Der Weihnachtsfrieden 1914 an der Westfront des Ersten Weltkrieges

"Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin"


Facharbeit (Schule), 2016
21 Seiten, Note: 14 Notenpunkte (entspricht 1,0)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

2. Der Weihnachtsfrieden 1914 an der Westfront des ersten Weltkriegs
2.1. Hintergrundinformationen
2.1.1. Der Verlauf des ersten Weltkriegs
2.1.2. Geographischer Verlauf der Westfront
2.2. Deutschlands schlechter Ruf in der Welt
2.3. Gründe für den inoffiziellen Friedensschluss
2.3.1. Prekäre humanitäre Situation der Soldaten in den Schützengräben
2.3.2. Bestattung von Gefallenen im Niemandsland
2.3.3. Enttäuschung über das nicht eingetretene frühe Ende des Krieges
2.4. Verlauf des Weihnachtsfriedens
2.4.1. Weihnachtsnacht
2.4.2. „Friedensverhandlungen“ und der Beginn des Weihnachtsfriedens
2.4.3. Gemeinsamer Zeitvertreib im Niemandsland
2.4.4. Ende des Weihnachtsfriedens und die Fortsetzung des Krieges
2.5. Folgen und Maßnahmen gegen eine erneute nicht autorisierte Waffenruhe
2.5.1. Zensur
2.5.2. Erteilung von Schweigebefehlen und Kleinreden der Ereignisse
2.5.3. Verschärfung des Verbotes der Fraternisierung und Befehle zur Verhinderung weitere inoffizieller Waffenruhen

3. Schlussgedanken

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

Ein geselliges Weihnachtsfest mit einem geschmückten Weihnachtsbaum und dem obligatorischen „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ist für die meisten in unserer christlich geprägten Gesellschaft ein jährliches Ritual, welches mit der Familie oder Freunden im festlichen Rahmen gefeiert wird.

Was ist aber, wenn man sich gerade an Weihnachten in einem Krieg befindet und in eisiger Kälte in einem schmutzigen, von Ratten geplagten Schützengraben sitzt und seinen Gegner im circa 50 Meter entfernten Graben beschießen soll?

Klingt nach einem Widerspruch – ist doch gerade das Weihnachtsfest das Fest der Liebe und des FRIEDENS. Doch paradoxerweise ist die eben geschilderte Situation leider kein Widerspruch.

Viele Soldaten befanden sich gerade im ersten Kriegsjahr des ersten Weltkrieges an der Westfront in genau dieser Lage.

Trotzdem siegte die Menschlichkeit für kurze Zeit mitten im Krieg und deutsche wie englische Soldaten schlossen, trotz des ausdrücklichen Verbots einer Verbrüderung, an vielen Fronten während der Weihnachtstage 1914 Frieden und verbrachten das Fest der Liebe gemeinsam im Niemandsland.

Die Dauer des Weihnachtsfriedens ist sehr schwer abzuschätzen. Allgemein ist der Weihnachtsfrieden die falsche Bezeichnung, eher müsste es die Weihnachtsfrieden heißen, da die Westfront ein sehr weites Gebiet umfasst hat und somit jeder Frontabschnitt de facto einen eigenen Friedensschluss „besitzt“.

Abgesehen davon, dass das Morden einfach eine Pause hatte, stand auch der Sport im Fokus, sodass mitten im Niemandsland Boxkämpfe und vielerorts auch Fußballspiele auf improvisierten Spielfeldern stattfanden.

Diese Seminararbeit soll den Weihnachtsfrieden 1914 näher behandeln. Hierbei möchte ich einerseits den Frieden als solches aber auch die Hintergründe und Reaktionen auf diesen erläutern.

