Zu Erich Kästners "Traurigkeit, die jeder kennt". Ein Kästner-Gedicht der Neuen Sachlichkeit?


Hausarbeit, 2017

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Traurigkeit, die jeder kennt – ein Gedicht eines Autors der Neuen Sachlichkeit

2. Analyse des Gedichts „Traurigkeit die jeder kennt“ in Bezug auf vier Dimensionen der neusachlichen Ästhetik nach Becker
2.1 Gebrauchswert
2.2. Entsentimentalisierung
2.3. Entindividualisierung
2.4. Antipsychologismus

3. Fazit: Umsetzung, aber auch Aufbrechen neusachlicher Prämissen

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang

Traurigkeit, die jeder kennt (1932)

Traurigkeit, die jeder kennt (1936)

1. Traurigkeit, die jeder kennt – ein Gedicht eines Autors der Neuen Sachlichkeit

Erich Kästner ist vielen Deutschen als Autor von Kinderbüchern und Romanen, bei-spielsweise Fabian, ein Begriff. Dass Kästner auch als Lyriker sehr produktiv war, gerät darüber leicht in Vergessenheit, obwohl auch einige seiner Gedichte wie Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen (1928) oder die Sachliche Romanze (1929) einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erlangten und zum Gegenstand literaturwissenschaftlicher Analysen wurden. Kästner veröffentlichte vor dem 2. Weltkrieg noch 354 weitere Gedichte[1] in fünf Gedichtbänden: Herz auf Taille (1928), Lärm im Spiegel (1929), Ein Mann gibt Auskunft (1930), Gesang zwischen den Stühlen (1932) und Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke (1936).[2] Der Titel des letzten Gedichtbandes, der zum Teil aus neuen Gedichten besteht, aber auch bereits erschienene enthält, lässt bereits erahnen, dass Kästners Gedichte, wie auch die Sachliche Romanze, meist von alltäglichen Sorgen und Ereignissen handeln.[3] Dabei werden die unterschiedlichsten Lebens- und Gefühlslagen der Menschen berücksichtigt – er schreibt von Glück, Liebeskummer, lästigen Zeitgenossen, Armut, Einsamkeit.[4] Eines der Gedichte trägt beispielsweise den Titel „Traurigkeit, die jeder kennt“[5]. In diesem Gedicht spricht ein lyrisches Ich Gefühle aus, die viele Menschen schon einmal durchleben mussten: „Es ist, als ob die Seele unwohl wäre“ (V. 8). Das Gedicht erschien erstmals bereits in Gesang zwischen den Stühlen. Die zweite Fassung ist leicht verändert. Insbesondere ist hier auf die inhaltlichen Unterschiede in Vers 20 und 27 hinzuweisen, die im Laufe der Arbeit noch zur Sprache kommen werden. Ansonsten handelt es sich um Änderungen im Satzbau (z.B. V. 6) oder in der Interpunktion (z.B. V. 3f.). Die mangelnde Sekundärliteratur zu diesem Gedicht lässt vermuten, dass es von der Leserschaft und von Literaturwissenschaftlern kaum wahrgenommen wurde. In vielen Beiträgen wird stattdessen Kästners politische Lyrik hervorgehoben[6], die ihn laut Literaturwissenschaftlern zu einem der wichtigsten Autoren der Neuen Sachlichkeit machen[7]. Diese Strömung, die in der gesamten Kunst und nicht nur in der Literatur auftrat, entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg als „dezidiert antiexpressionistische[…] Haltung“[8]. Max Weber war etwa der Meinung, Anständigkeit und Moral könnten in der Gesellschaft nur durch Sachlichkeit als „einziges Mittel der Echtheit“ hergestellt werden.[9] Die Epoche des Expressionismus verurteilt er scharf als „ekelhaften Exhibitionismus des innerlich Zusammengebrochenen“[10]. Sachlichkeit hingegen sei „kühl“[11] und lehne die Seele als literarisches Thema ab[12]. Stattdessen richtet sie ihren Blick auf die äußerlich wahrnehmbare Realität[13] und möchte sich für die „objektiven Werte“ engagieren[14]. Becker fasst die Neue Sachlichkeit in ihrem umfangreichen Überblickswerk als Ästhetik auf, die „die literarische Diskussion in den zwanziger und dreißiger Jahren maßgeblich bestimmt“ hat. Davon ausgehend arbeitete sie 15 Dimensionen neusachlicher Ästhetik heraus, die sie, trotz besonderer Gruppenkohärenz unter den Autoren[15], in vielen literarischen Texten dieser Zeit verwirklicht sieht[16].

