Wie wirkt sich der demographische Wandel auf die politische Steuerungsfähigkeit der kommunalen Ebene im ländlichen Raum aus?

Eine Fallanalyse der Verbandsgemeinde Prüm


Hausarbeit, 2016
28 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Governance im Kontext lokaler Politik
2.1 Die „Drei Welten demokratischen Handelns“ und die „holder“-Typen

3 Allgemeine Ausgangsituation des demographischen Wandels in Deutschland
3.1 Die Ausgangssituation der Verbandsgemeinde Prüm
3.2 Fallanalyse der VG-Prüm

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

1 Einleitung

Obwohl der demographische Wandel bereits sehr häufig und umfangreich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen thematisiert wurde, birgt er noch jede Menge Grundlagen für weitere Beschäftigungen. Besonders spannend erscheint hierbei die nähere Untersuchung dessen, wie die kommunale Ebene mit den Folgen des demographischen Wandels tagtäglich umzugehen vermag. Aus der vielfältigen Governance-Literatur wird sichtbar, dass eine hierarchische Steuerung der Politik hierzulande nicht ohne weiteres identifizierbar ist. Vor allem Kommunen, mit eingeschränkten Kompetenzen und Möglichkeiten, können keine Politik im Sinne hierarchischer Steuerung vollziehen. Im Sinne der Governance-Konzeption stehen stattdessen Verhandlungs- und Aushandlungsmodi zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren über verschiedene politische Ebenen hinweg im Vordergrund. Des Weiteren lassen sich einige Unterschiede zwischen Politik im ländlichen und städtischen Raum differenzieren. Beispielsweise leiden viele ländliche Räume deutlich stärker unter den Folgen des demographischen Wandels oder sie sind in struktureller Weise schwächer als städtische Gebiete. Umso relevanter ist also die Frage, wie die Politik, wie die ländlichen Kommunen mit den komplexen und vielschichtigen Konsequenzen des demographischen Wandels umgehen. Die Frage dieser Hausarbeit lautet daher: Wie wirkt sich der demographische Wandel auf die politische Steuerungsfähigkeit der kommunalen Ebene im ländlichen Raum aus? Um diese Frage angemessen beantworten zu können wird diese Arbeit in mehrere Teile gegliedert. Zu Beginn sollen einige theoretische Erläuterungen zur Governance-Konzeption im Kontext lokaler Politik erbracht werden. Anschließend werden Ausgangssituation und Probleme der kommunalen Ebene des ländlichen Raums im Zuge des demographischen Wandel beschrieben. Neben statistischen Kennziffern sollen auch Akteure, Institutionen und Instrumente der kommunalen Ebene behandelt werden. Außerdem soll erläutert werden, inwiefern der demographische Wandel über Charakteristika einer Querschnittsaufgabe verfügt und inwiefern sich dies auf die Handlungsorientierung der kommunalen Ebene auswirkt. Um die Ausgangsfrage zu bearbeiten wird anhand des Fallbeispiels der Verbandsgemeinde Prüm[1] in Rheinland-Pfalz eine Analyse entlang der oben genannten Punkte vorgenommen. Neben der Nutzung von Sekundärliteratur können durch die Beantwortung eines offenen Fragekatalogs durch den Verbandsbürgermeister, auch Primärdaten genutzt werden. Darüber hinaus werden Daten des Statistischen Landesamtes Rheinland-Pfalz genutzt, um die demographische Verfassung der VG Prüm festzustellen. Abschließend werden die zentralen Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst, sowie eine Antwort auf die Ausgangsfrage gegeben.

2 Governance im Kontext lokaler Politik

Im nun folgenden Abschnitt sollen die theoretischen Grundlagen für die weiteren Überlegungen des empirischen Teils beschrieben werden. Im Fokus der Ausführungen steht die Governance-Konzeption im Kontext lokaler Politik. Da sich diese Hausarbeit explizit mit einem Fallbeispiel kommunaler Politik befasst, sollen auch Überlegungen zu local Governance höheres Gewicht zugesprochen bekommen, als etwa Erläuterungen zu regional Governance.

