Die ETA und der baskische Nationalismus. Inkubation und die Ideologie der Euskadi ta Askatasuna


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Baskenland: Nationalismus und der Spanische Bürgerkrieg
2.1 Historische Entwicklung des baskischen Nationalismus
2.2 Der Spanische Bürgerkrieg und die Folgen für das Baskenland

3. Inkubation und die Ideologie der Euskadi ta Askatasuna
3.1 Die Inkubation der ETA und die Umstrukturierung des baskischen Nationalismus
3.2 Die Ideologie der ETA

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man den baskischen Nationalismus, so stellt man fest, dass dieser wie keine andere geistig-politische Strömung es geschafft hat, Interessen, Ängste und Hoffnungen der baskischen Bevölkerung zu rezipieren.1 Die Analyse des baskischen Nationalismus muss schon im 19. Jahrhundert beginnen, in welchem der baskische Nationalismus durch äußere Begebenheiten wie die Karlistenkriege, die Industrialisierung, Immigrationswellen oder die Zentralisierungspolitik beeinflusst wurde. Bernecker, der als Experte für spanische, portugiesische und lateinamerikanische Geschichte gilt, spricht wie viele andere Forscher, die sich mit dem Baskenland beschäftigen, auch von einer „Identitätskrise des Baskenlandes“͘ Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte der baskische Nationalismus einen Aufschwung, der sich in der Gründung der Partido Nacionalista Vasco (PNV) zeigte. Die maßgebliche Person der Partei war Sabino Arana Goiri, der klare Ziele für das 20. Jahrhundert hatte.

Nicht nur das 19. Jahrhundert sollte den baskischen Nationalismus beeinflussen. Auch im 20. Jahrhundert sorgten Ereignisse wie der spanische Bürgerkrieg sowie die Franco- Diktatur für weitreichende Zäsuren im baskischen Nationalismus. So aktiv die Partei rund um Sabino Arana am Ende des 19. Jahrhunderts bzw. am Anfang des 20. Jahrhunderts, was das Aufstellen von Forderungen und Ideologien betrifft, agierte, war diese in den 1960er Jahren träge und passiv. So ist es bemerkenswert, dass junge Studenten der Jesuiten-Universität in Bilbao dem baskischen Nationalismus ein neues Gesicht gaben. Die Unzufriedenheit der Studenten bildete die Triebkraft für das Entstehen einer neuen radikalisierten Bewegung: die Euskadi ta Askatasuna (ETA). Diese Bewegung, welche 1959 gegründet worden war, sollte in den folgenden Jahren noch sehr bekannt werden, da sie nicht nur den baskischen Nationalismus modifizierte, sondern auch durch ihre Aktionen für Furore in Spanien sorgte.2

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich die Beantwortung folgender Frage als zentrales Ziel: Wie konnte aus dem baskischen Nationalismus die radikale Widerstandsorganisation ETA entstehen, die bis heute für Terror und zahlreiche Anschläge bekannt ist?

Um die Frage zu beantworten, muss der baskische Nationalismus von seinen Wurzeln im 19. Jahrhundert bis in die 1960er Jahre genauestens analysiert werden. Dabei kann dem Leser die Modifizierung des baskischen Nationalismus vor Augen geführt wurden. Es ist zwingend notwendig, Geschehnisse wie die Karlistenkriege, die Industrialisierung, die Gründung der PNV mit deren Zielen sowie den spanischen Bürgerkrieg in extenso durchzugehen, damit der Leser nicht nur einen Einblick in die baskische Ethnie gewinnt, sondern auch versteht, wie es zur Gründung der ETA kommen konnte. Die Ideologie der ETA lässt sich mit der gleichen Strategie verstehen. Die Arbeit beschränkt sich auf den radikalen baskischen Nationalismus, da dieser für die Entstehung der ETA von großer Bedeutung ist. Andere Nationalismustheorien, die zum Beispiel dem Bürgertum entstammten, werden nicht thematisiert.

Die Geschichte des Baskenlandes ist gut erforscht, wobei bis heute bei Historikern und Soziologen Interesse besteht, sich mit dem Baskenland auseinanderzusetzen, was die zahlreichen Arbeiten, die nach der Jahrhundertwende erschienen sind, zeigen. Ein Werk, das besonders hervorgehoben werden muss, ist „Nationalismus und utonmie“ von Antje Helmerich. Helmerich liefert in ihrem Werk nicht nur verständlich theoretische Zugänge zum baskischen Nationalismus, sondern stellt auch die Anfänge der ETA dar, was gerade für die Thematik dieser Hausarbeit von großem Nutzen ist. Weiterhin bedarf das Werk „Das Baskenland und Nordirland“ von Franz Valandro Würdigung͘ Der Titel, welcher 2001 erschien, schafft es nicht nur die historische Entwicklung des baskischen Nationalismus logisch aufzuarbeiten, sondern auch das Baskenland mit Nordirland zu vergleichen. Gerade die Darstellung der historischen Entwicklung des baskischen Nationalismus bis zur ETA war hilfreich bei Bearbeitung der Fragestellung dieser Arbeit. Fehlen darf selbstverständlich nicht Peter Waldmann, der mit seinem Werk „Ethnischer Radikalismus“ aufzeigt, welche Ursachen zu Ethnischem Radikalismus führen können͘

