Jede Form der menschlichen Interaktion ist durch Regeln geprägt, welche eine vernünftige Kommunikation überhaupt erst möglich machen. Diese Regeln sind allerdings keine feststehenden und generell gültigen Verhaltensnormen, sondern eher ein ganzes „Regelwerk“, das es je nach Situation, Art der Kommunikation und Kommunikationspartner neu anzuwenden gilt. Zunächst muss also herausgefunden werden, in welchem Rahmen man sich befindet, ehe man beginnt zu interagieren. Erst wenn man einen (oder auch mehrere) Rahmen richtig identifiziert, machen menschliche Interaktionen Sinn, bzw. sie werden verständlich und wir werden in die Lage versetzt richtig darauf zu reagieren.
Die Veränderung von Kommunikation bringt also neue Handlungsanweisung mit sich, oder man könnte auch sagen, das bestehende Regelwerk muss auf diese Veränderung angewandt werden, sodass also auch dann, wenn ein neues technisches Medium zur Vermittlung von Kommunikation unsere Möglichkeiten erweitert, also neue Rahmen schafft, diese aus Erfahrungen bestehende Organisationsprinzipien neu ausgerichtet werden müssen. So auch bei der computervermittelten Kommunikation: alte Grenzen (geographische, zeitliche usw.) verlieren an Bedeutung, neue Grenzen (eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeiten) kommen hinzu. Dieser Verschiebung von Rahmenbedingungen muss in der Kommunikation Rechnung getragen werden, will man die computervermittelte Kommunikation nicht als chaotisch, sondern ebenfalls als sinnvoll ansehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rahmen
3. Computerrahmen
3.1 Ent- und Rekontextualisirung
3.1.1 Verlust des realen Raumes und des thematischen Kontextes
3.1.2 Verlust metakommunikativer Sprachelemente
3.1.3 Virtualisierung, Imagination und Egalität
4. Resümee
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen der computervermittelten Kommunikation auf Basis der Rahmenanalyse nach Erving Goffman, um zu erklären, wie soziale Interaktion trotz des Verlusts physischer Kontexte in digitalen Umgebungen möglich bleibt und sinnvoll strukturiert wird.
- Grundlagen der Rahmenanalyse nach Goffman
- Prozesse der Ent- und Rekontextualisierung digitaler Kommunikation
- Einfluss technischer Rahmenbedingungen auf soziale Interaktion
- Strategien zur Kompensation fehlender metakommunikativer Signale
- Identitätskonstruktion und Egalität im Cyberspace
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Verlust metakommunikativer Sprachelemente
Eine andere Form der Entkontextualisierung lässt sich darin finden, dass in der computervermittelten Kommunikation sowohl die nonverbalen als auch die verbalen Sprachelemente, welche bis zu zwei Drittel der kommunikativen Elemente ausmachen sollen, fehlen. Kommunikation wird hier deshalb aus dem gewohnten Kontext gerissen, da diese metakommunikativen Kommunikationsanteile als interpretationsfördernde Elemente überhaupt erst aussagen, wie der sachliche Inhalt einer Aussage zu verstehen ist und in welcher Beziehung die Kommunikationspartner zueinander stehen. So kann man an der Stimmlage, zum Beispiel, feststellen, ob die übermittelte Information ernst gemeint ist oder eben nicht. Das Gleiche gilt für nonverbale Kommunikationselemente, wie zum Beispiel dem Gesichtsausdruck, der einem u.a. verraten kann wie mein Gegenüber gelaunt ist, inwieweit also dessen Aussagen einzuschätzen sind. Kann es bei der face-to-face-Kommunikation zu erheblichen Störungen führen, wenn diese metakommunikativen Element verwechselt werden, so muss bei der computervermittelten Kommunikation festgehalten werden, dass diese auf den reinen Austausch textbasierter Informationen beruht und zunächst keine dieser interpretationsfördernden Elemente bereitstellt.