Zunächst ist es hilfreich den Begriff „Governance“ selbst zu definieren. Schließlich ist dieses sozialwissenschaftliche Konzept nicht frei von Kritik. Claus Offe etwa bemängelt den inflationären Gebrauch und somit die fehlende inhaltliche Trennschärfe des Konzeptes.[2] Eine gewisse Konjunktur dieses Konzeptes kann sicherlich nicht bestritten werden. Dennoch sind einige Kernelemente der Governance-Konzeption zu identifizieren. Zu den Kernelementen zählt zum Beispiel die Herbeiführung und Umsetzung verbindlicher Entscheidungen auf Basis von Verhandlungen.[3] Ferner zählt die Interaktion privater und öffentlicher Akteure sowie deren Verständigung über Problemdefinitionen und Handlungsziele zu den Kernelementen.[4] Schließlich wird die traditionelle Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, wie sie von der politischen Theorie betont wird, aufgehoben und stattdessen wird das „policy-making“ in die Gesellschaft hinein ausgedehnt, weil es nicht mehr an den Staat oder regierungszentrierte Strukturen des politischen Systems gebunden ist.[5]

Gemäß Arthur Benz umfasst Governance Tätigkeiten des Regierens, Steuerns, Koordinierens und darüber hinaus auch die jeweilige Art und Weise jener Tätigkeiten.[6] Er beschreibt außerdem, dass Staat, Markt und soziale Netzwerke als institutionelle Regelungsmechanismen verstanden werden, die in variabler Weise genutzt werden.[7] Der Blickpunkt gilt der Steuerungs- und Koordinationsfunktion dieser institutionellen Strukturen, in denen Formen von Hierarchie, Wettbewerb und Verhandlung verbunden sein können.[8]

Mit Blick auf Governance im Kontext lokaler Politik wird deutlich, dass auch verschiedene politische Ebenen (EU, Bund, Land, Kommunen) in Form des Multilevel-Governance-Ansatzes Beachtung finden. Multilevel-Governance umfasst politische Strukturen und Prozesse, die transnationale, nationale und regionale Institutionen verbinden, aber auch Zusammenhänge vertikaler und horizontaler Interdependenzen zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren beschreibt.[9] Eine genauere Definition des Multilevel-Governance-Ansatzes, welche maßgeblich durch die beiden Wissenschaftler Gary Marks und Liesbet Hooghe entwickelt wurde, enthält folgende Merkmale: Multilevel-Governance im Mehrebenensystem umfasst ein politisches System, in dem Kompetenzen und Ressourcen auf verschiedenen Ebenen verteilt sind. Die territorialen Einheiten interagieren in vertikaler und horizontaler Art.[10] Zwischen den Ebenen herrscht eine Politikverflechtung, in der nicht nur staatliche, sondern auch nicht-staatliche Akteure beteiligt sind, wodurch hierarchische Steuerung der oberen über die unteren Ebenen durch intragouvermentale Verhandlungssysteme ersetzt werden.[11]

Das Verständnis des Multilevel-Governance-Ansatzes hilft, zu verstehen, warum Kommunen in einer bestimmten Art und Weise mit den Folgen des demographischen Wandels umgehen, zumal der demographische Wandel selbst ein ebenen- und sektorübergreifendes Thema darstellt. Für die spätere Analyse des Fallbeispiel zur Beantwortung der Frage, wie sich der demographische Wandel auf die politische Steuerungsfähigkeit der kommunalen Ebene im ländlichen Raum auswirkt, sollen nun spezifische Ausführungen über local Governance vorgenommen werden.

