Alte Geschichten neu entdecken. Der Bibliolog im Religionsunterricht


Bachelorarbeit, 2011

94 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bibliolog
2.1 Begriffserklärung
2.2 Tradition des Bibliologs
2.3 Ziele des Bibliologs
2.4 Form und Ablauf
2.4.1 Die Vorbereitung
2.4.2 Techniken im Bibliolog: Echoing und Interviewing
2.4.3 Die Durchführung
2.4.4 Anschlussarbeiten
2.4.5 Aufbauformen
2.5 Kinder und Jugendliche im Bibliolog
2.6 Die Rolle der Leitung
2.7 Fazit

3. Religionsunterricht
3.1 Begriffsklärung
3.2 Tradition des Religionsunterrichts in Baden-Württemberg
3.3 Ziele des Religionsunterricht
3.4 Form und Ablauf
3.4.1 Die Vorbereitung
3.4.2 Die Durchführung
3.4.3 Anschlussarbeiten
3.5 Kinder und Jugendliche im Religionsunterrichts
3.6 Die Rolle der Lehrkraft
3.7 Fazit

4. Fallstudie: Der Bibliolog im evangelischen Religionsunterricht in Klasse 6a/e des Schillergymnasiums Ludwigsburg
4.1 Vorerwägungen
4.2 Beschreibung der Klasse
4.3 Durchführung
4.4 Auswertung
4.5 Fazit

5. Der Bibliolog im Religionsunterricht
5.1 Gemeinsamkeiten
5.2 Grenzen
5.3 Chancen für den Religionsunterricht
5.4 Fazit

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

Anhang
I Elternbrief
II Ausführliche Dokumentation der Fallstudie
III Bibeltext zum Bibliolog der Fallstudie
IV Formular: Auswertungsbogen

Vorwort

Im Praxissemester meines Studiums zur Religionspädagogin konnte ich erste Erfahrungen mit dem Bibliolog machen. Schon dort weckte sich in mir das Interesse an dieser Bibelauslegungsart und ich wollte unbedingt mehr darüber erfahren.

Vor allem wollte ich wissen, wo Bibliolog denn überall einsetzbar ist. Schließlich kön- nen mit ihm biblische Geschichten auf besonderer Art erlebbar werden. Da ich gerade im Religionsunterricht oft das Gefühl bekam, dass biblische Textinhalte bei Kindern und Jugendlichen nur dann ankommen, wenn sie durch eine dementspre- chende Methode gestaltet werden, habe ich mein Interesse schon bald auf den Schulun- terricht begrenzt.

Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, meine Bachelorthesis zum Thema „Alte Geschichten neu entdecken! - der Bibliolog im Religionsunterricht“ zu schreiben.

Doch bevor es näher in den Inhalt geht, möchte ich mich an dieser Stelle zunächst noch bei einigen Leuten bedanken, durch die eine Bearbeitung zu diesem Thema erst möglich geworden ist:

Zunächst ergeht mein Dank an Frau Bärbel Timmermanns, meiner Mentorin aus dem Praxissemester, durch die ich den Bibliolog überhaupt kennen lernen durfte. Ein weiteres Dankeschön möchte ich an Frau Pfarrerin Kerstin Hackius ausprechen, bei der ich in einer Fortbildung noch mehr über diese biblische Auslegungsart erfahren durfte und durch die ich die Möglichkeit bekam, in einer Klasse eine Fallstudie zum Bibliolog im Religionsunterricht mitzuerleben. Zudem stand sie mir mit ihren Anregun- gen stets zur Seite, was mir für die Bearbeitung eine hilfreiche Unterstützung einbrach- te.

Auch der evangelischen Religionsklasse 6a/e des Schillergymnasiums Ludwigsburg sei gedankt. Sie hat es mir die Chance gegeben, einen Bibliolog im Schulunterricht hautnah mitzuerleben, wodurch ich auch praktische Inspirationen erhalten konnte. Mein weiterer Dank ergeht zudem meinen Erstkorrektor Herr Collmar, der mich durch seine Anregungen stets weiter gebracht hat. Bei Fragen konnte ich mich immer an ihn wenden.

Ludwigsburg, im Dezember 2011

1 Einleitung

Alte Geschichten neu entdecken! Eine Aussage, deren Verwirklichung man sich gerne wünscht, welche jedoch eher selten in Erscheinung tritt.

Denkt man hierbei etwa an die alte Literatur von Schiller oder Goethe, deren Inhalte ohnehin schwer zu lesen sind und mit dem eigenen Leben oft gar nichts zu tun haben, dann ist eine (Neu)Entdeckung dieser Geschichten nur schwer möglich. Überträgt man diese Gedanken auch noch auf die Schule, in der häufig und in vielen Fächern mit alten Texten gearbeitet wird, stößt man nicht selten auf einen Widerstand. Auch der Religionsunterricht bleibt davon nicht verschont. Grundlage dieser Lehre ist die Bibel. Wieder ein altes Buch mit „veralteten“ Texten, welche gerade für Kinder und Jugendliche nicht unbedingt relevant für das eigene Leben sind. So scheint es zumin- dest häufig.

Doch gerade biblische Texte greifen vielerlei Lebenssituationen auf, sie geben Hilfe und Unterstützung im übertragenen Sinne, auch in heutiger Zeit. Viele ReligionslehrerInnen machen sich oft Gedanken und versuchen den Unterricht dementsprechend zu gestalten. Schließlich ist es ihre Aufgabe, im Religionsunterricht die Glaubensentwicklung der SchülerInnen zu fördern.

Wie aber kann es gelingen, die Heranwachsenden an diese alten Texte mit ihren lebenswichtigen Inhalten heranzuführen?

So wie viele Lehrkräfte habe auch ich mir als angehende Religionspädagogin schon oft diese Frage gestellt und konnte hierzu im Praxissemester meines Studiums eine interessante Methode entdecken. Dies war der Bibliolog. Meine Mentorin, eine ausgebildete Bibliologin, erzählte mir von dieser biblischen Auslegungsart und ermöglichte es mir, einenBibliolog mitzuerleben. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung, denn zuvor hatte ich den Begriff „Bibliolog“ noch nie gehört.

Aus diesem Beobachten erwachte in mir ein so großes Interesse, dass ich mich nach dieser Unterrichtseinheit noch mehr mit dem Thema und der Auslegungsart befassen wollte.

Deshalb habe ich mich entschieden, meine Bachelorthesis mit dem Thema „Alte Geschichten neu entdecken! - der Bibliolog im Religionsunterricht“ zu bearbeiten.