Nun müsste dieses Defizit praktisch dazu führen, dass innerhalb des Computerrahmens beziehungsrelevante Kommunikation grundsätzlich nicht möglich ist, bzw. ausschließlich zu Missverständnissen führt. Dem aber steht gegenüber, dass computervermittelte Kommunikation sehr wohl auch zum Austausch beziehungsrelevanter Informationen genutzt wird und so muss die Frage gestellt werden, warum diese Form der Kommunikation so möglich ist und eben nicht zu ständigen Irrtümern führt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Verständnis von Kommunikation als ein regelbasiertes Konstrukt und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Verschiebung von Rahmenbedingungen in der computervermittelten Kommunikation.
2. Rahmen: Dieses Kapitel erläutert die Theorie der Rahmenanalyse von Erving Goffman, insbesondere die Bedeutung von sozialen Rahmen und situativen Bedingungen für menschliches Handeln.
3. Computerrahmen: Hier wird analysiert, wie die computervermittelte Kommunikation den traditionellen "Rand des Rahmens" verschiebt und welche Auswirkungen der Verlust physischer Präsenz auf die Interaktionslogik hat.
3.1 Ent- und Rekontextualisirung: Der Abschnitt diskutiert den Wegfall von Ort und Zeit als Orientierungshilfen und die daraus resultierende Notwendigkeit, neue Kontexte für die digitale Interaktion zu schaffen.
3.1.1 Verlust des realen Raumes und des thematischen Kontextes: Dieses Kapitel beschreibt, wie die Nachbildung realer Räumlichkeiten im Cyberspace versucht, verlorene Orientierungshilfen zu kompensieren.
3.1.2 Verlust metakommunikativer Sprachelemente: Hier wird das Defizit an nonverbalen Signalen und dessen Einfluss auf die Beziehungsdimension der Kommunikation thematisiert.
3.1.3 Virtualisierung, Imagination und Egalität: Der Autor erläutert die Konstruktion von Medienidentitäten durch das Zusammenspiel von Virtualisierung und Imagination sowie den Aspekt der Egalität.
4. Resümee: Das Kapitel zieht ein Fazit über die Entwicklung der computervermittelten Kommunikation hin zu einer eigenständigen Interaktionsform, die trotz anfänglicher Defizite funktionale neue Rahmen entwickelt hat.
Schlüsselwörter
Rahmenanalyse, computervermittelte Kommunikation, Entkontextualisierung, Rekontextualisierung, Erving Goffman, soziale Präsenz, Medienidentität, Virtualisierung, Imagination, Egalität, Interaktionsform, Kommunikationsregeln, Cyberspace.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie soziale Interaktion unter den Bedingungen computervermittelter Kommunikation funktioniert, insbesondere unter Berücksichtigung der Theorie der Rahmenanalyse von Erving Goffman.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten gehören der Verlust des realen Raumes, das Fehlen metakommunikativer Signale, die Entstehung neuer Medienidentitäten sowie die Herausbildung neuer, digitaler Rahmenbedingungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie Menschen trotz der Einschränkungen durch digitale Medien Interaktionen erfolgreich gestalten und welche neuen Kontexte zur Kompensation der fehlenden physischen Präsenz dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen theoretisch-analytischen Ansatz, primär basierend auf der Rahmenanalyse von Erving Goffman, um Phänomene der digitalen Kommunikation systematisch zu verorten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Ent- und Rekontextualisierung, dem Verlust von Orientierungshilfen wie Raum und nonverbalen Sprachelementen sowie den Prozessen der Identitätsschaffung im Internet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Rahmenanalyse, Entkontextualisierung, Medienidentität, soziale Präsenz und Egalität.
Wie kompensieren Nutzer das Fehlen von nonverbalen Signalen wie Mimik oder Gestik?
Nutzer verwenden laut Autor innovative Codierungen wie Emoticons (Gefühlsicons) oder nutzen spezifische Schreibstile wie durchgängige Großschreibung, um Bedeutungsebenen und Stimmungen zu transportieren.
Welche Rolle spielt die Anonymität für das Konzept der "Egalität"?
Die Anonymität ermöglicht eine Interaktion, bei der soziale Statusmerkmale wie Herkunft, Alter oder Geschlecht in den Hintergrund treten und der Austausch primär über die textliche Äußerung erfolgt.
- Arbeit zitieren
- Marko Tomasini (Autor:in), 2005, Kommunikation in neuen Kontexten - Der Computerrahmen als Voraussetzung computervermittelter Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36792