Problematik von Gemeinschaft und Allein-Sein in dem Roman "Transit" von Anna Seghers

Ist der Erzähler auf sich allein gestellt?


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Erfahrung des Exils

3 Marseille – ein Ort der Ankunft und Abreise

4 Fehlende Identifikation und Verlockung
4.1 Die Anonymität des Erzählers
4.2 Der Strom der Abfahrtssüchtigen
4.3 Die Beziehung zu Marie

5 Gemeinschaft und Solidarität
5.1 Die Familie Binnet
5.2 Die Beziehung zu Heinz

6 Fazit

7 Quellenverzeichnis

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Jahr 1940 konvergieren viele Fluchtbewegungen. Exilanten suchen nach der Machtergreifung Hitlers, im Jahre 1933, Asyl in Frankreich. Unter ihnen befinden sich Antifaschisten, Juden, Intellektuelle sowie Künstler aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. Für viele war Marseille ein Sammelpunkt und gleichzeitig europäische Endstation.[1] In dieser Zeit zwischen 1940 und 1943 entsteht Anna Seghers‘ Manuskript zu Transit. Sie befindet sich selbst auf der Flucht von Paris nach Südfrankreich und wartet dort ein halbes Jahr auf ihre Ausreise.[2] Als der zermürbende Kampf mit der Bürokratie gewonnen war, verlässt sie mit ihrer Familie Europa und flieht 1941 ins mexikanische Exil.[3] Transit wurde erstmals 1948 in Deutschland gedruckt.[4]

Mit Transit versucht Anna Seghers einiges von der Atmosphäre und den Ängsten einzufangen, welche den Exilanten begegneten oder begegnen konnten.[5] Alles dreht sich um die Angst der eigenen Entwurzelung. Des Weiteren wird das Exil als ein Kulturschock wahrgenommen, es ist ein psychischer Ausnahmezustand von riesenhafter Dimension. Die Formidee von Transit beherrscht den Roman in allen Bereichen und Bezügen.[6] Es geht um das Vorüber- und Hinübergehende, den Durchzug, das Vergängliche.[7] Alles befindet sich in Bewegung und im Übergang. Alles ist der Metamorphose unterworfen.[8]

Dieses Kontrastmoment soll in dieser Hausarbeit näher analysiert werden, unter der Fragestellung, ob der Erzähler auf sich allein gestellt ist. Als Basis möchte ich grundlegend die Erfahrung im Exil darstellen. Nachfolgend soll es um die Stadt Marseille gehen, welcher eine besondere Rolle in Transit zukommt. Die letzten beiden großen Kapitel 4 und 5 sollen abschließend zeigen, wie hin- und hergerissen der Erzähler doch ist. Auf der einen Seite geht es um die fehlende Identifikation und Verlockung. Sein Identitätsverlust wird in Kapitel 4.1. dargestellt und außerdem möchte ich auf die Anonymität des Erzählers eingehen. Anschließend soll anhand des Stromes der Abfahrtsüchtigen und der Beziehung zu Marie die „negative“ Seite offenbart werden. Auf der anderen Seite demonstriert Kapitel 5 das „wahre Leben“ und die Gemeinschaft/ Solidarität. Dazu habe ich mir zwei besondere Vertreter herausgegriffen. Zum einem die Familie Binnet, welche eine außergewöhnliche Verbindung zum Erzähler hat und auf der anderen Seite die Beziehung zu Heinz, welche zum Teil identitätsstiftend auf ihn wirkt. Die Frage nach der Identität wird einen allgegenwärtigen Charakter einnehmen und immer in Bezug auf den Erzähler ausgewertet werden.

2 Die Erfahrung des Exils

Herkunft und Heimat sind zwei zentrale Merkmale unserer menschlichen Existenz. Sie dienen der Selbstvergewisserung, sie formulieren Identität und noch vieles mehr. Herkunft und Heimat tragen außerdem grundlegend dazu bei, Ordnung in das Chaos der Moderne zu bringen. Das sorgt wiederum für Sicherheit, es gewährt Stabilität und definiert eine Kategorie des Vertrauens. Besonders das 20. Jahrhundert der Flüchtlinge hat gezeigt, wie schnell doch Kategorien wie Heimat und Herkunft labil und morsch werden können.[9]

Gegenbilder zu den beiden oben genannten Kategorien sind Flucht und Vertreibung. Diese Faktoren zwingen zu einem Neuanfang und zur Integration in eine unbekannte und auch meist fremde Lebenswelt. Sie sind außerdem mit belastender Unsicherheit und Zukunftsängsten verbunden.[10] Auftretende Ängste können Verfolgungsängste aber auch konfusionaler oder depressiver Natur sein. In ihrer Dauer, Intensität und im Verlauf können sie sich beträchtlich unterscheiden. Aufgrund der zermürbenden Anforderungen erlebt man Einsamkeit, die Unkenntnis der Sprache und muss sich auf Wohnungs- und Arbeitssuche begeben.[11]

