Das Element Wasser und seine Funktion in der Lehre Hildegard von Bingens


Hausarbeit, 2013
12 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Übersicht des künstlerischen Wirkens

2. Die Seherin im Liber scivias domini (1141–1151)

3. Einordnung der Elemente im Weltbild der Hildegard von Bingen

4. Das Wasser im irdischen Mikrokosmos Mensch
4.1. Wasser und Feuer
4.2. Die Zeugung des Menschen und die viriditas

5. Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser Mise en abîme

Vorbemerkung

Obgleich ihrer umstrittenen Position im Kontext der katholischen Kirche, waren Literatur und Musik der Hildegard von Bingen konstitutiv, als Teil des Kulturerbes im frühen Abendland.[1] In den überlieferten Texten spiegelt sich eine Entwicklung von der abstrakten Auslegung christlicher Gedankengebäude, bis hin zu konkreten Rezepturen in der weltlichen Naturkunde. Zwischen den Ansprüchen der Obrigkeit und dem eigenen Wunsch nach Wirkungsmacht und Öffentlichkeit findet die Äbtissin elementare Bilder zur Verkündung ihrer Lehre. In der Darstellung Hildegards vereinen sich Mythen und überlieferte Denkmuster, unter der Doktrin der katholischen Kirche, zu detaillierten und ausdrucksstarken Bildern. Das Element Wasser und die ihm zugeordneten Attribute bekleidet in ihrer Bildwelt eine zentrale Rolle. Im folgenden Text sollen ohne Anspruch auf Ausschließlichkeit einige dieser Sinngebungen gesondert untersucht und in Verbindung zum Gesamtwerk gesetzt werden. Mittels dieses Fokus soll die besondere Funktion des flüssigen Elementes in den mystischen und den praktischen Auslegungen der Natur- und Heilkunde herausgestellt werden.

In ihrer Elementenlehre stellt Hildegard von BIngen die weltlichen Objekte in den Dunstkreis der metaphysischen Komponente eines religiös- mystischen Weltbildes. Mit der exemplarischen Analyse eines Elementes des Gefüges soll versucht werden an das Gesamtbild heranzutreten. Da dem Wasser seit Homers Odyssee bestimmte mediale Sinnzuschreibungen zuteil werden, soll es in diesem Rahmen als Ausgangsbasis dienen. In seiner Sinnschreibung tangiert es neben der Konstruktion des mittelalterlichen Weltbildes auch die mediale Komponente um die Figur der Hildegard von Bingen.

1. Übersicht des künstlerischen Wirkens

Die Visionsschrift „Liber Scivias“ ist das erste Werk der Hildegard von Bingen. In der protstificatio der Vorrede bekennt sich Hildegard von Bingen zu visionären Erfahrungen seit ihrem 5. Lebensjahr. Im Alter von 42 Jahren und sieben Monaten sei sie dazu aufgefordert worden ihre Visionen zu verschriftlichen.[2] Mit diesem, zwischen 1141 und 1151 entstandenen, theo-logischem Grundwerk wird ein nachvollziehbarer Leitfaden zur christlichen Lehre überliefert.[3] Dem Werk sind Illustrationen vorangestellt, die vermutlich noch zu Lebzeiten Hildegard von Bingens und auf ihr Geheiß angefertigt wurden.[4] Die „Liber Scivias“ besteht aus 26 Visionen, die in drei Bücher gegliedert sind. Erhalten sind insgesamt 10 Handschriften, von denen der Heidelberger und der Rupertsberger Codex mit Illustrationen versehen sind.[5] Einzig Letzterer wird in die Lebenszeit der Äbtissin datiert. Die zweite Visionsschrift entstammt den Jahren 1148 bis 1163 und wird das Buch der Lebensverdienste „Liber Vitae Meritrum“ genannt. Mittels figurativer Wechselgespräche zwischen Tugenden und Lastern wird die göttliche Immanenz in eine Beziehung zu ihrer Schöpfung gesetzt und der Mensch als Teil dieser in seiner universalen Verantwortung gezeigt.[6] Das „Liber Divinorium Operum“ wird im anschließenden Jahrzehnt zu Papier gebracht. Es entfaltet eine in kosmologische Zusammenhänge eingebettete Heilsgeschichte, in deren Mittelpunkt der Mensch gestellt wird. Die in 300 erhaltenen Briefen belegbare Korrespondenz wird ebenfalls zum theologischen Gesamtwerk gezählt.[7] Im Gegensatz zu den religiösen Schriften sind von den medizinischen Abhandlungen Hildegards keine zeitnahen Abschriften erhalten. Die Forschung rechnet die naturwissenschaftlichen Abschriften dennoch zum Œvre der Mystikerin.[8] Ein anderer Zugang zur visionären Gedanken- und Bilderwelt Hildegard von Bingens wird mit der „Symphonia amonie celestium revelationum“ gefunden. Die Sammlung überlieferter Gesänge ergänzt und spiegelt ihr Werk um eine musikalische Komponente.[9]