2. Das Baskenland: Nationalismus und der Spanische Bürgerkrieg

2.1 Historische Entwicklung des baskischen Nationalismus

Das Baskenland, welches über knapp zwei Millionen Einwohner verfügt, gliedert sich in drei Provinzen: Vizcaya mit der Hauptstadt Bilbao, Gipuzkoa mit der Hauptstadt San Sebastián und Alava mit der Hauptstadt Vitoria. Jedoch muss auch berücksichtigt werden, dass es in Frankreich auch drei baskische Provinzen gibt: Labourd, Basse-Navarre und Soule, in denen etwa 150 000 Basken leben. Vergleicht man den baskischen Nationalismus in Spanien und Frankreich, so kann die Aussage getroffen werden, dass sich jener in Frankreich als moderat charakterisieren lässt. Zwar brachte der baskische Nationalismus in Frankreich vereinzelte, radikale Kräfte hervor, die aber nie entscheidenden Einfluss auf die Politik ausübten.3

Valandro stellt in seinem Werk „Das Baskenland und Nordirland“ klar, dass der baskische Nationalismus als Ideologie nur verstanden werden könne, wenn man dessen Historie analysiert.4 So kann die Analyse nach Valandro im Wesentlichen mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzen. Auch Waldmann startet mit der Analyse des baskischen Nationalismus im 19. Jahrhundert. Doch welche Einflüsse im 19. Jahrhundert prägten den baskischen Nationalismus, sodass von einer Struktur- und Identitätskrise des Baskenlandes in der Literatur gesprochen wird? Nach Waldmann sind folgende zwei Aspekte die Triebkräfte der baskischen Identitätskrise: sowohl die gegen die regionalen Partikularismen gerichtete Politik der Zentralregierung als auch die sich vollziehende Industrialisierung.5 Auch Bernecker erkennt die Angst des Identitätsverlustes bei den Basken durch die Industrialisierung.6 Betrachtet man das Baskenland zu Beginn des 19. Jahrhunderts, können folgende Aussagen getroffen werden: 1. Das Baskenland war, verglichen mit anderen Gebieten Spaniens, eines der ärmsten des Landes. So produzierte es nur 2% des Bruttoinlandsprodukts. 2. Die Zahlen gingen Hand in Hand mit einer schwachen landwirtschaftlichen Produktion im Baskenland. 3. Die Napoleonischen Kriege hatten zahlreiche Auswirkungen (spanische Wirtschaft auf dem Tiefpunkt) auf das Baskenland. 4. Das Baskenland bestand vorwiegend aus Bauern, Fischern, Hirten und Handwerkern.

Nachdem die Bourgeoisie die Begebenheiten erkannte hatte, nahmen sie zwischen 1800 und 1860 ein wirtschaftliches Wachstum des Baskenlandes, welches in einer Wirtschaftskrise steckte, in Angriff. Die fortschreitende Mechanisierung initiierte jedoch zahlreiche Probleme. Zum einen spielte das Bevölkerungswachstum eine große Rolle, da die Nachfrage nach Land, welches größtenteils an Pächter vergeben war, durch entsprechenden Mehrgewinn aus der Agrarproduktion nicht aufgefangen werden konnte. Durch die große Anzahl an Menschen, die aus anderen Teilen Spaniens in das Baskenland kamen, stand die Gesellschaft des Baskenlands vor einer schwierigen Aufgabe. Zum einen verringerte die Mechanisierung den Bedarf an Arbeitskräften - besonders in landwirtschaftlichen Betrieben. Zusätzlich bekam das dörfliche Kleingewerbe Konkurrenz von städtischen Industrieunternehmen gegen welche sie sich nicht durchsetzen konnten. Diese Vorkommnisse sorgten für großen Unmut bei der baskischen Bevölkerung und den präindustriellen Eliten. Als Beispiel für die rasante Industrialisierung soll nun Vizcaya im Raum Bilbao ab 1850 betrachtet werden. Motivation war das Eisenerzvorkommen in diesem Gebiet, welches schon lange durch Klein- und Kleinstbetriebe unter Verwendung von Holz als Brennstoff ausgebeutet worden war. Jedoch war England an Roheisen aus Vizcaya interessiert, weshalb diese britisches Koks einfuhren, um dieses billig zu gewinnen. Dieses Vorhaben gipfelte in einem industriellen Aufschwung der Stahl- und Eisenindustrie, was dafür sorgte, dass Vizcaya die wirtschaftlich dynamischste Provinz Spaniens wurde. In diesem Zusammenhang stieg die Bevölkerung um 50% an, das Eisenbahnnetz wurde stetig vergrößert und Hunderte von Handelsgesellschaften wurden gegründet.

