Theatralität und Inszenierung in der politischen Kommunikation


Hausarbeit, 2014
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2 Die Selbstdarstellung im Alltag bei Goffman

3 Theatralität in der politischen Kommunikation
3.1 Die negative Konnotation und der Inszenierungsbegriff in der politischen Kommunikation
3.1.1 Vorderbühne - Hinterbühne
3.1.2 (Sich)-In-Szene-Setzen

4 Form und Mittel der Inszenierung bei Peer Steinbrück während des „Klartext-Open-Airs“

5 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis und Quellenangabe

1. Einleitung

„Politik muss so gestaltet werden, dass sie nicht Eitelkeiten bedient, nicht auf Wirkung in der Öffentlichkeit bedacht ist, sondern dass sie Ergebnisse erzielt.” So der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg 2010 einem Bericht des Weser Kuriers zufolge. Unabhängig von der Glaubwürdigkeit dieser Aussage, die sich in Anbetracht des weiteren Verlaufs der politischen Karriere des Amtsinhabers in Frage stellen ließe, und unabhängig von dem Kontext, in dem damals die Aussage gemacht wurde, erscheinen darin enthaltene Bestrebungen zunächst einleuchtend und sinnvoll. Die öffentliche Meinung hierzulande scheint sich seit langem einig zu sein, dass es in der Politik zu viel um die Selbstdarstellung und Wirkung in der Öffentlichkeit geht und würde gewiss einen Wandel hin zu ergebnisorientierterer Politik begrüßen, bei der weniger Wert auf die Wirkung und mehr auf zielgerichtetes Handeln gelegt würde (vgl. Meyer/Ontrup/Schicha 2000:50). Die Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen wirft in ihrer Diskussionssendung besorgt die Frage auf, ob Politik zum Schowbusiness verkomme und ob es denn nur noch um die Wirkung der Politik im Fernsehen gehe (ebd.: 51).

Derlei Fragen führen zu dem in diesem Zusammenhang häufig verwendeten Inszenierungsbegriff, welcher wiederum unmittelbar mit dem immer wieder angestellten Vergleich zwischen Theater und Politik zusammenhängt. Leidenschaftlich gerne bedienen sich Journalisten der Metapher. Es ist dann von Marionetten zu lesen, von Kasperletheater, der politischen Bühne, von Laientruppen und Szenen. Meist geht mit solch einem Vergleich eine negative Konnotation einher. Es wird dem Gefühl Ausdruck verliehen getäuscht zu werden, lediglich Zeuge einer Inszenierung statt „echter” Politik zu sein. Von Maske, Fassade, Inszenierung und mangelnder Authentizität ist in diesem Zusammenhang ebenfalls häufig die Rede. Was aber bedeutet Inszenierung im ursprünglichen Sinne der Theaterwissenschaft und was in der Politik? Welcher Inszenierungspraktiken wird sich bedient und wann sind diese nicht zu verurteilen, sondern möglicherweise eine Notwendigkeit?

Das Spannungsfeld zwischen Theatralität, Inszenierung und politischer Kommunikation soll im Folgenden näher betrachtet und anhand von Beispielen untersucht werden. Um dem Forschungsgegenstand gerecht zu werden ist ein interdisziplinärer Zugang notwendig, in der der Theaterwissenschaft und der Soziologie eine ebenso wichtige Rolle zuteil wird wie der Kommunikationswisseschaft.

2 Die Selbstdarstellung im Alltag bei Goffman

Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit sind Erving Goffmans Erkenntnisse in seiner Untersuchung „Wir alle spielen Theater”, in der anhand alltagstauglicher Beispiele ausführlich die Inszenierungspraktiken analysiert werden, derer sich jeder einzelne laut Goffmann tagtäglich bedient (vgl. Goffman 2003). Zwar ist die Originalausgabe mit dem Titel „The Presentaion of Self in Everyday Life” bereits im Jahr 1959 erschienen, hat in ihren Grundannahmen an Gültigkeit und Relevanz jedoch nichts eingebüßt und ist bis heute ein viel zitiertes und wichtiges Nachschlagewerk in der soziologischen Forschung zu Inszenierung und Selbstdarstellung.

