Entwicklung der Stereotype und Gedankenkonstrukte des modernen Antisemitismus in Deutschland


Hausarbeit, 2004
16 Seiten, Note: bestanden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tradition der Judenfeindschaft als religiöses Ressentiment

3. Judenhass als Ausdruck ökonomischen Unbehagens

4. Judenemanzipation und „Judenfrage“

5. Antisemitismus als politisches Kampfmittel

6. Die Rassenlehre als Antisemitisches Gedankenkonstrukt

7. Organisierter Antisemitismus
7.1. Im Nationalsozialismus
7.2. In rechtsextremistischen Gruppierungen

8. Antisemitische Stereotype in der Bevölkerung

9. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Antisemitismus in Deutschland stellt nicht nur ein geschichtliches Thema dar, Meldungen über geschändete jüdische Friedhöfe und brennende Synagogen sind in regelmäßigen Abständen in den Medien vertreten. Selbst gegen Politiker wird der Antisemitismus-Vorwurf erhoben (beispielsweise „Hohman-Skandal“ – „Tätervolk“, Jamal Karsli und Jürgen Möllemann – „Antisemitismusstreit“). Antisemitismus oder Judenfeindschaft ist in unterschiedlicher Ausprägung immer wieder ein aktuelles Thema und Anlass zu großer Empörung oder Solidarität in Deutschland; von Berichten in den Medien bis hin zur Bundestagsdebatte. Diese Arbeit möchte sich mit den Stereotypen des geschichtlichen und modernen Antisemitismus als Unterform heutiger rechtsextremistischer Strömungen sowie den gedanklichen Konstrukten im Sinne der Rassenlehre des 19. Jahrhunderts und den lange tradierten religiösen und ökonomischen Vorbehalten auseinandersetzen, um abschließend darzustellen, aus welchen Traditionen von Stereotypen sich das antisemitische Bild der heutigen rechtsextremistischen Szene zusammensetzt. Sie hat es sich ausdrücklich nicht zum Ziel gesetzt, die hinlänglich bekannten antisemitischen Grausamkeiten des Dritten Reiches darzustellen, sondern vielmehr ihre vielschichtigen Ursachen aufzudecken, da eine umfassende Darstellung dieses komplexen Themas den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Hier scheint zunächst eine Begriffsbestimmung angebracht. „Unter Antisemitismus versteht man die rassistisch, sozial, politisch und/oder religiös (Antijudaismus) grundierte Feindschaft gegenüber Juden: Ein Antisemit bewertet ‚auf Grund eines Vorurteils die Juden - als vermeintliche Rasse, Nation, Religionsgemeinschaft oder soziale Gruppe - pauschal negativ’. […] Der Antisemitismus als ‚Gerücht über die Juden’ schafft sich ein Judenbild, das folgende negative Eigenschaftszuschreibungen umfasst: machthungrig, gefährlich (unheimlich, falsch, hinterhältig, zerstörerisch/zersetzend, verschwörerisch) nachtragend, geldgierig (raffgierig). Es bildet die antithetische Gegenüberstellung ‚jüdischer’ und ‚deutscher’ Werte.“ (Bundesamt für Verfassungsschutz: Bedeutung des Antisemitismus, S. 1)

Greive hält eine Unterscheidung der Begriffe Judenfeindschaft (als älterem Ausdruck) oder Antisemitismus (als neuerem Ausdruck) in Abhängigkeit davon, ob man „das Augenmerk auf das Moment der Kontinuität [Judenfeindschaft, d. Verf.] oder der Neuartigkeit (der jüngeren Erscheinung) [Antisemitismus, d. Verf.] lenken will“ (Greive: Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland, S. VII) für sinnvoll. Diese Arbeit wird sich dieser Unterscheidung anschließen und die Bezeichnung Antisemitismus ausschließlich als Ausdruck der neueren Ausprägungen seit etwa 1800 (und somit seit seiner erstmaligen Prägung) verwenden wohingegen unter dem Begriff der Judenfeindschaft alle Arten der Feindlichkeiten und Ressentiments Juden gegenüber zusammengefasst werden.

Moderner Antisemitismus hat seine Ursprünge in der Rassenlehre des 19. Jahrhunderts (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 8), wohingegen der Antijudaismus durch das Aufkommen der christlichen Religion vor etwa 2000 Jahren entstand. Judenfeindschaft im o. g. Sinne gilt als das „älteste soziale, kulturelle, religiöse, politische Vorurteil der Menschheit; Judenfeindschaft äußert sich, lange bevor Diskriminierung und brachiale Gewalt das Ressentiment öffentlich machen, in ausgrenzenden und stigmatisierenden Stereotypen“ (Benz: Antisemitismus, S.7). Die Frage, was Antisemitismus ist, zielt also im weitesten Sinne auch auf die Wahrnehmung der jüdischen Bevölkerung durch jedermann ab (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 7 - 8).