2. Die Seherin im Liber scivias domini (1141–1151)

Zum Auftakt der Scivias werden den schriftlichen Auseinandersetzungen die Abbildungen der 35 Bildtafeln des Rupertsberger Kodex vorangestellt, denen jeweils eine Erklärung zugeordnet ist. Dem Werk liegt eine Dreigliederung zugrunde. Die Teile mit den Titeln: „Unter dem Fluch der Sünde“, „Das feurige Werk der Erlösung“ und „Die reifende Fülle der Zeiten“ konstituieren sich aus den verschiedenen Darstellungen der Visionen der Seherin.[10] Gleich im Anschluss an die Illustrationen leistet Hildegard einen rhetorischen Kunstgriff, indem sie ihren Text mit dem Ausruf „und Siehe!“[11] direkt in den Mund des ätherischen himmlischen Ausrufenden legt. Auf diese Weise schreibt sie ihre Vision einem direkten Gegenüber zu. Vor dem Hintergrund der Abbildungen und Überlieferungen, mittels derer die Arbeitsweise der Hildegard beschrieben wird, ist die Charakteristik eines Monologes zu erkennen, in dessen Zuge die Seherin ihre Visionen an den, ihr nahestehenden Schreiber, den Mönch Vollmer diktierte.[12] Des Weiteren wird auch die christliche Hörerschaft angesprochen. In diesem Sinne ist die Struktur der verschriftlichten Verkündung ein folgerichtiges Mittel. Andererseits hat diese auch noch so unmittelbare Struktur eine distanzierende Funktion in Bezug auf die Sprecherin selbst. Denn mit der direkten Ansprache wird durch Hildegard gesprochen, ohne dass ihre Person dafür zur Verantwortung gezogen werden kann. Um sich weiterhin abzusichern rechtfertigt sich Hildegard vor dem kritischen Corpus der katholischen Kirche, indem sie Ihren Bewusstseinszustand während der Visionen als einen wachen und klaren beschreibt.[13] Die Verschriftlichung ihrer Visionen führt sie direkt auf den Willen des sie überkommenden Gottes zurück. Mit diesem Kunstgriff kann sie sich als Geistliche rehabilitieren und den Vorwürfen entgehen, sich in einen unchristlichen Trance oder Wahnzustand begeben zu haben.[14] Ihre Vorrede beendet sie mit den handlungsauffordernden Worten „So rufe denn und schreibe also:“.[15] Mit diesem Imperativ an die zweiten Person Singular gerichtet, gibt sie die Verantwortung für ihre Texte in die Hände einer anderen Macht. Der Aufruf zu deren Publikation von höchster Stelle wird sie vor den Vorwürfen der Skeptiker zu Ungunsten ihrer Vernunft schützen. Auch vor dem Zeitalter der Inquisition ist zu vermuten, dass die Äbtissin sich der Gefahr einer Unterstellung von Häresie ausgesetzt gefühlt haben könnte. Den Weg des göttlichen Wissens in ihren menschlichen Geist beschreibt sie folgendermaßen:

(...) kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchglühte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte sondern wärmte, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt auf den sie ihre Strahlen legt.[16]

Dieser Beschreibung ist die erste Miniatur im Rupertsberger Codex zugeordnet. Im Mittelpunkt der Illustration steht die Person Hildegard im Prozess der göttlichen Erkenntnis.[17]