Unter der Erkenntnisabsicht, dass alles gesellschaftliche Handeln in ganz konkreten sozialen Rollen erfolgt, kleidet Goffman seine gesamte Studie in Theatermetaphern (vgl. Goffman 2003:VII). So wird beispielsweise eine Gruppe aus Individuen zu einem Ensemble, in dem jeder eine zugewiesene oder selbstgewählte Rolle übernimmt. Desweiteren ist die Rede von Zuschauern, es wird unterschieden zwischen Vorder- und Hinterbühne, wobei auf letzterer Regieanweisungen und Inszenierungsgespräche stattfinden (vgl. Goffman 2003:74 und 160). Die Vergleiche erweisen sich als übertragbar auf etliche Situationen im Arbeitsleben, dem Privaten und selbstverständlich eignen sie sich auch besonders gut für die Machenschaften in der Politik. Meist geschieht dies im Kontext eines kritischen Beitrags, geht mit dem Vergleich zwischen Politik und Theater wie bereits erwähnt eine negative Bewertung einher. Goffmans Untersuchung legt hingegen nahe, dass „die Selbstdarstellung des einzelnen nach vorgegebenen Regeln und unter vorgegebenen Kontrollen ein notwendiges Element des menschlichen Lebens ist” (Goffman:VIII). Ohne auf den Begriff der Authentizität einzugehen regt Goffman mit seinen Überlegungen, Beobachtungen und Erkenntnissen dazu an den alltagssprachlich häufig als Antonym zu Inszenierung verwendeten Begriff zu hinterfragen, bleibt doch jede absichtsvolle Bestrebung authentisch und unmittelbar zu agieren schlussendlich dem Pardigma der Inszenierung verhaftet (vgl. Hoffjann 2012:139).

Goffman geht von Mitgliedern einer Organisation bzw. Repräsentanten dieser aus, weshalb die Untersuchung für die politische Kommunikation unmittelbar von Bedetung ist (vgl. Szyszka 2012:29). Ohne hier ausführlich auf Goffman eingehen zu können, werde ich im weiteren Verlauf auf seine Erkenntnnisse zur Selbstdarstellung im Alltag zurückkehren.

3 Theatralität in der politischen Kommunikation

Im Anschluss an den Sonderparteitag der SPD 1998, auf dem Gerhard Schröder zum Kanzlerkandidaten nominiert wird, stellt der damalige ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser zu Beginn seines Kommentars der heute-Sendung fest: „Die Aufführung ist zu Ende, und an dieser Stelle stünde jetzt besser ein Theaterkritiker als ein politischer Kommentator: So gewaltig war die Inszenierung, so ausgetüftelt die Regie, so pompös der musikalische Rahmen.” (Holtz-Bacha 1999:9). Theater und Politik stehen seit jeher in einem Verhältnis wechselseitiger Inspiration. So vergleicht bereits Platon in seiner „Politeia” das menschlieche Leben mit einem Puppenspiel, das zur Unterhaltung der Götter aufgeführt wird (vgl. Meyer/Ontrup/Schicha 2000:47). Auch die Tatsache, dass sich Politiker an der Unterhaltungskultur orientieren ist kein Phänomen der Gegenwart wie Haas (2005:7) am Beispiel des Hofes König Ludwigs XIV. deutlich macht, der sich der Künstlichkeit der Oper bedient, während beispielsweise Politiker der Weimarer Zeit das aus der Schauspielkunst stammende überdeutlich artikulierte „R” in ihren Gestus übernehmen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Um die Zusammenhänge zwischen Theater und Politik zu verstehen ist es zunächst sinnvoll den Begriff der Theatralität näher zu betrachten.

