Die Rolle und Funktion des Chors in Sophokles Tragödie "Antigone"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeitliche Einordnung der Tragödie

3. Der Chor im antiken Griechenland

4. Die Rolle und die Funktion des Chors in Sophokles´ Antigone
4.1 Der Auftritt des Chors im Parodos
4.2 Der Auftritt des Chors im ersten Epeisodion
4.3 Der Auftritt des Chors im ersten Stasimon
4.4 Der Auftritt des Chors im zweiten Epeisodion
4.5 Der Auftritt des Chors im zweiten Stasimon
4.6 Der Auftritt des Chors im dritten Epeisodion
4.7 Der Auftritt des Chors im dritten Stasimon
4.8 Der Auftritt des Chors im vierten Epeisodion
4.9 Der Auftritt des Chors im vierten Stasimon
4.10 Der Auftritt des Chors im fünften Epeisodion
4.11 Der Auftritt des Chors im fünften Stasimon
4.12 Der Auftritt des Chors im Exodus

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heutige Vorstellungen über die Funktion eines Chores beschränken sich meist auf eine unterhaltende Funktion im musikalischen Bereich. Einen singenden oder tanzenden Chor kann man für gewöhnlich in einer Kirche und bei theatralischen Aufführungen vorfinden und nimmt diesen somit als einen künstlerisch-ästhetischen Teil des Auftrittes auf einer Bühne wahr.

Im antiken Griechenland erfüllte der Chor jedoch eine weitaus wichtigere und schon nahezu gegensätzliche Funktion zu unseren heutigen Vorstellungen. Es war der Chor, der das Zentrum bildete und alle weiteren Szenen umgaben den Chor.

Die Antigone des Sophokles gehört unbestritten zu den größten Meisterwerken der dramatischen Dichtkunst; ihren großen Anteil an dieser Vortrefflichkeit hat aber in diesem Stücke die Behandlung des Chors. (Held 1847: 4)

Johann Christoph Held, welcher zu den wichtigsten Quellen der vorliegenden Hausarbeit gehört, fasst in einem Satz zusammen, warum der Chor in der Tragödie der Antigone eine handlungstragende Funktion erfüllt und somit sich als würdig erweist, in seiner komplexen Funktion in einer wissenschaftlichen Arbeit analysiert zu werden. Damit verhilft mir Held zu meiner These, dass der Chor in der Lage ist, ausgeklammert aus der dramatischen Handlung, eine eigenständige, vollwertige Aufführung mit einzigartiger Wirkung zu präsentieren.

Im Werk des Sophokles, Antigone, agiert der Chor sowohl in den Epeisodions als auch im Stasimon und zeigt nach und nach seine Charaktereigenschaften und somit auch, auf wessen Seite er steht, auf der Seite der Antigone oder auf der Seite des Kreon. So zeigen sich in dieser Tragödie bereits die ersten Unterschiede zu den griechischen Trauerspielen, denn üblicherweise bleibt der Chor neutral und unparteiisch und reflektiert lediglich über die Geschehnisse; nur selten hat er einen emotionalen Bezug zu den Charakteren oder greift in das Geschehen ein.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich das Augenmerk nicht auf die handlungsausführenden Protagonisten legen, wie Antigone oder Kreon, welche auf den ersten Blick als die Bedeutendsten erscheinen, sondern mich einer durchaus bedeutenderen Gruppe aus thebanischen Greisen – dem Chor - widmen, ohne die eine antike Tragödie undenkbar wäre.

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es nicht, mich auf die Tragik im Werk oder die dramatischen Geschehnisse zu beschränken oder in meine Ausführungen einfließen zu lassen, sondern die Funktion und Stellung des Chors in der Tragödie anhand des Primärtextes zu analysieren und durch Sekundärliteratur zu stützen, welche auch meine These unterstreichen sollen.