Das Governance-Konzept liefert einen analytischen Rahmen, der relevanten Kombinationen aus Hierarchie, Verhandlungen und privater Selbststeuerung und schließt darüber hinaus informelle Interaktionen zwischen staatlichen, kommunalen und gesellschaftlichen Akteuren mit ein.[12] Im Rahmen der lokalen Politikforschung wurde deutlich, dass neben den Netzwerken und Verhandlungen zwischen Regierungen, Verwaltungen und organisierten Interessengruppen auch engagierte Bürger der Zivilgesellschaft von hoher Relevanz sind.[13] Im Folgenden soll ein Verständnis von lokaler Politik erzeugt werden, dass über die staatsrechtlich gedachte Kommunalpolitik hinausgeht.[14] Eine Besonderheit dieses Verständnisses ist, dass einige Aspekte in der lokalen Politikforschung bereits thematisiert wurden, bevor der Governance Begriff seine heutige Konjunktur erreichte.[15] Dazu zählen Interaktionen zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, die verbindliche Handlungskoordination auf der Grundlage von Verhandlungen und gegenseitigem Interessenausgleich, Bedeutung und Verständigung über gemeinsame Problemdefinitionen und Handlungsziele, Ausweitung der Sphäre des Politischen in die (Stadt- oder Gemeinde-)Gesellschaft hinein, sowie über Wahlen hinausgehende Formen von Partizipation.[16] Die Bedeutung der kommunalen Ebene ergibt sich aus vielerlei Gründen. Ein besonders wichtiger Grund ist, dass Kommunen eine bedeutende Implementationseinheit darstellen, um unterschiedliche Formen politischer Maßnahmen auch umzusetzen. Nun könnten auch verwaltungswissenschaftliche Themen angeschnitten werden, was angesichts des Rahmens einer Hausarbeit jedoch nicht möglich ist. Stattdessen soll betont sein, dass gerade durch die Implementationsforschung auf lokaler Ebene Probleme politischer Steuerung sichtbar wurden, was auch für die Entwicklung der Governance-Konzeption von Bedeutung war.[17] Diese Probleme äußerten sich in der zielkonformen Durch- bzw. Umsetzung von Politikinhalten, der Motivation und Folgebereitschaft von Adressaten und des Wissens über steuerungsrelevanter Wirkungszusammenhänge.[18] Ein ganz entscheidender Punkt, der im Konzept des local Governance berücksichtigt wird, sind lokale Beteiligungsformen zivilgesellschaftlicher Akteure.[19] Gerade in Bezug zum demographischen Wandel stellt die Partizipation von Bürgern einen Eckpfeiler zur Bewältigung der Konsequenzen dar.

2.1 Die „Drei Welten demokratischen Handelns“ und die „holder“-Typen

Um das Fallbeispiel an späterer Stelle angemessen analysieren zu können, sollen nun noch einige weitere Aspekte demokratischen Handelns erläutert werden. Zunächst sind Verhandeln und Argumentieren zentrale Modi der Handlungskoordination zwischen den privaten und öffentlichen Akteuren und zwischen verschiedenen Ebenen.[20] Diese Modi lassen sich in ein Governance-Arrangement formieren, welche drei unterschiedliche „governing order“ enthalten und maßgeblich durch Jan Kooiman entwickelt wurde.[21] Diese drei „governing order“ sind „meta governing“, second order governing“ und „first order governing“ und können auch in die „Drei Welten demokratischen Handelns“ zusammengefasst werden.“[22] „Meta-governing beschreibt die Bildung von allgemeinen oder policy-spezifischen handlungsleitenden Orientierungen.[23] Die Leitbilder und Paradigmen des „meta-governing“ berühren außerdem bestimmte sprachliche Kodierungen, was in Bezug zum demographischen Wandel, die permanente Problematisierung und Beschwörung der Herausforderungen sein könnte. Der Modus der Handlungskoordination im „meta governing“, womit also gewisse Leitbilder erfüllt werden sollen, ist das Argumentieren.[24] Das Governance-Arrangement wird durch das „second order governing“ ergänzt. Hier sollen durch Institutionen und Politikinhalte Effektivität und Legitimität in den Modi des Argumentierens und Verhandelns erreicht werden.[25] Die Politikinhalte wiederum sind durch die Paradigmen des „meta governing“ beeinflusst.[26] Schließlich wird das Governance-Arrangement durch das „first order governing“ komplettiert. Demnach sollen durch Aktion und Umsetzung die Politikinhalte, die im „second order governing“ beschrieben werden, durch Hierarchie, Argumentieren und Verhandeln effektiv erreicht werden.[27] Die drei „governing orders“ stehen in gegenseitiger Wechselwirkung zueinander und bieten eine gute Erklärungsgrundlage für die Erörterung der Ausgangsfrage. Denn durch die Anwendung der „Drei Welten demokratischen Handelns“ auf die Frage, wie sich der demographische Wandel auf die Steuerungsfähigkeit der kommunalen Ebene im ländlichen Raum auswirkt, kann eine hohe analytische Trennschärfe erreicht werden. Weil bereits erwähnt wurde, dass sich Governance auf lokaler Ebene sehr über die Einbindung engagierter zivilgesellschaftlicher Akteure definiert, wird das oben beschriebene Governance-Modell der „governing orders“, noch durch die „holder“-Kategorien nach Phillipe Schmitter ergänzt. Um die Ausgangsfrage möglichst präzise bearbeiten zu können, werden nur die für die Analyse relevanten „Holder“-Typen erläutert.

