Dr. Jonas Goldschmidts Thesen zuwider des Niederdeutschen. Eine Diskussion der Aktualität


Seminararbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1.Einführung

2. Voranmerkungen
2.1 Exkurs I: Zur Person Goldschmidts
2.2 Exkurs II: Spracheinstellungen

3. „Das Plattdeutsche als ein großes Hemmnis jeder Bildung“, Goldschmidts Thesen zuwider dem Niederdeutschen
3.1 Das Niederdeutsche als Hemmnis der Bildung
3.1.1 Auszüge I
3.1.2 Diskussion I
3.2 Das Niederdeutsche als Hemmnis politischer Partizipation
3.2.1 Auszüge II
3.2.2 Diskussion II

4. Resümee und Ausblick

5. Literatur- und Quellenverzeichnis
5.1 Primärtexte
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Internetressourcen

1.Einführung

Die folgende Ausarbeitung, welche im Rahmen des Themenkomplexes „Befürworter und Gegner des Niederdeutschen“ angesiedelt ist, beschäftigt sich mit der Person Dr. Jonas Goldschmidts (28.03.1806 – 28.3.1900)[1]. Die kritische Auseinandersetzung mit Goldschmidt erscheint als durchaus ergiebig, da er im kollektiven Gedächtnis Norddeutschlands, insbesondere des Oldenburger Landes, durch sein Engagement zuwider der niederdeutschen Sprache, aber auch durch seine Hingabe und Leidenschaft für die Norddeutsche Lebensart, ein äußerst zwiespältiges Selbstbildnis hinterlassen hat. So heißt es einerseits er habe als Heimatautor in seinen vielen Werken: „Dem Wesen des Landes, dem Denken und Fühlen der Leute habe er Ausdruck verliehen und dabei weder mit Anteilnahme noch mit Humor gespart.“[2] Ein Umstand welcher ihn als „vortrefflichen Volksschriftsteller“ ausweist. An anderer Stelle jedoch erregte sein vehementes Engagement für die Zurückdrängung bzw. die Abschaffung der niederdeutschen Sprache, welche ja essentieller Teil norddeutscher Kultur und Lebensart ist, immer wieder Reaktionen bestehend aus „Kopfschütteln, Ablehnung oder gar Schimpfworten“[3]. Diese konsequente Position wider dem Niederdeutschen soll im Fokus dieser Arbeit stehen. Im Folgenden werden Goldschmidts zentrale Thesen welche aus seiner Perspektive für die Abschaffung des Niederdeutschen sprechen oder sie gar notwendig erscheinen lassen, aufgezeigt und im Anschluss im Hinblick auf ihre Validität und Aktualität überprüft. Als Textgrundlage für dieses Unterfangen wird „Das Plattdeutsche als ein großes Hemmnis jeder Bildung“[4] herangezogen. Diese Rede Goldschmidts, welche ursprünglich im Jahre 1845 im Oldenburger Bildungsverein vorgetragen wurde, bietet sich als Textgrundlage an, da sie die wichtigsten Argumente Goldschmidts gegen den Erhalt und für die Abschaffung des Niederdeutschen gebündelt beinhaltet. Im Vorfeld gilt es jedoch zwei wichtige Exkurse vorzunehmen um Goldschmidts Thesen angemessen diskutieren zu können, denn so bemerkt auch Schuppenhauer über Goldschmidts Rezipienten und Kritiker: „Die da urteilen, ob Zeitgenossen oder Nachfahren, haben Goldschmidt bestenfalls halb verstanden.“[5]

2. Voranmerkungen

So wird in folgendem Abschnitt mit Blick auf Goldschmidts Vita, versucht das oben skizzierte Spannungsfeld aufzulösen. Dieser erste Schritt ist notwendig um die Argumentation Goldschmidts für die Abschaffung des Niederdeutschen korrekt bewerten und einordnen zu können. Darauf folgt ein Exkurs bezüglich des soziolinguistischen Phänomens der Spracheinstellungen. Dieser gestaltet sich als unabdingbar um die Korrelationen zwischen Bewertung und Nutzung einer Sprache aufzuzeigen und um sie als einen, aus heutiger Perspektive, angemessenen Zugang zu Goldschmidts Argumentationsstruktur verwenden zu können.