Den Ausgangspunkt für meine Analyse bilden sowohl eine Ausgabe der Tragödie aus dem Jahr 1981 als auch eine griechische Ausgabe von August Böckh mit ausführlichen Kommentaren aus dem Jahr 1849. Der Philologe Johann Christoph Held erweist sich mit seinem Skript über Bemerkungen zur Charakteristik des Chors in der Antigone des Sophokles aus dem Jahre 1847 als die bedeutendste Quelle. Seine Ausführungen bilden das Fundament der Thematik dieser wissenschaftlichen Hausarbeit, welches ich durch weitere Sekundärliteratur intensiver ausarbeiten und weiter aufbauen möchte.

2. Zeitliche Einordnung der Tragödie

Die Tragödie der Antigone gehört zum Thebanischen Zyklus, welcher ein Teil der griechischen Mythologie ist. In diesem Zyklus wird die Geschichte der Stadt Theben beschrieben und wird Überlieferungen zufolge auf den Zeitraum zwischen 750 und 500v. Chr. Datiert. In diesen Zeitraum ist auch die Tragödie der Antigone einzuordnen (vgl. Hermes 1992: 25).

Die Tragödie der Antigone spielt um 1230 v. Chr. und ist eine Fortsetzung einer anderen Tragödie des Sophokles, König Ödipus. Um ein grundlegendes Verständnis und einen angemessenen Einstieg in die Tragödie der Antigone zu gewährleisten, ist es notwendig, die Tragödie des König Ödipus und den Labdakidenfluch, welcher einen wesentlichen Teil in Antigones Schicksal spielt, zusammenzufassen (vgl. Hermes 1992: 26).

König Laios von Theben, welcher dem Geschlecht der Labdakiden angehört, erhält vom Orakel von Delphi eine Prophezeiung: Sollte seine Frau Iokaste ihm jemals einen Sohn gebären, so wird dieser ihn töten und Iokaste heiraten. Dennoch bringt Iokaste einen Sohn zur Welt; aus Furch vor der Prophezeiung setzten die Eltern das Neugeborene aus und zerstechen ihm die Füße. Jedoch findet ein Hirte den Jungen und bringt ihn zum König von Korinth. Dieser nimmt den Jungen wie seinen eigenen Sohn auf und gibt ihm den Namen Ödipus, was so viel wie Schwellfuß bedeutet.

Als Ödipus zu einem Mann heranwächst, erhält er die Prophezeiung, dass er seinen Vater töten wird und seine Mutter heiraten wird. In dem Glauben, dass der König von Korinth sein Vater ist, verlässt er Korinth. Auf seinem Weg begegnet er auf einer engen Straße in Phokes einem Mann und erschlägt diesen. Dieser Mann ist Leios und somit erfüllte sich zu Ödipus Unwissenheit der erste Teil der Prophezeiung. Der junge Mann kommt nach Theben, besiegt dort in einem Duell die Phinx und lernt die verwitwete Königin Iokaste kennen, heiratet diese und sie gebärt ihm 4 Kinder: Etheokles, Polyneikes, Ismene und Antigone.

Bald sucht die Pest Theben heim. Für die Griechen ist die einzige Möglichkeit, die Pest auszurotten, den Mörder des Laios zu finden und somit um die Gnade der Götter zu bitten. Der blinde Seher Teiresias teilt daraufhin Ödipus mit, dass dieser seinen Vater Laios umgebracht hatte und seine Mutter Iokaste geheiratete hatte. Ödipus kann diese Wahrheit nicht ertragen und sticht sich die Augen aus und findet somit seinen Tod. Seine Frau und Mutter Iokaste bringt sich ebenfalls um. Die Königswürde teilen sich fortan die Brüder Etheokles und Polyneikes. Als eines Tages Etheokles sich weigert, die Krone an seinen Bruder abzugeben, führen die Brüder einen Krieg und bringen sich gegenseitig um. In der Königsfamilie verbleiben somit nur die Schwester Ismene und Antigone, welche jedoch die Position eines Herrschers nicht einnehmen können. Aus diesem Grund geht die Königkrone über an Iokastes Bruder Kreon.

