Gemeinwesenarbeit und Migration. Wie kann das Zusammenleben in zunehmend divergenten Gemeinschaften langfristig gestaltet werden?


Seminararbeit, 2017

22 Seiten, Note: 2,9

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlegendes zur Gemeinwesenarbeit

3 Gemeinwesenarbeit als Handlungsfeld
3.1 Merkmale
3.2 Arbeitsweisen

4 Menschen in ihrem sozialen Umfeld
4.1 Der soziale Raum
4.2 Orte der Zusammenführung

5 Barrieren und Wege um Angebote anzunehmen

6 Schlussbemerkung

7 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das Jahr 2015 erinnert viele Menschen an das Thema Zuwanderung. Flüchtlinge migrieren allerdings schon seit längerem nach Deutschland und anderen europäischen Ländern.

In Deutschland trafen die Migranten im besagten Jahr auf viele freiwillige Helfer, welche den Zuwanderern ein Willkommensgefühl geben wollten.

Zahlreiche Menschen aktivierten ein Netzwerk der Hilfe vor Ort, in der eigenen Stadt entstanden Flüchtlingsunterkünfte, Menschen nahmen Zuwanderer in ihre Wohnung auf und immer häufiger begegnen sich die Menschen verschiedener Herkunft im Alltag.

Demnach ist die Bedeutung des Wohnortes für ein gelingendes Zusammenkommen zwischen Migranten und Einheimischen offenkundig. „Integration entscheidet sich vor Ort“, so ein Leitsatz des Nationalen Integrationsplanes (Vgl. Riede, 2016, S. 325).

Die vermehrte Bedeutung der Integration von Menschen mit oder ohne Migrations­hintergrund macht den Bedarf eines Integrationsverständnisses für die Menschen und für die Gesellschaft ersichtlich.

Integration ist ein langwieriger Prozess, welcher nach dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wie folgt beschrieben wird: „Ziel ist es, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzubeziehen. Zugewanderten soll eine umfassende und gleichberechtigte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglicht werden. Sie stehen dafür in der Pflicht, Deutsch zu lernen sowie die Verfassung und die Gesetze zu kennen, zu respektieren und zu befolgen“ (Vgl. Bundesamt für Migration, o.J.).

Dabei treffen die Neubürger jedoch nicht immer auf eine Willkommensstruktur, sondern ebenso auf Hass, Vorurteile, Bürokratie und anderen Barrieren. Denn das gemeinsame Leben aller Bürger und Neubürger findet in den Städten, in den Gemeinden, in Stadtvierteln und in der Nachbarschaft statt.

Bei dem Überwinden von Barrieren und dem Konstruieren neuer sozialer Verbindungen treffen die Menschen auf Konflikte und auf Widerstände, die es zu lösen gilt.

Hierfür ist ein aktives Gemeinwesen gefordert, welches die divergenten Gruppen in ein Setting des Dialoges bringt. Die Gemeinwesenarbeit (kurz GWA) bietet dafür bewährte Arbeitsweisen und Methoden, die zur Bewältigung der Problematiken beitragen und zum Brückenbau hinzu sozialer Vernetzung und gesellschaftlicher Teilhabe besonders geeignet ist.

Diese Seminararbeit bezieht sich auf die Betrachtung des Handlungsfeldes Gemeinwesen­arbeit und setzt dabei den Fokus auf das Thema Migration.

Die Arbeit stellt ein Versuch dar, sich diesem Thema anhand der Fragestellung: wie ein Zusammenleben in zunehmend divergenten Gemeinschaften langfristig gestaltet werden kann, zu nähern.

Hierfür wird zunächst allgemein die Gemeinwesenarbeit betrachtet. Ein kurzer geschicht­licher Abriss gibt einen Einblick über die Entstehung und Entwicklung der GWA.

Das darauffolgende Kapitel beschreibt das Handlungsfeld GWA, da das Konzept bemüht ist, alle Probleme und Schwerpunkte ganzheitlich im Stadtteil zu erfassen.

Auf Grundlage der Überlegung, dass sich Menschen vermehrt räumlich auf große Städte konzentrieren, schließt sich eine Betrachtung des sozialen Umfeldes der Menschen an.