Dieser kurze Abriss über die Neue Sachlichkeit dürfte die Leser des angesprochenen Gedichts zunächst stutzig machen, denn schließlich widmet er sich im besagten Gedicht Traurigkeit, die jeder kennt ausdrücklich dem menschlichen Seelenleben und spricht damit auch die Emotionen der Leser an, was von den Vertretern der Neuen Sachlichkeit nicht intendiert war. Trotzdem betont Becker unmissverständlich: „Zweifelsohne ist Erich Kästner ein Repräsentant dieser neusachlichen Bewegung“[17]. Daher lohnt es sich zu untersuchen, inwiefern das Gedicht die von Becker aufgeführten Dimensionen neusachlicher Ästhetik erfüllt. Aufgrund des begrenzten Rahmens der Arbeit musste hierbei eine Auswahl getroffen werden. Diese fiel auf die vier Dimensionen des Gebrauchswerts, der Entsentimentalisierung, der Entindividualisierung und des Antipsychologismus. Der Gebrauchswert sollte deshalb analysiert werden, da sich Kästner im Gedichtband Gesang zwischen den Stühlen, in dem das Gedicht zuerst erschienen ist, selbst als Gebrauchslyriker charakterisiert[18]. Die Dimension der Entsentimentalisierung beinhaltet eine besonders deutliche Abgrenzung zu vorangegangenen Epochen. Es ist deshalb interessant zu betrachten, ob diese Abgrenzung auch in diesem speziellen Gedicht so deutlich sichtbar wird. Ähnliches gilt für die Entindividualisierung. Hier ist eine ausführliche Analyse sinnvoll, da der erste Beurteilungsimpuls leicht zu Fehlschlüssen führen könnte. Die Analyse zum Antipsychologismus ist besonders interessant und damit auch nicht einfach, weil sich hier die meisten Widersprüche ergeben, die viel Raum für unterschiedliche Auslegungen und Interpretationen und damit auch unterschiedliche Urteile zulassen.

Zu diesen vier Dimensionen der neusachlichen Ästhetik werden also die Aussagen und Thesen der Fachliteratur, insbesondere von Becker, dargelegt und überprüft, inwieweit diese auf Kästners Gedicht Traurigkeit, die jeder kennt zutreffen oder davon abweichen. Zwischen diesen beiden Polen der Untersuchung vermitteln zwei Bemerkungen Kästners zu seiner lyrischen Produktion, die „Prosaische Zwischenbemerkung“ aus dem Gedichtband Lärm im Spiegel und das Vorwort samt Gebrauchsanweisung und Register aus dem Gedichtband Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke. Im Fazit wird eine Antwort auf die Frage versucht, ob das Kästner-Gedicht in die Strömung der Neuen Sachlichkeit eingeordnet werden kann oder ob die Befunde gegen eine solche Einordnung sprechen würden.

