Warum kann "Faserland" als Gründungsroman der Neuen Deutschen Popliteratur angesehen werden?

Oberflächenästhetik und Markenfetischismus


Zwischenprüfungsarbeit, 2014
21 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Popliteratur

2. Neue Deutsche Popliteratur
2.1 Kennzeichen der Neuen Deutschen Popliteratur

3. Christian Kracht - Faserland
3.1 Inhalt
3.2 Markenfetischismus
3.3 Oberflächenästhetik

4. Schluss

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

1. Popliteratur

Die ersten Assoziationen die man mit dem Begriff der Popliteratur verbindet sind wohl die Popmusik und die Popularität bestimmter Autoren. Bereits seit den 60er und 70er Jahren des 20.Jahrhunderts ist die Begrifflichkeit der Popliteratur in der deutschen Literatur kein Fremdwort mehr. Popliteratur bezeichnet jeher „literarische und autobiographische Texte meist junger Autoren, in denen die durch neue Medienformate und Konsumgüter geprägte Erfahrungswelt in Inhalt und Format thematisiert wird.“1 Insgesamt gibt es in Deutschland zwei Strömungen der Popliteratur. Die erste, wie bereits erwähnt, fand Mitte des 20.jahrhunderts statt. Zu den wohl bekanntesten Vertretern dieser Zeit gehörten unter anderem R.D. Brinkmann, E. Jelinek oder E. Jandl.2 Seit den 90er Jahren wird jedoch unter der Bedeutung das neue Erzählen verstanden. Zu dieser Generation der neuen Autoren gehören Schriftsteller wie Rainald Goetz, Thomas Meinecke, Benjamin von Stuckrad-Barre oder eben auch Christian Kracht. Glaubt man den Meinungen vieler verschiedener Definitionen so ist nicht ganz klar, was denn die eigentlichen Merkmale der Popliteratur überhaupt sind. Es scheint fast so, als dient dieses Schubladendenken eher als eine Art Überbegriff bei dem ein exaktes definieren ausbleibt.3 In Metzlers Lexikon der Literatur wird auch die Vermutung dargestellt, dass die Popliteratur eine reine PR-Maßnahme ist, „durch die sich unterschiedlichste Texte zeitgemäß vermarkten lassen.“4 Diese Meinung würde zum einen Erklärung liefern, warum die unterschiedlichen Autoren mit ihren diversen Themengebieten stets in diese Strömung eingeordnet werden. Auf der anderen Seite, sehe ich bei diesem Schubladendenken jedoch das Problem der Glaubwürdigkeit. Die Popliteratur ist eine ernstzunehmende Gattung literarischer Texte und das nicht erst seit gestern, sondern seit mehreren Jahrzehnten. Und nur weil Autoren in ihren Werken die Konsum- und Medienkultur mit einbeziehen heißt das doch noch lange nicht, dass sie von eben dieser Maschinerie geführt werden. Das Ziel des Romans der Popliteratur ist es ganz einfach, den aktuellen Lebensstil einer Gesellschaftsgruppe und die Literatur zusammen unter einen Hut zu bringen.5

In Bezug auf Christian Krachts Roman Faserland, aber auch andere Werke wie beispielsweise Rave von Rainald Goetz lassen sich, trotz der wagen Definitionen, einige Merkmale der Neuen Deutschen Popliteratur herausarbeiten, die auf die meisten Werke dieser Gattung zutreffen. „Die Popliteratur arbeitet, vergleichbar mit den Techniken der amerikanischen Pop-Art, mit Elementen, Techniken und Mustern der Unterhaltungsliteratur wie Krimi, Western, Science-Fiction, Comic, bezieht Alltagstexte und vor allem die modernen Medien ein.“6 Bezeichnend für die Neue Deutsche Popliteratur sind außerdem die „Selbstdarstellung der (meist jungen) Autoren, Spontaneität, eine nur medial vermittelte, inszenierte Wirklichkeit, der Versuch [sowie] Effekte der Technokultur auf die Literatur zu übertragen.“7 Bei Krachts Roman fällt zum Beispiel die einfache Sprache auf, die der Erzähler verwendet. Die vorliegende Rollenprosa macht es für den Leser einfach alltagstauglich und leicht verdaulich, man hat keine Probleme bestimmte Satzstellungen oder Verschachtelungen zu verstehen. Selbst die Umgangssprache kommt im Faserland nicht zu kurz. Auffällig ist auch die schlichte Einteilung der Kapitel, die simpel von eins bis acht benannt wurden. Außerdem werden der aktuelle Lebensstil, die Mode und die Konsumgüter der aktuellen Generation in das Werk mit eingebunden. Zweifelsohne werden sowohl der Markenfetischismus als auch die Oberflächenästhetik im Werk sehr deutlich.

