Zur Kontroverse um die Darstellung des Holocaust im Film - am Beispiel von "Schindlers Liste"


Zwischenprüfungsarbeit, 2005
25 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsübersicht

I. Einleitung

II. Allgemeine Erörterung der Fragestellung
II.1. Probleme bei der Darstellbarkeit der Judenvernichtung
II.2. Vorwurf der Kommerzialisierung
II.3. Forderung nach einem „Bilderverbot“
II.4. Spezifika deutscher Reaktionen
II.5. Zur Massenwirksamkeit

III. „Schindlers Liste“
III.1. Kurze Inhaltszusammenfassung der Filmhandlung
III.2. Wichtige Daten und Fakten zum Film und seinem Regisseur
III.3. Zur Figurenkonstellation
III.4. Das Motiv der Namenslisten
III.5. Resonanz auf den Film
III.5.1. Zum „Dokumentarfilm-Charakter“ des Films
III.5.2. Frage der Verhältnismäßigkeit
III.5.3. Problem der Personalisierung

IV. Schlussbetrachtung

V. LiteraturverzeichnisSeite

I. Einleitung

Die Darstellung des Holocaust im Film hat von Beginn an heftige Auseinandersetzungen ausgelöst und wurde äußert kontrovers diskutiert.

Zwar scheint allen Seiten klar zu sein, dass die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wach bleiben soll, die Frage aber bleibt: Wie lässt sich ihr organisierter Mord an Millionen von Menschen

„zeigen, ohne historische, ideologische, religiöse und […] sprachliche Kontexte zu vernachläßigen und damit an Glaubwürdigkeit zu verlieren? Sind ausschließlich Dokumente erlaubt, wenn es darum geht, Geschichte darzustellen? Oder liefern nicht auch sie nur das Material, das von Historiker, Autoren und Regisseuren gesichtet, ausgewählt und zusammengestellt wird.“[1]

Ausgehend von diesen Fragen, sollen in dieser Arbeit zunächst die wichtigsten Punkte der Kontroversen zu diesem Thema vorgestellt werden. Dann soll der Film Schindlers Liste von Steven Spielberg thematisiert werden. Nach einigen allgemeinen Fragestellungen in Bezug auf den Film, soll speziell auf die Kontroversen eingegangen werden, die dieser Film ausgelöst hat.

Gegner und Befürworter von Holocaust-Filmen sind sich dabei zwar meist einig, dass „über die Shoah informiert werden muß, doch wie, mit Hilfe […] welcher künstlerischer Verfahren, ist strittig.“[2]

Die Schlussbetrachtung, in die auch die persönliche Einschätzung der Problematik eingeflossen ist, soll die Arbeit abschließen.

II. Allgemeine Erörterung der Fragestellung

II.1. Probleme bei der Darstellbarkeit der Judenvernichtung

Filme, die sich mit der Thematik des Holocaust auseinandersetzen, waren und sind stets heftigen, oft über die Medien geführten, Debatten, sowohl zu ästhetischen wie auch zu moralischen Aspekten, ausgesetzt, was in der Brisanz des Themas begründet liegt.

Das spezielle Darstellungsproblem liegt dabei in der Differenz des Vergangenen zur Gegenwart begründet. Dieses lässt sich auch nicht durch die Tatsache beheben, dass die meisten der am Disput Beteiligten, die Verurteilung des Mordes an Millionen Menschen und der Wunsch, die Geschichte möge sich nicht wiederholen, eint.

So lautet ein ständiger Vorwurf, dass Filme wie Schindlers Liste den Holocaust verharmlosen, da jeder Versuch der Darstellung, wegen der unermesslichen Gräuel der historischen Ereignissen, eine Trivialisierung sein müsse.

Allerdings werden auch in einer Dokumentation die Abbildungen des Realen nur als „Bilder“ und nicht als Darstellung der Wirklichkeit wahrgenommen.

Darüber hinaus weise jede Art von Kunst, laut Kritikern, einen Scheincharakter auf, der noch die Darstellung des Entsetzlichen und des Leidens für den Rezipienten zu einem Genuss mache. So habe „grade die Grausamkeit und das Sensationelle des Ereignisses, mit Hilfe eines spektakulären Mediums rekonstruiert, eine magische Anziehungskraft“[3], die nahe an Voyeurismus grenze und dem Vergnügen ähnlich sei, dass uns die Tragödie bereitet.