2. Analyse des Gedichts „Traurigkeit die jeder kennt“ in Bezug auf vier Dimensionen der neusachlichen Ästhetik nach Becker

2.1 Gebrauchswert

Die neusachliche Bewegung definiert sich vor allem durch einen Wandel im traditionellen Literaturverständnis.[19] Die Vertreter heben die Zweckhaftigkeit von Literatur hervor[20] und verfassen Texte mit funktionalem Charakter[21], die von einem Publikum gelesen werden sollen, „ohne einzuschlafen“[22], wie Kästner die Leserorientierung[23] ausdrückt. Zu diesem Umdenken sah sich vor allem die Lyrik verpflichtet, da sie in der Bevölkerung immer weniger Leser fand, sodass Kiaulehn sogar schon den Tod der Lyrik proklamierte[24]. Die Gattung wurde in der vom medialen und technischen Fortschritt geprägten Gesellschaft als nicht mehr zeitgemäß angesehen.[25] Kästner schreibt in der Prosaischen Zwischenbemerkung seines Gedichtbandes Lärm im Spiegel, dass er sich zu den wenigen Lyrikern zähle, „die bemüht sind, das Gedicht am Leben zu erhalten“[26]. Dass diese Bemühungen erfolgreich waren, zeigen die hohe Popularität seiner Gedichtbände sowie seine Publikationen in Tageszeitschriften.[27] Im Unterschied zu manchen Vorgängern betrachtet Kästner seine Lyrik nicht als elitäre Ausdrucksform, die nur einem bestimmten Leserkreis vorbehalten ist[28], sondern auch für „literarisch unverdorbene“ Menschen[29], wie er es ausdrückt, zugänglich ist. Damit unterstützt auch Kästner den Demokratisierungsgedanken, den viele Autoren in der Weimarer Republik vertraten und in ihrer Literatur verwirklichen wollten.[30] Der Gebrauchswert von Literatur war demnach für sie gebunden an den gesellschaftspolitischen Auftrag, die Bürger zu einem demokratischen Miteinander zu erziehen.[31] Jedoch ist im Gedicht Traurigkeit, die jeder kennt der Gebrauchswert nicht politischer Natur, sondern es soll, wie Kästner es wiederholt formuliert, „seelisch verwendbar“[32] sein. Ein Großteil der Gedichte in der Lyrischen Hausapotheke spricht keine politischen Themen an[33], sondern gibt Empfindungen der Menschen „in Stellvertretung“[34] wieder. Hartung kritisiert an diesen viel zitierten zwei Wörtern „Seelisch verwendbar“, die Teofila Reich-Ranicki sogar zum Titel einer neuen Gedichtsammlung Erich Kästners aus dem Jahr 1998 machte, dass offen bleibe, was Gebrauchsfähigkeit konkret bedeute und wie Verse beschaffen sein müssten, um als „seelisch verwendbar“ etikettiert werden zu können.[35] Den ersten Teil der Frage beantwortet Kästner im Vorwort der Lyrischen Hausapotheke auch gleich selbst: „Dass jemand ausspricht, was ihn bewegt und bedrückt – und andere mit ihm – , ist nützlich.“[36] Er führt damit den aristotelischen Gedanken der Katharsis weiter.[37] Martin erarbeitete in seinem Aufsatz sogar ein therapeutisches Konzept, das auf Kästners Gedichten basiert.[38] Seiner Einschätzung nach sind seelische Leiden und Störungen durch sprachliche Formulierungen besser zu bewältigen als durch passives Hinnehmen oder Verdrängen.[39] Kästner baut ebenfalls auf die Wirkung des Wortes[40] und betont die Heilsamkeit der Formulierung.[41] Das lyrische Ich im Gedicht Traurigkeit, die jeder kennt zeigt entsprechend dieser Theorie durch seine sprachlich-reflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche also bereits Ansätze der Bewältigung. Seit der kognitiven Wende in der Psychologie wurden verschiedene Methoden der Verwendung literarischer Texte zu therapeutischen Zwecken erarbeitet.