift man das Politische als die immerwährende Möglichkeit des Antagonismus, so erfordert dies [...] die Dimension der Unentscheidbarkeit und der Kontinguenz an(zu)erkennen, die jede Ordnung ausmacht. In unserem Vokabular bezeichnet das jedoch auch unsere Überzeugung, dass jede Form sozialer Ordnung hegemonialer Natur ist.[...] Gesellschaft ist immer das Produkt einer Aneinanderreihung von Praktiken, über die versucht wird, eine bestimmte Ordnung in einem kontingenten Kontext herzustellen. Diese Praktiken nennen wir hegemoniale Praktiken. Es könnte immer auch anders sein“ (Mouffe 2014: 193).

Die Artikulation hegemonialer Forderungen wird über die Produktion von Äquivalenzketten organisiert, in der heterogene Elemente miteinander verknüpft werden, Äum einen kollektiven Willen zu formen, ein ‚Wir‘“ (Mouffe 2007b: 71). Artikulationen folgen dabei einer binären Logik von Differenz und Äquivalenz. Die Logik der Differenz unterscheidet die verschiedenen Momente eines Diskurses, wobei die Logik der Äquivalenz diese Differenzen gleichsetzt. Da die einzelnen Forderungen zunächst different sind und keine positive Gemeinsamkeit besitzen, artikulieren sie sich negativ über einen gemeinsamen Gegner, ein ÄSie“. Somit erfolgt mit der Konstruktion von Äquivalenzketten eine antagonistische Zweiteilung des diskursiv-sozialen Raumes. Wichtig zu betonen ist dabei, dass sich in einem diskursiven Feld nicht nur ein Antagonismus und somit eine einzige Konfliktlinie bildet. In demokratischen Gesellschaften formieren sich unzählige Arenen, die durch eine Vielzahl von Forderungen und hegemonialen Projekten geprägt sind. Doch trotz dieser Pluralität der Orte und Ebenen geht es in einer spezifischen Arena stets um das Gemeinsame, darum einen Kollektivakteur zu konstruieren, was uns zur dritten Facette des ÄPolitischen“ führt: der Konstituierung eines Volkes (Nonhoff 2014: 45f). Insbesondere Ernesto Laclau legte seinen theoretischen Schwerpunkt in den letzten Jahren auf die Möglichkeiten der Herstellung eines kollektiven ÄWirs“ und wendete sich einer theoretischen Durchdringung des Populismus zu, der für linke Politik von strategischer Bedeutung ist. Das Denken Laclaus, vor allem sein 2005 erschienenes Werk ÄOn Populist Reason“ (ÄÜber die populistische Vernunft“), übt seither einen großen Einfluss auf den Diskurs über Gefahren und Chancen sowie die Notwendigkeit des Populismus in Demokratien aus. ÄThe political operation par excellence is always going to be the construction of a ‚people’ (Laclau 2005: 153). Das ÄVolk“ ist dabei nicht als eine völkische Gemeinschaft oder als eine homogene Masse zu verstehen. Durch die Äquivalenzkettenartikulation wird ein kollektiver Akteur konstruiert, der Forderungen als allgemein und somit als Forderungen eines Volkes artikulieren kann. Mit dieser Konstruktion des Politischen geht einher, dass Populismus zwangsläufig einen Bestandteil jedes politischen Systems darstellt. Populismus stellt dabei selbst keine Ideologie und auch keine Fehlentwicklung dar, sondern er besitzt seine eigenen Strukturprinzipien. Neben der essentiellen Voraussetzung, durch eine Äquivalenzkette einen kollektiven Akteur zu bilden und dem anschließenden Äqualitativen Sprung, der dazu führt, dass sich all diese äquivalenten Ansprüche in einem Diskurs niederschlagen, der die Gesellschaft in zwei Lager spaltet - in die popularen Klassen und die Machthaber“, ist das dritte bestimmende Merkmal des Populismus die hegemoniale Herausbildung eines leeren Signifikanten, der als Repräsentant für die individuellen Ansprüche fungiert, aus denen die Kette besteht (Laclau 2014). Der leere Signifikant vertritt den kleinsten gemeinsamen Nenner der heterogenen Forderungen und verweist auf das, was sie verbindet: auf das Allgemeine. Er befindet sich dabei in einer paradoxen Situation: Je ausgiebiger die Extension der Kette sich darstellt, desto leerer wird der sie vereinheitlichende Signifikant in seiner Bedeutung. Die hegemonial werdende Forderung kann dabei ein Schlagwort (z.B. Äsoziale Gerechtigkeit“) sein, oder Äals reductio ad absurdum“, bleibt ein bloßer Name - Ähäufig der eines Führers“ (Laclau 2014). Dennoch sind nicht alle politischen Projekte in gleichem Maße populistisch, sie sind Äangesiedelt zwischen den gedachten Extremen des reinen Populismus und des reinen Institutionalismus“ (ebd.). Zu unterscheiden ist zwischen institutionellen Projekten, die aus einzelnen, differenten Forderungen bestehen, die nicht in einer Äquivalenzkette inkorporiert sind und von Seiten der etablierten Ordnung einzeln aufgenommen und befriedigt werden sollen, und Projekten, die qua Äquivalenzkettenbildung auf die Konstruktion des Volkes abzielen. Durch institutionelle Diskurse wird demnach Ädie Differenz von Forderungen und ihre separate Erfüllbarkeit hervorgehoben, während populistische Diskurse die Äquivalenz von Forderungen und die Notwendigkeit ihrer gemeinsamen Erfüllung betonen“ (Nonhoff 2014: 47). Politisch sind nach der Laclauschen-Mouffchen Definition dabei nur populistische Diskurse.