2. Der Weihnachtsfrieden 1914 an der Westfront des ersten Weltkriegs

2.1. Hintergrundinformationen

2.1.1. Der Verlauf des ersten Weltkriegs

Sonntag, der 28.06.1914. Das österreichische Thronfolgerpaar Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Herzogin Sophie von Hohenberg besuchen die bosnische Hauptstadt Sarajewo. Bereits bei der Anfahrt auf das Rathaus scheitert ein erster Anschlagsversuch, als ein 19-jähriger Bosnier eine Handgranate auf den Wagen der Thronfolger wirft. Trotz einiger Verletzter wird der Besuch des Rathauses fortgesetzt und macht den zweiten und letztlich erfolgreichen Anschlagsversuch möglich. Etwa fünf Minuten nachdem Franz Ferdinand und Sophie von Hohenberg das Amtshaus verlassen haben und ins Auto gestiegen sind, feuert der serbische Bosnier Gavrilo Princip aus der Menge und trifft das Paar tödlich.

Noch am selben Tag kam es aufgrund des Doppelmordes an den beiden Österreichern zu Unruhen und Übergriffen an Serben, sodass die Verantwortlichen in Sarajewo letztendlich den Ausnahmezustand ausrufen mussten.

Warum dieser Juni-Sonntag den ersten Weltkrieg eingeläutet haben soll, zeigen spätere polizeiliche Ermittlungen, die ergaben, dass die Verschwörer Unterstützung durch den serbischen Geheimdienst erhalten hatten[1].

Aufgrund dieser Unterstützung, wurden Stimmen nach einem Militärschlag gegen die Serben seitens der österreichischen Politik und des Militärs laut. Um Österreich „als letzten Verbündeten nicht [zu] verlieren“[2] sicherte das Deutsche Reich seine Unterstützung in einem Krieg gegen Serbien zu.

Da eine Rechtfertigungsgrundlage für den bevorstehenden Krieg benötigt wurde, stellte Österreich Serbien ein unannehmbares Ultimatum, welches freie Ermittlungen und die Auslieferungen aller am Attentat beteiligten Personen verlangte. + Und so kam es am 28. Juli 1914 zur Kriegserklärung Österreichs an Serbien. Verbunden damit war aber auch die Mobilmachung Russlands, welches ihren Verbündeten Serbien schützen musste.

Alles in allem weitete sich der Konflikt zwischen Österreich und Serbien innerhalb weniger Tage zu einem gesamteuropäischen Konflikt aus[3], sodass letztendlich 32 Staaten am ersten Weltkrieg beteiligt waren.

Besonders die Deutschen gingen mit einem hohen Grad an Euphorie in den Krieg. Nicht zuletzt die Siegessicherheit und die Erwartung, dass der Krieg bereits zum Weihnachtsfest 1914 gewonnen sei, steigerte die Anzahl an Kriegsfreiwilligen, die der obersten Heeresleitung zur Verfügung standen, erheblich.

Trotz einiger Erfolge der deutschen Truppen, wie der Schlacht von Tannenberg, bei der 90 000 russische Soldaten gefangen genommen wurden, war der Krieg zum Jahresende 1914 noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil nahm der Krieg zu diesem Zeitpunkt erst richtig Fahrt auf. Besonders die Deutschen steigerten die Grausamkeit des Krieges im April 1915 durch den Einsatz von Giftgas deutlich. Auch die intensiven U-Boot Einsätze kennzeichneten den Beginn einer neuen Kriegsära.

Letztendlich setzte der Friedensprozess erst Ende 1917 mit den Verhandlungen von Brest-Litowsk ein, nachdem ein Friedensangebot der Mittelmächte an die Alliierten im Dezember 1916 abgelehnt wurde. So wurde am 03. März 1918 der Frieden zwischen den Mittelmächten und Russland besiegelt.

Das endgültige Ende des Krieges wurde allerdings erst mit dem Versailler-Vertrag vom 28.06.1914 eingeläutet. Besonders schmerzhaft war der Friedenschluss für Deutschen, weshalb dieser häufig, nicht zuletzt aufgrund der hohen Reparationszahlungen als „Diktatfrieden“ tituliert wurde.

Alles in allem dauerte der Krieg also über vier Jahre und forderte insgesamt 15 Millionen Menschenleben.