Der Begriff der Neuen Deutschen Popliteratur wird somit sofort mit Christian Krachts Roman Faserland in Verbindung gebracht. Er wird auch als Gründungsroman betrachtet.8

2. Neue Deutsche Popliteratur

Spricht man von der Neuen Deutschen Popliteratur bezieht man sich auf die 90er Jahre des 20.Jahrhunderts. „Für das Feuilleton war die Neue Deutsche Popliteratur der 1990er Jahre hauptsächlich ein Symptom der sogenannten Spaßgesellschaft.“9 Nicht nur literarisch sondern auch politisch und technisch hat sich in dieser Zeit viel getan. Das Ende des kalten Krieges und der Mauerfall in Deutschland waren wohl die politisch und geschichtlich bedeutendsten Ereignisse. Aber auch medial ist mit der Einführung der ersten Videorekorder und Computer nachwirkend und die Zukunft betrachtend in dieser Zeit viel passiert. Literarisch befand man sich in Deutschland zu diesem Zeitpunkt eher in einem kleinen Loch. Eine neue und junge Literatur wurde zwar gefordert, war aber zunächst nur im Ausland zu finden. Bekannte Werke aus dieser Zeit waren zum Beispiel Nick Hornby’s High Fidelity oder auch Irvine Welsh Roman Trainspotting. Beide Werke waren so erfolgreich, dass sie wenige Jahre später auch verfilmt wurden. In Deutschland hatte man sich zum Ziel genommen diese bekannten Romane sich zum Vorbild zu nehmen und ebenfalls lesbarer, unterhaltender und näher an der Realität zu schreiben. Jedoch wurden erst Mitte der 90er Jahre diese modernen Werke von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Bezeichnend für diese Zeit und wohl der Gründungsroman schlechthin war Christian Krachts Faserland. Der Schweizer Schriftsteller veröffentlichte seinen Debütroman im Jahr 1995. Der richtige Erfolg blieb trotzdem zunächst noch aus. Erst drei Jahre später, mit dem Erscheinen von Soloalbum, einem Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre, war die neue Literaturgattung so richtig erfolgreich. Klar ist jedenfalls, dass Popliteratur - betrachtet man die Erscheinungen, die diese Ära geprägt haben - nicht für die Masse bestimmt war - sondern eher an das junge Leserpublikum gerichtet wurde um mit einem Augenzwinkern die gebildete deutsche Leserschaft anzusprechen. Das Ende der Popliteratur ist auf das Jahr 2001 datiert.10 in diesem Jahr passierte das Unglück des 11.Septembers und auch Krachts Roman 1979, der sich um die islamische Welt dreht, erblickte das Licht der Welt. Interessant ist es natürlich allemal, dass Krachts Roman 1979 genau zu der Zeit auf den Markt kommt, als man sich in der Literatur dafür entschied ein gewisses Maß an Ernsthaftigkeit mit einfließen zu lassen. Emotional und thematisch wandte man sich ab diesem Zeitpunkt ernsteren Sachverhalten zu. Man kann also durchaus behaupten, dass Christian Kracht sowohl Gründer als auch derjenige war, der die Neuen Deutschen Popliteratur zu Ende führte. Ob gewollt oder ungewollt bleibt natürlich dahingestellt. Fakt ist eben, dass sich genau zu dieser Zeitspanne literarische Veränderungen auftaten, so dass man die Ereignisse des 11.Septembers als sinnvoll betrachtete, nun auch in der deutschen Literatur eine Grenze zu ziehen. „Die Zeiten der Oberflächlichkeiten, des Hedonismus und des Luxus“11 schienen nun endgültig ad acta gelegt. Unabdingbar ist natürlich auch, dass die scheinbar heile Welt der 90er Jahre durch den Terrorismus und die militärischen Konflikte erschüttert wurde und somit auch in den Köpfen der Leser ein Umdenken stattfand. „Mit dem Anschlag auf das World Trade Center waren die sechs glücklichen Jahre der Popkultur in Deutschland nur allzu schnell wieder beendet.“12 Der Verdienst der Neuen Deutschen Popliteratur war es natürlich, dass die deutsche Literatur nach langer Zeit mal wieder internationalen Erfolg einstreichen konnte. Außerdem konnte man eine junge Leserschaft wieder dazu gewinnen, wieder Bücher zu lesen und eindrucksvoll demonstrieren, dass es „in Deutschland wohl zum ersten Mal gelungen [ist], eine Literatur zu etablieren, die sich von den Ansprüchen moralisch- politischer Sinnstiftung frei machen konnte.“13 Die Neue Deutsche Popliteratur ist zudem ein Begriff den die berühmten Autoren nie selbst verwendet haben. Hierfür waren alleine die Literaturkritiker verantwortlich.

