Interpretation von Ingeborg Bachmanns "Malina" mit Hilfe der Theorien von Sigmund Freud


Hausarbeit, 2004
16 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Orientierung des Romans am psychoanalytischen Prozess

3. Verdichtung nach Freud
3.1 Verdichtung von mehreren Personen zu einer Traumfigur

4. Die Zensurinstanz

5. Jenseits des Lustprinzips: Wiederholungszwang
5.1 Hysterie als das Leiden an Erinnerung
5.2 Das Trauma der Ich-Figur
5.3 Zusammenhang zwischen Kindheitstraumen und den Dramen des Erwachsenenlebens der Ich-Figur

6. Der weibliche Ödipuskomplex nach Freud
6.1 Die Ödipusproblematik im Roman
6.2 Der Vater als Machthaber auch über die Blutschande

7. Bachmanns Kritik an Freud

8. Schlussbetrachtung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit soll Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“ mit Hilfe der Theorien von Sigmund Freud interpretiert werden. Dabei soll hauptsächlich das zweite Kapitel des Romans in den Blick der Betrachtung gerückt werden, da es in diesem um die Träume, also das Unbewusste, der Ich-Figur geht.

Zunächst soll dargestellt werden, in wie fern sich der Roman am psychoanalytischen Prozess orientiert. Dann sollen Freuds Theorien zur Verdichtung vorgestellt, und überprüft werden, in wie weit sie auf den Roman übertragbar sind. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit der Zensurinstanz. Dem folgt eine Zusammenfassung von Freuds Überlegungen zum Widerholungszwang, wobei wiederum versucht werden soll, diese auf den Roman zu übertragen. Dasselbe geschieht auch im folgenden Kapitel über den weiblichen Ödipuskomplex. Am Ende der Arbeit soll aufgezeigt werden, dass Ingeborg Bachmann unter anderem beabsichtigt hat, mit ihrem Roman Kritik an den Überlegungen Freuds zu üben und diese in Frage zu stellen. Das sie mit Ihnen vertraut war, steht in jedem Fall fest: Die bei Fischer erschienene Ausgabe der Freudschen Schriften in Bd.V, mit dem Titel „Sexualleben“, war ein Teil der Bibliothek, die sie für die „Todesarten-Reihe“ verwendete. „Bachmann war demnach nicht nur mit der Freudschen Schrift vertraut, sondern in den ’’Todesarten’’ auch um eine Auseinandersetzung damit bemüht.“[1] Hierdurch wird auch die Berechtigung dieser Arbeit unterstrichen. Bei der Analyse mit Hilfe von Freuds Theorien muss aber bedacht werden, dass es sich in „Malina“ nicht um tatsächliche Traumaufzeichnungen, sondern um einen literarisch ausgestalteten Text handelt.

2. Orientierung des Romans am psychoanalytischen Prozess

Der Aufbau des Romans „Malina“ orientiert sich an den folgenden Stufen eines psychoanalytischen Prozesses der Freudschen Psychoanalyse: Wiederholung, Erinnerung und Durcharbeiten. So stellt der Roman im

„ersten Kapitel die Liebschaft der Ich-Figur mit Ivan bis zum Rückzug des Geliebten dar, die zur Wiederholung infantiler Liebesmuster der Figur führt und die Vergangenheit reproduziert ohne sie zu erinnern. Erst die Trennung von Ivan erzwingt die Auseinandersetzung“[2]

mit den Erinnerungen. Sie kommen nun in den Träumen der Ich-Figur zum Ausdruck. Zu einem Durcharbeiten der Träume kommt es in den traumanalytischen Gesprächen zwischen Malina und Ich-Figur: „Malina soll alles wissen“[3]. In diesen hinterfragt Malina immer wieder den Inhalt der Träume und vor allem danach, wer der Vater ist, der in allen Träumen der Ich-Figur vorkommt: „Warum hast du immer gesagt: mein Vater?“[4], worauf die Ich-Figur allerdings zunächst keine Antwort geben kann.

3. Verdichtung nach Freud

Die Verdichtungsarbeit produziert laut Freud „Mischgebilde“, indem sie verschiedene Elemente – Ideen, Gegenstände, Personen – zusammenlegt. Die Verdichtung kommt also vor allem dadurch zustande, dass „latente Elemente, die etwas Gemeinsames haben, für den manifesten Traum zusammengelegt, zu einer Einheit verschmolzen werden.“[5] Es bleibt dann der „Übersetzungsarbeit des Traumdeuters vorbehalten, die verschiedenen Elemente der Verdichtung und Mischung zu entwirren und mit dem latenten Traumgedanken in Beziehung zu bringen.“[6] Dies soll im folgenden Kapiteln versucht werden.

3.1 Verdichtung von mehreren Personen zu einer Traumfigur

Dieses Kapitel soll aufzeigen, dass die beiden Traum-Figuren „Vater“ und „Eleonore“ Mischfiguren im Sinne Freuds sind. Das heißt, bei ihnen werden unterschiedliche Elemente verschiedener Figuren zu einer Mischperson verdichtet. „Durch diese Mischbildung wird etwas den vier Personen Gemeinsames besonders hervorgehoben.“[7]

Dies wird in erster Linie an der Figur des Vaters deutlich. Er tritt mehrfach in einer Gestalt auf, über die die Ich-Figur nicht mehr sagen kann, ob es sich bei ihr tatsächlich um den Vater oder um die Mutter handelt. Ein Beispiel hierfür, dass im Roman auf Seite 241 steht:

„Mein Vater hat jetzt auch das Gesicht meiner Mutter. Es ist ein riesiges, verwaschenes, altes Gesicht, in dem aber doch seine Krokodilsaugen sind, der Mund ähnelt aber schon dem Mund einer alten Frau, und ich weiß nicht, ob er sie ist oder sie er.“

Es liegt hier also eine Mischperson im Sinne Freuds vor, die Elemente der Mutter- und der Vater-Figur verbindet.

