Spanisch gehört nach Englisch, Chinesisch und Hindi zu den heute meistgesprochenen Sprachen der Welt und zählt ca. 330 Mio. Muttersprachler (Statista 2016). Zudem ist es die häufigste Muttersprache auf dem amerikanischen Kontinent. Doch Spanisch ist nicht überall gleich. Wie auch in der deutschen Sprache gibt es regionale Abweichungen. Das Sprachgebiet der hispanophonen Welt erstreckt sich im Vergleich zur deutschen Sprache über ein viel größeres Gebiet und bietet daher auch eine reichere Fülle an Variationen.
Mit der Entdeckung der sogenannten Neuen Welt im Jahr 1492 und der anschließenden Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents begann die Verbreitung der spanischen Sprache und Kultur außerhalb Europas. In den neu kolonialisierten Gebieten kam es zu Sprachkontakten mit einheimischen Völkern sowie anderen Eroberern. Aus dieser Tatsache heraus entwickelten sich Kreolsprachen aber auch neue spanische Varietäten, die sich zum Beispiel in Lexik und Grammatik von den ursprünglichen in Spanien gesprochenen Varietäten deutlich unterscheiden.
Um eine solche Vielfalt von Varietäten, die sich von mehreren sprachlichen Zentren aus verbreiten, wissenschaftlich beschreiben zu können, hat sich die Theorie der plurizentrischen Sprachen etabliert und gerade in der hispanophonen Welt zu einem fortwährenden Diskurs zwischen Linguisten darüber geführt, ob Spanisch eine plurizentrische Sprache sei.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Konzept der plurizentrischen Sprache
3. Ausstrahlungszentren in der hispanophonen Welt
4. Kodifizierung
5. Der unidad-Diskurs und das Nebeneinander
6. Zusammenfassung
7. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Status der spanischen Sprache im Kontext der Theorie plurizentrischer Sprachen. Das primäre Ziel ist es, zu klären, ob Spanisch bereits die Kriterien einer plurizentrischen Sprache erfüllt oder ob eine Vorrangstellung durch Institutionen wie die Real Academia Española diese Entwicklung bisher verhindert.
- Grundlagen des Konzepts der plurizentrischen Sprache nach Clyne und Bierbach
- Identifikation relevanter Ausstrahlungszentren in der hispanophonen Welt
- Analyse der Kodifizierungspraxis in verschiedenen spanischsprachigen Ländern
- Diskussion des "unidad-Diskurses" und der Spannungsfelder zwischen regionalen Varietäten und dem Streben nach Einheit
Auszug aus dem Buch
2. Das Konzept der plurizentrischen Sprache
Den in den 70 Jahren, zuerst unter dem Synonym Polyzentrik, entstandene Begriff der Plurizentrik, welcher der wissenschaftlichen Beschreibung von Sprachen galt, für die mehrere Sets von akzeptierten und gleichberechtigten Normen bestehen (Bierbach 2004:144), fasste 1992 Michel Clyne (1992:2) zusammen:
The term pluricentric was employed […] to describe languages with several interacting centres, each providing a national variety with at least some of its own (codified) norms.
In dieser Definition greift er mit der Bindung der Plurizentrik an nationale Varianten den von Kloss bereit 1978 eingeführten Gedanken auf, dass Plurizentrik auch eine Frage der Hierarchie, Fremd- und Selbsteinschätzung und an das Bewusstsein der beteiligten Sprechergemeinschaft geknüpft sei (Bierbach 2004:144) und führt ihn weiter aus:
National varieties are, of course, identified with a particular nation - by both the in and the outgroup. (Clyne 1992:2)
Nationale Varianten definieren sich nicht allein durch ihre linguistischen Indices, sondern auch durch ihren Status innerhalb der eigenen Sprechergemeinschaft und anderer Sprechergemeinschaften, sowohl derselben als auch anderer Sprachen, wodurch sie sich von Dialekten abgrenzen (Clyne 1992:2). Sie sind daher auch als Bewusstseinsgröße, die eine nationale Eigenart zum Ausdruck bringt, zu verstehen (Bierbach 2004:144). Das Konzept der Plurizentrik ist also keine rein wissenschaftliche Beschreibung von Sprache, sondern ein Leitbild für sprachliche Selbstdefinition und Abgrenzung von Sprechergemeinschaften.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die globale Bedeutung des Spanischen ein und stellt die theoretische Fragestellung auf, inwiefern Spanisch als plurizentrische Sprache klassifiziert werden kann.
