In dieser Arbeit wurde das Konzept PMR-EGO für Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren auf der neurowissenschaftlichen Grundlage des 4-Ebenen-Persönlichkeitsmodells von Roth & Cierpka sowie maßgeblichen Persönlichkeits-Entwicklungsphasen entwickelt. Zusätzlich diente die Progressive-Muskelrelaxation (PMR), das Autogene Training (AT) und das Achtsamkeits-Training (MBSR) als Ausgangsbasis, um das PMR-EGO = Ich-gesteuerte individuelle Muskelentspannungs-Übung mit persönlichem Vorsatz zu konzeptionieren.
Das neuropsychologisch und –pädagogisch aufgebaute PMR-EGO-Curriculum wurde an sechs Kindern im Rahmen eines Präventionskurses hinsichtlich der Praktikabilität, Effektivität und Nachhaltigkeit getestet. Die Ergebnisse der Vor- und 1. Nacherhebung, erhoben mit einem Elternfragebogen zum Problemverhalten der Kinder (KIDS), zeigten, dass alle Kinder während des achtwöchigen PMR-EGO-Kurses ihre Verhaltensauffälligkeiten und Problemintensitäten verringern konnten und sich somit das PMR-EGO positiv in die Reihe der vielen Modifikations- und Entspannungskurse einfügen lässt. Hinsichtlich der Nachhaltigkeit (Befragung drei Monaten später) zeigte sich bei 50% der Kinder eine weitere Verringerung der Verhaltensauffälligkeiten und –Problem-Intensitäten. Dieses Ergebnis könnte an dem neurowissenschaftlichen Konzept und der daraus resultierend neuro-pädagogischen und -psychologischen Vermittlungstechnik des PMR-EGO liegen, was noch abzuprüfen ist.
Mit dieser Vorab-Studie konnte auch die Akzeptanz der Geschichte „Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind“, bestätigt werden, da die Kinder wenig fehlten und gerne zum Kurs kamen. Ebenso zeigte sich, dass die Elternarbeit und Trainerqualität als „therapeutische Allianz“ ein entscheidendes Evaluierungskriterium für den Wirkungserfolg des PMR-EGO ist. Möglicherweise sollte man bei Ergebnis-Interpretationen von Entspannungsprogrammen generell von einem „Multiplen-Bedingungs-Netzwerk“ ausgehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Projekt-Idee
1.2. Projekt-Entwurf
1.3. Abgrenzung der Aufgabenstellung
2. Theoretische Grundlagen zur Entwicklung des PMR-EGO
2.1. Persönlichkeitsentwicklung und Ich-Entwicklung des Kindes
2.1.1. Persönlichkeits- und Ich-Entwicklung nach Pauen
2.1.2. Die fünf Phasen der nachgeburtliche Persönlichkeits- und Ich-Entwicklung
2.1.3. Fazit
2.2. Persönlichkeitstheorien
2.2.1. Persönlichkeitsmerkmale und Temperamente
2.2.2. Fazit
2.3. Das 4-Ebenen-Modell der Persönlichkeit von Roth & Cierpka
2.3.1. Die untere limbische Ebene
2.3.2. Die mittlere limbische Ebene
2.3.3. Die obere limbische Ebene
2.3.4. Die kognitive-sprachliche Ebene
2.3.5. Die neurochemische Kommunikation
2.3.6. Fazit
2.4. Die psychoneuronalen Grundsysteme
2.4.1. Das Stressverarbeitungssystem
2.4.2. Das Selbstberuhigungssystem
2.4.3. Bewertungs- und Belohnungssystem (Motivation)
2.4.4. Das Impulshemmungssystem
2.4.5. Bindung und Empathie
2.4.6. Realitätssinn und Risikowahrnehmung
2.4.7. Fazit
2.5. Lernen und Gedächtnis
2.5.1. Lerntheoretische Voraussetzungen
2.5.2. Neurobiologische Grundlagen des Lernens und des Gedächtnisses
2.5.3. Aufmerksamkeit und Gedächtnis
2.5.4. Fazit
2.6. Entspannungsverfahren
2.6.1. Progressive Muskel Relaxation nach Jacobsen und seine physiologischen und neurologischen Effekte
2.6.2. Autogenes Training nach Schultz und seine physiologischen und neurologischen Effekte
2.6.3. Achtsamkeits-Training und Meditation und seine physiologischen und neurologischen Effekte
2.7. Entspannungsverfahren für Kinder
2.7.1. Allgemeine Übersicht über Entspannungsverfahren mit Kindern
2.7.2. Stress-Bewältigungs-Programme für Kinder (AST)
2.7.3. Stressbewältigungsstrategien bei Kindern
2.7.4. Neurowissenschaftliche Effekte bei Entspannungsverfahren bei Kindern
2.7.5. Fazit
3. PMR-EGO
3.1. Konzeption und Aufbau des PMR-EGO
3.2. Ziele des PMR-EGO
3.3. Struktur des PMR-EGO
3.3.1. Zielgruppe
3.3.2. Anwendungsmöglichkeiten
4. Die Geschichte „Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind“
4.1. Idee zu der Geschichte
4.2. Neuropädagogischer Ansatz unter neurobiologischen und -psychologischen Gesichtspunkten