Warum diese Mischperson auftritt, versucht Malina zusammen mit der Ich-Figur im Gespräch zu ergründen:

„Ich: […] Warum ist mein Vater auch meine Mutter?

Malina: Warum wohl? Wenn jemand alles ist für einen anderen, dann kann er

viele Personen in einer Person sein.“[8]

Die Ich-Figur begreift schließlich selbst, dass die Mischperson weder Vater noch Mutter ist: „ich weiß, daß er keiner von beiden ist, sondern etwas Drittes“[9].

Was das den Personen Gemeinsame ist, dass durch die Mischbildung hervorgehoben werden soll, erkennt die Ich-Figur dann am Ende des zweiten Kapitels: „Es ist nicht mein Vater. Es ist mein Mörder.“[10] Das Gemeinsame ist also das Mörderische, das das Ich zerstört.

Eine weitere Mischperson im Sinne Freuds ist die Figur Eleonore. Laut Ellen Summerfield ist sie eine „Gestalt, die Verschiedenes verbindet: die eigentliche Schwester, das Schwesterliche an sich und eine Freundin Eleonore.“[11] Denn: Die Ich-Figur nennt Eleonore zwar mehrfach ihre Schwester, doch in einem Gespräch mit Malina sagt sie: „ich habe keine Schwester, die Eleonore heißt.“[12] Und sie sagt über Eleonore, dass diese viel älter ist als ihre „Schwester, sie muß in einer anderen Zeit gelebt haben, in einem anderen Jahrhundert sogar.“[13]

4. Die Zensurinstanz

Bei der Wichtigkeit, die Ivan für die Ich-Figur hat und dem Einfluss, den er auf sie ausübt, muss es erstaunen, wie selten er in ihren Träumen eine Rolle spielt. Ebenso auffallend ist die Tatsache, dass er dann ausnahmslos in durch und durch positiver Gestalt auftritt. Zum Beispiel auf Seite 206 im Roman: „ich trockne Ivan die Füße und dann mir, wir sitzen auf meinem Bett und sehen einander voller Freude an“.

Die Konstruktion der Ich-Figur von Ivan entspricht allerdings ganz und gar nicht der Realität, sondern einem, von der Ich-Figur selbst hochstilisierten, Wunschbild, dass sie sich von Ivan gemacht hat. Ihre Zensurinstanz korrigiert den wirklichen Ivan also entsprechend ihres Wunschbildes. Und zwar in solcher Weise, die Freud wie folgt beschreibt: „Die Tendenzen, welche die Zensur ausüben, sind solche, welche vom wachen Urteilen des Träumers anerkannt werden, mit denen er sich einig fühlt.“[14] Die Ich-Figur fühlt sich in diesem Fall vordergründig einig damit, dass Ivan ihr „Traummann“ ist und spricht allem, was dem entgegensteht, ab.

So wird es, laut Robert Steiger, möglich, die Vater-Figur als verschlüsselte Verkörperung Ivans, der die Erwartungen der Ich-Figur so bitter enttäuscht hat, zu deuten. Das grade Ivan, den die Ich-Figur so sehr liebt, in ihren Träumen durch den Vater verkörpert wird, wird begreiflicher, wenn man dem folgt, was Freud über das Wesen des Traums sagt: „Auch der Haß tobt sich schrankenlos aus. Rache- und Todeswünsche gegen die nächststehenden, im Leben geliebtesten Personen, […] sind nicht Ungewöhnliches.“[15] Die Verkörperung Ivans durch den Vater bildet also keinen Widerspruch zu der Tatsache, dass die Ich-Figur im wachen Zustand kein negatives Wort über Ivan verliert. Im Gegenteil: Die Zensurinstanz der Ich-Figur sorgt darum dafür, dass Ivan im Vater „versteckt“ wird, weil sie ihn so unnachgiebig-unbelehrbar liebt und ihn darum nie offen kritisieren würde.

[...]


[1] Drei Mordgeschichten, S.73

[2] ebenda, S.76

[3] Malina, S.181

[4] ebenda, S.247

[5] Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse, S.174

[6] Freud zur Einführung, S.24

[7] Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S.175

[8] Malina, S.243

[9] ebenda, S.244

[10] ebenda, S.247

[11] Ingeborg Bachmann : Die Auflösung der Figur in ihrem Roman „Malina“, S.92

[12] Malina, S.222

[13] ebenda, S.223

[14] Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, S.142

[15] ebenda, S.143

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Interpretation von Ingeborg Bachmanns "Malina" mit Hilfe der Theorien von Sigmund Freud
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Freud für LiteraturwissenschaftlerInnen
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V36785
ISBN (eBook)
9783638363143
ISBN (Buch)
9783638762021
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Ingeborg, Bachmanns, Malina, Hilfe, Theorien, Sigmund, Freud, LiteraturwissenschaftlerInnen
Arbeit zitieren
Katrin von Danwitz (Autor), 2004, Interpretation von Ingeborg Bachmanns "Malina" mit Hilfe der Theorien von Sigmund Freud, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36785

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