„Kaum ein Roman ist nach Erscheinen so häufig und übrigens überwiegend negativ besprochen und zugleich sofort als etwas Neues erkannt und durch eine breite Rezeption gewürgt worden.“14

2.1 Kennzeichen der Neuen Deutschen Popliteratur

Die Kernaussagen und die Absichten die hinter der Neuen Deutschen Popliteratur stecken ähneln sehr stark denen des Adoleszenzromans.15 Wie der Name bereits vermuten lässt geht es in dieser Art von Literatur um die Jugend. Es handelt sich meist um Erlebnisse und das Erwachsenwerden einer Person in seiner Adoleszenz, also bis Ende zwanzig. Hauptthemen sind hierbei die Suche nach dem Sinn und der Identität. Aber auch Erfahrungen, die der Protagonist in schweren Zeiten und Krisen durchgemacht hat, bilden Kernpunkte. Die dargestellte Person befindet sich stets zwischen einer gewissen Hoffnungslosigkeit, einer zerrissenen Innen- und Außenwelt und dem Austesten neuer Möglichkeiten.16 Aus den einzelnen Werken der Popliteratur ergeben sich einige Beobachtungsmuster, die dem postmodernen Adoleszenzroman sehr nahe kommen. Viele Merkmale und Kriterien treffen wohl auf die meisten Werke der Neuen Deutschen Popliteratur zu. Das Jugendbild zum Beispiel ist in sich widersprüchlich. Auf der einen Seite sieht man stets die Hoffnung, während andererseits auch eine gewisse Gefahr im Vordergrund steht. Auch dient die Adoleszenz als Leitbild und Lebenseinstellung in den Romanen. Aber auch formal und strukturell lassen sich weitere Merkmale analysieren. Als Erzählperspektive haben wir einen Ich-Erzähler, der sich in einer Großstadt aufhält. Die Zeitdauer der Erzählung ist relativ knapp und umfasst meist nur einige Wochen oder Monate. Im Handlungsaufbau lässt sich erkennen, dass der Fokus stark auf den Bewusstseinszustand des Erzählers gerichtet ist. Die äußere Handlung ist eher zweitrangig und beliebig. Desweiteren ist das offene Ende der Romane bezeichnend. Der Autor selbst dient meist nur als Beobachter des Geschehens, der Kritik, falls er sie überhaupt äußert, nur über Ironie oder Übertreibung deutlich werden lässt. Auch anhand der Sprache lassen sich Romane der Neuen Deutschen Popliteratur zur Adoleszenz zuordnen. Die Jugendsprache oder auch der Alltagsjargon sind kennzeichnend für die Jugendhaftigkeit. Mit einer eigenen Sprache oder bestimmten Begrifflichkeiten will man sich von der Welt der Erwachsenen abgrenzen. Der Held selbst wird meist in einer Außenseiterposition dargestellt, das bedeutet im Gegensatz zu den anderen Charakteren der Erzählung hat er eine Distanz und pflegt einen etwas anderen Lebensstil. Dennoch weißt er Charaktereigenschaften wie etwa Ironie, Humor, Desorientierung und Zynismus auf. Auch die Sexualität und Liebe spielt in den meisten Romanen eine zentrale und wichtige Rolle. Sex wird jedoch nur als Beschäftigung, Ablenkung und Spaß angesehen. Vielmehr steht die Selbstentfaltung und Unabhängigkeit des eigenen Lebens im Vordergrund. Ziel ist es, das Leben zu genießen. Religion und Politik hingegen finden wenig Anklang und spielen wohl eher eine untergeordnete Rolle. Mit anderen Worten will man seine eigenen Werte bestimmen und selbst definieren was wichtig ist. Von den Arbeitsfeld und Tätigkeitsbereichen der Protagonisten ist oft nur wenig bekannt. Arbeitsstellen oder Einrichtungen wie beispielsweise die Universität dienen lediglich als Treffpunkt, da Vorgesetzte oder Lehrer als albern und lächerlich dargestellt werden, weil diese aus einer anderen Generation stammen und nicht dieselben Ideale verfolgen sondern eher altmodisch denken. Als letzten Punkt sind dann noch die Konsumgüter anzuführen. Die Medien, wie Film und Musik spielen eine wichtige Rolle und sind allgegenwärtig. Das Einnehmen von Drogen wird ebenfalls als selbstverständlich angesehen und gehört dazu, wie das Salz in der Suppe. Warum die Akteure zu Drogen greifen ist ganz einfach: sie sehen es als Nervenkitzel, wollen dazu gehören und „cool“ sein oder versuchen dadurch von Problemen und dem Alltag zu fliehen.17