Um sich in die neue Umgebung zu integrieren, muss der Emigrant vorerst auf einen Teil seiner Individualität verzichten. Dieser Verlust/ Verzicht welcher am eigenen Leib gespürt wird, erzeugt schmerzhafte Konflikte. Die große Qual besteht auch darin, sich von bedeutenden „Symbolen“ loszulösen, wie der Sprache oder der Kultur. Alle Erinnerungen und auch alle Gefühle sind an die eigene Muttersprache gekoppelt und durchtränken sie mit einer besonderen Bedeutung.[12] Vor allem für Schriftsteller ist die Heimat mit der gesprochenen Sprache der eigentliche „Raum“ seiner Arbeit.[13] Den Vertriebenen fehlt damit nicht nur die heimatliche Umgebung, sie fühlen sich außerdem ihrer „Zunge“ beraubt.[14] Anna Seghers schreibt dazu: „Für Menschen in reiferem Alter ist es nicht leicht, alle paar Monate neue Wurzeln zu schlagen. […] Schriftsteller sind wie Bäume. Sie ziehen ihre Nahrung aus dem Boden, der sie umgibt.“ [15] So wird vielen Emigranten vor der Abfahrt bewusst, wovon man doch eigentlich Teil ist oder Teil war. Die Kultur, die Geschichte, die Laute. So wird man es „drüben“ niemals wiederfinden.[16]

3 Marseille – ein Ort der Ankunft und Abreise

Schon der Titel des Romans Transit , expliziert das Konzept des Exils, welches sich im gesamten Text entfaltet. Das Exil wird am Beispiel von Marseille dargestellt und ist ein Ort an dem Menschen ankommen und wieder abreisen. Es ist ein Zwischen- und Übergangsraum, an dem man nicht zur Ruhe kommen kann. Auf der einen Seite werden die Menschen zum Abreisen gezwungen und auf der anderen Seite werden sie daran gehindert.[17] Wenn man weiter in die Interpretationsebene hineingehen möchte, könnte man die Exilsituation auch als Zwischenexistenz zwischen einem bereits vergangenen Leben und dem endgültigen Tod deuten.[18] Aber dazu später mehr.

Für dieses Konzept der Ankunft und Abreise stellt der Roman zwei räumliche Metaphern auf.[19] Bereits zu Beginn des Ersten Kapitel in der Pizzeria, in welche es den Erzähler oft verschlägt, werden diese deutlich. „Setzen Sie sich bitte zu mir! Was möchten Sie am liebsten vor sich sehen? Wie man die Pizza bäckt auf dem offenen Feuer? Dann setzen Sie sich neben mich. Den alten Hafen? Dann besser mir gegenüber. Sie können die Sonne untergehen sehen hinter dem Fort Saint-Nicolas.“ [20] Marseille wird hiermit zum Repräsentant beider Pole. Auf der einen Seite der Hafen. Er symbolisiert den Ort, an dem die ziellos Flüchtenden jeden Tag hinströmen und nur selten ein Schiff von dort ablegt. Er ist ein Ort des ungeduldigen Ausharrens. Die Menschen erhalten leere Versprechungen auf eine Ausreise und werden von bürokratischen Einrichtungen und unzähligen Konsulaten nur so hin- und hergeschoben.[21] Auf der anderen Seite stellt sich das Feuer mit dem Herd dar, auf dem täglich die Pizza gebacken wird. Dieser Gegenpol steht für das tätige, schöpferische Leben, das Überdauernde.[22] Wenn man nun die Position des Erzählers in der Pizzeria betrachtet, stellt man fest, dass er sich für die Sicht auf das offene Feuer entscheidet. Wird hiermit schon verdeutlicht, dass er sich für das das „wahre Leben“, das gewöhnliche Leben entschieden hat? Diese Textpassage würde es vermuten lassen, jedoch fügt er später hinzu: „Ich hatte nur noch eine schwere Frage in diesem Leben zu lösen, sobald ich die Pizzaria betrat: Sollte ich mich auf den Platz setzen, auf dem Sie jetzt sitzen, mit dem Gesicht gegen den Hafen vor mir, oder auf den Platz, auf dem ich jetzt sitze, vor das offene Feuer? [23] Darin zeigt sich also jene Hin-und Hergerissenheit, welche den Erzähler die ganze Zeit über plagen wird. Er muss sich entscheiden ob er sich in den Strom der Abfahrtssüchtigen integriert oder sich für ein gewöhnliches Leben in Marseille entscheidet. Dieses Kontrastmoment soll in den nächsten beiden Abschnitten näher beleuchtet werden.

4 Fehlende Identifikation und Verlockung

Der Erzähler versucht sich über den gesamten Roman von den Menschen abzugrenzen, welche auf ihre nötigen Papiere warten um Marseille verlassen zu können. Doch bald wird er selbst durch Marie in diesen Bann gezogen. In dem folgenden Kapitel soll die „negative Seite“ dargestellt werden, welche sich mit dem Identitätsverlust des Erzählers verbindet.