ÄBut some kind of equivalence is necessary for a discourse to be considered political. In any event, the important thing is that we are not dealing with two different types of politics: only the second type is political; the other simply involves the death of politics” (Laclau 2005: 155).

2.2. Das Projekt radikaler und pluraler Demokratie

Die diskurstheoretischen Grundbegriffe der Differenz, Äquivalenz, des Antagonismus und des leeren Signifikanten stellen den Rahmen für Laclau und Mouffes ÄProjekt der radikalen Demokratie“ dar. Vor allem Chantal Mouffe ist es, die seither kontinuierlich an dem Projekt einer radikalen und pluralen Demokratie weiterarbeitet. Die demokratische Revolution Ende des 18. Jahrhunderts bildet, im Anschluss an Claude Lefort und Alexis de Tocqueville, den Äzeitgeschichtlichen und systematischen Fluchtpunkt ihrer Reflexionen“ (Oppelt 2014a: 256). Die durch die Französische Revolution beschleunigte Demokratisierung führte die westeuropäischen Gesellschaften von der traditionellen und unverrückbaren Ständehierarchie zu Äeiner prinzipiellen Unbestimmtheit aller sozialen Verhältnisse und politischen Identitäten“ (ebd.). Herrschaftsverhältnisse werden nicht mehr als naturgegeben anerkannt, sie können ständig und fortschreitend in Frage gestellt werden, Äso dass sich eine Ausdehnung und Vertiefung der demokratischen Kämpfe von der Französischen Revolution über die Arbeiterbewegung bis hin zu den neuen sozialen Bewegungen ergeben hat“ (Jörke 2004: 173). Die Errungenschaften der demokratischen Revolution, die Prinzipien der Freiheit und Gleichheit, stehen in einem dialektischen Spannungsverhältnis zueinander. Sie nehmen in einer radikalen Demokratie einen zentralen Stellenwert ein.

ÄOur understanding of radical democracy, on the contrary, postulates the very impossibility of a final realization of democracy. It affirms that the unresolvable tension between the principles of equality and liberty is the very condition for the preservation of the indeterminancy and undecidability which is constitutive of modern democracy“ (Mouffe 1992: 13).