Nachdem nun eine der beiden Triebkräfte beleuchtet wurde, soll nun der nahezu vollständige Verlust der Fueros7, die für das politische und wirtschaftliche Leben im Baskenland seit dem Mittelalter prägten, besprochen werden.8 Dazu müssen die Karlistenkriege genauer betrachtet werden, wobei diese in dieser Hausarbeit nicht in extenso erörtert werden, da eine detaillierte Betrachtung vom eigentlichem Thema abweichen würde. Der Karlismus kann in den 1830er Jahren nach Beck als eine Reaktion auf die Zentralisierung und Homogenisierung verstanden werden.9 In der Literatur wird der Karlistenkrieg in zwei Kriege unterteilt: Der erste Karlistenkrieg, welcher von 1833- 1840 stattfand und der zweite Karlistenkrieg, welcher sich von 1872-1876 abspielte. Doch warum sind die Karlistenkriege für die Analyse des Baskenlandes zu jener Zeit von Bedeutung? Zwar ist es richtig, wenn man behauptet, dass sich die Karlistenkriege auf dem gesamten spanischen Territorium abspielten, jedoch bezog der Karlismus10 viele Verfechter aus baskischen Gebieten. Weite Teile sozialer Schichten wie die Bauernschaft, die Handwerker, pensionierte Militärs, der niedere Klerus, lokale Notablen sowie konservative Agrargroßgrundbesitzer standen dem Liberalismus als Antagonisten gegenüber. Schon vor dem 1.

[...]


1 Helmerich, Antje: Nationalismus und Autonomie. Die Krise in Baskenland 1975-1981. Stuttgart 2002, S. 26.

2 Hierbei wäre besonders das Bombenattentat auf Luis Carrero Blanco zu nennen, wobei der designierte Franco-Nachfolger getötet wurde.

3 Valandro, Franz: Das Baskenland und Nordirland. Eine vergleichende Konfliktanalyse. Innsbruck 2001, S. 26.

4 Ebd., S. 27.

5 Waldmann, Peter: Katalonien und Baskenland: Historische Entwicklung der nationalistischen Bewegungen und Formen des Widerstands in der Franco-Zeit. In: Sozialer Wandel und Herrschaft im Spanien Francos. Hrsg. V. Waldmann, Peter u. Bernecker, Walther L. u López-Casero, Francisco. Paderborn 1984 (Internationale Gegenwart Band 8), S. 155-194, hier S. 165.

6 Bernecker, Walther: Souveränität und Territorialität: Das „baskische Problem“ zwischen Pragmatismus, Ethnonationalismus und Separatismus. In: Spanien heute. Politik-Wirtschaft-Kultur. Hrsg. v. Walther Bernecker. Frankfurt am Main 2008, S. 169-218, hier S. 170.

7 Die Fueros stellten gewisse Sonderrechte für die Basken dar. So waren die Basken ursprünglich vom Militärdienst und der Abordnung zu öffentlichen Ämtern außerhalb des baskischen Gebietes befreit. Zusätzlich kamen sie in den Genuss von Zoll- und Handelsfreiheit und mussten wesentlich weniger Steuern als die anderen Untertanen des Königs zahlen. Weiterhin hatte die Stimme jeder Gemeinde im Rahmen der Junta das gleiche Gewicht.

8 Helmerich, Nationalismus und Autonomie, S. 75.

9 Beck, Jan: Territory and terror. Conflicting nationalism in the basque country. New York 2005 (Routledge Advances in European Politics, Bd. 25), S. 46.

10 Unter dem Carlismus versteht man eine monarchistische politische Strömung in Spanien. Die Anhänger des Carlismus bestreiten die Legitimität der Thronfolge der spanischen Königin Isabelle II.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die ETA und der baskische Nationalismus. Inkubation und die Ideologie der Euskadi ta Askatasuna
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V366826
ISBN (eBook)
9783668454590
ISBN (Buch)
9783668454606
Dateigröße
1191 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nationalismus, inkubation, ideologie, euskadi, askatasuna
Arbeit zitieren
Michael Richter (Autor), 2017, Die ETA und der baskische Nationalismus. Inkubation und die Ideologie der Euskadi ta Askatasuna, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366826

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