[...] Die Folgen sind nicht selten Epidemien wie BSE, die Schweinepest oder Vogelgrippe, für die vor allem die Politik, Wirtschaft und Industrie in die Verantwortung gezogen werden. Doch wo bleibt hier die Philosophie, das heißt der Diskurs über das Verhältnis zwischen Mensch und Tier? Sollen Tiere in den Bereich moralischer Rücksichtnahme fallen? Gibt es menschliche Interessen, die es moralisch erlauben, Tieren Leid zuzufügen? Wie ist die Massentierhaltung zu beurteilen? Ist das Töten von Tieren vertretbar? Diese Fragen zu untersuchen, ist Aufgabe der Tierethik. Im Folgenden sollen exemplarisch die tierethischen Modelle Immanuel Kants und Arthur Schopenhauers dargestellt, miteinander verglichen sowie kritisch bewertet werden. Die zu analysierenden Schlüsselbegriffe der philosophischen Positionen sind dabei das jeweilige Menschenbild, das Tierbild und die daraus abgeleitete normativ-ethische Theorie. Zudem werden die Folgen für die Praxis der entsprechenden Ethik am Beispiel der Nutztierhaltung sowie den damit verbundenen Tiertransporten und Schlachtmethoden aufgezeigt. Anschließend sollen die Standpunkte Kants und Schopenhauers anhand der untersuchten Schlüsselbegriffe gegenüber gestellt werden, wobei die Schwerpunktsetzung beim jeweiligen Menschen- und Tierbild eher differiert, die normativen ethischen Theorien hingegen beide zu einem rücksichtsvollen Verhalten gegenüber Tieren tendieren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Als primäre Literaturgrundlagen dienen dieser Arbeit wichtige ethische Schriften Kants wie die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, die Kritik der praktischen Vernunft, die Metaphysik der Sitten und eine Vorlesung über Ethik sowie Teile der Kritik der Urteilskraft, Schopenhauers Preisschrift über die Grundlage der Moral, einer Kritik an der kantischen Ethik, sowie Ausschnitte aus dessen Werken Die Welt als Wille und Vorstellung und Parerga und Paralipomena. Sekundär werden Autoren wie Ursula Wolf, Johann Ach, Dieter Birnbacher und Hans-Peter Breßler berücksichtigt, die sich nicht nur mit der Tierethik Kants und Schopenhauers auseinandergesetzt, sondern diese auch zum Teil weitergeführt und aktuelle Forschungsergebnisse aus der Praxis einbezogen haben. Schließlich sollen die Ergebnisse resümiert, offene Probleme thematisiert sowie ein Ausblick auf die aktuelle Tierschutzdebatte gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die anthropozentrische Tierethik Immanuel Kants
1.1 Der Mensch als vernünftiges Wesen
1.2 Das unvernünftige Tier
1.3 Die Pflichtenethik
1.4 Folgen für die Praxis am Beispiel der Nutztierhaltung
2. Die pathozentrische Tierethik Arthur Schopenhauers
2.1 Der Mensch als leidendes Wesen
2.2 Das leidende Tier
2.3 Die Mitleidsethik
2.4 Folgen für die Praxis am Beispiel der Nutztierhaltung
3. Vergleich der tierethischen Positionen Kants und Schopenhauers
3.1 Menschenbild
3.2 Tierbild
3.3 Normativ-ethische Theorie
3.4 Folgen für die Praxis am Beispiel der Nutztierhaltung
4. Diskussion der tierethischen Modelle Kants und Schopenhauers
4.1 Chancen und Probleme der Tierethik Kants
4.2 Chancen und Probleme der Tierethik Schopenhauers
5. Fazit und Ausblick
6. Literatur- und Siglenverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht exemplarisch die tierethischen Positionen von Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer. Ziel ist es, die zentralen philosophischen Grundlagen beider Ansätze aufzuarbeiten, ihre unterschiedliche ethische Fundierung kritisch gegenüberzustellen und die daraus resultierenden Konsequenzen für den praktischen Umgang mit Tieren, insbesondere in der Nutztierhaltung, aufzuzeigen.
