Obgleich ihrer umstrittenen Position im Kontext der katholischen Kirche, waren Literatur und Musik der Hildegard von Bingen konstitutiv, als Teil des Kulturerbes im frühen Abendland. In den überlieferten Texten spiegelt sich eine Entwicklung von der abstrakten Auslegung christlicher Gedankengebäude, bis hin zu konkreten Rezepturen in der weltlichen Naturkunde. Zwischen den Ansprüchen der Obrigkeit und dem eigenen Wunsch nach Wirkungsmacht und Öffentlichkeit findet die Äbtissin elementare Bilder zur Verkündung ihrer Lehre. In der Darstellung Hildegards vereinen sich Mythen und überlieferte Denkmuster, unter der Doktrin der katholischen Kirche, zu detaillierten und ausdrucksstarken Bildern. Das Element Wasser und die ihm zugeordneten Attribute bekleidet in ihrer Bildwelt eine zentrale Rolle. Im folgenden Text sollen ohne Anspruch auf Ausschließlichkeit einige dieser Sinngebungen gesondert untersucht und in Verbindung zum Gesamtwerk gesetzt werden. Mittels dieses Fokus soll die besondere Funktion des flüssigen Elementes in den mystischen und den praktischen Auslegungen der Natur- und Heilkunde herausgestellt werden.
In ihrer Elementenlehre stellt Hildegard von BIngen die weltlichen Objekte in den Dunstkreis der metaphysischen Komponente eines religiös- mystischen Weltbildes. Mit der exemplarischen Analyse eines Elementes des Gefüges soll versucht werden an das Gesamtbild heranzutreten. Da dem Wasser seit Homers Odyssee bestimmte mediale Sinnzuschreibungen zuteil werden, soll es in diesem Rahmen als Ausgangsbasis dienen. In seiner Sinnschreibung tangiert es neben der Konstruktion des mittelalterlichen Weltbildes auch die mediale Komponente um die Figur der Hildegard von Bingen.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
1. Übersicht des künstlerischen Wirkens
2. Die Seherin im Liber scivias domini (1141–1151)
3. Einordnung der Elemente im Weltbild der Hildegard von Bingen
4. Das Wasser im irdischen Mikrokosmos Mensch
4.1. Wasser und Feuer
4.2. Die Zeugung des Menschen und die viriditas
5. Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser
Mise en abîme
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die zentrale Rolle des Elements Wasser in den mystischen Visionen und naturkundlichen Schriften der Hildegard von Bingen. Dabei wird analysiert, wie Hildegard das flüssige Element nutzt, um anthropologische, kosmologische und heilsgeschichtliche Konzepte miteinander zu verknüpfen und den Menschen als Mikrokosmos innerhalb der göttlichen Schöpfung zu deuten.
- Symbolik und mediale Funktion des Wassers in Hildegards Visionswerk
- Das Elementenmodell im mittelalterlichen Weltbild
- Die Korrespondenz zwischen Makrokosmos und dem menschlichen Körper
- Bedeutung von viriditas und Wasser bei Fortpflanzung und Taufe
- Verbindung von naturwissenschaftlicher Naturkunde und christlicher Mystik
Auszug aus dem Buch
Die Zeugung des Menschen und die viriditas
In ihrer Naturphilosophie behandelt Hildegard von Bingen das Thema der Fortpflanzung mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Der Spur des Wassers in diesen Topos folgend, kann die Entdeckung gemacht werden, dass diesem Element im Moment der Zeugung eine zentrale Rolle zukommt. Der Augenblick, in dem das neue Leben entsteht, wird schlicht als prozesshafte Vermengung von weiblichem Blut und männlichem Samen beschrieben.
Aus dieser Melange entsteht „ein zunächst blutartiges Gemisch, durch das dann auch die Gewebe der Frau genährt werden, waxchen können und zu Entwicklung kommen.“ In dieser Schilderung wird die Entstehung des Kindes zunächst auf die Funktion des Wassers als Blut im menschlichen Organismus zurückgeführt. Das Zusammenspiel der Elemente erzeugt neues Leben durch seine naturgegebene Eigendynamik.