Da das Leben durch den Wohnort geprägt wird und der Alltag dort mit vielen Konflikten und Herausforderung behaftet ist, sollte die GWA geeignete Angebote bereitstellen, um die facettenreichen Herausforderungen zu bewerkstelligen.

Projekte der GWA unterliegen trotz allem Barrieren, die die Menschen daran hindern Angebote anzunehmen. Das abschließende Kapitel schildert diese Hemmschwellen und erläutert mögliche Wege, um attraktive Projekte zu entwickeln.

Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Studienarbeit nur die männliche Form verwendet.

Die Begriffe Migranten, Ausländer, Zuwanderer und Neubürger werden synonym verwendet, da genaue Definitionen der Bezeichnungen den Rahmen dieser Arbeit übersteigen und auch immer nur ungenügend sein können.

2 Grundlegendes zur Gemeinwesenarbeit

Der Ursprung der Gemeinwesenarbeit geht auf das amerikanische Settlement zurück.

Die Settlements fanden ihren Ursprung in der Eröffnung der Toybeen Hall, im Jahr 1884 in London, durch Samuel August Barnett und seiner Ehefrau.

Die Toybeen Hall kann als Nachbarschafts- und Bildungszentrum verstanden werden und inspirierte zugleich Jane Addams zum Bau einer ähnlichen Einrichtung in Chicago.

Sie gründete, nach ihrem Besuch der Toybeen Hall, das Hull House im Jahr 1889.

Da die Bevölkerung Chicagos zu einem großen Teil aus Migranten bestand und die Bürger unter Korruption, der Mafia und Kartellbildungen litten, war es ihr Ziel das Zusammen­leben der Menschen in den Slums zu verbessern, „social work“ zu betreiben.

Das Hull House bot einen Treffpunkt für benachteiligte Menschen, indem die Helfer, den Menschen Literatur und Kunst näherbrachten.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Treffpunkt weiter, sodass Englisch – Unterricht für Einwanderer sowie Koch- und Nähkurse gegeben wurden oder die Einführung einer Müllabfuhr stattfand.

Die Weiterentwicklungen orientierten sich am Milieu und sollten die Bindungen unter den Einwohnern stärken, wobei das Gemeinwesen mitgestaltet wurde.

Aus den Settlements bildeten sich in den 20er Jahren die Community Organisations, welche in den amerikanischen Großstädten arbeiteten.

Ihr Vorhaben war es, in den neu entstandenen Stadtteilen oder bereits bestehenden Vierteln die Beziehungen der Bürger untereinander und die Beteiligung der Einwohner am Gemeinwesen zu fördern (Vgl. Noack, 1999, S.8).

In Deutschland wurden bereits Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Ansätze zur GWA entwickelt. Dabei beschäftigten sich bürgerliche Patrioten mit den lokalen und sozialen Zuständen.

In Zeiten der Aufklärung strebten die Bürger nach einer Erneuerung bestimmter Milieus, welche durch Arbeitslosigkeit, Armut und Elend gekennzeichnet waren.

Die Arbeit Johann Hinrich Wichern, in Hamburg, nahm eine bedeutende Rolle in der Ent­wicklung der Gemeinwesenarbeit hier zu Lande ein.

In Deutschland wuchs das Konzept der GWA aus dem Problem der Wirtschaftskrise. Die Gelder waren knapp und die sozialen Probleme verschärften sich.

Viele Bürger zogen an den Stadtrand, die Innenstädte verloren ihre traditionsreichen Immobilien nach Totalsanierungen. Es fehlte den Städten an Versorgungseinrichtungen und Infrastruktur.

Die Lebensbedingungen wurden schlechter, sodass in den 1960er/1970er Jahren viele Obdachlosengebiete entstanden. Solche Gebiete, wurden als Übergangslösung verstanden. Die dort lebenden Menschen hatten weder eine realistische Chance auf gesellschaftliche Inklusion, noch waren Mietwohnungen bezahlbar. Der Rückhalt innerhalb der Familie wurde gebrechlich, Familienstrukturen begannen sich aufzulösen, die Jugendkriminalität wuchs an.