[42] Auf diese Weise sollen die Patienten ihre Umwelt realistisch wahrnehmen, Handlungsmöglichkeiten kennenlernen und bewerten und schließlich einen „effektive[n] Umgang mit Mitmenschen, der Welt und dem eigenen Selbst“ erlernen.[43] Kästner möchte Abhilfe schaffen gegen „nichtkörperliche Verstimmungen“[44]. Nach Martins Feststellung ist die „Indikationsliste“ der Situationen, für die Kästner Heilung durch das Lesen entsprechender Gedichte in Aussicht stellt, lang.[45] Zur besseren Übersicht listet Kästner in seiner „nutzbringenden Gebrauchsanweisung“[46] am Anfang der Lyrischen Hausapotheke die verschiedenen Anlässe in einem Register auf und schlägt jeweils Gedichte vor, die sich der Leser im jeweiligen Fall zu Gemüte führen sollte. Das Gedicht Traurigkeit, die jeder kennt wird dem Leser unter dem Schlagwort „wenn man die Einsamkeit schwer erträgt“ empfohlen. Diese Kategorisierung mag etwas überraschen, denn im Gedicht selbst wird Einsamkeit nicht als Ursache der Traurigkeit des Individuums identifiziert. Stattdessen heißt es dort: „Die Trauer kommt und geht ganz ohne Grund“ (V. 5). Aus dem Vers „Man will allein sein. Und auch wieder nicht“ (V. 9) lässt sich zwar schließen, dass das lyrische Ich in seiner momentanen Situation wenig soziale Kontakte pflegt, aber dies kann im Kontext der gesamten Zustandsschilderung eher als vom lyrischen Ich selbst verursachten sozialen Rückzug gedeutet werden, der Begleiterscheinung einer depressiven Verstimmung ist, denn als unfreiwillige Isolation. Für Einsamkeit und „Herzeleid“ bietet Kästner in seiner Lyrischen Hausapotheke die Medikamente „Humor, Zorn, Gleichgültigkeit, Ironie, Kontemplation und Übertreibung“ an.[47] Welches davon im Gedicht zum Einsatz kommt, ist nicht ganz eindeutig. In der vorletzten Strophe spielt Gleichgültigkeit eine Rolle: Die vorhergehende Schilderung des Gemütszustand, die mit dem Wunsch nach dem Tod in der fünften Strophe ihren Höhepunkt findet, wird nun relativiert mit der Aussicht auf eine baldige Besserung: „Mal ist man unten und mal ist man oben./ Die Seelen werden immer wieder zahm.“ (V. 23f.). Damit wird dem besorgniserregenden Zustand die Dramatik genommen. Das vermutliche Gegenüber des lyrischen Ichs in der letzten Strophe unterstreicht diese Gleichgültigkeit, indem es auf dessen Sorgen nur mit der allgemeinen und wenig auf die individuelle Situation bezogenen Redewendung „So ist das Leben“ (V. 25). Dies passt zu Kästners Absicht, dem Leser erfahrbar zu machen, „daß [sic!] es anderen nicht anders und nicht besser geht als uns selber“[48]. Er lässt daher das lyrische Ich seinen seelischen Zustand reflektieren, ohne dass dieses dabei ins Selbstmitleid verfällt, denn hiervon möchte Kästner die Leser abhalten. Er setzt auch das genannte „Medikament“ der Übertreibung ein, indem die Traurigkeit des lyrischen Ichs die extreme Dimension der Lebensmüdigkeit und Todessehnsucht annimmt. Diese „Variation des Empfindungsgrades“ benennt Kästner ebenfalls als Heilmethode.[49] Es darf nicht abgestritten werden, dass es damit nicht genau die Gefühle mancher Menschen wiedergibt, aber bei einem Großteil der Leser verlaufen Phasen der Traurigkeit oder Einsamkeit wohl nicht derart dramatisch, wodurch ihnen die eigene Situation – so zumindest nach Kästners Theorie – schon wesentlich erträglicher scheint.