Dies sind „spatial holder“ als die Bewohner eines bestimmten Gebietes, die „ stake holder“ als die Betroffenen, die „interest holder“ also die interessierte Öffentlichkeit, die „knowledge holder“ also jene die über spezifisches Wissen verfügen, sowie die „status holder“, üblicherweise Organisationen die über Akzeptanz und Relevanz verfügen.[28] Diese Unterscheidungen sind für die Analyse dieser Arbeit aus zweierlei Gründen von Bedeutung. Zum einen kann das oben beschriebene Governance-Arrangement der „drei Welten demokratischen Handelns“ differenzierter genutzt werden. Zum anderen können Effektivität und Legitimität von politischen Entscheidungsprozessen, in diesem Fall mit Bezugnahme zum demographischen Wandel auf kommunaler Ebene, in Beziehung zu der Beteiligung der „holder“-Kategorien gesetzt werden. Somit kann die Frage nach den Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Steuerungsfähigkeit der kommunalen Ebene sehr differenziert geklärt werden.

3 Allgemeine Ausgangsituation des demographischen Wandels in Deutschland

Als nächstes werden in einem empirischen Teil zunächst die demographische Ausgangssituation inklusive Prognosen und die daraus resultierenden politischen Probleme der kommunalen Ebene erläutert. Zu benennen sind etwa die Komplexität der Aufgaben, drohende Überlastung, strukturelle Veränderungen der Bevölkerung oder der Umstand, dass die meisten Kommunen mit steigenden Ausgaben und sinkenden Einnahmen zu Recht kommen müssen. Außerdem werden Akteure benannt, institutionelle Einordnungen unternommen und kommunale Aufgaben, Kompetenzen und Instrumente beschrieben. In einem weiteren Abschnitt soll der Charakter des demographischen Wandels als Querschnittsaufgabe betont werden, wozu etwa die Erfordernisse sektorübergreifender Maßnahmen und ebenenübergreifender Handlungen gemeint sind. Schließlich werden Handlungsorientierungen in wettbewerbsorientiert und kooperativ beschrieben und erläutert, inwiefern diese Einfluss auf interkommunale Zusammenarbeit haben.