Das Visionäre an sich findet sein Abbild nur in Form von fünf Flammenzungen, die in Hildegard „hineinfließen“. Diese für das Element Wasser charakteristische Bewegung findet als Sinnbild der Empfängnis der göttlichen Botschaft ihre Anwendung. Das Bild der Erkenntnis wird rhetorisch in den Sprachgebrauch des Elements Wasser gebracht. In einer weiteren Übersetzung wird von einer göttlichen Eingebung in Form eines „Feuersturms“ gesprochen, der aus dem geöffneten Himmelstor hervorbricht und auf den Kopf der Seherin herabfließt.[18] In diesem sprachlichen Bild sind alle vier Elemente integriert. Luft und Feuer werden zu einem Feuersturm vereint. Der Kopf wird als Teil des menschlichen Körpers nach Hildegard von Gottes Hand aus Lehm geschaffen und somit dem Element Erde zugeschrieben.[19] Nur dem Wasser kommt kein symbolisches Substantiv zu. Es wird als Dynamik erfasst und in seiner Bewegung begriffen. In seiner Funktion des Fließens bildet das Wasser die Brücke zu den höheren Elementen Feuer und Luft, die als überirdische Erkenntnis Zugang zu der irdischen Hildegard erhalten, die als menschlicher Körper aus Lehm geschaffen und der diesseitigen Sphäre angehörig ist.

[...]


[1] Heinrich Schipperges. Hildegard von Bingen. 2. Aufl. 1995. S.7

[2] Lieselotte E. Saurma-Jeltsch. Die Miniaturen im „Liber Scivias“ der Hildegard von Bingen. Die Wucht der Vision und die Ordnung der Bilder. Wiesbaden. 1998. S.2

[3] Barbara Newmann. Hildegard von Bingen. Schwester der Weisheit. Freiburg. 1995. S.32

[4] Jean-Claude Schmitt. Hildegard von Bingen oder die Zurückweisung des Traums. In: Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Internationaler wissenschaftlicher Kongreß, zum 900jährigen Jubiläum, 13.- 19. September 1998, Bingen am Rhein. Alfred Haverkamp Hrsg. S.351

[5] Lieselotte E. Saurma-Jeltsch. Die Miniaturen im „Liber Scivias“ der Hildegard von Bingen. Die Wucht der Vision und die Ordnung der Bilder. Wiesbaden. 1998. S.3f

[6] Heinrich Schipperges: Hildegard von Bingen. 2. Aufl. 1995. S.18

[7] Heinrich Schipperges: Hildegard von Bingen. 2. Aufl. 1995. S.19

[8] Irmgard Müller: Rekonstruktion der „Physika“ Hildegards von Bingen. In: Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Internationaler wissenschaftlicher Kongreß, zum 900jährigen Jubiläum. 13.- 19. September 1998. Bingen am Rhein. S. 426f/ 421-440

[9] Heinrich Schipperges. Hildegard von Bingen. 2. Aufl. 1995. S.22f.

[10] Scivias. Inhaltsverweise

[11] ebenda. S. 89

[12] Heinrich Schipperges. Die Welt der Hildegard von Bingen. Panorama eines außergewöhnlichen Lebens. Freiburg. 1997. S. 50

[13] Heinrich Schipperges. Die Welt der Hildegard von Bingen. Panorama eines außergewöhnlichen Lebens. Freiburg. 1997. S. 50.

[14] Lieselotte E. Saurma-Jeltsch. Die Miniaturen im „Liber Scivias“ der Hildegard von Bingen. Die Wucht der Vision und die Ordnung der Bilder. Wiesbaden. 1998. S.2

[15] ebenda. S. 91

[16] ebenda. S. 89

[17] Lieselotte E. Saurma-Jeltsch. Die Miniaturen im „Liber Scivias“ der Hildegard von Bingen. Die Wucht der Vision und die Ordnung der Bilder. Wiesbaden 1998. S. 17

[18] Jean-Claude Schmitt. Hildegard von Bingen oder die Zurückweisung des Traums. In: Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Internationaler wissenschaftlicher Kongreß, zum 900jährigen Jubiläum, 13.- 19. September 1998, Bingen am Rhein. Alfred Haverkamp Hrsg. S.351

[19] Heinrich Schipperges. Hildegard von Bingen. 2.Aufl. München. 1995. S. 47

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Element Wasser und seine Funktion in der Lehre Hildegard von Bingens
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V367260
ISBN (eBook)
9783668469068
ISBN (Buch)
9783668469075
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
element, wasser, funktion, lehre, hildegard, bingens
Arbeit zitieren
Andrea Dexheimer (Autor), 2013, Das Element Wasser und seine Funktion in der Lehre Hildegard von Bingens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367260

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