Anlässlich dieser Probleme wurde die Gemeinwesenarbeit aktiv. Sie mobilisierte die Bewohner, ihre Interessen und Bedürfnisse in den Rubriken Wohnen, Infrastruktur und Freizeitgestaltung selbst zu benennen und umzusetzen (Vgl. Holubec, 2005,).

Gemeinwesenarbeit unterstützt Menschen, insbesondere benachteiligte Personen und rand­ständige Gruppen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern.

Dabei zielen die Unternehmungen, unter einer aktiven Anteilnahme der Menschen, auf Lösungen, Minderungen oder Verhütungen sozialer Probleme.

Hinzugezogen werden diesbezüglich Gruppen und Organisationen, um die Hilfesuchenden optimal zu einem Netzwerk hinzuführen und zu integrieren. Sozialarbeiter intervenieren u.a. in Form der Niederschwelligkeit im Knotenpunkt zwischen Individuum und Umwelt.

Grundgedanke der GWA ist die Ausrichtung hin zu menschlichen Bedarfen, demokrati­schen Werten, sozialer Gerechtigkeit und sozialer Integration.

Aktuell versteht man die Gemeinwesenarbeit als dritte Methode der sozialen Arbeit, neben der Einzellfallhilfe und der Gruppenarbeit. Sie findet sowohl als eigenes Handlungsfeld als auch im Rahmen jeglicher sozialen Arbeit statt (Vgl. Gesellschaft für Soziale Arbeit, Deutschland, Schweiz, Österreich, S.10f).

In jedem Sozialraum treffen materielle, ökonomische, politische, kulturelle und psycho­soziale Lebensumstände zusammen. Daher ist eine totale Abgrenzung der drei Methoden für eine positive Veränderung nicht günstig, vielmehr ist es sinnvoll, die Handlungsprinzipien miteinander zu verbinden.

Denn die soziale Arbeit erfordert eine Ganzheitlichkeit und muss sich der Herausforderung annehmen, die Lebenswelten gesamtheitlich zu betrachten. Einerseits gelingt es, Hilfen durch Beziehungsarbeit anzubieten, andererseits kann ebenso den Menschen durch Beziehungsarbeit geholfen werden.

Insofern gehört es zu der Kernaufgabe stets Überschneidungen zwischen den aufkommenden Problemen und den fallübergreifenden Möglichkeiten zur Bedürfniserfüllung im Sozialraum zu suchen und diese entsprechend zu nutzen (Vgl. Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel, 2007, S. 17 f).

Die Gemeinwesenarbeit entwickelte sich aus dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen stets weiter.

Die damals in der GWA ausgelösten Demonstrationen, Stadtteilfeste, die „skandalisierten unzumutbare[n] Wohnverhältnisse, infrastrukturelle Mängel, unsinnige Prestigeprojekte oder korrupte Funktionsträger […] sorgten auf vielfältige Weise dafür, dass [sich] unter­schiedlichste Bevölkerungsgruppen im Wohnquartier artikulieren, engagieren und organisieren“ (Vgl. Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel, 2007, S. 7).

Im Laufe der Zeit begann der Begriff GWA, durch unterschiedliche Ansätze und Projekte nicht mehr Greifbar zu werden und wurde von den Kommunen als nicht weiter beachtenswert deklariert. Die Gemeinwesenarbeit schien ein „Randgruppendasein“ zu durchleben (Vgl. Reutlinger, 2011).

Später, in den 90er Jahren, wurden, als Reaktion auf die heikle Lage der Wohnsituationen und der zunehmenden Armut, Programme auf Bundesebene genehmigt, welche zur Verbes­serung der Situation der Bewohner beitragen sollten. Im Jahr 2000 bspw. startete das Bund- Länder– Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die soziale Stadt“, in welchem 120 Städte speziell gefördert wurden.

Dieser Ansatz zeigt, dass die GWA heutzutage wieder häufiger, als ein zentraler Gesichtspunkt in unterschiedlichsten Handlungsfeldern gesehen und vielfach angewendet wird (Vgl. ebenda).