An dieser Stelle endet die Tragödie des Ödipus und die Tragödie der Antigone beginnt am folgenden Morgen (vgl. Mulroy 2013: 14).

3. Der Chor im antiken Griechenland

Das Wort „Chor“ bezeichnete im antiken Griechenland ursprünglich lediglich einen Platz, auf dem eine Gruppe singend und tanzend auftrat. Seit etwa 500 v. Chr. Übernahm das Wort „Chor“ auch die Funktion, eine Darbietung zu bezeichnen.

Der Chor besaß einen überragenden Stellenwert im festlichen und kultischen Leben des antiken Griechenland, was durch die erhaltene Chorlyrik […] belegt ist, […]. Die gesamte Chordichtung, die eigens für die Aufführung durch Chöre geschrieben worden ist, belegt den Chor als eine eigenständige, vielgestaltige, metrisch komplexe, nicht dramatische, theatrale Gattung. (Haß 2005:49)

In diesem Lexikon-Eintrag bezeichnet Ulrike Haß den Chor als ein ganz wesentliches und auch handlungstragendes Merkmal der griechischen Tragödie.

Der Tragödie im antiken Griechenland wurde außerdem ein Grundschema vorgegeben, welches streng befolgt werden musste. So begann die Tragödie stets mit einem Prolog, welchen von 1-2 Schauspielern aufgeführt wurde; gefolgt wurde dieser Prolog von dem Einzugslied des Chors, dem Parodos. Normalerweise bestand der Chor im antiken Griechenland aus 15 Chorleuten, welche von einem Koryphaios angeführt wurden (vgl. Manuwald 2012: 26).

Im Folgenden führt Zimmermann auf, wie Sophokles die Struktur der Chorgesänge unterteilt:

Bei den Chorliedern unterscheidet er zwischen Parodos (Einzugslied des Chores) und Stasimon (Standlied, d. h. alle Chorlieder außer der Parodos). Durch diese Chorlieder zerfällt der Rest einer Tragödie in Prolog (der ganze Teil der Tragödie vor dem Einzug des Chores), Epeisodion (der ganze Teil der Tragödie zwischen ganzen Chorliedern) und Exodos (der ganze Teil der Tragödie nach dem letzten Chorlied) (Zimmermann 2005: 21-22).

Diesem Konstrukt folgt Sophokles streng und berücksichtigt auch den vorgeschriebenen Wechsel zwischen den Standliedern und Spielszenen. Es muss außerdem auch ein linearer Handlungsverlauf und eine Einheit von Ort und Zeit eingehalten werden. Dies sind die drei Aristotelischen Einheiten, welche eine Haupthandlung, nur einen Ort und den Abschluss der Handlung innerhalb von 24 Stunden fordern (vgl. Huber 2007). Rückblenden und Szenen des Mordes gehörten in eine Tragödie hingegen nicht hinein. Über solche berichtete der Chor in der Regel und klärte das Publikum auf.

Der Chor in der Tragödie der Antigone besteht aus Thebanischen Greisen edler Herkunft. Sie vereinigen die Würde des Alters mit dem Ansehen, welches ihnen, als Männern des vornehmen Geschlechts zusteht. Schon hieraus ergibt sich, dass der Dichter, in diesem Fall Sophokles, ihnen unmöglich eine für die Handlung unbedeutende Rolle zugewiesen hat (vgl. Held 1847: 4). Eine der wichtigsten Vorschriften für die richtige Gestaltung des Chors in der Tragödie ist, dass der Chor die Stellung einer besonderen Person mit einem ausgeprägten Charakter einnimmt. Je nachdem, ob die Handlung einfacher oder zusammengesetzter Art ist und ob „[…] die Handlung den Kräften der handelnden Personen überlassen oder durch die Fügungen des Verhältnisses bestimmt ist […]“ (Held 1847: 1), so ist auch die Teilnahme des Chors an der Handlung verschieden.