Die allgemeine Ausgangssituation der Kommunen in Deutschland in Bezug zum demographischen Wandel ist gar nicht so eindeutig, wie man meinen könnte. Dieser gewagte Befund basiert auf zwei sehr unterschiedlichen Entwicklungen. Zum einen besagt die konventionelle Sichtweise, dass die Menschen in Deutschland immer älter werden, dass es sinkende Geburtenraten gibt und somit die Bevölkerung insgesamt schrumpfen wird.[29] Nach dieser gängigen Sichtweise sind die Veränderungen also derartig massiv, weshalb viel Energie in die Bewältigung der Konsequenzen des Bevölkerungsrückgangs, der Migration und Verschiebung der Altersstruktur investiert werden muss.[30] Weitere Folgen des demographischen Wandels sind Einschränkungen kommunaler Handlungsmöglichkeiten durch sinkende Steuereinnahmen, Veränderung der Lebensgewohnheiten und somit andere Nachfragen nach Dienstleistungen, Versorgungsengpässen von Gesundheit und Schulen besonders im ländlichen Raum sowie ein Mangel und Wettbewerb um Fachkräfte.[31] Durch diese Aspekte kann die Aufrechterhaltung des heutigen Niveaus von Infrastruktur, öffentlicher Daseinsfürsorge und sozialer Sicherungssysteme bezweifelt werden.[32] Daher wird das Management der infrastrukturellen Schrumpfung in einigen Gebieten beziehungsweise die planerische Fokussierung auf Bestandsentwicklung, Stabilisierung, Rückbau und zunehmende multifunktional ausgerichtete Infrastruktur an Bedeutung gewinnen.[33] Diese erste Sichtweise stellt auch den Rahmen dieser Hausarbeit dar. Doch es gibt auch eine zweite Sichtweise, die der ersten diametral gegenübersteht. Hiermit sind die großen Flüchtlingsströme aus Kriegs- und Armutsgebieten gemeint, die im Jahr 2015 nach Deutschland kamen. Die Schätzungen der Flüchtlingszahlen schwanken zwar sehr stark zwischen 0,8 Millionen und 1,5 Millionen Menschen[34], doch sie übertreffen in jedem Fall einen kompletten Jahrgang von Neugeborenen in Deutschland für das Jahr 2015, dessen Zahl bei 694.000 liegt.[35] Nun werden sämtliche Bevölkerungsprognosen auf die Probe gestellt, weil man schlicht nicht voraussagen kann, wie viele weitere Flüchtlinge noch kommen und bleiben werden. Schließlich sind seriöse Aussagen über Familiennachzug oder die Weiterentwicklung der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten kaum möglich. Jedoch könnte man die These aufstellen, dass durch die massive Zuwanderung die Bevölkerungsstruktur anders ausfallen könnte, als bislang angenommen. Erstens sind die meisten Zuwanderer jünger als der aktuelle Altersdurchschnitt der Deutschen von 46,2 Jahren[36] und zweitens kann ein konstantes Niveau der Bevölkerungsanzahl, wenn nicht sogar ein leichtes Wachstum, erreicht werden. Diese Entwicklungen wiederum erschweren es den Kommunen zusätzlich angemessen auf den demographischen Wandel zu reagieren. Diese spannenden gegensätzlichen Entwicklungen beschäftigt die Wissenschaft sicherlich auch in naher Zukunft noch intensiver.

Neben diesen beiden Entwicklungen lassen sich außerdem regionale Disparitäten identifizieren, wodurch zwischen Gewinner- und Verliererregionen unterschieden werden kann.[37] Diese Disparitäten entstehen durch unterschiedliche Geburtenraten und Wanderungsbewegungen zwischen den Kommunen.[38] Verliererregionen zeichnen sich durch einen Bevölkerungsrückgang und durch eine Alterung der Gesellschaft aus. Die Gewinnerregionen hingegen zeichnen sich durch Binnenmigration, höhere Geburtenraten und damit auch durch einen potentiellen Bevölkerungszuwachs sowie durch eine jüngere Altersstruktur aus. Zudem lassen sich Tendenzen beobachten, dass nur jene Orte gefördert werden, die sich robust und positiv gegenüber dem demographischen Wandel behaupten können.[39] Beispielhaft für den Typus der Verliererregion können viele ostdeutsche Gebiete zählen, wo bereits heute negative Folgen des demographischen Wandels sichtbar sind.[40] Zu diesen bereits heute sichtbaren Folgen in Ostdeutschland, aber auch in anderen strukturschwachen Gebieten zählen Leerstände in Ortskernen, rückläufige Anmeldungen in Kindergärten und Schulen sowie eine relative Kostensteigerung durch gleichbleibende Kosten bei Unterauslastung der Infrastruktur.[41] Wegen diesen Tendenzen müssen die Konzepte zur Bewältigung der oben beschriebenen Folgen deutlich kleinräumiger, rationalisierter und spezifischer sein, um Erfolg zu versprechen.[42]

