Geschlechtergerechtigkeit nach John Rawls. Was für eine Rolle spielt das Geschlecht im Staatskonstrukt von Rawls?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

17 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechtergleichheit

3. Einführung in Rawls Theorien der Gerechtigkeit
3.1 Urzustand und der Schleier des Nichtwissens
3.2 John Rawls als liberaler Philosoph der Moderne

4. Kritik an Rawls - Einbezug feministischer Forschung

5. Schlussfolgerung: Die Rolle des Geschlechts im Staatskonstrukt von Rawls

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, was für eine Rolle das Geschlecht in John Rawls Staatskonstrukt spielt. Dabei beziehe ich mich ausschließlich auf sein Werk „Eine Theorie der Gerechtigkeit“, insbesondere das Kapitel „Gerechtigkeit als Fairness“. Ich werde dabei die weibliche Rolle in den Fokus setzen: inwiefern und ob die Frau in Rawls „Gerechtigkeit als Fairness“ vertreten ist.

Dafür werde ich zu allererst erläutern, was man unter den Begriffen „Geschlechtergerechtigkeit“ und „Geschlechtergleichheit“ verstehen kann. Danach werde ich die wichtigsten Grundzüge von Rawls Staatskonstrukt erklären. Dabei beziehe ich mich hauptsächlich auf den „Urzustand“ und den „Schleier des Nichtwissens“.

Weiter ist zu verdeutlichen, was es bedeutet, dass Rawls ein liberaler Philosoph der Moderne ist. Dafür möchte ich die Grundlagen des Wirtschaftsliberalismus von Adam Smith und des philosophischen Liberalismus und erklären - und untersuchen, inwiefern diese in „Gerechtigkeit als Fairness“ wiederzufinden sind.

Im Hauptteil meiner Arbeit setze ich mich mit Rawls kritisch auseinander. Dabei werde ich untersuchen, ob in seinem Staatskonstrukt Geschlechtergerechtigkeit herrscht - und was für eine Rolle das Geschlecht demnach in seinem Staatskonstrukt spielt. Dabei werde ich die Meinung feministischen Autorinnen mit einbeziehen.

2. Definition Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechtergleichheit

„Geschlechtergerechtigkeit“ lässt sich nicht einheitlich und konkret definieren, da es sich um einen „theoretisch und politisch umstrittenen Begriff“ handelt [1]. Man kann aber behaupten, dass „eine wesentliche Anforderung an ein umfassendes Verständnis von Geschlechtergerechtigkeit […] in der Integration geschlechterpolitischer Forderungen nach Gleichheit, Differenz und Aufhebung besteht“ [2]. Im weiteren Sinn versteht man als Ziel von „Geschlechtergerechtigkeit“ also die Gleichstellung von Frauen und Männer: die Geschlechtergleichheit. Diese ist aber bis heute nicht erreicht:

Ein Artikel aus Zeit-Online vom 23. März 2016 besagt beispielsweise, dass in Deutschland Frauen 21 Prozent weniger Gehalt als Männer bekommen, „weil Frauen in Berufen arbeiten, in denen das Gehaltsniveau niedriger ist, als in klassischen Männerdomänen“. Auch „bei gleicher Tätigkeit, Ausbildung und Erfahrung erhalten Frauen 5,5 % weniger als Männer“ [3]. Doch wie hätte Geschlechtergleichheit im optimalen Fall auszusehen und was bedeutet das? Die US-amerikanische feministische Aktivistin Catharine A. MacKinnon sagt, dass „Gleichheit“ Gleichwertigkeit und nicht eine Unterscheidung und „Geschlecht“ eine Unterscheidung und nicht eine Entsprechung bedeutet [4]. Wäre Geschlechtergleichheit nach MacKinnon erreicht, so würde in dem Artikel aus Zeit-Online nicht das Wort „Männerdomäne“ verwendet werden - da keine geschlechterspezifischen Berufe existieren - und es gebe auch kein Unterschied zwischen Frauen und Männern bei den Gehältern.

Doch was muss gemacht werden, damit das gelingt? Welche Bedingungen müssen erfüllt werden, damit Frauen und Männer gleich und somit gerecht behandelt werden? MacKinnon definiert „Geschlechtergleichheit“ wie folgt:

„Frauen sollten […] das zugestanden werden, was für Männer selbstverständlich ist: nämlich gleich und anders zu sein, ohne dass dies Benachteiligung nach sich zieht“ [5].

Mit „gleich und anders“ ist gemeint, dass es zwar Unterschiede zwischen Männer und Frauen gibt, sie also anders sind, aber trotzdem gleich sind im Sinne von nicht mehr oder weniger wert. Dabei ist wichtig, dass man - um Frauen gleich und somit gerecht zu behandeln - auf die „Differenzen und Andersheiten“ eingeht [6]. Ein Beispiel: Frauen dürfen nicht, nur weil sie im Gegensatz zu Männern schwanger werden können, schlechtere Arbeitschancen haben. Im Gegenteil: Sie müssten zusätz- lich unterstütz werden.