Insgesamt sind die Aufgaben des Chors, welcher aus den Mitgliedern des Ältestenrats besteht, innerhalb der Tragödie sehr vielfältig: Der Chor gibt Hintergrundinformation zu Gesprächen und Dialogen, welche für das Publikum notwendig sind, um dem Geschehen angemessen folgen zu können. Der Chor ist Berater des Königs und genießt seinen Respekt und sein Ansehen. Ein weiteres Merkmal des Chors ist seine metaphorische Sprache, welche vor allem in der heutigen Zeit als sehr umfangreich und schwierig erscheint, da sie enorme Kenntnisse über Göttersagen des antiken Griechenlands voraussetzt. Dieser Sprachgebrauch kennzeichnet Sophokles´ Tragödie.

In den folgenden Abschnitten möchte ich nun genauer auf die Rolle des Chors im Werk eingehen.

4. Die Rolle und die Funktion des Chors in Sophokles´ Antigone

Nachdem die Brüder Eteokles und Polyneikes im Krieg gegeneinander gefallen sind, hatte Kreon soeben den thebanischen Thron bestiegen und steht nun vor seiner ersten Pflicht als König, für Gerechtigkeit zu sorgen und denjenigen der beiden Männer zu bestatten, welcher für das Vaterland gekämpft hatte; den anderen jedoch zu bestrafen, indem er eine Beerdigung verbietet. Damit diese Regelung auch vom Volk als gerecht betrachtet wird, hält er es für nötig, auserwählte Männer zusammen zu rufen und sie von seinen Pflichten als Herrscher zu überzeugen. Diese auserwählten Männer sind die Greise, aus denen der Chor besteht. Ausgerechnet diese Männer sind von Kreon auserwählt, da sie auch den vorherigen Königen treu waren. Diese Treue und Zustimmung erhofft sich Kreon nun auch von dem Chor. Durch Kreon selbst wird der Chor also von Anfang an in eine Stellung gebracht, alle Handlungen, die geschehen, zu verfolgen und darüber zu urteilen (vgl. Held 1847: 4).

4.1 Der Auftritt des Chors im Parodos

Der erste Auftritt des Chores findet in einem Vorwort zum nächsten Stasimon statt: dem sogenannten Parodos. Im Parodos führt der Chor ein Einzugslied auf und legt damit auch die Aufteilung der folgenden Stasima fest, bloß mit unterschiedlichen Handlungen und Inhalten.

In der ersten Strophe lobpreist der Chor den Tag, an dem die Belagerer aus Theben vertrieben wurden. Es folgt eine Strophe, welche den Kampf und einen Sieg nur mithilfe der Götter beschreibt. Diese Strophe kann als eine Gegenstrophe bezeichnet werden. Weiterhin ist die Rede vom Kriegsgott Ares und seiner Hilfe und dem Kampf der Brüder Eteokles und Polyneikes. Darauf folgt eine nächste Gegenstrophe, welche das Volk auffordert, ein Fest zu Ehren des Siegers zu feiern. Dieses Fest soll von Bacchus angeführt werden, welcher der Gott der Feste und des Weines ist.

Macht Platz dem

Vergessen jetzt, gehen wir

doch zu allen Tempeln der Götter

im Tanz die ganze Nacht lang, der Erschütterer

Thebens, Bakchios gehe voran! (V. 150-154).

Mit diesen Versen beendet der Chor die Anpreisung der Götter und widmet sich nun dem König zu: „Doch siehe, es kommt, nunmehr König dieses Landes, Kreon…“ (V. 155). Der Chor fragt sich, warum der König Kreon den Rat der Alten einberufen ließ. Damit vollzieht der Chor eine Umwandlung zu den thebanischen Greisen, welche fortan eine beratende und unterstützende Rolle tragen.