Dazu werden in dieser Arbeit zunächst die Grundlagen von Bibliolog näher beleuchtet und anschließend die wesentlichen Merkmale von Religionsunterricht analysiert. Hier- bei ist zu erwähnen, dass in dieser Bachelorthesis speziell auf den evangelischen Religi- onsunterricht in Baden-Württemberg eingegangen wird, die Inhalte jedoch auch auf andere Konfessionen und Bundesländer übertragen werden können. Nach der Erschließung dieser beiden Themengebiete wird eine Fallstudie erarbeitet, welche einen Bibliolog im Religionsunterricht widerspiegelt. Hierbei wird auch auf die Sichtweise der SchülerInnen aus der Klasse eingegangen, welche anhand eines Auswer- tungsbogens die Möglichkeit hatten, zum Thema „Bibliolog im Religionsunterricht“ Stellung zu beziehen.

Da ich bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema hauptsächlich untersuchen wollte, ob Bibliolog im Religionsunterricht überhaupt ausgeführt werden kann, auf welche Gegebenheiten geachtet werden muss und welche Grenzen, aber auch Chancen sich daraus ergeben, nimmt der Punkt 4 den Bestandteil auf, diese wichtigsten Aspekte jeweils zu beschrieben. Dies geschieht durch eine eigenständige Verknüpfung aus den Inhalten der vorherigen Kapitel.

Abgeschlossen wird diese Arbeit mit einer eigenen Stellungnahme.

Ist Bibliolog also eine wertvolle Methode, alte Geschichten neu zu entdecken? Dieser Frage wird in dieser Arbeit nachgegangen.

2 Bibliolog

Im folgenden Kapitel wird der Bereich des Bibliologs beschrie- ben. Hierbei werden zuerst der Begriff erklärt und die Tradition dieser biblischen Auslegungsart näher vorgestellt. Anschließend- wird noch auf die Ziele sowie die Form, mit welcher im Bibliolog gearbeitet wird, eingegangen. Da man bei der Arbeit mit der Bibel nie das Klientel und die Rolle der Leitung vergessen darf, wird am Ende dieses Kapitels auf die beiden Aspekte eingegangen.

2.1 Begriffserklärung

„Bibliolog“ - ein Wort, das für viele erst einmal unbekannt ist. Doch wenn man sich diese Wortschöpfung von Peter Pitzele, dem Begründer des Bibliologs, genauer an- schaut, kann man erkennen, dass dieses ein aus den Wörtern „Bibel“, „Dialog“ und „Logos“ (= griechisch für „Wort; Rede; Sinn“) zusammensetzendes Kompositum ist.1 Und aus diesen einzelnen Wörtern setzt sich der Ansatz des Bibliologs auch zusammen. Im Bibliolog soll es zu einer Begegnung zwischen Menschen und biblischen Texten kommen, was überdies Voraussetzung ist, dass ein Bibliolog überhaupt zustande kommt.2 Die Menschen, die am Bibliolog teilnehmen, leihen den biblischen Gestalten im biblischen Text (Bibliolog spricht hier vom „schwarzen Feuer“) ihre Stimme bzw. Wörter und legen den Text somit auf unterschiedliche Art und Weise aus (diese Inhalte werden im Bibliolog als das „weiße Feuer“ bezeichnet).

Hierbei wird die Bibel als ein „wertvolles und wertschätzendes Buch gesehen, mit dem sich eine intensive Beschäftigung lohnt“.3

Da der Biblilolog immer von einer Leitung durchgeführt wird, kann man grundsätzlich von einem „leitungsorientierten Ansatz“4 sprechen. Dennoch sollte in diesem Zusam- menhang stets bewusst werden, dass dieser Ansatz nicht „nur“ als Methode zu begreifen ist. Biblilolog ist vielmehr eine Haltung, sprich ein Weg, bei dem man seinen eigenen Zugang zu biblischen Texten erlangt, der durch Respekt und Wertschätzung gekenn- zeichnet ist.5 Hierbei sollen die Teilnehmenden einen „lebendigen Auslegungsprozess“6 erfahren, bei dem Tradition und Gegenwart miteinander verbunden sind. Diese Erfah- rungen können von jedem und jeder gemacht werden, denn Bibliolog zielt darauf ab, dass schon kleine Kinder bis hin zu den Ältestenin unserer Gesellschaft dieser bibli- schen Auslegungsart begegnen können. Hierbei wird jeder Mensch als „ein Geschöpf Gottes mit einer eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte gesehen“7, welches wiede- rum interessante und wertvolle Inhalte im gemeinsamen Entdeckungsprozess mit ein- bringen kann.8

Bibliolog lebt somit von den Elementen Bibel, Wort und Dialog, wodurch die Definition dieses Begriffes auch ihren Sinn erhält. Schließlich werden biblische Texte erst lebendig, wenn man sie mit eigenen Worten und den der anderen vernetzt.

2.2 Tradition des Bibliologs

Fragt man verschiedene Menschen, ob sie Bibliolog kennen, bekommt man meistens die Antwort „Nein“ zu hören. Dies hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass es Bibliolog noch nicht so lange gibt.

Erst 1984 wurde der Bibliolog von Peter Pitzele entwickelt.9 Der jüdische Amerikaner kam jedoch eher durch Zufall auf diese Methode. Er bekam als Psychodramatiker näm- lich die Aufgabe, am Theological Seminary (eine Ausbildungsstätte des konservativen Judentums für RabinerInnen und ReligionslehrerInnen) den Lehrauftrag seines Chefs, der gleichzeitig auch Freund und Mentor war, zu vertreten.10 Da Pitzele mit der jüdi- schen Auslegungstradition nicht so viel zu tun hatte, beschloss er mit Hilfe seiner psy- chodramatischen Kompetenzen in die Welt der biblischen Gestalten einzutauchen. Aus diesem Grund gab er den Studierenden die Aufgabe, sich in die Gestalt des Moses hi- neinzuversetzen und befragte sie dann schließlich zu dem Befinden in dieser Rolle.11

Er merkte, dass dieses Angebot große Beliebtheit fand und entwickelte zusammen mit seiner Frau Susan Pitzele „einen wiederholbaren Ansatz“12. Dieser wurde dann erst in jüdischen Gottesdiensten und Gemeinden praktiziert. Schließlich wurde das Interesse auch in der christlichen Kirche geweckt und fand dort seinen Einzug. Bei seinem Ansatz bezieht sich Pitzele auf zwei Traditionen. Dies ist zum einen das für ihn bekannte Psychodrama. Im Bibliolog bezieht er dies jedoch auf die Arbeit mit der Bibel.13

Die weitere Tradition, auf die er sich bezieht, ist die jüdische Auslegungsmethode Midrasch, bei der biblische Texte weitererzählt werden sollen. Grundgedanke dieser Methode ist, dass Texte aus der Thora bzw. Bibel aus „schwarzen und weißen Feuer“ bestehen.14 Das „schwarze Feuer“ ist der Text und soll durch das „weiße Feuer“ (Weitererzählen von Inhalten zum Text) weiter ausgeführt, sprich ausgelegt werden. Hierbei sind alle Gedanken wichtig und richtig.