2.1.2. Geographischer Verlauf der Westfront

Die Westfront erstreckte sich über einen etwa 750 Kilometer langen Abschnitt, zwischen Nieuwpoort (Abb.1 blauer Punkt) an der Nordseeküste Belgiens und der Schweizer Grenze.[4]

Zwar trat das Phänomen des Weihnachtsfriedens über die ganze Westfront verteilt auf, allerdings stammen die meisten Berichte aus einem „50-Kilometer-Abschnitt“[5] rund um Ypern (Abb.1 roter Punkt).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die "Weihnachtsfront 1914" Quelle: Jürgs, Michael; Der kleine Frieden im Großen Krieg, S.9

2.2. Deutschlands schlechter Ruf in der Welt

Während des ersten Weltkriegs werden die Deutschen häufig als „Hunnen“ bezeichnet bzw. beschimpft. Doch warum werden die Deutschen mit einem „unheimlich aggressiv[en]“[6] Volk aus dem vierten Jahrhundert, dass aus Ostasien nach Europa vordrang[7] und durch seine „tollkühne[n] Kampftechniken“[8] bekannt wurde, in Verbindung gebracht? Das Schimpfwort entstand im Zuge des in China um 1900 auftretenden Boxeraufstands. Die sogenannten „Boxer“ waren eine Gruppierung, die gegen „die Fremdherrschaft“[9] in China war und somit die Kolonialherren aus dem Land treiben wollte. Infolgedessen wurde eine internationale Koalition unter der Führung des deutschen Generalfeldmarschalls Alfred Graf von Waldersee gebildet, die den Boxeraufstand niederschlagen sollte. Bei der Verabschiedung der Truppen nach China (Abb. 2) hielt Kaiser Wilhelm II. seine berühmte „Hunnenrede“, die den Deutschen Soldaten gleichzeitig das Schimpfwort einbrachte:

„Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!“[10]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kaiser Wilhelm II. bei seiner „Hunnenrede“, während der Verabschiedung der Truppen nach China am 27. Juni 1900 Quelle: https://www.welt.de/kultur/history/gallery13724425/Wilhelm-II-seine-Hunnenrede-und-The-Huns.html

Obwohl die „Boxer“ nicht nur von den Deutschen äußerst brutal niedergeschlagen wurden[11], sorgte der Vergleich des Kaisers mit den Hunnen für internationales Aufsehen[12] und blieb so an den Deutschen haften. Ihrem neuen Ruf aller Ehre machten die Deutschen im ersten Weltkrieg. So gibt es Berichte über hinterhältige Kriegslisten, wie jene, die einige Wochen vor Weihnachten durchgeführt wurde. Bei dieser warf sich ein deutscher Trupp mit fortgestreckten Waffen vor den Briten nieder. Als die Briten keine Kampfansicht erkennen konnten, senkten diese ebenfalls ihre Waffen nieder[13]. Daraufhin tauchten genau in diesem Moment aus dem Unterstand weitere Soldaten mit angelegten Gewehren auf und kurz darauf lagen dutzende Engländer „innerhalb weniger Augenblicke tot vor den Stacheldrahtverhauen“[14]. Wenig verwunderlich also, dass die Briten bei Annäherungsversuchen der Deutschen häufig zunächst von einer Kriegslist ausgehen.

2.3. Gründe für den inoffiziellen Friedensschluss

2.3.1. Prekäre humanitäre Situation der Soldaten in den Schützengräben

Während des ersten Weltkrieges gab es wahrlich angenehmere Orte als die Schützengräben direkt an der Front. Insbesondere im Dezember 1914 – mitten im Winter - waren die Soldaten der Kälte und den winterlichen Bedingungen schutzlos ausgeliefert. Doch auch sonst waren die humanitären Bedingungen miserabel. So berichtet der britische Veteran Reginald Thomas, wie alle gleichermaßen von Läusen, Schlamm, Kälte und Ratten geplagt waren[15]. Insbesondere der Schlamm bereitete in den Unterständen große Probleme. Demzufolge mussten die Soldaten teilweise „[t]agelang ohne Pause im Schlamm der Schützengräben“[16] verharren.

Auch Erzählungen, wie der Schlamm durch Kälteeinfluss „Hosen steif gemacht“ und sich an „Stiefeln festgesetzt“[17] hat, zeugen abseits der mangelnden Hygiene von den katastrophalen Zuständen in den Schützengräben.