2. Das Konzept der plurizentrischen Sprache: Dieses Kapitel definiert die theoretischen Grundlagen der Plurizentrik, insbesondere anhand von Kriterien wie dem Zentrumskriterium, der politisch-nationalen Einheit und der Kodifizierung.
3. Ausstrahlungszentren in der hispanophonen Welt: Hier werden anhand des Modells von Thompson wichtige urbane Zentren analysiert, die als Ausgangspunkte für sprachliche Normen fungieren.
4. Kodifizierung: Das Kapitel beleuchtet die Rolle von Wörterbüchern und Institutionen wie den verschiedenen academias bei der Etablierung nationaler Sprachnormen.
5. Der unidad-Diskurs und das Nebeneinander: Es wird diskutiert, wie der Wunsch nach sprachlicher Einheit (unidad) mit dem tatsächlichen, oftmals asymmetrischen Nebeneinander der Varietäten korreliert.
6. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass Spanisch zum aktuellen Zeitpunkt aufgrund fehlender umfassender präskriptiver Normen auf nationaler Ebene noch nicht als plurizentrische Sprache gelten kann.
7. Bibliographie: Das Verzeichnis listet alle verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Werke der Untersuchung auf.
Schlüsselwörter
Plurizentrik, Spanisch, Varietäten, Kodifizierung, Real Academia Española, hispanophone Welt, Sprachpolitik, nationale Varianten, Ausstrahlungszentren, unidad-Diskurs, Norm, Linguistik, Sprachwissenschaft, Standardisierung, Sprachkontakt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die spanische Sprache die linguistischen und soziopolitischen Voraussetzungen einer plurizentrischen Sprache erfüllt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Sprachplanung, Kodifizierung nationaler Standards, die Rolle der Real Academia Española sowie die theoretische Definition von Plurizentrik.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Definiert sich Spanisch als plurizentrische Sprache und welchen Status nimmt sie derzeit in diesem theoretischen Konzept ein?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine theoretische Literaturanalyse, um das Konzept der Plurizentrik auf die reale Situation der hispanophonen Sprachwelt anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Kriterien für Plurizentrik, die Identifikation von Ausstrahlungszentren und die Analyse der aktuellen Kodifizierungspraxis in lateinamerikanischen Ländern und Spanien erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Plurizentrik, nationale Varietäten, Kodifizierung, Sprachpolitik und das Spannungsfeld zwischen sprachlicher Einheit und Vielfalt.
Warum wird die Real Academia Española in der Arbeit kritisch betrachtet?
Die RAE wird kritisch gesehen, da ihre Vormachtstellung ein "Prestigegefälle" gegenüber nationalen Akademien erzeugt und eine gleichberechtigte Anerkennung regionaler Normen erschwert.
Was bedeutet der "unidad-Diskurs" im Kontext der Arbeit?
Der "unidad-Diskurs" beschreibt das Bestreben, das Spanische trotz seiner weltweiten Verbreitung als eine einheitliche Sprache zu erhalten, wobei dieser Diskurs oft das tatsächliche, varietätenreiche Sprecherverhalten vernachlässigt.
Ist Spanisch nach Ansicht des Autors bereits plurizentrisch?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass es noch an der notwendigen umfassenden, staatsnationalen Kodifizierung fehlt, um von einer voll entwickelten plurizentrischen Sprache sprechen zu können.
- Quote paper
- Kevin Hildebrandt (Author), 2016, Spanisch. Eine plurizentrische Sprache?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367751