Bereits zu Beginn ist es offensichtlich, dass der Chor auf der Seite des Volkes und des Königs steht, denn auch sie würden einen Sieg feiern. Der Chor unterstützt den Gewinner, aber trauert nicht um den Verlierer und unterstützt somit auch nicht Antigone. Das zeigt sich in der Offenheit und Ausgelassenheit des Chores. So stellt auch Kästler fest, dass „Der Chor […] in ungetrübter Siegesfreude [agiert]. Nichts scheinen die Choreuten zu ahnen von der konfliktträchtigen Entwicklung, die sich in der Eingangsszene angebahnt hat.“ (1997: 33).

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass der Chor zu diesem Zeitpunkt nicht die Funktion hat, den Zuschauer im Vorfeld mitzuteilen, was passieren könnte; es erfüllt vielmehr eine reflektierende Funktion und spiegelt die Gefühle des Volkes wieder. Er reflektiert somit das bereits Geschehene und hebt auch den Plan, den Antigone haben wird, in seiner Bedeutung hervor.

4.2 Der Auftritt des Chors im ersten Epeisodion

Den ersten Auftritt hat der Chor zwar im Parodos, aber innerhalb der Szenen, als agierende Person, tritt der Chor erst im ersten Epeisodion auf. Der Chor taucht als der Rat der Alten auf und agiert mit Kreon. Das der Chor mit den Charakteren agiert, ist eine Art Fingerabdruck des Sophokles, denn es war keine Seltenheit, dass der Chor dies in Sophokles Werken tat.

Im ersten Epeisodion erscheinen die Greise als Ratgeber, welche dem König mit Ratschlägen und Hinweisen zu Seite stehen und diesen in seinem Denken unterstützen. So deutet der Chor auch die Geschehnisse, welche Kreon durch einen Wächter vermittelt werden. “Der Chor reagiert mit einer theologischen Deutung: Es werde sich wohl um das Werk der Götter handeln.” (Kästler 1997: 35). Weil der Chor aber vor allem Kreon untergeordnet ist und dessen Urteile auch leidenschaftlich verteidigt und unterstützt, ist der Chor als dieser laut Jacob kein Werkzeug des Dichters.

Dagegen aber steht er doch unter ihrem Einflufs, indem er bis gegen das Ende sein Urtheil der Leidenschaftlichkeit Kreons unterordnet. Deshalb ist er auch nicht „das Organ des Dichters" in dem Sinne, das er überall den wahren ´geistigen Inhalt der Handlungen´ oder die unbedingte Wahrheit ausspräche.“ (Jacob 1849: 3).

Der Chor ist also nicht unbedingt das Organ, das die Wahrheit ausspricht. Vielmehr sagt er das, was Kreon von ihm erwartet zu hören. Doch es gibt einen Punkt, an dem der Chor die Pläne Kreons in Frage stellt und die Vermutung äußert, dass die Bestattung des Polyneikes von den Göttern ausgeführt wurde, was Kreon mehr als unzufrieden stimmt.

Kreon verlang von dem Chor, dass dieser die Leiche des Polyneikes bewachen solle. Der Chor lehnt diese Bitte jedoch kühl ab (vgl. V. 216), worauf hin Kreon den Chor belehrt, dass dieser ihm zu dienen hat und seinen Befehlen nachgehen solle. Darauf antwortet der Chor nur sehr zurückhaltend, denn die Greise wollen den König nicht verärgern und zum Tode verurteilt werden (vgl. V. 218-220). An dieser Stelle erwähnt der Chor den Tod, welcher als Strafe auf die Ungehorsamkeit gegen Kreons Befehle folgt, ohne dass Kreon zuvor vom Tod spricht; denn der Chor hat Kenntnis über die üblichen Konsequenzen, mit denen nun auch Antigone rechnen muss. Dass Sophokles ausgerechnet den Chor die Todesstrafe erwähnen lässt, ist nicht zufällig (vgl. Held 1847: 7). Diese Erwähnung durch den Chor hat eine ganz spezielle Wirkung: Zum einen unterstreicht die Gewissheit des Chors, dass aus Angst vor der Todesstrafe sich niemand Kreons Gesetzen widersetzen würde, Antigones Tat umso mehr als etwas Ungewöhnliches und Besonderes. Dadurch löst sich die Handlung Antigones von Allem, was erwartet wurde, ab. Für Kreon erscheint Antigone somit als nicht berechenbar und das löst eine Überraschung und zugleich auch Wut in ihm aus (vgl. Held 1847: 8).