4.2.1. Interesse wecken
4.2.2. Der Spaßfaktor
4.2.3. Motivation
4.2.4. Belohnung
4.2.5. Konditionierung
4.2.6. Generalisierung
4.2.7. Gewohnheit
4.2.8. Konditionierung der Initialisierung
4.2.9. Modelllernen
4.2.10. Achtsamkeit
4.2.11. Identifikation
4.2.12. Self-fulfilling prophecies
4.2.13. Entspannung
4.2.14. Kursleiterschulung
4.2.15. Elternarbeit
4.3.16. Materialien
5. Evaluation
5.1. Evaluationskriterien
5.2. Evaluationsinstrumente
5.3. Ergebnisse
5.3.1. Akzeptanz des PMR-EGO-Konzeptes inklusive der Geschichte „Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind“
5.3.2. Bewertung der Effektivität des PMR-EGO durch die Eltern direkt nach dem Kurs
5.3.3. Überprüfung der Nachhaltigkeit des PMR-EGO
5.3.4. Überprüfung des Lernerfolges des PMR_EGO
5.3.5. Nachhaltige Wirksamkeit und Internalisierung des PMR-EGO bei Kindern
5.4. Diskussion
6. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel der Arbeit ist die theoretische Entwicklung eines Entspannungsprogramms namens "PMR-EGO" für Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. Basierend auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen (insbesondere dem 4-Ebenen-Persönlichkeitsmodell von Roth & Cierpka) soll untersucht werden, ob durch die Geschichte "Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind" Stresssymptome bei Kindern reduziert und eine nachhaltige Entspannungsfähigkeit aufgebaut werden kann.
- Neurowissenschaftliche Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern
- Anwendung des 4-Ebenen-Persönlichkeitsmodells auf Kindheitsphasen
- Kombination von PMR, Autogenem Training und Achtsamkeit zur Stressbewältigung
- Evaluierung der Praktikabilität und Effektivität in einer Testgruppe
- Bedeutung der "therapeutischen Allianz" zwischen Eltern, Kind und Trainer
Auszug aus dem Buch
2.4.1. Das Stressverarbeitungssystem
Besonders das Stressverarbeitungssystem soll den Organismus befähigen, mit körperlichen und psychischen Belastungen fertig zu werden. Seine Entwicklung beginnt bereits in den ersten Schwangerschaftswochen und ist am Ende des ersten nachgeburtlichen Lebensjahres gut funktionsfähig. Dieses System wird vornehmlich aktiviert durch den Hypothalamus, die Hypophyse und die Hirnanhangsdrüse sowie die Amygdala, die für das Erkennen lebenswichtiger bzw. potenziell bedrohlicher Ereignisse zuständig ist. Das Stressverarbeitungssystem reagiert auf Stress in zwei Schritten entlang der sogenannten Stressachse oder Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren (HHN-Achse). Die erste sehr schnelle Stressreaktion, die auch mit einem blitzartigen Schrecken gleichgesetzt werden kann, beruht auf der Aktivierung von Noradrenalin im Locus coeruleus (blauer Kern) im Hirnstamm und Adrenalin im Nebennierenmark. Dadurch werden das CRF (Corticotropin-freisetzender Faktor) in Bruchteil einer Sekunde ausgelöst und der Muskeltonus, die Reaktionsbereitschaft und die Aufmerksamkeit des Menschen werden blitzartig erhöht.
Hält die Stressbelastung länger an, dann lösen Adrenalin und Noradrenalin die zweite und langsamer laufende Stressreaktion aus (s. Abbildung 7.3.4). So wird das Ausschüttungshormon Corticotropin (CRF oder auch CRH genannt) in den Zellen des Hypothalamus freigesetzt. Das CRF wandert dann zum Vorderlappen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), um dort die Produktion und Freisetzung des Adrenocorticotropen Hormons (ACTH) zu bewirken. ACTH wandert über die Blutbahn zur Nebennierenrinde, wo es die Bildung von Glucocorticoiden beim Menschen, überwiegend Cortisol, anregt. Cortisol wandert nun seinerseits über die Blutbahn in den Körper und in das Gehirn, wo es vielfältige Wirkungen auslöst. Es mobilisiert über eine Erhöhung des Glucose- und Fettsäurespiegels im Blut unseren Stoffwechsel und versetzt den Körper damit in die Lage, erhöhte Leistungen zu vollbringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die Zunahme von Konzentrationsstörungen und stressbedingten Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern im Vergleich zu früheren Jahrzehnten und begründet die Notwendigkeit moderner, neurowissenschaftlich fundierter Entspannungsprogramme.