Die seelische Verwendbarkeit steht bei dem Gedicht also eindeutig im Fokus. Trotzdem greift die Aussage Jurgensens, Kästners Lyrik ließe sich nicht sozialpolitisch, sondern „allenfalls in verinnerlichter Form seelisch“ verwenden[50], zu kurz. Erstens wird das Schreiben für den seelischen Gebrauch darin gering geschätzt, zweitens setzt sich Kästner in anderen Gedichten auch mit gesellschaftspolitischen Themen auseinander. Beispielsweise schrieb er mehrere Gedichte, in denen er den Ersten Weltkrieg scharf verurteilt (u.a. Stimmen aus dem Massengrab und Jahrgang 1899). Auch aktuelle soziale Missstände prangert er an, unter anderem in seinem Gedicht Weihnachtslied, chemisch gereinigt.

Als selbst ernannter Gebrauchslyriker stellt Kästner auch selbst Kriterien auf, über die ein Text seiner Meinung nach verfügen müsse, um einen Nutzwert zu haben.[51] Das Streben nach der Verwendbarkeit eines Textes setze zum einen Verständlichkeit voraus.[52] Kästner fordert daher für neusachliche Literatur die „Einfachheit in Wort und Satz“[53]. Seine Gebrauchslyrik deshalb als anspruchslos zu charakterisieren[54], wird seiner lyrischen Produktion jedoch nicht gerecht, denn Kästner formuliert in seinen Bemerkungen einen hohen Anspruch an seine Tätigkeit: Er möchte, dass seine Gedichte „inneren Anschluss“ finden.[55] Um diesen herzustellen, orientiert er sich am Alltags- und Gefühlsleben des gesellschaftlichen Kollektivs und nicht am „ästhetischen Feinsinn einer Elite“.[56] Kästner definiert seinen Leserkreis in Lärm im Spiegel selbst: „[Für] jeden, der mit der Gegenwart zu tun hat, sind sie [die Verse] bestimmt“[57]. Mit den Worten „Es ist keine Schande, Verse zu schreiben, die den Zeitgenossen begreiflich scheinen“[58] verteidigt er seine Entscheidung, zugunsten einer besseren Verständ-lichkeit weniger Aufmerksamkeit auf den künstlerischen Wert zu legen[59]. Der autonomen Kunstproduktion erteilt er eine klare Absage[60] und bezeichnet sie abwertend als „Reim-spielereien“[61] und Seiltanz mit der Sprache[62], die im gebildeten Leser ein „interesseloses Interesse“[63] hervorrufe.

Die Einfachheit in Wort und Satz zeigt sich zunächst im Vokabular, das der Alltagssprache entnommen ist[64]. Dies sieht man hier beispielsweise im umgangssprachlichen Ausdruck „besäuft“ oder in der Wendung „Vielleicht hat man sich das Gemüt verrenkt“. Auf allegorische Metaphorik wie in der Romantik oder im Expressionismus[65] wird verzichtet, aber dennoch wird das Gesagte für den Leser anschaulich gemacht[66], wie im Vers „Die Sterne ähneln plötzlich Sommersprossen“ (V. 15). Typisch ist auch der Rückgriff auf traditionelle Baumformen: Hierzu zählen gleich lange Strophen, traditionelle Reimschemata (hier der Kreuzreim) und eine alternierende Metrik (hier ein fünfhebiger Jambus).[67] Typisch für Kästners Gedichte ist außerdem der parataktische Verbalstil, bei dem eine Zeile meist einer neuen Aussage entspricht.[68] Dies ist in diesem Gedicht ebenfalls der Fall, da es keine Enjambements beinhaltet und die Zeilen oft einen neuen Aspekt der Traurigkeit aufführen. So spricht das lyrische Ich im Vers „Man will allein sein. Und auch wieder nicht“ (V. 9) beispielsweise den sozialen Rückzug an, während die darauffolgende Zeile „Man hebt die Hand und möchte sich verprügeln“ (V. 10) das geringe Selbstwertgefühl des lyrischen Ichs offenbart. Als Fazit kann man also feststellen, dass Kästners Gedichte zumeist aus einfachen Liedstrophen aufgebaut sind[69], was auch für dieses Gedicht zutrifft. Becker weist jedoch Vorwürfe einer anspruchslosen Lyrik zurück, indem sie das Spannungsfeld aufzeigt, in dem Kästner sich bewegt: einfach und anschaulich zu schreiben, ohne dabei das behandelte Thema zu stark zu vereinfachen.[70] Dies ist Kästner in diesem Gedicht gut gelungen, da die Sprache syntaktisch einfach und in Bezug auf das Vokabular gut verständlich ist, aber der emotionale Zustand dennoch sehr treffend beschrieben und facettenreich herausgearbeitet wird.