Aus der Entwicklung dieser beiden Grundlagen nannte Pitzele seinen neuen Ansatz „Bibliodrama“. Schnell verbreitete es sich in ganz Amerika und fand dann auch Einzug in Europa. Überall wurden Fortbildungen für die Leitung von „Bibliodrama“ angeboten, damit möglich schnell ausgebildete Kräfte diese Auslegungsart in Gemeinden, Gottesdiensten, Schulen usw. praktizieren konnten.

Beim Einzug des amerikanischen „Bibliodramas“ in Europa gab es jedoch ein Problem. Und zwar gab es dort den Begriff des „Bibliodramas“ schon, was eine andere ähnliche biblische Auslegungsmethode beschreibt. Aus diesem Grund machte man sich Gedan- ken, wie man diesen Ansatz von Peter Pitzele hier benennen sollte, damit er einen Un- terschied zum bisher bekannten „Bibliodrama“ aufzeigen konnte. Im Jahr 2000 war es dann so weit. Pitzele schuf auf der Tagung „Bibliodrama als Midrasch“ in Bad Sege- berg die Wortkreation „Bibliolog“ und gab somit seinem Ansatz auch in Europa eine Bezeichnung.15 Somit konnte nun zwischen „Bibliodrama“ und „Bibliolog“ unterschie- den werden.

Auch in Europa und vor allem in Deutschland verbreitete sich der Bibliolog nun sehr erfolgversprechend. Leitungskurse wurden nun auch in der deutschen Sprache entwi- ckelt und fanden schnell an Beliebtheit. Bereits jetzt hat man zu der eigentlichen Grundform auch schon einige Aufbauformen entwickelt, welche auch durch Kurse und Fortbildungen an Leitungskräfte weitergegeben werden.

Somit lässt sich erkennen, dass Pitzele durch seinen Ansatz zur Auslegung von bibli- schen Texten einen neuen Lebenshauch gegeben hat. Hierbei kann, da Bibliolog von einer jüdischen Tradition herkommt, in Zukunft eventuell auch ein interreligiöser Dia- log zustande kommen, bei dem Juden und Christen gemeinsam ins Gespräch kommen.16

2.3 Ziele des Bibliologs

Wie so gut wie jeder Ansatz verfolgt auch der Bibliolog bestimmte Ziele. Die Ausle- gungsart möchte hierbei verschiedene Ebenen ansprechen, wodurch sich eine Vielzahl von kleineren Zielen aufzeigen. Dennoch gibt es auch bestimmte Hauptziele, die durch die Arbeit mit Bibliolog erreicht werden sollen. Ich möchte nun die wichtigsten davon näher benennen:

- Zentrales Ziel ist zunächst, dass Bibliolog eine Begegnung zwischen biblischen Text und Menschen ermöglichen möchte. Dadurch soll eine Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition erfolgen, welche auch die eigenen Erfahrungen, aber auch die Gottesvorstellungen ausbauen soll. Insofern hat Bibliolog einen missionarischen Impetus, da er biblische Inhalte in das Leben der TeilnehmerIn- nen bringen möchte.17 Hierbei soll den Teilnehmenden aber die Möglichkeit ge- geben werden, diese Entdeckungen alleine zu machen. Die Leitung ist hierbei „nur“ UnterstützerIn und BegleiterIn. Schließlich soll jeder Mensch alleine ent- scheiden, woran er glauben möchte. Bibliolog hat hierbei das Ziel, den christli- chen Glauben durch die biblischen Texte nahe zu bringen.

- Ein weiteres Ziel des Bibliologs ist, dass dieser Ansatz alle Menschen die Mög- lichkeit der Textauslegung eröffnen möchte. Viele sind der Meinung, Exegese könne nur von Leuten aus dem Fach (Theologen/Theologinnen, Religionspäda- gogInnen,...) durchgeführt werden. Peter Pitzele möchte durch seinen Ansatz dies allen Menschen ermöglichen. Schließlich trägt jede/r mit seinen/ihren Inter- pretationen zu einer relevanten und bedeutungsvollen Auslegung bei.18 Oft wer- den hierbei auch neue Erkenntnisse gewonnen, die selbst „Experten der Bibel“

so eventuell selber noch nie gesehen haben. Die Bibel soll nämlich ein Buch sein, dass „grundsätzlich als mehrdeutig verstanden“19 werden kann. Hierbei bleibt der Text aber immer größer als dessen menschliche Deutungen.20 Somit wird ermöglicht, dass Textauslegung immer und zudem von jedem/jeder ausge- führt werden kann.

- Da Bibliolog ohne die Bibel nicht möglich wäre, entsteht das bedeutende Ziel, den Teilnehmenden aufzuzeigen, dass die Bibel als eine Art „Hoffnungsbuch“21 gesehen werden kann. Dieses möchte Menschen durch seine Texte trösten, auf- richten, herausfordern und inspirieren, wodurch nach Pitzele der Biblilolog eine heilende Dimension erlangt.22 Den Teilnehmenden soll somit aufgezeigt werden, dass die Bibel ein Buch ist, das einem im Leben Hoffnung und Stärke gibt. So- mit ein Buch, dass auch heute noch von großer Bedeutung ist.

- Dass Menschen im Bibliolog Gemeinschaft erleben, ist ein weiteres Ziel, dem der Ansatz von Pitzele nachgeht. Schließlich wird Bibliolog erst in der Gruppe erlebbar. Hierbei kann nach Pitzele Gott durch die „Interaktion mit anderen Menschen“23 erfahren werden. Somit profitiert jede/r von jedem/r, findet aber dennoch Wertschätzung in der Gruppe.

- Da Bibliolog ein Stück weit auch aus dem Psychodrama stammt, ist es Ziel, Menschen dabei zu helfen und sie zu bestärken, auch Teile ihres eigenen Lebens zu erzählen.24 Während des Eintauchens in die verschiedenen Rollen werden in den Äußerungen immer eigene Gedanken und Gefühlen mit eingebunden, wenn auch nur unbewusst. Für manche kann es hilfreich sein, dies durch den Bibliolog zum Ausdruck zu bringen, dabei jedoch geschützt in Form einer anderen Rolle. Somit spricht Bibliolog auch die psychologische Ebene an.