Nancy Frasers äußert sich zur Durchsetzung der Geschlechtergleichheit noch konkre- ter: Nach ihr müssen verschiedene zusammenhängende Bedingungen erfüllt sein, um Geschlechtergleichheit zu erreichen. Dazu gehört: Bekämpfung der Armut, Bekämp- fung der Ausbeutung, gleiche Einkommen, gleiche Freizeit, gleiche Achtung, Be- kämpfung der Marginalisierung und Bekämpfung des Androzentrismus [7]. Ob Rawls diese Bedingungen in seinem Konstrukt erfüllt, klärt sich im Laufe meiner Arbeit.

3. Einführung in Rawls Theorie der Gerechtigkeit

3.1. Urzustand und der Schleier des Nichtwissens

Der Urzustand aus Rawls „Gerechtigkeit als Fairness“ ist keine reale Versammlung von Menschen, sondern ein Gedankenexperiment. Vertragspartner sollen dabei eine gemeinsame Gerechtigkeitsvorstellung in Form von Grundsätzen definieren.

Dabei spielt der „Schleier des Nichtwissens“ eine wichtige Rolle. Er dient als Instrument des Gedankenexperimentes und stellt alle Beteiligten gleich. Hinter ihm werden die Grundsätze definiert. Entscheidend ist, dass - durch ihn - keiner der Vertragspartner weiß, was für Eigenschaften er mit sich bringt: Sie kennen weder ihren Status in der Gesellschaft, wissen nicht, was für Gaben sie besitzen, wie intelligent oder stark sie sind. Sie wissen auch nicht, was für psychologische Neigungen sie innehaben [8]. Für das Gedankenexperiment ist lediglich das Wissen nötig, dass es einen Gerechtigkeitssinn gibt. Es ist hier auch zu betonen, dass so niemand weiß, welchem Geschlecht er angehört.

Da durch diesen Schleier des Nichtwissens niemand auf irgendeine Weise voreingenommen ist und auch niemand bevorzugt oder benachteiligt wird [9], kann man auf dieser Basis die gemeinsamen Grundsätze der Gerechtigkeit festlegen. „Den Urzustand könnte man den an- gemessenen Ausgangszustand nennen, und damit sind die in ihm getroffenen Grundverein- barungen fair“ [10].

Rawls setzt in seinem Gedankenexperiment voraus, dass die Menschen nicht nur frei von Neid sind, sondern sich auch gegenseitig nicht interessieren. „Jedenfalls ist das so, solange die Unterschiede zwischen ihm und den anderen gewissen Grenzen nicht überschreiten“ [11].

[...]


[1] Pimminger, Irene (2014): Geschlechtergerechtigkeit, Ein Orientierungsrahmen für emanzipatorische Geschlechterpolitik, Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft, S.23

[2] Pimminger (2014): S.25

[3] Groll, Tina (2017): „Gender Pay Gap: Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern wird kleiner“. ZEIT ONLINE. Abgerufen am 24. 03. 2017 von http://www.zeit.de/karriere/2016-03/gender-pay-gap-frauen-maen- ner-gehalt-unterschiede-studie.

[4] Mac Kinnon, Catharine A. (1996): Geschlechtergleichheit: Über Differenz und Herrschaft, in: Nagl-Doce- kal, Herta; Pauer-Studer, Herlinde (Hrsg.): Politische Theorie. Differenz und Lebensqualität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 140-174, hier: S.141

[5] Pauer-Studer, Herlinde (1996): Geschlechtergerechtigkeit: Gleichheit und Lebensqualität, in: Nagl-Docekal, Herta; Pauer-Studer, Herlinde (Hrsg.): Politische Theorie. Differenz und Lebensqualität. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 54-99, hier: S.66

[6] Vgl. Ebd.

[7] Pauer-Studer (1996): Gleichheit und Lebensqualität, S.67-68

[8] Vgl. Rawls, John (1979): Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.28-29

[9] Vgl. Ebd. S.36

[10] Ebd. S.29

[11] Ebd. S.166

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Geschlechtergerechtigkeit nach John Rawls. Was für eine Rolle spielt das Geschlecht im Staatskonstrukt von Rawls?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,2
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V368273
ISBN (eBook)
9783668467255
ISBN (Buch)
9783668467262
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlechtergerechtigkeit, Geschlechtergleichheit, John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit
Arbeit zitieren
Laura Wolfert (Autor), 2017, Geschlechtergerechtigkeit nach John Rawls. Was für eine Rolle spielt das Geschlecht im Staatskonstrukt von Rawls?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368273

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