In ihrer Kosmologie postuliert Hildegard von Bingen, dass die Schöpfung Gottes durch den Menschen zur Blüte kommt. Der Mensch mit Hilfe des Wassers aus Lehm geformt, ist von den Elementen umgeben, die zu seinen Ehren geschaffen worden sind. Die Urkraft, die „im Grunde der Ewigkeit eingeborgen ruht“ spiegelt sich in der Grünkraft viriditas. Das ewige Leben träufelt als Grünkraft aus dem Kosmos in die fruchtbare irdische Natur. Die substanzielle Farbe zeigt sich in der grünen Kraft des Fleisches und der fruchtbringenden Quelle der fortpflanzungsfähigen Frau, viriditas floriditas feminae. Heinrich Schipperges beschreibt in seiner Kausalität eine dargestellte Urkraft, die zugleich Urstand und Perpetuum mobile des Lebens genannt werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Einführung in die Bedeutung der Literatur und Musik Hildegard von Bingens sowie die methodische Herangehensweise an die Untersuchung des Elements Wasser.
1. Übersicht des künstlerischen Wirkens: Biographischer und werkspezifischer Abriss, der die Entstehungsgeschichte des Liber Scivias und weiterer zentraler Schriften darlegt.
2. Die Seherin im Liber scivias domini (1141–1151): Analyse des rhetorischen Kunstgriffs, mit dem Hildegard ihre Visionen als göttliche Aufträge legitimiert und sich vor kirchlichen Vorwürfen schützt.
3. Einordnung der Elemente im Weltbild der Hildegard von Bingen: Darstellung der mittelalterlichen Vier-Elemente-Lehre als Grundlage für Hildegards mystisches Verständnis des Kosmos.
4. Das Wasser im irdischen Mikrokosmos Mensch: Untersuchung der morphologischen und spirituellen Funktion des Wassers als Blut im menschlichen Körper.
4.1. Wasser und Feuer: Gegenüberstellung der beiden Elemente als komplementäre Wärmekräfte, die den Menschen in seinem irdischen und spirituellen Sein definieren.
4.2. Die Zeugung des Menschen und die viriditas: Erläuterung der Rolle von Wasser und Grünkraft bei der Fortpflanzung und der Entwicklung des Lebens.
5. Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser: Interpretation der visionären Darstellung der Kirche als Muttergestalt und die sakramentale Bedeutung des Taufwassers.
Mise en abîme: Zusammenfassende Reflexion über die vielfältigen Konnotationen des Wassers in Hildegards Werk zwischen Naturphänomen und göttlicher Symbolik.
Schlüsselwörter
Hildegard von Bingen, Liber Scivias, Wasser, Elementenlehre, Mikrokosmos, Makrokosmos, viriditas, Grünkraft, Naturmystik, Fortpflanzung, Taufe, christliche Mystik, Mittelalter, Seherin, Schöpfungstheologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die symbolische und funktionale Rolle des Elements Wasser in den theologischen und naturkundlichen Schriften der Mystikerin Hildegard von Bingen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Einordnung des Menschen als Mikrokosmos, die Bedeutung der Vier-Elemente-Lehre sowie die mystische Deutung von Lebensprozessen wie Zeugung und Taufe.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Verbindung zwischen der praktischen Heilkunde und der metaphysischen Weltanschauung Hildegards durch das Leitmedium Wasser aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine exemplarische Analyse von Elementen aus Hildegards Schriften vorgenommen, um diese in Verbindung mit ihrem Gesamtwerk zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Entstehungsgeschichte der Visionen, der Systematik des Weltbildes sowie spezifischen Aspekten wie der Funktion des Wassers als Blut und dessen Bedeutung in der Kirche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Hildegard von Bingen, viriditas, Wasser, Elementenlehre, Mikrokosmos und Mystik.
Wie interpretiert Hildegard von Bingen das Element Wasser bei der Entstehung des Lebens?
Hildegard versteht Wasser als dynamische Substanz, die als Blut im menschlichen Organismus fungiert und durch die Verbindung mit der viriditas (Grünkraft) neues Leben ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Kirche in den Visionen von Hildegard von Bingen?
Die Kirche wird als Muttergestalt allegorisiert, deren Institutionalisierung durch das Taufwasser („Bad der Wiedergeburt“) und das vergossene Blut als göttliche Instanz legitimiert wird.
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- Andrea Dexheimer (Author), 2013, Das Element Wasser und seine Funktion in der Lehre Hildegard von Bingens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367260