Nachdem der Wächter mitteilt, dass die Leichte des Polyneikes nun auf nicht nachvollziehbare Weise beerdigt wurde, ist der Chor davon überzeugt, dass es wohl ein von den Göttern gesandtes Werk sei, jedoch im negativen Sinne. Dies kann so gedeutet werden, dass die Bestattung von Polyneikes eines von Göttern geschicktes Wunder ist. Der Zorn der Götter kann aber nur gegen Kreon gerichtet sein, denn sein Verbot, Polyneikes zu bestatten, wurde ignoriert und somit wurde seinen Befehlen nicht Folge geleistet. Diese Anspielung des Chors erwidert Kreon jedoch damit, dass die Götter sich Polyneikes gegenüber gnädig verhalten haben und ihr Handeln nichts mit ihrer Wut gegenüber ihm, Kreon, zutun hatte (vgl. Held 1847: 8).

Nachdem Kreon und der Wächter abgehen, singt der Chor sein erstes Stasimon, ein Chorlied.

4.3 Der Auftritt des Chors im ersten Stasimon

Das erste Stasimon entspricht in seinem Aufbau dem Aufbau des Parodos: Es gibt 2 Strophen und 2 Gegenstrophen. Im ersten singt der Chor ein Chorlied. Die Ältesten singen über die Macht und den Erfindergeist der Menschen, der alle als seine Untertanen ansieht und seine Geschicklichkeit sowohl für das Gute als auch für das Böse verwendet. Held hält diese Gedanken des Chores in einem Satz fest: „Viel ist des Gewaltigen, doch gewaltiger nichts als der Mensch.“ (Held 1847: 9). Der Chor nutzt das griechische Wort „deinos“, welches so viel wie furchtbar, schrecklich, gefährlich bedeutet, aber auch gewaltig und groß. Diese Semantik erklärt, warum der Mensch „deinos“ ist (vgl. Held 1847: 9). Der Mensch erobert Meer und Land, er erfindet Mittel, um Tiere zu fangen; er erfindet aber auch Dinge, die zum Leben nötig sind: Sprache, Städte und Wohnungen. „[…], nur dem Hades kann er nicht entgehen, wenngleich er Mittel, schweren Krankheiten zu entfliehen, gefunden hat.“ (Held 1847: 9). Darauf baut auch die Kritik des Chors auf: Denn der Mensch hat es geschafft, das königliche Verbot zu umgehen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Tat war also sowohl listig als auch klug. Damit betrachtet der Chor den Menschen ganz allgemein, denn eine individuelle Betrachtung ist noch nicht möglich. An dieser Stelle hat der Chor bereits seinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Handlungsweise Kreons gezeigt, denn ein guter Bürger muss nicht nur die Gesetze des Landes ehren, sondern auch das heilige Recht der Götter; und wenn sich jemand gegen die Götter stellt, dann sollte das königliche Gesetz in Frage gestellt werden.