Es kann zusammenfassend gesagt werden, dass Bibliolog hauptsächlich darauf abzielen, einen Weg zu sich selbst, zu Gott, zur Bibel und zu der Gemeinschaft zu finden. Dieser Weg soll unseren Atem („anima“) in die Bibel legen und dadurch auch den Atem der Bibel („ruach“) in unser Leben bringen.25 Bibliolog ist somit ein Ansatz, der viele verschiedene Ebenen im Verlauf seines Prozesses anspricht.

2.4 Form und Ablauf

Da der Bibliolog noch eine sehr neue Auslegungsart ist, wird meist mit der Grundform, die nach einem bestimmen Ablauf durchgeführt wird, gearbeitet. Dennoch gibt es be- reits jetzt schon einige Aufbauformen, mit denen der Bibliolog noch weiter erarbeitet werden kann. Ich möchte in diesem Abschnitt vor allem auf die Grundform und deren einzelne Schritte eingehen. Anschließend werden die Aufbauformen kurz dargestellt.

2.4.1 Die Vorbereitung

Damit ein Bibliolog erfolgreich ausgeführt werden kann, ist es wichtig, sich im Voraus Gedanken darüber zu machen, wie dieser von Statten gehen soll. Hierbei sind folgende Schritte notwendig und hilfreich:

Textauswahl

Damit ein Bibliolog das wird, was er sein soll, braucht man als allererstes einen passen- den Bibeltext. Hierbei ist zu erwähnen, dass ein Bibliolog mit fast allen Texten aus der Bibel möglich ist, dennoch eignen sich für den Anfang am besten Erzähltexte.26 Briefe, Psalmen oder Sprüche gestalten sich eher schwieriger und können mit Hilfe der Auf- bauformen und längerer Erfahrung mit Bibliolog eher erarbeitet werden (näheres dazu siehe Punkt 2.4.5).

Bei der Textauswahl sollte man immer berücksichtigen, für welches Klientel der Biblio- log ausgelegt ist und wie viel Zeit einem bei der Durchführung zur Verfügung steht.27 Es macht hierbei einen Unterschied, ob man mit einer Schulklasse eine Unterrichtsstun- de oder mit einer Gruppe von Theologen einen ganzen Vormittag arbeitet. Auch muss überlegt werden, welche Übersetzung des jeweiligen Textes sich am geeig- netsten bewährt. Für Gruppen, wie etwa einer Schulklasse, die mit biblischen Texten wahrscheinlich nicht so vertraut sind, sollte auf „eine klare und einfache Sprache“28

geachtet werden. Zudem ist hierbei anzumerken, dass bei einer Erzählung aus den Evangelien sowohl die Entscheidung über die zu verwendende Synopse getroffen wer- den muss.

Selber als Leitung sollte man jedoch prinzipiell eine positive Haltung dem Text gege- nüber haben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man nur mit Texten arbeiten kann, die einem selber gut gefallen. Oft kann man durch den Bibliolog auch unbekannte Texte für sich neu entdecken. Dennoch gilt es bei der Textauswahl darauf zu achten, dass diese nicht zu sehr an emotionalen und persönlichen Themen der TeilnehmerInnen verhaftet sind, da die eigene Lebenswelt bei der Durchführung des Bibliolog sonst zu sehr in den Vordergrund rückt.29

Zu bedenken ist auch der Abschluss. Es ist immer von Vorteil, wenn der Schluss zu einem zufriedenen Ende führt und so, laut Pitzele „ein Gefühl der Hoffnung weckt“30. Aus diesem Grund ist eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Text sehr nütz- lich.

Auseinandersetzung mit dem Text

Um zu erkennen, ob sich ein biblischer Text für einen Bibliolog eignet, ist es sinnvoll, in der Vorbereitung eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem durchzunehmen. Hierbei wird der Text zuerst einmal intensiv durchgelesen. Bei diesem Lesen sollte man sich bereits Gedanken machen, an welchen Stellen der Text für einen Bibliolog even- tuell angehalten und mit welchen Rollen dieser dann besetzt werden kann.31 Anschlie- ßend ist es wichtig, dass man den Text (das „schwarze Feuer“) mehrfach genau durch- liest.

Auch eine kritische Überprüfung des Textes ist unerlässlich. Mit Hilfe von Kommentaren werden somit vor allem sozialgeschichtliche und historische Daten aufgegriffen, welche für das Textverständnis sehr von Bedeutung sind.32 Sinnvoll ist es, sich stets nebenbei Notizen zu machen, da somit der Bibliolog kontrollierter und strukturierter verlaufen kann.33 Dies können Fragen und Antworten zu den verschiedenen Szenen, zu geschichtlichen Hintergrundinformationen oder auch Inhalte für das Anschlussgespräch sein. Dennoch gewinnt die Leitung dadurch eine weitere Sicht in den Text und kann sich somit besser auf den Bibliolog vorbereiten.

Rollenverteilung

Damit ein Bibliolog überhaupt zu einem Bibliolog wird, ist es wichtig, sich Rollen zu überlegen, in welche die TeilnehmerInnen schlüpfen können. Deshalb ist es, wie in der Auseinandersetzung mit dem Text schon erwähnt, wichtig, sich beim Lesen schon Ge- danken zu machen, wo diese Rollenpassagen platziert werden können und damit ver- bunden, wo vor allem viel „weißes Feuer“ zu entdecken ist. Schließlich sollten nach Pitzele, wenn es geht nicht, mehr als vier Rollensequenzen im Bibliolog stattfinden, da es sonst den Zeitrahmen sprengen würde und die Aufmerksamkeit der Gruppe sinkt.34 Hierbei sollte grundsätzlich beachtet werden, dass die Wahl der Rollen so ausgeführt wird, dass die erste Rolle zu einem guten Einstieg verhilft und die letzte Rolle zu einem Abschluss überleitet.

Beim Vorgehen der Rollenfindung sucht man nach einer ersten passenden Textstelle und versucht hierbei gleich zu überlegen, mit welcher Frage sich die TeilnehmerInnen mit der Rolle identifizieren sollen. Prinzipiell empfiehlt es sich, hierbei eine „einfache“ Rolle, eventuell eine Person aus dem Text zu nehmen.