Ein weiteres Argument, gegen die Darstellung der Judenvernichtung, ist die Annahme, dass eine ständige Repräsentation der Gewalt zu einer „Abstumpfung“ und einem „Gewöhnungseffekt“ der Rezipienten gegenüber diesem sensiblen Thema führe. Wiederholte Gewaltdarstellungen, würden eher dazu führen „uns abzustumpfen, als uns zu schockieren.“[4]

So muss grade in Filmen, die den Nationalsozialismus problematisieren, der schmale Grad zwischen übertriebener Ästhetik und übertriebener Grausamkeit gefunden werden.

II.2. Vorwurf der Kommerzialisierung

Jeder Film über den Holocaust ist gleichzeitig ein Produkt der Kulturindustrie[5], die dieses mit Hilfe einer Marketingstrategie möglichst gewinnbringend verkaufen will. Das Medium Film werde „nicht als Kunstwerk, sondern als Ware betrachtet“[6] ; der Holocaust demnach für die Zwecke der Kulturindustrie funktionalisiert.

So besteht auch die Gefahr, dass der Holocaust als wirkliches Geschehen hinter dem Holocaust als virtueller Realität im Markt der Massenkultur zurück tritt, denn die Maschinerie des Marketing bewirkt die globale kulturindustrielle „Kommodifikation des Holocaust, also seine warenförmige Umwandlung in ein Medienereignis“[7].

Ein weiteres Argument gegen Holocaust-Filme lautet deshalb, dass seine Opfer und ihr Leiden durch diese ein zweites Mal ausgebeutet würden. Es sei untragbar, dass die Kulturindustrie den Holocaust zu einem kommerziellen Produkt mache und an dem Genuss des Entsetzens Geld verdiene, indem sie die „Lust am Erschauern“ kalkuliere. Diese entsteht „aus der Nähe zum Verbrechen, ohne das der Zuschauer selbst bedroht wäre.“[8]

Das wohl eindringlichste Beispiel für die Kommerzialisierung des Holocaust ist dabei die vierteilige Holocaust - Serie (Produktion: 1987, Regie: Marvin J. Chomsky). Sie wurde zu einem riesigen Medienereignis und somit auch zu einem riesigen Verkaufserfolg und ließ die Diskussion über „Shoah-business“[9], „Hollywood-Holocaust“ und „Hollywood-Kitsch“ ihren Höhepunkt erreichen. Filme wie Holocaust nähmen eine „bei dieser Thematik absolut inadäquate Kombination von kitschigen und melodramatischen Elementen“[10] vor. Die Kritiker störten sich demnach vor allem an der Verquickung von Massenkultur und Massenmord. Filme wie diese seien keine Kunst, sondern Massenwahre.[11]

Auch ein Film wie Schindlers Liste ist „Entertainment“, denn auch er erzählt eine spannende Geschichte mit einem Helden und seinen Gegenspielern.[12]

So steht jeder Filmemacher vor der schwierigen Aufgabe der Kombination von Ernsthaftigkeit und Vermarktbarkeit. Dabei ist auch zu bedenken, dass Filme immer Kunstprodukte sind und sie das Grauen des Holocaust demnach zwangsläufig schönen müssen.[13]

Man kann diesen Argumenten jedoch entgegenhalten, dass auch die Populärkultur längst zu einem unverzichtbaren Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden ist, womit sich der Punkt II.5. dieser Arbeit näher auseinandersetzt.

II.3. Forderung nach einem „Bilderverbot“

Allen voran Claude Lanzmann (der von 1974-1985 den 9-stündigen Filmessay Shoah drehte) fordert ein striktes Bilderverbot, ähnlich dem Verbot Gott ins Bild zu setzten, für die Geschehnisse während des Holocaust. Er empfindet jeden Versuch seiner Darstellung und künstlerischen Aufarbeitung als Unmöglichkeit. Dies gründet auf seiner Überzeugung, dass „jede Form der fingierten und funktionalisierten Bebilderung der Shoah eine Trivialisierung des Geschehens sei und seine Einzigartigkeit in Frage stelle.“[14] Ihre Unvergleichbarkeit verschließe sich jeder Popularisierung.

Zudem würden Bilder, laut Lanzmann, die Imagination zerstören. Sie nähmen dem Rezipienten die Aufgabe ab, sich selber Gedanken und Bilder zu den Gräueltaten der Nazis zu machen, sich also das Unvorstellbare vorzustellen. Filme wie Schindlers Liste belieferten den Rezipienten indessen mit konsumierbaren Bildern, die zwangsläufig immer Verharmlosungen sein müssen, „weil ein bestimmtes absolutes Maß an Greueln nicht übertragbar ist“[15].