2.1 Exkurs I: Zur Person Goldschmidts

Wie Schuppenhauer explizit herausstellt, ist Goldschmidt im Laufe seines Lebens immer wieder mit soziokulturell bedingten Barrieren in Berührung gekommen. Als Sohn eines jüdischen Händlers und Kaufmanns, dürfte Goldschmidt in seiner Jugend selbst mit den üblichen antisemitischen Ressentiments konfrontiert worden sein. Doch auch in Goldschmidts weiterem Werdegang bewegte er sich oftmals zwischen zwei Welten. Als Militärarzt war er vor den im Medizinwesen angeseheneren Schulärzten lediglich der Arzt, der es nicht weiter als bis zum Militäroberstabsarzt geschafft hatte. Für sein Umfeld im Militär verkörperte er wiederherum den Stereotypen des jüdischen Arztes, welcher es den Vorurteilen gemäß leichter hat als seine nichtjüdischen Kollegen in den Rängen aufzusteigen.[6] Diese Erfahrungen hängen bei genauerer Betrachtung enger mit Goldschmidts Agenda wider dem Niederdeutschen zusammen, als man zunächst annehmen würde. Denn ebenso wie das soziale Milieu oder der kulturell-religiöse Hintergrund eines Individuums, ist auch die Sprache durchaus als gesellschaftliche Differenzkategorie aufzufassen, da bestimmte Varietäten Teil einer gewissen gesellschaftlichen Rolle oder auch eines Stereotypen sein können und sich durch die Verwendung der jeweiligen Varietät die Rollenzuschreibung weiter verfestigt.[7] Wenn z.E. die Fremdzuschreibungen von Sprechern eines Dialektes mit denen von Sprechern der Standardsprache verglichen werden, fällt auf, dass den Sprechern des Dialektes in der Regel weniger Kompetenz zugeschrieben wird, als den Sprechern der Standardsprache.[8] Auch Goldschmidt war dieser Umstand bewusst, sodass sich seine Agenda zuwider des Niederdeutschen anhand seiner persönlichen Erfahrungen von Ausgrenzung und seiner differenzierten Betrachtungsweise seiner Umwelt begründen lässt. Des Weiteren lassen diese beiden Aspekte auch einen wichtigen Rückschluss auf die eigentlich von Goldschmidt verfolgte Intention seiner Agenda zu. Ähnlich wie die traditionelle Volksheilkunde in Nordwestdeutschland, gegen welche er in seinem 1854 veröffentlichten Werk „Volksmedicin im nordwestlichen Deutschland“ eine klare Position entwickelt,[9] betrachtete er auch das Niederdeutsche als Hemmnis welches der Modernisierung, Bildungsbestrebungen und aufklärerischen Entwicklung im norddeutschen Raum und der dortigen Bevölkerung im Wege steht. Diese sich so abzeichnende aufklärerische Agenda Goldschmidts war ihm gar eine so innere Angelegenheit, dass er dafür sogar die Abschaffung des auch von ihm geliebten Niederdeutschen als einen integralen Bestandteil des norddeutschen Kulturraums, proklamierte. So folgert auch Schuppenhauer: „Mit der guten heilen Welt von gestern, so sein [Goldschmidts] Glaubensbekenntnis, müsse es ein Ende haben – um der Freiheit und Gleichheit aller, um der Vernunft, um des allgemeinen Fortschrittes willen.“[10]