Die Wahl der Rollen kann zum einen an sogenannte explizite „Hauptrollen“ wie Barti- mäus, Josef, Abraham vergeben werden, es ist aber auch möglich, diese an implizite „Nebenrollen“ wie eine Magd, Menschen aus dem Volk ihre Stimme zu verleihen.35 Zudem können Rollen hinzuerfunden werden. Dadurch bekommt man einen weiteren Blick in das Geschehen aus dem Text. Wichtig ist jedoch, dass man auch ausgleichend weibliche Rollen anbietet, denn gerade in biblischen Texten kommen diese nicht so oft vor.

Es ist auch möglich, „nichtmenschliche Rollen“36 in das Geschehen einfließen zu lassen. So kann der Bibliolog dadurch erfolgen, indem man eine Szene etwa aus der Sicht eines Steines oder einem Krug beobachtet. Dies ermöglicht zwar eine ganz andere Perspektive auf den Text, ist aber dennoch mit Vorsicht zu genießen, da sich nicht jede/r TeilnehmerIn mit dieser Identifikation leicht tut.

Dies gilt auch für die „Jesusrolle“. Prinzipiell ist eine Rollenidentifikation mit Jesus möglich, da dadurch die '„wahre Menschlichkeit“ Jesu'37 deutlich wird. Dennoch fällt es nicht immer leicht, sich gerade in diese Rolle hinein zu versetzen. Deshalb sollte bei der Rollenwahl gut überlegt werden, ob man die Jesusrolle hinzunimmt oder nicht.

Was jedoch überhaupt nicht sein sollte, ist die Rolle von Gott zu verwenden. Dadurch könnte es nämlich zu emotionalen Verletzungen kommen, da esManchen schwer fällt, sich zum einen selbst in die Gottesrolle zu fügen, aber auch, wenn andere sich als Gott äußern.38 Dies schließt jedoch nicht aus, die Rolle "Gott" aus dem Bibliolog zu nehmen. Sie kann eher indirekt im Spiel erscheinen. So können etwa Gottesgestalten (z. B. der brennende Dornbusch, die Schlange bei Adam und Eva) oder gottverbundene Rollen (z. B. der Segen) befragt werden.39 Diese Rollen sagen das Wesentliche über Gott aus und dadurch können auch Entdeckungen von Gottesseite her im Bibliolog entstehen. Somit lässt sich erkennen, dass in einem Bibliolog eine Vielzahl von Rollenverteilung möglich ist. Dies sollte der Leitung bei der Vorbereitung bewusst sein und schließlich darauf eingehen, um so passende Rollen für den jeweiligen Bibliolog zu finden. Alle Rollen sollten auf die Gruppe abgestimmt und an passenden Stellen im Text zugeteilt werden. Hierbei ist es immer hilfreich, sich die Fragen, mit welchem man in die Rolle hineinführen möchte, zu notieren und gegebenenfalls einmal mögliche Antworten zu imaginieren.

2.4.2 Techniken im Bibliolog: Echoing und Interviewing

Obwohl ein Bibliolog immer sehr individuell verläuft, gibt es zwei Techniken, auf die besonders geachtet werden muss und welche bei der Durchführung auch nicht wegge- lassen werden können (zumindest das echoing). Dies ist zum einen das echoing, und zum anderen das interviewing. Diese beiden Techniken möchte ich nun näher vorstellen:

Echoing

Wie sich aus diesem Wort schon erahnen lässt, steckt in dieser Technik das „Echo“. Und damit arbeitet das echoing auch. Hierzu geht - wenn es räumlich möglich ist - die Leitung zu der Person, die sich im Bibliolog äußern möchte, stellt sich neben sie und hört aufmerksam deren Worten zu. Anschließend hat sie die Aufgabe, die Antwort aus dem Bibliolog in der „Ich-Form“ entweder wortgetreu (vor allem Schlüsselwörter) zu wiederholen oder in eigenen Worten vertieft an die Gruppe weiterzugeben.40 Dies wird bei jeder einzelnen Person gemacht, die sich am Bibliolog in der jeweiligen Rolle betei- ligen möchte. Wahrscheinlich kommt hier der Gedanke auf, warum dies überhaupt nötig ist und ob die jeweilige Aussage eventuell verbessert oder abgewertet wird. Nach Pitze- le sind dies jedoch keine Gründe, das echoing als Grundtechnik für den Bibliolog zu wählen.

Durch das echoing soll das Gesagte nochmals klarer werden und gewinnt dabei an Be- deutung. Zudem können Gefühle und Gedanken, die sich in den Worten verbergen, ver- stärkt dargestellt werden.41 So können dem echoing Eigenschaften wie das Vertiefen, Wiederholen, Ermutigen (gerade für eher zurückhaltende Personen ergibt sich daraus die Chance einer intensiven Beteiligung, da sie Gewissheit haben, vor der Gruppe nicht laut sprechen zu müssen) oder Unterstützen (Menschen, die weniger wortgewandt sind, wissen, dass die Leitung ihre Äußerung aussagekräftig wiedergibt) zugeschrieben wer- den. Zudem hören die TeilnehmerInnen ihre eigenen Worte nochmals und können diese somit nochmals wahrnehmen und vertiefen oder gegebenenfalls verbessern.42

Falls Aussagen nicht gleich verstanden werden, wird beim echoing zudem das interviewing angewandt.

Interviewing

Die weitere Technik des Bibliologs ist das interviewing. Hierbei werden Aussagen, wel- che für die Leitung nicht gleich verständlich oder im Sinn noch offen sind (sprich das Wesentliche wurde noch nicht deutlich gesagt), durch ein Nachfragen (interviewen) weiter ausgeführt. Hierfür steht die Leitung dann nicht mehr „neben“ dem/ der Teil- nehmerIn wie beim echoing, sondern tritt in die Stellung des Gegenübers.43 Durch das interviewing sollen „Äußerungen der Teilnehmenden in ihrer eigenen Linie weiter ausgeführt bzw. vertieft werden“44 (Beispiel siehe Anhang II). Dies kann zum einen durch das direkte Nachfragen in der zweiten Person geschehen (z.

B. „Josef, warum hast du jetzt das Gefühl von Angst, wenn du hier im Brunnen sitzt?“), zum anderen kann die Leitung in der Ich-Form den Teilnehmenden auch ermutigen, in der Rolle weiter zu sprechen (z. B. „Ich spüre Angst in mir - Angst habe ich davor, dass...?“).45

Die Fragen sollten hierbei jedoch immer sehr offen gestellt werden, damit die Antwort nicht zu sehr eingeschränkt wird. Auch ist es wichtig, im interviewing nicht zu sehr nachzubohren und die Aussagen zu korrigieren. Schließlich soll, wie bereits benannt, das Gesagte durch diese Technik nochmals auf den Punkt gebracht werden.