Literatur kann zudem nur praktisch anwendbar sein, wenn sie nah an der Realität ist.[71] Daher nennt Kästner den Aktualitätsbezug als zweites Kriterium von Literatur mit Gebrauchswert.[72] So schreibt er in seinem Essay „Ringelnatz und Gedichte überhaupt, Gebrauchslyriker schreiben „für heute, zum Sofortessen“[73]. In der Prosaischen Zwischenbemerkung seines Gedichtbandes Lärm im Spiegel betont Kästner dezidiert, die Gedichte seien „im Umgang mit den Freuden und Schmerzen der Gegenwart“[74] entstanden. Kesten betitelt Kästner daher als „lyrischer Reporter seines Zeitalters“[75] und seine Gedichte als „lyrische Reportagen“[76]. Es gelingt ihm, eine Korrespondenz zwischen Lyrik und Lebenswelt herzustellen, die fruchtbar für die Lebenspraxis sein soll.[77] Hinter diesem Vorgehen steckt die vorherrschende Annahme in der Neuen Sachlichkeit, dass Kunst nur in der Wirklichkeit ihre Wirkung entfalte.[78] Beim Thema des Gedichts Traurigkeit, die jeder kennt trifft die aktuelle Relevanz nicht nur auf die damalige Entstehungszeit zu, sondern lässt sich auch heute noch bestätigen. Katzschmann betont daher in einer Buchempfehlung aus dem Jahr 2002 die Zeitlosigkeit der Lyrik Kästners.[79]

Neuhaus fügt zu diesen Kriterien noch den didaktischen Anspruch als ein Wesensmerkmal der Gebrauchslyrik hinzu: Der Autor intendiere beim Leser eine Wirkung und wolle einen Lernprozess auslösen.[80] Aus diesem Grund enthalten viele Gebrauchstexte implizite oder explizite Appelle zur Veränderung.[81] Auch das Gedicht Traurigkeit, die jeder kennt richtet in seiner ursprünglichen Fassung im Gedichtband Gesang zwischen den Stühlen einen Appell an den Leser: „Wer traurig ist, sei’s ohne Widerstreben!“ (V. 27)[82]. Warum Kästner diesen durchaus hilfreichen Ratschlag, die eigene Traurigkeit zuzulassen und ihr Raum zu geben,[83] strich und in der Lyrischen Hausapotheke durch die eher flapsige Bemerkung „Die Welt ist rund, und wir sind schlank daneben“ (V. 27) ersetzte, konnte im Rahmen dieser Arbeit nicht herausgefunden werden.

Im Zuge der Funktionalisierung mussten die Texte laut Becker entromantisiert werden, was sowohl eine Entsentimentalisierung als auch eine Entindividualisierung bedeutet[84].