4.1 Die Anonymität des Erzählers

Wenn ich bis jetzt immer nur vom Erzähler gesprochen habe ohne einen Namen zu nennen, liegt das daran, dass wir in Transit nicht viel über ihn erfahren. Alle Informationen muss sich der Leser während des Lesens an dieser und jener Textpassage zusammengreifen. Seinen richtigen Namen erfahren wir jedoch nie. Auch die anderen kennen seinen Namen nicht, bis auf Paul Strobel.[24] Der Erzähler, welcher später den Namen Seidel/ Weidler annimmt, klagt oft über das Alleinsein, die Langeweile, seine innere Leere und die Gleichgültigkeit gegenüber allem. Er vergleicht sich selbst mit einem vom Wind herumgetriebenen Blatt Papier.[25]Mich jammerten meine siebenundzwanzig vertanen, in fremde Länder verschütteten Jahre.“ [26] Man kann davon sprechen, dass der Erzähler sein Ich verloren hat und sich nun auf die Suche begibt, zu sich zurück zu finden und damit auch zu den anderen.[27]

Im Zentrum des Erzählers steht weiterhin und damit eng verbunden die Erfahrung des Verlusts. Der Verlust von geliebten Menschen, der drohende Verlust der eigenen Person und der damit verbundene Identitätsverlust, wie bereits oben angeführt. Die Urszene des Verlustes findet man am Anfang des zweiten Kapitels:[28] „Irgend etwas war mir verloren gegangen, so verloren, daß ich nicht einmal mehr genau wußte, was es gewesen war, daß ich es nach und nach nicht einmal mehr richtig vermißte, so gründlich war es mir verlorengegangen in all dem Durcheinander.“ [29]

Jedoch gibt es eine Person im Roman, die dem Erzähler das Gefühl geben kann doch noch lebendig zu sein. Um diese Person wird es sich später in 5.2 drehen.

[...]


[1] Liehr, Günther: Marseille. Porträt einer widerspenstigen Stadt, Zürich 2013, S. 147. (Liehr, Marseille)

[2] Sicks, Kai: Anna Seghers: Transit (1944/1947), in: Bannasch, Bettina/ Rochus, Gerhild (Hgg.): Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller, Walter de Gruyter GmbH, Berlin/ Boston 2013, S.528. (Sicks, Transit)

[3] Von Sternburg, Wilhelm: Anna Seghers. Ein Portrait, Berlin 2012, S. 123. (Sternburg, Portrait)

[4] Müller-Salget, Klaus: Literatur ist Widerstand. Aufsätze aus drei Jahrzehnten, Innsbruck 2005, S. 45. (Salget, Totenreich)

[5] Liehr, Marseille, 149.

[6] Walter, Hans-Albert: Anna Seghers' Metamorphosen. Transit – Erkundungsversuche in einem Labyrinth, Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg 1984, S.136. (Walter, Metamorphosen)

[7] Ebd., 114.

[8] Ebd., 135.

[9] Heusler, Andreas/ Sinn, Andrea: Die Erfahrung des Exils, in: Heusler, Andreas/ Sinn, Andrea (Hgg.): Die Erfahrung des Exils. Vertreibung, Emigration und Neuanfang, Ein Münchner Lesebuch, Walter de Gruyter GmbH, Berlin/ Boston 2015, S.1. (Heusler, Exil)

[10] Ebd., 1.

[11] Grinberg, León/ Grinberg, Rebeca: Psychoanalyse der Migration und des Exils. Übersetzung aus dem Spanischen von Flavio C. Ribas, Mit einem Geleitwort von Harald Leupold-Löwenthal, Gießen 2016, S.99. (Grinberg, Psychoanalyse)

[12] Ebd., 102.

[13] Walter, Metamorphosen, 116.

[14] Améry, Jean: „Und wir verloren die Sprache“. Schriftsteller im Exil, in: Der Beauftragte für Ausländerarbeit der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (Hg.)…, Berlin 1990, S.7. (Améry, Sprache)

[15] Walter, Metamorphosen, 116.

[16] Ebd., 117.

[17] Sicks, Transit, 529.

[18] Salget, Totenreich, 46.

[19] Sicks, Transit, 529.

[20] Seghers, Anna: Transit. Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1951, S.5. (Seghers, Transit)

[21] Sicks, Transit, 529.

[22] Salget, Totenreich, 49.

[23] Seghers, Transit, 65.

[24] Sicks, Transit, 530.

[25] Salget, Totenreich, 50.

[26] Seghers, Transit, 89.

[27] Salget, Totenreich, 50.

[28] Winckler, Lutz: Eine Chronik des Exils. Erinnerungsarbeit in Anna Seghers Transit , in: Krohn, Claus- Dieter/ Winckler, Lutz (Hgg.): Gedächtnis des Exils- Formen der Erinnerung, München 2010, S. 199. (Winckler, Erinnerungsarbeit)

[29] Seghers, Transit, 41.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Problematik von Gemeinschaft und Allein-Sein in dem Roman "Transit" von Anna Seghers
Untertitel
Ist der Erzähler auf sich allein gestellt?
Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V367587
ISBN (eBook)
9783668459953
ISBN (Buch)
9783668459960
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transit, Anna Seghers
Arbeit zitieren
Stephanie Mütterlein (Autor), 2017, Problematik von Gemeinschaft und Allein-Sein in dem Roman "Transit" von Anna Seghers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367587

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