3 Gemeinwesenarbeit als Handlungsfeld

„Als Ansatz zur Politisierung oder Beruhigung, als Reformstrategie von unten oder von oben, als Instrument oder Legitimation für Bürgerbenachteiligung, als dritte Methode oder als Arbeitsprinzip: GWA hat bisher alles durchgemacht, und keiner weiß mehr so recht, was sie „wirklich“ ausmacht“ (Vgl. Hinte/Karas, 1989, S. 31).

Gemeinwesenarbeit bleibt dennoch ein Handlungsfeld der sozialen Arbeit, welches langjährige Erfahrungen besitzt, die Lebensbedingungen in Sozialräumen zu verstehen und zu verbessern. Es ist ein langfristig angelegter Prozess, der die Zusammenarbeit verschiedener Fachgebiete und Disziplinen erfordert.

Die GWA als Arbeitsprinzip betrachtet die Aktivierung der Menschen in ihrer Lebenswelt als einen zentralen Aspekt. Die Menschen können auf Basis der Freiwilligkeit Charaktere für politisches, aktives Handeln werden und lernen sukzessiv, die Kontrolle über ihre Lebensverhältnisse wieder zu gewinnen.

Konkret konzentriert sich GWA ganzheitlich auf die Stadtentwicklung und deren Bewohner. Es werden Ressourcen des Stadtteils genutzt, um Defizite zu verringern und Lebensbedingungen zu verbessern.

Ziel ist einerseits eine Aufwertung von materiellen Bedingungen, wie z.B. der des Wohn­raumes und der Existenzsicherung, einer Verbesserung der Infrastrukturen, indem Verkehrsanbindungen und Grünflächen angelegt werden, sowie Einkaufsmöglichkeiten entstehen und andererseits einer Optimierung von immateriellen Bedingungen, wie bspw. dem Gefüge sozialer Beziehungen oder der Partizipation.

Dabei wirkt nicht der Sozialarbeiter oder der Gemeinwesenarbeiter alleine, sondern das Prinzip sieht vor, die Menschen aktiv in den Veränderungsprozess ihrer Lebenswelt einzubinden, indem sie immer mehr die Kontrolle über ihre Lebensumstände gewinnen.

Es braucht hierfür u.a. ein Entgegenkommen, Verlässlichkeit und Zeit zwischen den Menschen, um Vertrauen aufzubauen und eine konstruktive Beteiligungskultur entstehen zu lassen (Vgl. Oelschlägel, 2012).

GWA dient dem Brückenbau zwischen verschiedenen Menschen und Gruppen im Sozialraum. Zu diesem Zweck werden Partizipationsmöglichkeiten gestaltet, um eine aktive und realitätsnahe Teilhabe der Menschen in ihrer Lokalität zu schaffen.

Vor allem bei einer großen Variationsbreite, die im Stadtteil und im Rahmen von Flucht sowie Migration vorherrscht, ist die Gemeinwesenarbeit geeignet, Herausforderungen zu strukturieren und langfristig anzugehen.

Inklusionsvorgänge, sowie nachhaltige Gesellschaftsentwicklungen können für alle Mit­wirkenden als langfristige Lernprozesse angesehen werden (Vgl. Prof. Dr. Riede/Prof. Rothschuh/Prof. Dr. Stracke – Baumann/ u.a., 2016).

Um die GWA als ein soziales System betrachten zu können, benötigt es vier Faktoren: die topografischen Faktoren, welche die Ausdehnung, die Einwohnerzahl oder den Standort klären.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Gemeinwesenarbeit und Migration. Wie kann das Zusammenleben in zunehmend divergenten Gemeinschaften langfristig gestaltet werden?
Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thürigen in Gera)
Note
2,9
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V367138
ISBN (eBook)
9783668457324
ISBN (Buch)
9783668457331
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Gemeinwesenarbeit, GWA, divergente Gemeinschaft
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Gemeinwesenarbeit und Migration. Wie kann das Zusammenleben in zunehmend divergenten Gemeinschaften langfristig gestaltet werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367138

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