2.4.3 Die Durchführung

Um einen Bibliolog erfolgreich durchführen zu können, ist es wichtig, dass bestimmte Vorbereitungen getroffen werden. Hierzu gehört zum einen, dass man sich über den Raum, in dem der Bibliolog stattfinden soll, Gedanken macht. Prinzipiell ist dies in fast jedem Raum möglich, optimal wäre es jedoch, wenn dieser reichlich Platz zur Verfü- gung hat. Schließlich ist die sinnvollste Arbeitsform der Stuhlkreis, da dadurch alle gleich am Geschehen beteiligt werden können. Damit die Leitung bei dem echoing bzw. beim interviewing zu den einzelnen Teilnehmenden gehen kann, sollte zwischen den Stühlen ausreichend Platz sein.46 Falls die Gruppe größer oder der Raum die Arbeits- form des Stuhlkreises nicht zulässt, ist es kein Problem, wenn der Bibiolog auch in Rei- hen oder sonstigen Formen stattfindet. Hierbei kann die Leitung das echoing oder inter- viewing auch von vorne aus machen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der, dass man sich über die Dauer des Bibliologs Ge- danken macht. In der Regel dauert dieser nicht länger als 40 Minuten, oft ist er sogar kürzer (10-20 Minuten).47 Hierbei sollte jedoch noch berücksichtigen werden, was im Abschluss an den Bibliolog folgen soll. Schließlich benötigt dies zusätzliche Zeit, wel- che für die Gesamtdauer, in der die TeilnehmerInnen dabei sind, eingeplant werden muss.

Wenn diese Aspekte beachtet und die Vorbereitungen getroffen sind, kann es schließlich zum Bibliolog kommen, der in verschiedene Schritte geteilt ist. Diese werden nun näher beschrieben:

Der Prolog

Nachdem die Teilnehmenden alle in Raum angekommen sind, ihre Platz gefunden ha- ben und diese von der Leitung begrüßt worden sind, wird mit einem Prolog eingestie- gen. Dies ist eine Art Einführung oder Vorgeschichte, welcher meist mit dem Satz: „Ich möchte heute mit Ihnen/euch gemeinsam in einen Text eintauchen und dies in der Form des Bibliologs...“48. Falls die Gruppe mit dem Bibliolog noch nicht vertraut ist, sollte man hierbei noch kurz erklären, worum es dabei überhaupt geht, damit sich die Teil- nehmerInnen darauf einlassen können und erste Vorstellungen haben, was nun auf sie zukommt.

Im Prolog kommt auch ausdrücklich zum Vorschein, dass der Bibliolog erst davon leben kann, wenn das „weiße Feuer“ zum Lodern gebracht wird. Hier hat die Leitung die Aufgabe, die Gruppe auf die zwei zentralen Regeln des Bibliologs hinzuweisen. Dies ist zum einen die Reglung, dass es kein „Richtig und Falsch“ gibt.49 Alle Aussagen sind somit bedeutsam und für die Textauslegung wichtiger Bestandteil.

Die zweite Regel ist die, dass man die Teilnehmenden darauf hinweist, dass er schön wäre, wenn sich jede/r melden und laut äußern würde, es jedoch auch in Ordnung geht, wenn man den Bibliolog in der Stille schweigend für sich miterleben möchte.50 Schließlich soll Bibliolog Spaß und Freude machen und keine zwingende Sache sein. Dabei sollte dann gleich geklärt werden, wie sich die Teilnehmenden, die etwas sagen möchten, mitteilen (melden oder freies sagen).51

Hilfreich ist es, wenn die Leitung den Prolog vorher bereits schriftlich verfasst. Somit werden wichtige Inhalte nicht übersehen, was sehr wichtig ist, da der Prolog fester Bestandteil des Bibliologs ist.

Die Hinführung

Nach dem Prolog folgt die Hinführung, bei der es nun näher in den biblischen Text geht. Hierzu nimmt die Leitung die Bibel zur Hand und erzählt erst einmal, an welcher Stelle der Text in der Bibel zu finden ist. Schließlich werden noch Informationen, welche für die Handlung des Textes wichtig sind mitgeteilt. Somit kann sich die Gruppe voll und ganz auf das Geschehen einlassen.

Inhalte der Hinführung sind geschichtliche Aspekte, welche die Gegebenheiten der da- maligen Zeit widerspiegeln und den TeilnehmerInnen es so ermöglichen, in eine andere Welt einzutauchen, um sich so später leichter in die Rollen einfühlen zu können (z. B. „Stell/en Sie sich/dir vor, du sitzt gerade in einem Beduinenzelt...“). Hierbei können auch Unklarheiten aus dem Text (z. B. zentrale Begriffe) angesprochen und erläutert werden. Jedoch sollte man immer darauf achten, dass die Hinführung „so lang wie nö- tig, aber so kurz wie möglich“52 ist.

Prinzipiell findet die Hinführung im Präsens statt, was eine „Verschmelzung von biblischer Erzählung und Gegenwart“53 bewirken soll.

Das Ende der Hinführung und somit der Beginn des eigentlichen Bibliologs ist das Eintreten in die erste Rolle („Sie sind/ Du bist jetzt Jona“,... ).54 Hierbei ist noch anzumerken, dass die biblischen Gestalten in der Rolle in der Regel geduzt werden, damit eine Identifikation erleichtert wird.55 Damit es hierbei zu keinen Missverständnissen kommt, ist es sinnvoll, dies bereits im Prolog zu erklären.

Nachdem die erste Rolle beendet ist, geht es im biblischen Text weiter, bis wieder eine Rolle zum Vorschein kommt. Nach jeder Rolle wird den Teilnehmenden in der jeweili- gen Rolle gedankt. So wird der Bibliolog bis zum Ende des Textes durchgeführt.

Der Epilog

Am Ende eines jeden Bibliologs findet der sogenannte Epilog statt. Hierbei wird aus dem Geschehen heraus geleitet und gegebenenfalls in das Weitergehen übergeleitet. Erfolgen kann dies in unterschiedlichen Formen.