Durch stehendes Wasser (siehe Abb.3), welches durch zu schwache Pumpen nicht abtransportiert werden konnte[18], wurden die Gräben teilweise so stark beschädigt, dass Stabilisierungsmaßnahmen und zum Teil auch das Neugraben der Schützengräben notwendig wurden[19]. Diese Maßnahmen stellen dabei den ersten wohlgemerkt sehr pragmatischen Grund für eine Waffenruhe dar. Denn ohne solcher Feuerpausen, wäre die Funktionsweise der Gräben nicht mehr gewährleistet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wassergefüllter Graben bei Ypern 1917 Quelle:http://www.wikiwand.com/de/Grabenkrieg_im_Ersten_Weltkrieg

2.3.2. Bestattung von Gefallenen im Niemandsland

Ein weiteres sehr pragmatisches, aber für die Soldaten dennoch wichtiges Motiv, ist die Beerdigung der sich im Niemandsland befindenden Gefallenen. Da es einem Selbstmord glich, während eines Gefechts Verletzte oder Gefallene aus dem Niemandsland zu retten bzw. bergen, sammelten sich die Leichen, wie in Abbildung 4 zu sehen ist, teilweise über mehrere Wochen hinweg an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Gefallene im Niemandsland Quelle: Jürgs, Michael; Der kleine Frieden im Großen Krieg, S.69

Daraus folgernd ist es nur schwer vorstellbar, wie belastend es gewesen sein muss, „die vermodernden Leichen der Kameraden [auf verwüstetem Gelände]“[20] über mehrere Tage oder Wochen hinweg mitanzusehen. Umso verständlicher ist der aufkommende „[u]nwiderstehlich[e] Brechreiz“[21] bei den Soldaten. Da die beschriebene Situation für alle Seiten unerträglich war, war es besonders während der ersten Kriegsmonate üblich, den Krieg kurzzeitig einzustellen, um gefallene Kameraden zu bestatten und Verwundete zu pflegen. Dass diese kurzzeitige (inoffizielle) Waffenruhe völlig unkompliziert ablief, zeigt eine Schilderung des Leutnants der Reserve Meini>

[...]


[1] vgl. Mix, Andreas 2014,“Das Attentat von Sarajewo“, Z.36f.

[2] Mix, Andreas 2014, „Die Juli-Krise 1914“, Z.18

[3] vgl. Mix, Andreas 2014, „Die Juli-Krise 1914“, Z. 50f.

[4] vgl. Lengemann, Martin U.K. 2014, Z.1f.

[5] von Busse, Mark-Christian 2014, Z.12

[6] WAS IST WAS 2012, Z.18f.

[7] vgl. WAS IST WAS, Z.2f.

[8] WAS IST WAS 2012, Z.24

[9] Zeitklicks, Z.7

[10] Zeitklicks, Z.13ff.

[11] vgl. Zeitklicks, Z.30f.

[12] vgl. Zeitklicks, Z.27f.

[13] vgl. Jürgs, Michael 2003, S.8 Z.28ff.

[14] Jürgs, Michael 2003, S.10 Z.1f.

[15] vgl. Jürgs, Michael 2003, S.41 Z.7ff.

[16] Arnold, Martin 2014, Z.4f.

[17] Jürgs, Michael 2003, S.48 Z. 14f.

[18] Jürgs, Michael 2003, S.48, Z.12f.

[19]

[20] Arnold, Martin 2014, Z.8

[21] Arnold, Martin 2014, Z.7

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Weihnachtsfrieden 1914 an der Westfront des Ersten Weltkrieges
Untertitel
"Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin"
Note
14 Notenpunkte (entspricht 1,0)
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V367136
ISBN (eBook)
9783668459755
ISBN (Buch)
9783668459762
Dateigröße
1359 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
1.Weltkrieg, Weihnachtsfrieden, 1914, Fraternisierung, Westfront
Arbeit zitieren
Lukas Makiola (Autor), 2016, Der Weihnachtsfrieden 1914 an der Westfront des Ersten Weltkrieges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367136

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