Fischer-Lichte (vgl. Willems/Jurga1998:86) definiert Theatralität als einen Komplex, der sich aus vier Aspekten zusammensetzt. Erstens dem Aspekt der Performance, die unter den „Vorgang einer Darstellung durch Körper und Stimme vor körperlich anwesenden Zuschauern gefaßt wird und das ambivalente Zusammenspiel aller beteiligten Faktoren beinhaltet” (ebd.). Zweitens nennt sie die Inszenierung, womit der Prozess der Produktion gemeint ist, an dessen Ende als Ergebnis die Performance steht. Unter den dritten Aspekt fasst sie die Korporalität, die „sich aus dem Faktor der Darstellung bzw. des Materials ergibt.” Und schließlich nennt sie den Aspekt der Wahrnehmung. Dieser bezieht sich auf Perspektive und Beobachterfunktion des Zuschauers. In unterschiedlich auftretender Konstellation setzt sich der Theatralitätsbegriff also aus diesen vier Aspekten zusammen und reicht so weit über das Theater hinaus (vgl ebd.). Vor dem Hintergrund dieser Definition erscheint der häufige Gebrauch von Theatermetaphern im Zusammenhang mit politischen Ereignissen allzu verständlich, ist doch jeder der genannten Theatralitätsaspekte in unterschiedlicher Gewichtung bei vielen öffentlichen politischen Ereignissen vertreten. Reist ehemaliger Kanzlerkandidat Peer Steinbrück beispielsweise die Tage vor der Bundestagswahl im Jahr 2013 durch die verschiedenen Bundesländer, um die Wähler mit seinem Auftritt beim sogenannten „Klartext Open Air” für sich zu gewinnen, so findet sich in diesem Ereignis jeder der genannten Theatralitätsaspekte wieder (vgl. Minkmar 2013:148). Es ist eine stimmliche und körperliche Darstellung Steinbrücks vor körperlich anwesendem Publikum gegeben, wodurch sich der Performance-Aspekt erfüllt. Dieser impliziert imgrunde stets den von Fischer-Lichte genannten zweiten Aspekt, denn eine Performance kann genau genommen nur stattfinden wenn ihr auch eine spezifische Vorbereitung, Produktion, sprich Inszenierung vorangegangen ist. Dritter Aspekt, die Korporalit, ist durch die Verkörperung und systematische Konzentration auf die Person Steinbrück ebenfalls gegeben (vgl. Schicha 2003:10) Und schließlich ergibt sich aus dem anwesenden Publikum, welches die Beobachterperspektive einnimmt, der vierte Aspekt: die Wahrnehmung.

Der im Zusammenhang mit politischer Kommunikation wohl am häufigsten auftretende Begriff des Theatralitätskomplexes ist die Inszenierung. Wie Fischer-Lichte (vgl. Willems et al. 1998:81) bereits Ende der 90er Jahre feststellt tritt dieser geradezu inflationär in deutschen Publikationen in den verschiedensten Disziplinen auf. Daran hat sich bis heute nichts geändert und auch in der Zeitung ist täglich von Inszenierungen die Rede, wie beispielsweise eine Überschrift von „Spiegel-Online” zeigt, deren Titel lautet: „Putin inszeniert Fragestunde mit Whistleblower”. „Die Welt” konstatiert: „ Merkel inszeniert sich als Anti-Drama-Queen” und so ließe sich die Liste lange fortführen. In welcher Beziehung der Inszenierungbegriff und die Politik zueinander stehen soll aufgrund der offensichtlichen Relevanz und anscheinend bestehenden engen Verbindung nun näher betrachtet werden. Ich werde mich dabei auf die inszenierte Politik von Seiten des politischen Systems beschränken, ohne an dieser Stelle näher auf die Politikinszenierung von Seiten der Medien einzugehen (vgl.Thiel 2011:28f).

3.1 Die negative Konnotation und der Inszenierungsbegriff in der politischen Kommunikation

Wie bereits erwähnt ist im Zusammenhang mit politischer Kommunikation fast täglich von „Inszenierung” die Rede. In populärwissenschaftlichen Debatten und journalistischen Texten geht damit meist eine ausgesprochen negative Konnotation einher (vgl. Meyer/Ontrup/Schicha 2000:55). Die Abwertung ist vermutlich teilweise mit dem Nationalsozialismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Propaganda als ausgeprägtester Form der Inszenierung zu erklären und in Deutschland daher besonders ausgeprägt der Fall (vgl. ebd.). Bei einer differenzierteren Betrachtung erscheint das meist negative Urteil jedoch undifferenziert und voreilig.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Theatralität und Inszenierung in der politischen Kommunikation
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V366902
ISBN (eBook)
9783668455948
ISBN (Buch)
9783668455955
Dateigröße
779 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theatralität, inszenierung, kommunikation
Arbeit zitieren
Ariadne Stickel (Autor), 2014, Theatralität und Inszenierung in der politischen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366902

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