Sinnvoll ist es jedoch, ein sogenanntesderoling (= Herauskommen aus den Rollen) zu machen.56 Dieser besteht zum einen aus einem Dank an alle, die zur Auslegung beiget- ragen haben. Zum anderen werden an dieser Stelle die biblischen Figuren wieder in die Bibel zurückgebracht („Alle Josefs, Jakobs,...bitte ich nun in die Bibel zurück zu keh- ren. Und Sie/euch bitte ich nun, wieder Sie/euch selbst zu sein. Sie/Du bist jetzt wieder hier in...“). Um das deroling noch stärker wirken zu lassen, kann es auch hilfreich sein, dies durch eine körperliche Aktion (z. B. Ausschütteln, tief durchatmen) zu machen. Auch das Ansprechen der richtigen Namen (Du bist jetzt wieder Julia, du Hannes,...) kann das deroling erleichtern.57

Eine weitere Form des Epilogs, welche sich auch gut mit dem deroling verbinden lässt, ist das nochmalige Lesen des Textes. Hierbei wird gerade dem „schwarzen Feuer“ alle Aufmerksamkeit geschenkt und zudem kann der Text nochmals (anders) wahrgenommen werden. Hierbei können dann schließlich auch Gedanken für die eventuelle anschließende gemeinsame oder auch persönliche Reflexion entstehen.

Bevor es zu einer Reflexion kommt kann im Epilog auch schon über wichtige Inhalte aus dem Bibliolog gesprochen und diese thematisiert werden.58

Anschließend kann an dem Epilog eine Anschlussarbeit angesetzt werden.

2.4.4 Anschlussarbeiten

Zum Abschluss eines Bibliologs ist es wichtig, dass man diesen nicht einfach so stehen lässt, sondern sich noch weiter damit auseinandersetzt. Dies kann durch unterschiedliche Methoden gesehen.

Am Häufigsten findet nach einem Bibliolog ein Gespräch statt. Hierbei können „persönliche Entdeckung“59 benannt werden. Es besteht die Möglichkeit, Gespräche in Partnerarbeit, Kleingruppenarbeit oder im Plenum zu machen.

Eine weitere Methode ist das kreative Schreiben. Hier kann im Anschluss des Biblilologs den TeilnehmerInnen die Aufgabe gestellt werden, etwa eine Brief aus Sicht einer Rolle oder an eine Person aus dem Text zu schreiben. Auch die Möglichkeit ein Bild über eine bedeutende Szene zu malen ist durchaus vorstellbar.

Wenn es sich anbietet, kann als Anschlussarbeit auch ein meditatives Musikstück angehört werden, um so nochmals die Inhalte des Bibliologs auf sich und in sich wirken zu lassen.60 Schließlich soll Bibliolog den Lebensweg eines Menschen berühren und ganzheitlich wahrgenommen werden.

2.4.5 Aufbauformen

Auch wenn der Bibliolog noch nicht lange existiert, wurde schon in der kurzen Zeit seines Bestehens ersichtlich, dass er sich großer Beliebtheit erfreut. Daher wurde er ge- danklich weiterentwickelt und zu der bisherigen Grundform zusätzliche Aufbauformen ausgearbeitet. Diese basieren durchweg auf der Grundform, welche auch den Teilneh- mern schon bekannt sein sollte, die in der Folge mit den zusätzlichen Formen konfron- tiert werden. In der nun anschließend kurzen Erläuterung möchte ich nun insbesondere die Aufbauformen vorstellen:

Bibliolog mit nicht-erzählendenTexten

In der Bibel findet man über die Erzählungen hinaus auch Texte, die nicht in Erzähl- form (= nicht-narrativeTexte) geschrieben sind wie etwa Briefe, Psalmen, Sprüche. Dennoch ist auch mit Texten dieser Art Bibliolog möglich. Bei der Vorbereitung bedarf es allerdings eines höheren Aufwandes, da insbesondere die Hinführung hier stärker ausgebaut werden muss.61 Zudem sollte auch ausführlich reflektiert werden, wie die Rollenverteilung aussehen kann. Oft gibt es hier im Gegensatz zu den erzählenden Tex- ten kaum Personen, die explizit im Text vorkommen. Dennoch kann man hier Rollen vergeben, wie etwa die des Verfassers oder des Adressaten (z. B. bei einem Brief an die Gemeinde → die Gemeindemitglieder in unterschiedlichen Rollen, wie z. B. eine Magd, eine reiche Person). Wichtig ist es jedoch, dass jeder Person ein Namegegeben werden sollte, da dadurch eine Identifikation leichter erfolgen kann.62 Auch nicht-menschliche Rollen - wie in der Grundform - können genutzt werden.

Dennoch sollte bei dieser Form immer berücksichtigt werden, dass es nicht jeder oder jedem leicht fällt, in solche Rollen zu schlüpfen. Aus diesem Grund erweist es sich als äußerst sinnvoll, wenn die Fragen immer möglichst offen gestellt werden.

Bibliolog mit Objekten

Eine weitere Aufbauform des Bibliologs ist die Arbeit mit Objekten. Hierbei werden mithilfe von Stühlen, Hockern, Tüchern usw.die Verhältnisse verschiedener Rollen im Text aufgestellt. Zu berücksichtigen ist hier, dass die Vorderseite der Objekte immer gekennzeichnet werden sollte, z. B. unter Zuhilfenahme von Namensschildern der verschiedenen Rollen. Der Aufbau gleicht insofern einer Familienaufstellung in der systemischen Beratung. Durch die Objekthaftigkeit und den Gesamtaufbau wird der Bibliolog so auch auf visueller Ebene erfahrbar.63

Bei dieser Aufbauform gibt es allerdings zwei verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Bei der ersten wird in der Form gearbeitet, in der die Leitung die verschiedenen Konstella- tionen aufstellt und die Teilnehmenden bittet, sich mit den jeweiligen Rollen zu identi- fizieren.64 Bei der anderen Möglichkeit handelt es sich um eine Aufstellung, in der die TeilnehmerInnen selbst die verschiedenen Verhältnisse erarbeiten. Die Aufstellung kann schon Teil der Hinführung sein, kann sich aber im Laufe des Bibliologs verändern.

In der Reflexion kann sie nochmals eingehender betrachtet und analysiert werden. Al- lerdings ist es bei dieser Form wichtig, genügend Zeit und Raum zur Verfügung zu stel- len.