Unter dem Vorzeichen der neoliberalen Hegemonie hat sich dieses Gleichgewicht allerdings zu stark in Richtung der Freiheit verschoben, sodass Äder Kampf, den die radikale Demokratie aufnimmt, als Versuch der Zurückdrängung des aktuell hegemonialen Prinzips der Freiheit in seiner neoliberalen Interpretation zugunsten der zumindest temporären Hegemonialisierung des demokratischen Prinzips der Gleichheit verstanden werden kann“ (Oppelt 2014a: 256).

Chantal Mouffes Kritik am Liberalismus1, die sie mit Hilfe einer kritischen Rezeption der Schriften Carl Schmitts (neben Gramsci, Marx und Machiavelli ihr wichtigster ideengeschichtlicher Referenzautor) vollzieht, führt uns zu den zentralen Dimensionen ihrer Demokratietheorie: die Trennung zwischen Äder Politik“ und Ädem Politischen“, die Überführung des Antagonismus in einen Agonismus mit Hilfe des Äkonfliktualen Konsens“, sowie ihre Auffassung pluralistischer Demokratie. Das ÄPolitische“ bezeichnet dabei die Dimension des Antagonismus, die für die menschlichen Gesellschaften konstitutiv ist, während ÄPolitik“ die Gesamtheit der Verfahren und Institutionen beschreibt Ädie das Miteinander der Menschen im Kontext seiner ihm vom Politischen auferlegten Konflikthaftigkeit organisiert“ (Mouffe 2007b: 16)2. Explizit gegen Hannah Arend bezeichnet sie das Politische nicht als den Ort der Freiheit und der öffentlichen Diskussion, sondern als einen Ort von Macht, Konflikt und Antagonismus (ebd.). Der Ort der Macht ist dabei, in Anlehnung an Claude Lefort, ein leerer Ort, um dessen Besetzung fortwährend gekämpft werden muss. Da im liberalen Denken die vorherrschende Tendenz ein rationalistischer und individualistischer Ansatz ist, der nicht in der Lage ist, Ädie pluralistische Natur der Welt des Sozialen, samt den Konflikten, die zum Pluralismus gehören“, angemessen zu begreifen, Ämuss diese Form des Liberalismus die antagonistische Dimension des Politischen negieren“ - ÄEs ist also kein Wunder, wenn das Politische zum blinden Fleck des Liberalismus wird“ (Mouffe 2007b: 19).

Mit der Übernahme von Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung konkretisiert Mouffe im Folgenden die Bedeutung des Antagonismus für das Politische und kommt aufgrund Äihrer Interpretation Schmitts zu einer positiven Bewertung kollektiver Identitäten, in denen sie geradezu eine Existenzbedingung moderner Demokratien sieht“ (Thaa 2011b: 129). Doch während Schmitt durch seine Überzeugung, dass sich Liberalismus und Demokratie gegenseitig ausschließen, zu der Erkenntnis kommt, dass das Konzept einer liberalen, pluralistischen Demokratie eine nicht realisierbare Regierungsform darstellt, ist ein zentrales Anliegen Chantal Mouffes Arbeit Äeine Auffassung pluralistischer Demokratie zu liefern, die die politische Dimension wiederaufnimmt“ (Mouffe 2014a: 199). Da Schmitts Vorstellungen einer substantiellen Einheit des Volkes und die Existenz eines homogenen demos für sie unhaltbar sind, wendet sie sich an diesem Punkt von ihm ab und argumentiert fortan Ämit Schmitt gegen Schmitt“, um ein agonistisches Konzept von Demokratie einzuführen, bei dem sie zwischen Antagonismus und Agonismus unterscheidet (ebd.).

Während der Antagonismus eine Wir-Sie-Beziehung ist, in der sich Feinde ohne irgendeine gemeinsame Basis gegenüberstehen, ist der Agonismus eine Wir-Sie- Beziehung, bei der die konfligierenden Parteien die Legitimität ihrer Opponenten anerkennen. […] Sie sind ‚Gegner‘, keine Feinde“ (Mouffe 2007b: 30).