2.2. Entsentimentalisierung

Unter Entsentimentalisierung versteht Becker, dass der neuromantischen Gefühlskultur eine sachlich-rationale Verstandeskultur entgegengesetzt wurde.[85] Dies bedeutet, dass nicht mehr die Seele, sondern der Geist und Verstand sowohl zum produktions- als auch zum rezeptionsästhetischen Maßstab erhoben wurde.[86] Auf den ersten Blick müsste man dieser These widersprechen, denn zum einen schreibt Kästner über Emotionen und zum anderen sagt er selbst über seine Gedichte, diese sollten „seelisch verwendbar“ sein[87]. Die These meint aber nicht, dass Gefühle in der Literatur nicht mehr angesprochen werden dürfen. Gefühle sollten aber objektiviert und rational betrachtet werden[88]. Beides setzt Kästner in Traurigkeit, die jeder kennt um. Durch die Verwendung des Indefinitpronomens „man“ werden die dargestellten Gefühle entkoppelt vom lyrischen Ich und somit wird verdeutlicht, dass der beschriebene Zustand jeden betreffen könnte. Außerdem betrachtet und kommentiert das lyrische Ich seine Gefühle im Gedicht rational, als würde es von außen in das eigene Innere blicken. Dies kommt in den Versen „Man weiß von vornherein, wie es verläuft“ (V. 1) und „Man weiß, die Trauer ist sehr bald behoben“ (V. 21) oder in der an sich selbst gestellten Frage „Vielleicht hat man sich das Gemüt verrenkt?“ (V. 13) zum Ausdruck. Anders als in romantischen oder expressionistischen Gedichten gibt sich das lyrische Ich also nicht seinen Gefühlen hin, sondern es kann auf einer Metaebene darüber reflektieren. Becker drückt es so aus, dass „lyrische Gefühlsausbrüche“ der „Kontrollstation des Geistes“ unterworfen werden müssten.[89] Gleichwohl appelliert Kästner aber wie gesagt auch an den Leser, die eigenen Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern zuzulassen: „Wer traurig ist, sei’s ohne Wider-streben“[90].

[...]


[1] Vgl. Hug 2006, S. 45.

[2] Vgl. ebd., S. 50-56.

[3] Vgl. ebd., S. 55f.

[4] Vgl. Gebrauchsanweisung der Lyrischen Hausapotheke in Kästner 1977, S. 9-11.

[5] Vgl. Kästner 1973, Gesang zwischen den Stühlen, S. 64f. & Kästner 1977, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, S. 66f.. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird das Gedicht nur dann mit einer Literaturangabe belegt, wenn sich der Text konkret auf eine der beiden Fassungen bezieht.

[6] Vgl. Winkelman, zit. nach Hug 2006, S. 80.

[7] Vgl. Hug 2006, S. 40.

[8] Becker 2000, S. 99.

[9] Vgl. Weber, zit. nach Becker 2000, S. 97.

[10] Ebd.

[11] Becker 2000, S. 105.

[12] Vgl. ebd., S.104.

[13] Vgl. ebd., S. 139.

[14] Vgl. ebd., S. 98.

[15] Vgl. ebd., S. 48.

[16] Vgl. ebd., S. 47.

[17] Becker 1998, S. 207.

[18] Vgl. Hug 2006, S. 41.

[19] Vgl. Becker 2000, S. 230.

[20] Vgl. Hug 2006, S. 37.

[21] Vgl. Becker 2000, S. 230.

[22] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 50.

[23] Vgl. Becker 1998, S. 212.

[24] Vgl. Becker 2000, S. 246.

[25] Vgl. Becker 1998, S. 206.

[26] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 50.

[27] Vgl. Müller 2008, S. 135.

[28] Vgl. Brendel 1976, S. 121.

[29] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51.

[30] Vgl. Becker 1998, S. 212.

[31] Vgl. ebd.

[32] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 50.

[33] Vgl. Hug 2006, S. 55.

[34] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51.

[35] Hartung 2007, S. 62.

[36] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51

[37] Kästner 1977, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, S. 8.

[38] Vgl. Martin 2000, S. 108.

[39] Vgl. ebd., S. 95.

[40] Vgl. Becker 2000, S. 232.