Die Gegenposition argumentiert dagegen, dass es auch eine Art des Ästhetisierens gibt, die durch Phantasie und Einfühlung zum Nachdenken und zur Interpretation reizt.

Darüber hinaus dürfe man, Lanzmann folgend, derartige Bilder nicht zeigen, da niemand die Opfer mehr fragen könne, ob man zum Beispiel ihre Körper nackt auf einem Leichenberg (wie in Nacht und Nebel) zeigen dürfe. Bilder, die das Privateste des Menschen berühren, dürften laut Lanzmann aus medienethischen Gründen nicht gezeigt werden, denn das Publikum habe zum Beispiel nicht das Recht, einem Menschen beim Sterben zuzusehen. Die Grenzen unserer Ausdrucks- und Verstehensmöglichkeit anzuerkennen und damit die Würde der Toten zu respektieren, bedeutete, „sich ein Stück Humanismus zu bewahren.“[16]

Die Gegenseite ist jedoch der Auffassung, dass eine zu strenge Auslegung des Holocaust-Bilderverbotes zu einer „Sakralisierung, Vergöttlichung und einem Absolutsetzen der“[17] Shoah führen könnte.

II.4. Spezifika deutscher Reaktionen

Speziell für Deutschland sind die folgenden beiden Reaktionen im Bezug auf Holocaust-Filme charakteristisch: Auf der einen Seite gibt es ein Bedauern darüber, dass in Deutschland bislang kein Film mit einer solchen Wirkung, wie ihn Holocaust oder Schindlers Liste hatten, produziert werden konnte. Es gibt zwar auch hier Produktionen, die sich mit der Thematik des Holocaust auseinandersetzen (wie Jakob, der Lügner und Der Prozeß), diese konnten aber bei weitem kein so großes Publikum wie die Hollywood-Produktionen erreichen. Auf der anderen Seite gibt es ein Beklagen über die angebliche Dauerrepräsentation des Holocaust in den Medien. Ein solcher Vorwurf wurde insbesondere von Martin Walser erhoben, der diese beklagt, weil sie ihm das Gefühl gibt, ständig die Schuld und Scham, die sein Volk sich im Dritten Reich aufgeladen hat, vorgehalten zu bekommen.

Beide Reaktionen sind auf die spezielle Situation Deutschlands als „Täternation“, also der Zugehörigkeit (auch der Nachgeborenen) zum „Tätervolk“, zurückzuführen. So gibt es viele Stimmen, die der Meinung sind, dass es sich kein Deutscher erlauben könne, ein derartiges populärkulturelles Produkt über seine eigene beschämende Geschichte zu schaffen, da dies (grade im Ausland), stets „als Versuch der Reinwaschung empfunden“[18] würde. Eine Reaktion wie die von Walser ist vor allem für die Generation, die noch zur Zeit des Dritten Reiches gelebt hat, charakteristisch. Sie spiegelt das „Tätergedächtnis“ (nach Aleida Assmann) wider, dass versucht Schuld und Scham durch Beschweigen abzudecken.[19] So führt die Frage der Mitschuld „ganz normaler“ deutscher Männer und Frauen auch heute noch zu heftigen Auseinandersetzungen.

II.5. Zur Massenwirksamkeit

Trotz aller Argumente gegen Holocaust –Filme ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese mehr als jedes andere Medium die Möglichkeit haben, ein sehr großes und vor allem auch ein junges Publikum zu erreichen. Auch die Populärkultur ist Teil des kulturellen Gedächtnisses und kann helfen, die überlebenszeitliche Kommunikation lebendig zu halten.

Die Vermittlung der Geschichte durch historische Dokumente und politische Bildung kann zwar eher dem Anspruch einer historischen Authentizität und damit dem Thema angemessenen Seriosität genügen, jedoch bei weitem nicht ein so breites Publikum wie ein professionell vermarkteter Spielfilm erreichen. So haben Holocaust und Schindlers Liste gewiss auch sehr vielen Menschen, die sich zuvor noch nicht damit beschäftigt hatten und auch nicht ohne weiteres dazu bereit gewesen wären, einen Einblick in den dunkelsten Teil der deutschen Geschichte gegeben.