Entsprechend der Unterscheidung der Regionen lassen sich auch verschiedene Handlungsorientierungen ausmachen. So können Kommunen in einer Gewinnerregion wettbewerbs- und wachstumsorientiert sein, während Kommunen in einer Verliererregion eher kooperativ ausgerichtet sind.[43] Unabhängig, ob eine Region unter dem demographischen Wandel leidet oder profitiert, sind alle Kommunen gezwungen in einen Wettbewerb um Einwohner, Standortattraktivität sowie um gute Arbeitsmöglichkeiten zu treten.[44]

Und obwohl unterschiedliche Handlungsorientierungen existieren, ist interkommunale Kooperation nicht nur notwendig, sondern auch sachlich sinnvoll. So können Gemeindezusammenschlüsse oder enge Abstimmungen zwischen Kommunen helfen die komplexen Aufgaben des demographischen Wandels zu bewältigen.[45] Anzumerken ist, dass die Kommunen in Deutschland in den vergangenen Jahren bereits große Reformleistungen vollbracht haben. Dennoch müssen weitere Anstrengungen unternommen werden, um die Folgen des demographischen Wandels zu bewältigen. Hierzu zählen beispielsweise die umstrittenen „Public-Private-Partnerships“ als Lösung zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur in Fällen wo Kommunen finanziell überlastet sind.[46]

Wie bereits angedeutet, muss der demographische Wandel als Querschnittsaufgabe aufgefasst werden, in derem Zentrum ebenen- und sektorübergreifende Handlungen stehen, die beispielsweise Maßnahmen für Infrastruktur, Bau- und Planung, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Kinderbetreuung, Bildung sowie Pflege enthalten.[47] Dies spiegelt sich auch im Beschluss der Bundesregierung von 2009 zur Demographiestrategie wieder, da hier eine Betonung auf interministerielle Zusammenarbeit gelegt wurde.[48] Jene Demographiestrategie der Bundesregierung soll politisches Handeln auf das Ziel hin auslegen, demographische Prozesse zu beeinflussen, oder zu verwalten, beziehungsweise zu kanalisieren.[49] Unter den demographischen Prozessen können Zu- und Abwanderung, die Geburtenentwicklung, die Alterung und die Schrumpfung der Gesellschaft verstanden werden. Ein weiterer Beleg für das Verständnis des Querschnittscharakters ist, dass auch die Bundesländer eigene Demographiestrategien entwickelt haben, die wiederum eigene Akzente und Schwerpunkte setzen. Inwiefern hier Doppelstrukturen und Mehrkosten durch fehlende Synergien entstehen, kann an dieser Stelle jedoch nicht abschließend beantwortet werden.

3.1 Die Ausgangssituation der Verbandsgemeinde Prüm

Als nächstes sollen institutionelle Betrachtungen vorgenommen werden, um anschließend Akteure und Instrumente der Verbandsgemeinde Prüm zu benennen. Danach wird die spezifische demographische Situation des Fallbeispiels der Verbandsgemeinde Prüm beschrieben.

Innerhalb der institutionellen Rahmenbedingungen der Kommunen gibt es einige nennenswerte Aspekte. Die wichtigsten Aufgaben einer Kommune sind demnach Straßenbau, Verkehrswesen, öffentliche Sicherheit, wie Feuerschutz, Sozialhilfe, Bildung und Kultur, Versorgung, Wohnungswesen, Gesundheits- und Jugendpflege.[50] Im Zusammenhang mit der Erfüllung dieser Aufgaben ist das Subsidiaritätsrecht nach Art. 28 Abs. 2 GG der Kommunen zu beachten, wonach sie eigenständig und unabhängig über Personal, Organisation, Planung, Rechtsetzung, Finanzen und Steuererhebung verfügen dürfen.[51] Um die Selbstständigkeit überhaupt ausüben zu können, besitzen die Gemeinden unterschiedliche Einnahmequellen. Zu den steuerlichen Einnahmen gehören Gewerbesteuer, Grundsteuer, Anteile an der Einkommensteuer sowie die Vergnügungssteuer.[52] Weitere Einnahmen sind Gebühren für Kanalisation, Marktstände, Friedhöfe, Müllabfuhr oder Straßenreinigung, Beiträge für Erschließungen bei Straßenbauten, Beleuchtungen, Bürgersteige oder Kabelanschlüsse sowie Zuschüsse von Bund und Ländern, etwa für Schulbauten, Sportanlagen oder Kultur.[53] Die meisten Ausgaben wiederum verteilen sich auf Personal, Sachinvestitionen, Sachaufwände und soziale Leistungen.[54] Die Kommunalverfassungen unterscheiden sich in Deutschland je nach Bundesländern. Für die Verbandsgemeinde Prüm allerdings gilt die Süddeutsche Ratsverfassung.