[41] Vgl. Neuhaus 2001, S. & Kästner 1977, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, S. 7.

[42] Vgl. Martin 2000, S. 96f.

[43] Vgl. ebd., S. 102.

[44] Vgl. Kästner 1977, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, S. 6.

[45] Vgl. Martin 2000, S. 93.

[46] Kästner 1977, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, S. 3.

[47] Vgl. ebd., S. 6.

[48] Kästner 1977, Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, S. 7.; vgl. auch Martin 2000, S. 100.

[49] Vgl. ebd., S. 8.

[50] Vgl. Jurgensen 2004, S. 106.

[51] Vgl. Becker 1998, S. 208.

[52] Vgl. ebd.

[53] Kästner, zit, nach Meier 2008, S. 18.

[54] Vgl. Burdorf 2015, S. 108.

[55] Vgl. Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51.

[56] Vgl. Brendel 1976, S. 121.

[57] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51.

[58] Kästner, zit. nach Korte 2000, S. 108.

[59] Vgl. Becker 1998, S. 209.

[60] Vgl. Becker 2000, S. 230.

[61] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51.

[62] Vgl. ebd.

[63] Brendel 1976, S. 121.

[64] Vgl. Becker 1998, S. 217.

[65] Ein Beispiel für eine Metapher zur Traurigkeit ist beispielsweise „Das Nest meiner Träume ist leer./ Mit furchtbarer Kraft hebt die Ohnmacht,/ Der monotone Koloss, das elastische Haupt/ Und neigt es schwer gegen meine knisternde Stirn“ im Gedicht Melancholie des Expressionisten Klemm (vgl. Völker 1983, S. 207).

[66] Vgl. Becker 1998, S. 217.

[67] Vgl. Neuhaus 2001, S. 107.

[68] Vgl. Becker 1998, S. 217.

[69] Vgl. Burdorf 2015, S. 108.

[70] Vgl. Becker 1998, S. 211.

[71] Vgl. „Realitätsbezug“ als eine Dimension neusachlicher Ästhetik bei Becker 2000

[72] Vgl. Becker 1998, S. 209.

[73] Kästner, zit. nach Hug 2006, S. 31.

[74] Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51.

[75] Kesten, zit. nach Becker 1998, S. 210.

[76] Ebd.

[77] Vgl. Korte 2000, S. 96.

[78] Müller 2008, S. 149.

[79] Katzschmann 2002, S. 655.

[80] Vgl. Neuhaus 2001, S. 101.

[81] Vgl. ebd.

[82] Kästner 1973, Gesang zwischen den Stühlen, S. 64.

[83] Diesen Rat gibt Kästner auch in seinem Epigramm Mut zur Trauer: „Sei traurig, wenn du traurig bist,/ und steh nicht stets vor deiner Seele Posten! Den Kopf, der dir ans Herz gewachsen ist,/ wird’s schon nicht kosten“ (vgl. Kästner 1977, S. 16).

[84] Vgl. Becker 2000, S. 242.

[85] Vgl. ebd., S. 243.

[86] Vgl. ebd,, S. 181 & S. 243.

[87] Vgl. Kästner 1971, Lärm im Spiegel, S. 51.

[88] Vgl. Becker 2000, S. 243.

[89] Vgl. Becker 2000, S. 244f.

[90] An der Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass dieser Appell nur in der ersten Fassung des Gedichts im Band Gesang zwischen den Stühlen enthalten ist.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Zu Erich Kästners "Traurigkeit, die jeder kennt". Ein Kästner-Gedicht der Neuen Sachlichkeit?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
29
Katalognummer
V366831
ISBN (eBook)
9783668454880
ISBN (Buch)
9783668454897
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erich Kästner, Neue Sachlichkeit
Arbeit zitieren
Sophia Wicht (Autor:in), 2017, Zu Erich Kästners "Traurigkeit, die jeder kennt". Ein Kästner-Gedicht der Neuen Sachlichkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366831

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