Obwohl es keine rationale Lösung des Konflikts geben kann, erkennen ÄGegner“ die Legitimität der gegnerischen Forderungen an. Sie Äteilen einen gemeinsamen symbolischen Raum, in dem der Konflikt stattfindet“ (ebd.). Die Beziehung, die zwischen Gegner besteht, bezeichnet Mouffe als Äkonfliktualen Konsens“, bei dem grundsätzlich eine Einigkeit über die Äethnischen und politischen Prinzipien, die ihre politische Gemeinschaft ausmachen“ besteht, im Hinblick auf deren inhaltliche Auslegung es aber zu Widersprüchen kommt (Mouffe 2014a: 200). Eine zentrale Aufgabe der Politik besteht darin, für Institutionen und formelle Rechtsgrundlagen zu sorgen, welche Ädie Möglichkeit eröffnen, dass Konflikte eine Äagonistische“ Form annehmen“ (Mouffe 2014a: 12). Institutionen lassen sich als in Rechtsform gegossene Diskurse verstehen, die aufgrund ihrer zumeist rechtlich (oder gewaltsam) abgesicherten Verfahren, die Aktualisierung des Politischen einschränken. Sie können aber auch die Dynamik und das konflikthafte Potenzial, das Volk zu (re)konstruieren, selbst institutionalisieren. Die Demokratie ist diejenige politisch-institutionelle Ordnung, der das am besten gelingt, Äsofern sie eine radikale Demokratie ist, die sich sowohl ihrer eigenen Grundlosigkeit bewusst ist als auch der Notwendigkeit, angesichts dieser Grundlosigkeit im Zuge des politischen Kampfes immer aufs Neue um Gründungs- und Begründungsfiguren zu streiten“ (Nonhoff 2007a: 7).

Die amerikanische Kommunitarismus/Liberalismus Debatte dient Mouffe als theoretisches Terrain, um insbesondere ihre Auffassung von Pluralismus zu verdeutlichen. Angesichts der Pluralität moderner Gesellschaften ist es unhaltbar, dass die Kommunitaristen von einem einzigen common good ausgehen, wobei sich die Gegenseite, der Liberalismus, auf eine falsche und zu abstrakte Allgemeinheit bezieht. Bei der Artikulation ihres Projektes berücksichtigen Laclau und Mouffe eine Vielzahl unterschiedlicher und heterogener Subjektpositionen, die das Ergebnis von diskursiven, kontiguenten Praktiken sind und somit kein unabänderliches Wesen besitzen. Sie greifen zudem auf die Logik der Differenz und Äquivalenz zurück. Mit Hilfe der differenziellen Logik wird den Identitäten ein möglichst großer Selbstbestimmungsraum zugesprochen, die äquivalentielle Logik stellt eine Gemeinsamkeit zwischen den Individuen her.

[...]


1 Beim ÄLiberalismus“ handelt es sich laut Mouffe um Äeinen philosophischen Diskurs mit vielen Varianten, der sich nicht durch eine gemeinsame Grundlage auszeichnet, sondern durch eine ÄFamilienähnlichkeit“ im Sinne Wittgensteins.“ Von wenigen Ausnahmen (Berlin, Raz, Gray und Walzer) abgesehen, ist für die vorherrschende Tendenz allerdings ein rationalistischer und individualistischer Ansatz charakteristisch (Mouffe 2007b: 17).

2 In Anlehnung an Heidegger bezieht sich ÄPolitik“ auf die Äontische“ Ebene, wobei das ÄPolitische“ auf der Äontologischen“ Ebene angesiedelt ist (Mouffe 2007b: 15).

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Antagonismus, Demokratie, Identitäten, Populismus. Chantal Mouffes "Projekt Linkspopulismus"
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
32
Katalognummer
V366758
ISBN (eBook)
9783668454354
ISBN (Buch)
9783668454361
Dateigröße
894 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Populismus, Postmarxismus, Linkspopulismus, Diskurstheorie, Linke, Antagonismus, Radikale Demokratie, Demokratietheorie, Chantal Mouffe, Projekt Linkspopulismus
Arbeit zitieren
Christina Willems (Autor), 2016, Antagonismus, Demokratie, Identitäten, Populismus. Chantal Mouffes "Projekt Linkspopulismus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366758

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