Sculpting

Man kann schon bei dem Wort sculpting erahnen, dass dieses etwas mit „Skulptur“ zu tun hat. Dies begründet sich inhaltlich dann auch in der Ausführung dieser Aufbauform, in der mit dem menschlichen Körper in Gestalt einer Skulptur gearbeitet wird.65 Men- schen werden zu erfahrbaren Dingen, wodurch ein noch intensiveres Erleben erfolgen kann. Schließlich können hier durch Mimik und Gestik sowie der gesamten Körperhaltung Gefühle und Verhältnisse tiefgreifend ausgedrückt werden.66

Wie etwas dargestellt wird, kann entweder die Person, welche die jeweilige Rolle übernimmt, selber entscheiden oder andere Teilnehmende übernehmen Regie darüber. Wichtig ist jedoch, dass hier keine gespielte Szene entstehen soll. Es soll lediglich nur eine Sequenz, sprich ein Standbild, aufgezeigt werden, da es sonst ins Bibliodrama bzw. Bibeltheater übergehen würde.67

Encounter

Das encounter (englisch für „Begegnung“) geht im Gegensatz zum sculpting noch einen Schritt weiter. Hier treten verschiedene menschliche Rollen (Skulpturen) in einen Dia- log miteinander. Durch das anfängliche Arbeiten mit der Grundform begegnet man den Rollen im Bibliolog zunächst einzeln. Anschließend werden sie zusammengeführt und treten miteinander in Kontakt.68 Der Dialog wird durch die Leitung beendet. Bei der Einteilung der Rollen besteht hierbei die Möglichkeit, dies entweder einzelnen Personen zuzuteilen oder die ganze Gruppe eine Rolle übernehmen zu lassen. Die Leitung sollte bei dieser Aufbauform bedenken, dass dies im Vorhinein schlecht planbar ist und dass sie als ModeratorIn mit unterschiedlichen Gegebenheiten (z. B. Konflikt, Vorwürfe) konfrontiert sein kann.

Prinzipiell bringen alle Aufbauformen neue Erfahrungen für die Teilnehmenden mit sich. Hierbei ist ferner zu erwähnen, dass diese erweiterten Formen auch untereinander kombinierbar sind.69

2.5 Kinder und Jugendliche im Bibliolog

Ein Grundprinzip des Bibliologs besteht darin, den TeilnehmerInnen stets Respekt und Wertschätzung entgegen zu bringen. Dies gilt auch gegenüber Kindern und Jugendlichen. Aus der Sicht von Peter Pitzeleist die Arbeit des Bibliologs mit Kindern und Jugendlichen dadurch sehr sinnvoll.70

Da Bibliolog bereits schon mit kleinen Kindern durchgeführt werden kann, sollte man sich auch Gedanken darüber machen, wie er aufgebaut werden soll. Schließlich sollen die Inhalte so dargeboten werden, dass sie für das Klientel verständlich bleiben. So soll- ten bereits im Prolog die „Spielregeln“ nur kurz und kindgerecht eingeführt werden.71 Im Geschehen des Bibliologs ist es so auch möglich, die Kinder ihrem Alter gerecht mit einzubeziehen. Dazu kann in der Mitte des Stuhlkreises etwa ein biblischer Ort mit ver- schiedenen Legematerialien erstellt werden. So können Gottes Worte in der Auslegung auch in die Hände der Heranwachsenden gelegt werden und dadurch sinnvoll „be- greifbar“ werden.72 Hierbei sollte man dem Alter der Kinder auch Beachtung schenken und drauf abgestimmt durchaus individuell arbeiten. Prinzipiell sollte gelten, dass man insbesondere im echoing Wertschätzung ausdrückt und der Antwort so nochmals „Klang und Raum“73 verleiht.

Damit Bibliolog bei Kindern und Jugendlichen erfolgreich werden kann, ist bei der Vorbereitung auch auf die Wahl der Bibel zu achten. Je nach Alter ist es sinnvoll, eine entsprechende Bibel (z. B. die Neuenkirchner Kinder-Bibel, Gute Nachricht) auszuwählen.

Allgemein kann gesagt werden, dass Bibliolog für Kinder und Jugendliche ein Ansatz ist, der einige Stärken beinhaltet. Durch seine lebendige Form hilft er schwächeren Kin- dern und Jugendlichen, sich einzubringen, er fördert die Wahrnehmung, die Ausdrucks-

[...]


1 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.38.

2 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.91.

3 Zitat: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.75.

4 Zitat: Lehnen (2006), S.144.

5 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.71.

6 Zitat: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.85.

7 Zitat: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.73.

8 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.73.

9 Vgl.: Lehnen (2006), S.138.

10 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.37.

11 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.37.

12 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.37.

13 Vgl.: Lehnen (2006), S138.

14 Vgl.: Aigner (2009), S.13.

15 Vgl.: Lehnen (2006), S138.

16 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.39.

17 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.34.

18 Vgl.: Lehnen (2006), S.141.

19 Zitat: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.82.

20 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.82.

21 Zitat: Lehnen (2006), S.140.

22 Vgl.: Lehnen (2006), S.141.

23 Zitat: Lehnen (2006), S.141.

24 Vgl.: Lehnen (2006), S.152.

25 Vgl.: Lehnen (2006), S.151.

26 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.45.

27 Vgl.: Lehnen (2006), S.143.

28 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.53.

29 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.46.

30 Zitat: Lehnen (2006), S.143.

31 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.54.

32 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.56.

33 Vgl.: Lehnen (2006), S.143.

34 Vgl.: Lehnen (2006), S.147.

35 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.61.

36 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.62.

37 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.63.

38 Vgl.: Pohl-Patalong (2009), S.16.

39 Vgl.: Pohl-Patalong (2009), S.17.

40 Vgl.: Lehnen (2006), S.146.

41 Vgl.: Lehnen (2006), S.146.

42 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.64-65.

43 Vgl.:Lehnen (2006), S.147.

44 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.70.

45 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.70-71.

46 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.81.

47 Vgl.: Pohl-Patalong (2009), S.16.

48 Zitat: Aigner (2009), S.13.

49 Vgl.: Aigner (2009), S.14.

50 Vgl.: Aigner (2009), S.14-15.

51 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.74.

52 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.75.

53 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.76.

54 Vgl.: Lehnen (2006), S.146.

55 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.77.

56 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.77.

57 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.77-78.

58 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.78.

59 Zitat: Pohl-Patalong (2011), S.79.

60 Vgl.: Pohl-Patalong (2011), S.80.

61 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.20.

62 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.23.

63 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.34.

64 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.35.

65 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.48.

66 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.49.

67 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.54.

68 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.61.

69 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.69.

70 Vgl.: Lehnen (2006), S.151.

71 Vgl.: Kleele-Hartl (2010), S.41.

72 Vgl.: Pohl-Patalong/Aigner (2009), S.86.

73 Zitat: Kleele-Hartl (2010), S.41.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Alte Geschichten neu entdecken. Der Bibliolog im Religionsunterricht
Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
94
Katalognummer
V367162
ISBN (eBook)
9783668457577
ISBN (Buch)
9783668457584
Dateigröße
1311 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bibliolog, Religionsunterricht, Religionspädagogik, Bibel, Auslegung
Arbeit zitieren
Iris Schleußinger (Autor), 2011, Alte Geschichten neu entdecken. Der Bibliolog im Religionsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367162

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