- Analyse des anthropozentrischen Menschen- und Tierbildes bei Kant
- Untersuchung der pathozentrischen Mitleidsethik bei Schopenhauer
- Gegenüberstellung der normativ-ethischen Theorien beider Philosophen
- Kritische Diskussion der theoretischen Modelle im Hinblick auf den Tierschutz
- Bewertung der praktischen Implikationen für die heutige Nutztierhaltung
Auszug aus dem Buch
1.1 Der Mensch als vernünftiges Wesen
Kant vertritt den Gedanken der Doppelnatur des Menschen als Vernunft- und Naturwesen (cf. GMS, 452f.). So ist der Mensch einerseits ein Naturwesen, insofern er an physische (z.B. Naturgesetze), biologische (z.B. Instinkte, Triebe) und psychisch-endogene Faktoren (z.B. Neigungen, Motive, Wissen, Erfahrungen) gebunden und somit heteronom ist. Andererseits vermag der Mensch als Vernunftwesen, seinen Willen frei zu bestimmen sowie selbstgesetzlich zu handeln, und ist deshalb autonom (cf. ebd., 412). Die Vernunft, durch die sich der Mensch von allen anderen unbelebten und belebten Dingen unterscheidet, räumt dem Menschen eine Sonderstellung in der Natur ein (cf. ebd., 452). Durch sie und die damit verbundene Autonomie kommt dem Menschen nach Kant als einzigem Wesen Würde zu, das heißt das Recht auf die Achtung seines „unbedingten, unvergleichbaren Wert(es)“ (ebd., 435) als Person und darauf niemals bloß als Mittel, sondern immer als „Zweck an sich selbst“ (KpV A 237) behandelt zu werden. Mittels der Vernunft kann der Mensch nicht nur wie das Tier „Wohl und Weh“ (ebd., 108), also Angenehmes und Unangenehmes beziehungsweise Nützliches und Unnützes, unterscheiden, sondern darüber hinaus die Kategorien „gut“ und „böse“ anwenden, wodurch alleinig er zu moralisch reflektiertem Handeln befähigt wird (cf. ebd., 108f.).
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Mensch-Tier-Verhältnisses ein und stellt die tierethischen Ansätze von Kant und Schopenhauer als Untersuchungsgegenstand vor.
1. Die anthropozentrische Tierethik Immanuel Kants: Dieses Kapitel erläutert Kants Philosophie, in der die menschliche Vernunft die Grundlage für Moral bildet, weshalb Tieren lediglich ein indirekter Schutzstatus zukommt.
2. Die pathozentrische Tierethik Arthur Schopenhauers: Schopenhauers Modell wird als Mitleidsethik vorgestellt, die auf der Leidensfähigkeit aller Lebewesen basiert und daraus eine direkte moralische Rücksichtnahme ableitet.
3. Vergleich der tierethischen Positionen Kants und Schopenhauers: Hier werden die unterschiedlichen Ansätze in Bezug auf Menschenbild, Tierbild und ethische Theorie gegenübergestellt und ihre jeweiligen Schwerpunkte aufgezeigt.
4. Diskussion der tierethischen Modelle Kants und Schopenhauers: In diesem Teil werden Chancen und Probleme der beiden Konzeptionen kritisch hinterfragt, insbesondere im Hinblick auf ihre Stringenz und Anwendungsmöglichkeiten.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert die wesentlichen Ergebnisse und ordnet die Ansätze in die weiterführende tierschutzethische Debatte ein.
6. Literatur- und Siglenverzeichnis: Dies ist ein Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie der Abkürzungen.
Schlüsselwörter
Tierethik, Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Anthropozentrie, Pathozentrie, Vernunft, Mitleidsethik, Nutztierhaltung, Tierschutz, Moral, Autonomie, Leidensfähigkeit, Pflichtenethik, Zweck an sich selbst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung und dem Vergleich der tierethischen Modelle von Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Sonderstellung durch Vernunft, die Rolle der Leidensfähigkeit für die Moral sowie die praktischen Konsequenzen für den Umgang mit Tieren.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Darstellung, der Vergleich und die kritische Bewertung der tierethischen Positionen Kants und Schopenhauers, um deren Bedeutung für den heutigen Tierschutz zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Analyse auf Grundlage zentraler Primärtexte beider Philosophen sowie ergänzender wissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Konzepte (Anthropozentrie vs. Pathozentrie), vergleicht Menschen- und Tierbilder und diskutiert deren praktische Folgen am Beispiel der Nutztierhaltung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Tierethik, Vernunft, Mitleid, Anthropozentrie, Pathozentrie und Leidensfähigkeit.
Warum unterscheidet Kant zwischen direkten und indirekten Pflichten gegenüber Tieren?
Da Kant Tieren die Vernunft abspricht, besitzen sie keinen Eigenwert; das Verbot der Tierquälerei dient lediglich dazu, die moralische Verrohung des Menschen gegenüber Mitmenschen zu vermeiden.
Wie begründet Schopenhauer seine Mitleidsethik gegenüber Tieren?
Schopenhauer sieht im Mitleid eine objektive, kognitive Erkenntnis der Wesensidentität allen Lebens, womit leidende Tiere einen direkten moralischen Anspruch gegenüber dem Menschen geltend machen.
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- Sophia Gerber (Author), 2004, Tierische Gebrauchsanweisungen Tierethik bei Kant und Schopenhauer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36832