Bei diesen Filmen ist es

„mit den Mitteln des Mainstream-Kinos […] [gelungen] ein breites Publikum […] zu erreichen, das sich ansonsten dieser Thematik gar nicht ausgesetzt hätte.“[20]

Vor allem bei Holocaust war dabei das kalkulierte Interesse offensichtlich, den Betrachter über die unmittelbare Betroffenheit in das Leinwandgeschehen einzubinden und ihm zugleich die „Hauptstationen“ des Holocaust erfahrbar zu machen.[21]

Dagegen wurden Filme wie Nacht und Nebel und Shoah zwar von der Kritik „hochgelobt, aber nur von einem kleinen Kreis der Kenner wahrgenommen“[22].

Man kann nicht leugnen, dass die Interessen der Zuschauer und ihr intellektuelles Vermögen sich unterscheiden. Deshalb ist, trotz der Nachvollziehbarkeit der Argumente gegen Holocaust-Filme, ein Filmangebot, das den unterschiedlichen Zuschauerbedürfnissen entgegenkommt, notwendig.[23]

Um eine möglichst breite historische Aufklärung zu erreichen, sollten deshalb möglichst vielfältige kulturelle Medien, also auch fiktionale und dramatische Elemente, eingesetzt werden.[24]

Auch die Bildungsinstitutionen, die das kulturelle Gedächtnis laut Aleida Assmann abstützen, müssen mit Vereinfachungen arbeiten, um die Geschichte begreifbar zu machen, weswegen neben Dokumentar- auch Spielfilme Einzug in den Unterricht erhalten. So sind laut Andreas Kilb (Zeit) nur Bilder imstande, „die Erinnerungen wenigstens in Bruchstücken einer fernsehsüchtigen Nachwelt zu überliefern.“[25]

Dass hierfür eine mehr als große Notwendigkeit besteht, belegen auch die aktuellen Ereignisse, wie die Wahlerfolge der rechtsextremen NPD.

Wegen ihrer großen Massenwirksamkeit sind Befürworter demnach sogar der Meinung, dass „grade der Film Aufklärungsarbeit leiste und insbesondere die Spielfilme ein großes Publikum erreichen und sensibilisieren.“[26]

Neben der großen Notwendigkeit besteht aber heute, 60 Jahre nach Kriegsende, auch ein großes Bedürfnis nach der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, wie die große Resonanz zum Beispiel auf Schindlers Liste belegt. Diesen Film sahen in Deutschland etwa sechs Millionen Zuschauer, was für ein 187 Minuten langes Schwarz-Weiß-Drama, mit einer solch schwierigen Thematik, wirklich immens ist.

[...]


[1] Thiele, Martina, S. 10

[2] Thiele, Martina, S. 466

[3] Hartmann, Geoffrey, S. 136

[4] Hartmann, Geoffrey, S. 136

[5] Dieser Begriff stammt von Adorno und Horkheimer (Dialektik der Aufklärung).

[6] Thiele, Martina, S. 468

[7] Lohmann, Ingrid (keine Seitenangabe weil Webdokument)

[8] Reichel, Peter, S. 313

[9] Entlehnt aus der sarkastischen Bemerkung des ehemaligen israelischen Außenminister Abba Eban:

„There ist no business like Shoah-business“.

[10] Korte, Helmut, S. 152

[11] vgl. Hamacher, Alaric, S.41

[12] vgl. Holhammer, Siegfried, S.501

[13] vgl. Reichel, Peter, S. 311

[14] Thiele, Martina, S. 33

[15] Thiele, Martina, S. 453

[16] Thiele, Martina, S. 34

[17] Thiele, Martina, S. 40

[18] Thiele, Martina, S. 468

[19] Zur Verdeutlichung ein sarkastischer Kommentar von Henryk M. Broder (jüdischer Journalist und Schriftsteller) zu den Spezifika deutscher Streitkultur: „Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.“

[20] Korte, Helmut, S.190 f.

[21] vgl. Korte, Helmut, S. 181

[22] Korte, Helmut, S.147

[23] vgl. Thiele, Martina, S. 488

[24] vgl. Reichel, Peter, S. 311

[25] Thiele, Martina, S. 456

[26] Wulf, Kerstin, S. 126

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Zur Kontroverse um die Darstellung des Holocaust im Film - am Beispiel von "Schindlers Liste"
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V36789
ISBN (eBook)
9783638363167
ISBN (Buch)
9783638653695
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kontroverse, Darstellung, Holocaust, Film, Beispiel, Schindlers, Liste
Arbeit zitieren
Katrin von Danwitz (Autor), 2005, Zur Kontroverse um die Darstellung des Holocaust im Film - am Beispiel von "Schindlers Liste", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36789

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