2.2 Exkurs II: Spracheinstellungen

Unter Einstellungen oder auch Dispositionen im Allgemeinen, sind subjektive innere Bewertungen zu verstehen, welche ein Individuum gegenüber einem Gegenstand[11] hegt. Diese Bewertungen können positiver, aber auch negativer Natur sein. Wie sich eine jeweilige Disposition (positiv oder negativ) zu dem jeweiligen Gegenstand ausprägt, wird im Laufe der Sozialisation durch Kontakt mit anderen Individuen und der jeweiligen soziokulturellen Lebenswelt bestimmt.[12] Im Detail wirken sich diese Einflüsse auf drei zentrale Dimensionen menschlicher Wahrnehmung aus, Wissen (Kognition), Emotion (Affektion) und der konkreten Handlung (Volition/Konation). So werden diese drei Dimension im Zuge der Sozialisation in Bezug auf verschiedenste Gegenstände positiv oder eher negativ ausgerichtet. Aus der Gesamtheit dieser drei Dimensionen ergibt sich dann eine positiv oder negativ konnotierte Einstellung gegenüber dem jeweiligen Gegenstand. Ein weiterer essentieller Aspekt von Einstellungen ist die handlungsleitende und wahrnehmungsfilternde Funktion der Einstellungen, wodurch sie subjektiv und auch kollektiv wirklichkeitsbestimmende Auswirkungen zur Folge haben. Aufgrund dieses Mechanismus besteht des Weiteren eine Wechselwirkung zwischen Einstellungen und den ihnen zugrunde liegenden drei Dimensionen. Da Einstellungen das Handeln der Individuen unbewusst mitbestimmen, ist es durchaus wahrscheinlich, dass sich bereits verfestigte Dispositionen eines Individuums im Laufe der Zeit durch ausgerichtetes Handeln und Wahrnehmen in Affektion, Kognition und Volition weiter konsolidieren.[13] Auf Basis dieser Grundlage sind noch zwei weitere sozialpsychologische Phänomene zu erläutern, welche für die Diskussion von Goldschmidts Thesen große Relevanz innehaben. So ist zu festzustellen, dass negative Einstellungen gegenüber Gegenständen, rasch auf die Personen bzw. Personengruppen übertragen werden, welche die jeweiligen Gegenstände innehaben. Wenn nun also ein Individuum die niederdeutsche Sprache, um beim vorherigen Beispiel zu bleiben, als inkompetent bewerten würde, würde er auch leichter niederdeutsch sprechende Personen ebenfalls als inkompetent bewerten, und so die Einstellung von der Sprache auch auf den Sprecher übertragen.[14] Das zweite klärungswürdige Phänomen schließt direkt an vorheriges an, denn die negative Personenbewertung kann in sozialer Realität zu einer Rollenantizipation des Bewerteten führen. Unter einer Rollenantizipation ist zu verstehen, dass das bewertete Individuum, in diesem Falle der Niederdeutsche, sich der negativen Fremdbewertung implizit bewusst ist, und durch diese Bedrohungssituation sein Verhalten semibewusst anpasst.[15] So würde sich ein Niederdeutschsprecher in einer Situation in denen er von seinem Gegenüber aufgrund seiner Sprache bspw. als inkompetent bewertet wird, entsprechend passiv Verhalten und versuchen Äußerungen auf Niederdeutsch zu vermeiden. Durch die so eingeschränkte Artikulationsfähigkeit wird die negative Außenbewertung reproduziert und verfestigt.

3. „Das Plattdeutsche als ein großes Hemmnis jeder Bildung“, Goldschmidts Thesen zuwider dem Niederdeutschen

Im folgenden Abschnitt wird nun explizit auf die von Goldschmidt vertretenen Thesen eingegangen, welche für ihn die Zurückdrängung des Niederdeutschen zur essentiellen Prämisse für die intellektuelle und lebensqualitative Weiterentwicklung des Norddeutschen Raumes werden lassen. Für diesen Zweck werden exemplarisch zwei von Goldschmidts Thesen aus „Das Plattdeutsche als ein großes Hemmnis jeder Bildung“ aufgeführt und im Anschluss im Hinblick auf ihre Validität und Aktualität überprüft.

3.1 Das Niederdeutsche als Hemmnis der Bildung

3.1.1 Auszüge I

Goldschmidts erstes und grundlegendes Argument zuwider des Plattdeutschen lässt sich aus folgender Textstelle herauslesen, nach der das Plattdeutsche:

„[…] den größten Teil der Volksmasse in Norddeutschland, dem sie jetzt noch tägliches Organ ist, zu einem Zustande der Unmündigkeit, Rohheit und Ideenlosigkeit, der von dem Zustande der Gebildeten auf die grellste und empörendste Weise absticht [verurteilt].“[16]

Diese auf den Blick durchaus pamphletisch anmutende Aussage unterfüttert Goldschmidt jedoch mit dem Argument, dass die Entwicklung des Niederdeutschen bereits im 16. Jh. zu stagnieren begann,[17] mit der Konsequenz dass:

„[…] sie [das Niederdeutsche] … die geistigen und materiellen Fortschritte der Civilisation nicht fassen, nicht wiedergeben [kann], sie hat seit dem sechszehnten Jahrhundert nichts gelernt, sie hat sich mit keinem einzigen Ausdrucke der neuen Geschichte bereichert, sie hat nicht einmal ein Wort für Bildung, nicht einmal ein Wort für Verfassung, […].“[18]

Goldschmidts Schlussfolgerung ist also nachvollziehbar. Eine Sprache welche durch ihre fehlende Schriftlichkeit, keine neuen modernen Gedanken in sich aufgenommen hat, kann für jegliche Bildungsbestrebungen nur hinderlich sein, da sie ihren Sprechern verwehrt sich in modernen aufgeklärten Gedanken zu artikulieren und ihnen auch so verwehrt bleibt diese zu verinnerlichen. Plastisch führt Goldschmidt das Beispiel an, dass das Niederdeutsche „nicht einmal ein Wort für Bildung“ hat. Wie soll das Individuum also Bildung erlangen, wenn es Bildung nicht einmal verbal ausdrücken kann?

3.1.2 Diskussion I

Goldschmidts Argumentation erscheint a

ls plausibel, da das niederdeutsche Sprachsystem bereits in seinem zeitlichen Kontext erhebliche Einbußen im Hinblick auf Funktionalität, Stilistik und Integrität hat hinnehmen müssen. So lässt sich, um exemplarisch die wichtigsten Gründe für das sukzessive Zurückweichen des Niederdeutschen innerhalb der letzten 500 Jahre zu nennen, bspw. der Niedergang der Hanse im späten 16. Jahrhundert als ein wichtiger Einflussfaktor festzumachen. Die Hanse, welche innerhalb Nordeuropas ein weit verzweigtes

[...]


[1] Schuppenhauer, Claus: Niederdeutsch gestern. Eine Sprache in Pro und Contra. Jonas Goldschmidt und andere, 1845/46. Leer: Schuster 1980 (= Schriften des Instituts für niederdeutsche Sprache). S. 68.

[2] Ebd. S. 69.

[3] Ebd. S. 68.

[4] Goldschmidt, Jonas: Ueber das Plattdeutsche, als ein großes Hemmniß jeder Bildung. Oldenburg: 1845. In: Schuppenhauer, Claus: Niederdeutsch gestern. Eine Sprache in Pro und Contra. Jonas Goldschmidt und andere, 1845/46. Leer: Schuster 1980 (= Schriften des Instituts für niederdeutsche Sprache). S. 6-17.

[5] Ebd. S. 69.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Löffler, Heinrich: Germanistische Soziolinguistik. Aufl. 3. Berlin: Erich Schmidt 2005. S. 39.

[8] Vgl. Sprache und Einstellungen. Spracheinstellungen aus sprachwissenschaftlicher und sozialpsychologischer Perspektive. Hrsg. von Albrecht Plewina, Christiane Schoel u. a. Tübingen: Narr 2012. S. 205f.

[9] Vgl. Mengers, Hans-Rudolf: Der Arzt kämpfte vergeblich gegen die Volksmedizin. http://www.ruestringer-heimatbund.de [Zugriff: 27.03.2017].

[10] Schuppenhauer, C.: Niederdeutsch gestern. S. 70.

[11] Unter Gegenständen sind u.a. Personen, Themen und andere Entitäten, wie z.E. Sprachen zu verstehen.

[12] Vgl. Arendt, Birte: Niederdeutschdiskurse. Spracheinstellungen im Kontext von Laien, Printmedien und Politik. Berlin: Erich Schmidt 2010 (= Philologische Studien und Quellen 224). S. 8.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Löffler, H.: Germanistische Soziolinguistik. S. 40.

[15] Vgl. ebd.

[16] Goldschmidt, J.: Ueber das Plattdeutsche. S. 8.

[17] Vgl. ebd.

[18] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Dr. Jonas Goldschmidts Thesen zuwider des Niederdeutschen. Eine Diskussion der Aktualität
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V368082
ISBN (eBook)
9783668465954
ISBN (Buch)
9783668465961
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dr. Jonas Goldschmidt, Niederdeutsch, Soziolinguistik, Sprachenpolitik
Arbeit zitieren
Peter Meenken (Autor), 2017, Dr. Jonas Goldschmidts Thesen zuwider des Niederdeutschen. Eine Diskussion der Aktualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368082

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