2. Theoretische Grundlagen zur Entwicklung des PMR-EGO: Dieses Kapitel erläutert die neurowissenschaftlichen Modelle der Persönlichkeitsentwicklung, die Funktion psychoneuronaler Grundsysteme sowie die neurobiologischen Grundlagen des Lernens, die als Fundament für das PMR-EGO dienen.
3. PMR-EGO: Hier wird das spezifische Entspannungsprogramm PMR-EGO als Präventionskurs vorgestellt, inklusive seiner konzeptionellen Ausrichtung auf die Altersgruppe der sechs- bis zehnjährigen Kinder und die strategische Einbindung der Geschichte der "Fee Sausewind".
4. Die Geschichte „Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind“: Dieser Abschnitt beschreibt den pädagogischen Ansatz der Geschichte und erläutert die dreizehn psychologischen Lernschritte, die genutzt werden, um Entspannung als stabile Gewohnheit im Gehirn der Kinder zu verankern.
5. Evaluation: Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse einer kleinen Vorab-Studie mit sechs Kindern, in der die Praktikabilität, die Akzeptanz und erste Effekte des PMR-EGO-Konzepts im Hinblick auf Verhaltensveränderungen untersucht wurden.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Der letzte Teil fasst die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammen und diskutiert die Bedeutung einer konsequenten, spielerischen und bindungsorientierten Herangehensweise an die Entspannungspädagogik im Kindesalter.
Schlüsselwörter
PMR-EGO, Progressive Muskelrelaxation, Neurowissenschaft, Kindesentwicklung, Stressverarbeitung, Persönlichkeitsmodell, Limbisches System, Stressbewältigung, Prävention, Verhaltensmodifikation, Neuroplastizität, Cortisol, Lernprozesse, Entspannungstraining, Fee Sausewind
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
In dieser Masterarbeit wird ein neuartiges Entspannungsprogramm namens PMR-EGO für Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren entwickelt und theoretisch auf Basis moderner neurowissenschaftlicher Erkenntnisse begründet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die neurobiologischen Grundlagen der Persönlichkeitsentwicklung, die Funktionsweise limbischer Gehirnareale bei Stress, die Theorie des assoziativen Lernens sowie die pädagogische Umsetzung durch ein spezifisches Entspannungstraining.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Konzeption eines kindgerechten Entspannungsprogramms, das durch die Geschichte "Ein Zoospaziergang mit der Fee Sausewind" leicht zugänglich ist und Stress bedingte abweichende Verhaltensweisen bei Kindern langfristig vermindern soll.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Herleitung aus neurobiologischen Forschungsdaten sowie einer begleitenden, kleinen Evaluationsstudie mit sechs Kindern, bei der mittels Elternfragebögen (KIDS) Verhaltensänderungen erhoben wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt das "4-Ebenen-Modell der Persönlichkeit" nach Roth & Cierpka, die psychoneuronalen Grundsysteme (wie das Stressverarbeitungs- und Belohnungssystem) und die detaillierte neuropädagogische Methodik hinter dem PMR-EGO.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind PMR-EGO, Neurowissenschaft, Stressverarbeitung, Persönlichkeitsentwicklung, limbische Systeme, Entspannungstechniken für Kinder und die Bedeutung von Spaß und Belohnung im Lernprozess.
Warum ist das Konzept der "Fee Sausewind" so wichtig für den Ansatz?
Die Figur dient als emotionale Brücke: Da sie selbst quirlig und impulsiv ist, fühlen sich verhaltensauffällige Kinder verstanden. Die Geschichte macht das Entspannungstraining für Kinder attraktiv, ohne dass diese das Gefühl haben, "üben" zu müssen.
Was zeigt die Evaluation bezüglich der Nachhaltigkeit?
Die Vorab-Ergebnisse zeigen, dass bei vielen Kindern eine Reduktion der Verhaltensauffälligkeiten eintrat. Die Nachhaltigkeit ist jedoch individuell stark von den familiären Umfeldbedingungen abhängig, weshalb die Elternarbeit einen zentralen Stellenwert einnimmt.
- Quote paper
- Dipl. Psych, Dipl. Päd. Helga Land-Kistenich (Author), 2016, Entwicklung eines Entspannungsprogramms PMR-EGO für Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367427