[...]


[1] Im Folgenden als VG-Prüm abgekürzt.

[2] Vgl. Offe, Claus, Governance- „Empty signifier“ oder sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm?, in: Schuppert, Gunnar, Zürn, Michael, (Hrsg.) in, PVS, Sonderheft 41, S. 61-76

[3] Vgl. Heinelt, Hubert, Demokratie jenseits des Staates, Nomos-Verlag,Baden-Baden, 2008, S.11

[4] Vgl. ebd., S.11

[5] Vgl. ebd., S. 11

[6] Vgl. Benz, Arthur, Einleitung: Governance- Modebegriff oder nützliches sozialwissenschaftliches Konzept?, in Benz, Arthur (Hrsg.) Governance- Regieren in komplexen Regelsystemen, VS-Verlag, Wiesbaden, 2004, S. 15

[7] Vgl. Benz, Arthur, Einleitung: Governance- Modebegriff oder nützliches sozialwissenschaftliches Konzept?, in Benz, Arthur (Hrsg.) Governance- Regieren in komplexen Regelsystemen, VS-Verlag, Wiesbaden, 2004, S. 20

[8] Vgl. ebd., S. 20

[9] Vgl. ebd., S. 20

[10] Vgl. Benz, Arthur, Politik im Mehrebenesystem, VS-Verlag, Baden-Baden, 2009, S. S. 17

[11] Vgl. ebd., S. 17-18

[12] Vgl. Benz, Arthur, Einleitung: Governance- Modebegriff oder nützliches sozialwissenschaftliches Konzept?, in Benz, Arthur (Hrsg.) Governance- Regieren in komplexen Regelsystemen, VS-Verlag, Wiesbaden, 2004, S. 22

[13] Vgl. ebd., S. 22

[14] Vgl. Heinelt, Hubert, Governance auf lokaler Ebene, in: Benz, Arthur (Hrsg.) Governance- Regieren in komplexen Regelsystemen, VS-Verlag, Wiesbaden, 2004, S. 21

[15] Vgl. ebd., S.31

[16] Vgl. ebd., S. 31

[17] Vgl. ebd., S. 33

[18] Vgl. ebd., S. 33

[19] Vgl. ebd., S. 40-42

[20] Vgl. Heinelt, Hubert, Demokratie jenseits des Staates, Nomos-Verlag,Baden-Baden, 2008, S. 40-42

[21] Vgl. ebd., S.44-51

[22] Vgl. ebd., S. 44-51

[23] Vgl. ebd., S. 45-46

[24] Vgl. ebd., S. 45-46

[25] Vgl. ebd., S.44-51

[26] Vgl. ebd., S. 44-51

[27] Vgl. ebd., S. 44-51

[28] Vgl. Heinelt, Hubert, Demokratie jenseits des Staates, Nomos-Verlag,Baden-Baden, 2008, S. 53-54

[29] Vgl. Statistisches Bundesamt, 2015, Wiesbaden, https://www.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2015, zuletzt abgerufen am 27.12.2015

[30] Vgl. Köppen, Bernhard, Kommunen und demografischer Wandel in Deutschland-regionale Muster, in: Lokale Politikforschung heute, Heinelt, Hubert, Vetter, Angelika (Hrsg.), 2008, VS-Verlag, Wiesbaden, S. 274

[31] Vgl. ebd., S. 275-276

[32] Vgl. ebd., S. 274

[33] Vgl. ebd., S. 279

[34] Vgl.Meiritz, Annett, Neue Flüchtlingszahlen: Die Million-Prognose, Spiegel-Online, 05.10.2015, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlingszahlen-die-unberechenbare-millionen-prognose-a-1056174.html, zuletzt abgerufen am 27.12.2015