Der Chor reflektiert weiterhin über Antigones Versuch, sich gegen das Gesetz zu stellen und ihren Bruder Polyneikes, den Verlierer des Kampfes, zu beerdigen. Der Chor scheint erregt und steht Antigone mit Respekt gegenüber; dieser Respekt wandelt sich jedoch schnell in Treue zum Gesetz über. Indem der Chor auf das Gesetz und das ausdrückliche Verbot, den Verlierer des Krieges zu beerdigen, hinweist, stimmt es König Kreon zu und gibt ihm Recht: „Achtet er die Gesetze des Landes Und das Recht der Götter, bei dem man schwört, ist er hoch angesehen in der Stadt; von der Stadt ausgeschlossen ist, wer am Unrecht haftet, denn er ist dreist.” (vgl. Held 1847: 10). Hier verweist der Chor bereits darauf und informiert auch das Publikum darüber, was Antigone nun droht, da sie die Gesetzte nicht achtet. Die Gesetzte sind jedoch von höchster Bedeutung, da sie den Rechten der Götter entsprechen. Die Gesetze zu brechen bedeutet somit, die Götter nicht zu ehren; die Götter aber sind die höchste Instanz. Antigone hat also eine Straftat begangen und nun droht ihr eine Verbannung aus der Gesellschaft, was jedoch nicht mit einer Verbannung aus der Stadt gleichzustellen ist, denn Antigone hat auch die Stadt hintergangen, indem sie die Gesetze nicht ehrte.

4.4 Der Auftritt des Chors im zweiten Epeisodion

Im zweiten Epeisodion sind die Äußerungen des Chors eher kurz. Einmal kündigt er an, dass Kreon aus dem Haus kommt, ein anderes Mal sprecht er über Antigones Charaktereigenschaften. Damit kommt eine der tragenden Rollen des Chores zum Vorschein: Hier fungiert der Chor als Ankündiger. Als Ismene, die Schwester Antigones ihren Auftritt hat, ist es der Chor, der sie ankündigt und damit auch ihr das Zeichen für ihren Auftritt gibt. Zumindest wenn man das Stück auf die Bühne bringt, fungiert der Chor so als eine Art Souffleuse, die allen sagt, wann ihr Einsatz ist. Gleichzeitig besänftigt der Chor aber auch Kreon, als Antigone ihn provoziert. “Deshalb sagt der Chor besänftigend, Antigone wisse, gleich ihrem heftigen Vater nicht, sich dem Unglück zu fügen“ (Jacob 1849: 7). Es scheint so, als würde der Chor durchaus Verständnis für Anitgones Taten haben und spielt zu ihrem Schutze die Karte ihrer Abstammung aus.

Chor. Wild tritt, vom wilden Vater her, des Mädchens Art hervor: zu weichen weis sie nicht dem Misgeschick.

(Böckh 1843: 39).

Doch er gibt dem Kreon als loyaler Untertan Recht und unterstützt ihn in seinem Tun. Würde der Chor dies nicht tun, so würde er Kreon auch nicht als rechtmäßigen Herrscher, der er ja ist, anerkennen. Der Chor steht als alter Rat also zwischen den Schranken, entscheidet sich dann aber für den König, so wie es in seiner Position sein sollte. „Der schwache Chor spricht allerdings dem Kreon, obwohl nicht geradezu noch ohne Bedenken, das Recht zu dem Verbote zu“ (Jacob 1849: 9). Der Beweis dafür liegt hier:

„Chor.

Berauben willst du dieser deinen eignen Sohn? „

Kreon.

Ja, Hades wird auflösen dieser Ehe Bund.

Chor.

Beschlossen ist es, seh' ich, dafs sie sterben soll.“ (Böckh 1843: 49).

Der Chor merkt an, dass bei einer Strafe an Antigone, vor allem der Todesstrafe, Kreon seinem eigenen Sohn die Braut raubt. Doch Kreon beharrt weiter auf seine Worte, worauf der Chor nachgibt und ihr Todesurteil deutlich ausspricht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rolle und Funktion des Chors in Sophokles Tragödie "Antigone"
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Deutsche Tragödien
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V367456
ISBN (eBook)
9783668459632
ISBN (Buch)
9783668459649
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tragödie, antigone, chor, sophokles
Arbeit zitieren
Olesja Yaniv (Autor), 2017, Die Rolle und Funktion des Chors in Sophokles Tragödie "Antigone", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367456

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