2. Tradition der Judenfeindschaft als religiöses Ressentiment

„Zum Verständnis moderner Judenfeindschaft ist die Kenntnis der Traditionen des Vorbehalts unerlässlich.“ (Benz: Antisemitismus, S. 65) Der Bundesverfassungsschutz beschreibt die Vorbehalten gegen Juden als eine Sammlung verfestigter Stereotype, die in eine Schuldzuweisung umgesetzt werden und primär einen religiösen Hintergrund haben (vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz: Bedeutung des Antisemitismus, S. 1). Dieser religiös motivierte Judenhass stammt aus der Zeit der Entstehung des christlichen Glaubens, in der das jüdische Volk als „Verweigerer des göttlichen Heilsplanes als gottlos, amoralisch, verbrecherisch wahrgenommen und mit Heiden, Ketzern und Häretikern auf eine Stufe gestellt“ (Benz: Antisemitismus, S. 65) wurde. Die darauf folgenden Ausschreitungen, oftmals angestiftet durch die Katholische Kirche, sind im gesamten römischen Reich seit etwa dem 4. Jahrhundert belegt. Ein Element des christlichen Mittelalters war die Diskriminierung und Verfolgung der Juden bis hin zu Sanktionen wie Berufsverboten, die den Juden meist nur den Christen verbotene Berufe, wie den des Pfandleihers, erlaubten und Massakern, ausgehend von der Annahme, sie seien „Gottesmörder“ (Abt Hieronymus von Bethlehem (347 - 420)). Ihre soziale Außenseiterrolle wurde durch ihre finanzielle (und damit auch wirtschaftliche) Monopolstellung (Schlagwort: Judenwucher), ihre strenge Sabbatruhe, ihr Gefühl des „auserwählt seins“ und die rituellen Speisegesetze gefestigt.

Die im 11. Jahrhundert begonnenen Kreuzzüge hatten zum Ziel, Rache an den Ismaeliten (den Juden) und Muslimen für die Inbesitznahme Jerusalems zu nehmen. (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 67f) Diese Kreuzzüge hatten eindeutigen Pogrom-Charakter (das Wort Pogrom gehört in die neuere Zeit und wurde im 19. Jahrhundert dem Russischen entnommen; die Gewalt richtet sich nicht gegen einzelne, sondern gegen alle Angehörigen der Minderheit (vgl. Benz: Antisemitismus, S. 68)): „Als sie nun auf ihrem Zuge durch die Städte kamen, in denen Juden wohnten, sprachen sie untereinander: ‚Sehet, wir ziehen den weiten Weg, um […] uns an den Ismaeliten zu rächen […] So lasset zuerst an ihnen uns Rache nehmen und sie austilgen unter den Völkern, daß der Name Israel nicht mehr erwähnt werde […]’“ (Neubauer, Stern: Hebräische Berichte, S. 82f. Zitiert nach Benz: Antisemitismus S. 68). Die ersten Kreuzzüge wurden zunächst sogar gegen Juden in Mitteleuropa geführt, um diese zum christlichen Glauben zu bekehren. Die Verfolgung der Juden endete, da es sich hier um eine rein religiöse Motivation handelte, mit der Bekehrung und Taufe oder mit dem Tod des nicht zu missionierenden Juden. Zur Begründung dieser religiösen Feindschaften wurden im Mittelalter Legenden und Erzählungen verbreitet, die beispielsweise magisch inspirierte Ritualmorde (Blutlegenden) oder Hostienschändung zum Gegenstand hatten. Der Legende nach töteten die Juden in der Passionswoche alljährlich einen unschuldigen christlichen Knaben zur Verhöhnung der Passion Christi. Den ersten Fall eines (vermeintlich) von Juden getöteten Opfers stellt William von Norwich (1144) dar. Nach Benz kam im Bereich der mittelalterlichen Judenfeindschaft neben den Vergeltungssüchten auch das Bedürfnis nach lokalen Heiligen hinzu, die, seit der christliche Glaube nicht mehr verfolgt wurde, nur durch die fiktiven Kindermorde, die damit als unschuldige Opfer religiösen Wahns zu Märtyrern wurden, gestillt werden konnte. Die Ritualmordlegenden waren bis ins 20. Jahrhundert wirksam; 1946 führte noch der Glaube, ein verschwundenes Kind sei von Juden rituell getötet worden, in Kielce in Polen zum Mord an mindestens 42 Holocaustüberlebenden. (Der Pogrom von Kielce/ Polen, vgl. Benz: Antisemitismus, S. 68f)

Im Jahr 1954 war die Ritualmordlegende des angeblich 1462 von Juden gemordeten Andreas aus Rinn (Tirol „Das Anderl vom Rinn“), dessen Verehrung noch heute von einigen wenigen Fanatikern betrieben wird (jährlich pilgern diese trotz kirchlichen Verbots unter der Leitung des österreichischen Pfarrers Gottfried Melzer zum sog. Judenstein), Gegenstand eines Volksschauspiels im Inntal. Der damalige Bischof unterstützte die Aufführung und damit die Vorurteile, denn seiner Meinung nach müsse auf jeden Fall etwas Böses mit den Juden zusammen hängen: „Was nun die Ritualmorde, rein historisch gesehen, betrifft, so sind die Historiker hierüber verschiedener Ansicht … Im Gesamtzusammenhang der Dinge ist auf alle Fälle zu beachten, daß es immerhin die Juden waren, die unseren Herrn Jesus Christus gekreuzigt haben. Weil sie also zur NS-Zeit zu Unrecht verfolgt wurden, können die sich jetzt nicht plötzlich gerieren, als ob sie in der Geschichte überhaupt nie ein Unrecht getan hätten.“ (Rohrbacher, Schmidt: Judenbilder, S. 287. Zit. nach Benz: Antisemitismus, S. 72f, weiterführend: Benz S. 68 - 79)

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Details

Titel
Entwicklung der Stereotype und Gedankenkonstrukte des modernen Antisemitismus in Deutschland
Hochschule
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
Note
bestanden
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V36799
ISBN (eBook)
9783638363266
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Stereotype, Gedankenkonstrukte, Antisemitismus, Deutschland
Arbeit zitieren
Susanne Linkenbach (Autor), 2004, Entwicklung der Stereotype und Gedankenkonstrukte des modernen Antisemitismus in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36799

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