[35] Vgl. Statistisches Bundesamt, 2015, Wiesbaden, https://www.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2015, zuletzt abgerufen am 27.12.2015

[36] Vgl. Statista, http://de.statista.com/statistik/daten/studie/37220/umfrage/altersmedian-der-bevoelkerung-in-ausgewaehlten-laendern/, zuletzt abgerufen am 27.12.2015

[37] Vgl. Köppen, Bernhard, Kommunen und demografischer Wandel in Deutschland-regionale Muster, in: Lokale Politikforschung heute, Heinelt, Hubert, Vetter, Angelika (Hrsg.), 2008, VS-Verlag, Wiesbaden, S. 278-279

[38] Vgl. Sacrinelli, Ulrich, Stopper, Jochen, Demographischer Wandel und Kommunalpolitik, 2006, APuZ, Kommunen im Wandel, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 3-6

[39] Vgl. Köppen, Bernhard, Kommunen und demografischer Wandel in Deutschland-regionale Muster, in: Lokale Politikforschung heute, Heinelt, Hubert, Vetter, Angelika (Hrsg.), 2008, VS-Verlag, Wiesbaden, S. 278-279

[40] Vgl. ebd., S. 271

[41] Vgl. Sacrinelli, Ulrich, Stopper, Jochen, Demographischer Wandel und Kommunalpolitik, 2006, APuZ, Komunnen im Wandel, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 6

[42] Vgl. Köppen, Bernhard, Kommunen und demografischer Wandel in Deutschland-regionale Muster, in: Lokale Politikforschung heute, Heinelt, Hubert, Vetter, Angelika (Hrsg.), 2008, VS-Verlag, Wiesbaden, S. 279

[43] Vgl. Sacrinelli, Ulrich, Stopper, Jochen, Demographischer Wandel und Kommunalpolitik, 2006, APuZ, Kommunen im Wandel, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 8

[44] Vgl. Schmidt, Kerstin, Große Starmann, Carsten, Kommunen im demographischen Wandel, APuZ, Kommunen im Wandel, 2006, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 10

[45] Vgl. Bose, Marc, Wirth, Peter, Gesundschrumpfen oder Ausbluten, APuz, Kommunen im Wandel, 2006, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 18-24

[46] Vgl. Kersting, Nobert, Interkommunale Kooperation oder Wettbewerb, APuZ, Kommunen im Wandel, 2006, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 32-38

[47] Vgl. Sacrinelli, Ulrich, Stopper, Jochen, Demographischer Wandel und Kommunalpolitik, 2006, APuZ, Kommunen im Wandel, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, S. 7-8

[48] Vgl. Mayer, Tilman, Demografie Politik- Gestalten oder Verwalten, Bundeszentrale für politische Bildung, 2011, in: http://www.bpb.de/apuz/33442/demografiepolitik-gestalten-oder-verwalten?p=all, zuletzt abgerufen am 27.12.2015

[49] Vgl. ebd.

[50] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Kommunalpolitik, Bonn, 2006,Informationen Heft 242, S. 13

[51] Vgl. ebd., S. 13

[52] Vgl. ebd., S. 17

[53] Vgl. ebd., S. 17

[54] Vgl. Bogumil, Jörg, Holtkamp, Lars, Kommunalpolitik und Kommunalverwaltung, Schriftenreihe Band 1329, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2013, S. 22

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Details

Titel
Wie wirkt sich der demographische Wandel auf die politische Steuerungsfähigkeit der kommunalen Ebene im ländlichen Raum aus?
Untertitel
Eine Fallanalyse der Verbandsgemeinde Prüm
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Local Government in Germany and Turkey: Current challenges of German and Turkish cities
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V367235
ISBN (eBook)
9783668462670
ISBN (Buch)
9783668462687
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kommunalpolitik, Demographischer Wandel, Local Governance, Fallanalyse
Arbeit zitieren
Pascal Kersten (Autor), 2016, Wie wirkt sich der demographische Wandel auf die politische Steuerungsfähigkeit der kommunalen Ebene im ländlichen Raum aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367235

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