3. Christian Kracht - Faserland

Wie bereits erwähnt ist Christian Krachts Roman Faserland, welcher im Jahr 1995 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, ein bezeichnendes Werk der Neuen Deutschen Popliteratur. Sehr häufig wird Faserland als erstes Buch, praktisch als Gründungsroman dieser Strömung betitelt. Die Literaturkritiker der 90er Jahre sehen den Roman „als treffendes Zeugnis der Lebenswelt der heute 20- bis 30jährigen einerseits, als plattes Zeitgeist-Gerede andererseits[…]“18, jedoch wird er auch wegen „seiner verzweifelnden Sinnleere [..] und schnöseligen Hochnäsigkeit“19 durchaus kritisiert. Christian Kracht selbst ist in der Schweiz geboren und war 28 Jahre alt als der Roman auf dem Markt kam. Umso erstaunlicher ist es deshalb, dass die Hauptfigur im Roman selbst ein Deutscher ist. „Während wir aus der Stadt herausfahren, redet der Taxifahrer über die Steuern, und da er aus Tessin kommt, merkt er nicht, daß ich kein Schweizer bin.“20 Zum Ende seiner Reise erreicht er aber schließlich die Schweiz und schildert, dass das Land doch eigentlich viel besser ist als das triste Deutschland, „in dem alles nicht so schlimm ist […] Die Menschen sind auch auf eine ganz bestimmte Art attraktiver […] Alles erscheint mir hier ehrlicher und klarer und vor allem offensichtlicher. Vielleicht ist die Schweiz ja eine Lösung für alles.“21

[...]


1 Vgl. Burdorf, Dieter (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur S.598

2 Vgl. Burdorf, Dieter (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur S.598

3 Vgl. Ernst, Thomas: Popliteratur S.6

4 Vgl. Burdorf, Dieter (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur S.599

5 Vgl. Internetquelle a)

6 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie S.745

7 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie S.745

8 Vgl. Baßler, Moritz: Der deutsche Pop-Roman: Die neuen Archivisten S.110

9 Vgl. Degler, Frank, Paulokat, Ute: Neue Deutsche Popliteratur S.114

10 Vgl. Degler, Frank, Paulokat, Ute: Neue Deutsche Popliteratur S.7-9

11 Vgl. Degler, Frank, Paulokat, Ute: Neue Deutsche Popliteratur S.114,

12 Vgl. Degler, Frank, Paulokat, Ute: Neue Deutsche Popliteratur S.115

13 Vgl. Degler, Frank, Paulokat, Ute: Neue Deutsche Popliteratur S.115

14 Vgl. Internetquelle b)

15 Vgl. Degler, Frank, Paulokat, Ute: Neue Deutsche Popliteratur S.9

16 Vgl. Internetquelle c)

17 Vgl. Wagner, Annette: Postmoderne im Adoleszenzroman der Gegenwart S.421-429

18 Vgl. Internetquelle d)

19 Vgl. Internetquelle e)

20 Vgl. Kracht, Christian: Faserland S.154

21 Vgl. Kracht, Christian: Faserland S.151

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Warum kann "Faserland" als Gründungsroman der Neuen Deutschen Popliteratur angesehen werden?
Untertitel
Oberflächenästhetik und Markenfetischismus
Hochschule
Universität Regensburg
Note
3
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V367231
ISBN (eBook)
9783668458666
ISBN (Buch)
9783668458673
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
warum, faserland, gründungsroman, neuen, deutschen, popliteratur, oberflächenästhetik, markenfetischismus
Arbeit zitieren
Peter Rackl (Autor), 2014, Warum kann "Faserland" als Gründungsroman der Neuen Deutschen Popliteratur angesehen werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367231

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