Die Aktualität des Automatenmotivs in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann" (1816) und Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende" (2013)


Bachelorarbeit, 2017

42 Seiten, Note: 2,7

Marie H. (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Analytische Methoden

3 Das Automatenmotiv in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann
3.1 Historischer Kontext
3.2 Der Sandmann - eine kurze I nhaltsangabe
3.3 Nathanael und Olimpia
3.3.1 Das Automatenmotiv der weiblichen Protagonistinnen
3.3.2 Nathanaels Menschlichkeitsverlust

4 Eine Analyse der Gegenwartsliteratur: Ernst-Wilhelm Händlers Der überlebende.
4.1 Historischer Kontext der Jahrtausendwende
4.2 Wer ist „der überlebende“?
4.3 Das Motiv der unkontrollierten Selbstzerstörung zum Schutz der S-bot Roboter
4.3.1 Maren
4.3.2 Peter
4.3.3 Greta

5 Ein Vergleich zwischen Nachtstück und Roman: Was sagt die Beziehung zu Robotern über die Menschlichkeit aus?
5.1 Vergleich der beiden Werke mit besonderer Rücksicht auf Nathanael und den Werkleiter
5.2 Was unterscheidet den Menschen von der Maschine?
5.3 Die Menschlichkeit Nathanaels und des Werkleiters

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Sandmann (1816) von E. T. A. Hoffmann ist eine 200 Jahre alte Erzählung, die Thema vieler Erläuterungen und Analysen war und noch heute ist.

E. T. A. Hoffmann ist - nicht zuletzt auch mit seinem Das kalte Herz - der erste Literat, der die um 1800 sichtbar werdende Industrialisierung auf ihre Veränderung der „condition human“ befragt.

Die vorliegende Bachelorarbeit befasst sich mit einem der vielen Motive der Erzählung: dem Automaten. Da sich die menschliche Technologie in den letzten Jahren der Praxis von künstlicher Intelligenz immer mehr nähert, sich das Wissen exponentiell vermehrt und sich zunehmend mit Robotern und ihrer Beziehung zu Menschen befasst, liegt der Gedanke eines Aktualitätsbezuges zum 200-jährigen Jubiläum des Märchens vom Sandmann nahe.

Um den Aktualitätsbezug zu intensivieren und an die Jetzt-Zeit anzuknüpfen, wird das Werk eines deutschen, zeitgenössischen Autors hinzugezogen: Ernst-Wilhelm Händler bietet sich als Autor für diese Erweiterung des Automatenmotivs an, der im vergangenen Jahr erneut für den Deutschen Buchpreis mit seinem Roman München (2016) nominiert war.[1]

Ernst-Wilhelm Händler schloss sein Studium der Betriebswirtschaftslehre und Philosophie in München mit einer Promotion zum Thema Logische Struktur und Referenz von mathematischen ökonomischen Theorien (1980) ab und übernahm das familieneigene Unternehmen im Bereich der Metallverarbeitung.

Vor dem Hintergrund dieses Praxiswissens über das Verhältnis von Mensch und Maschine unter den historischen Gegebenheiten der fast vollständig vollzogenen digitalen Transformation in Ökonomie und Gesellschaft, ergibt sich ein spannungsvolles Verhältnis von E. T. A. Hoffmanns analoger Maschine zu digital gesteuerten Maschinen, an deren vorläufigem Endstadium die vollständige Substitution der menschlichen Intelligenzleistungen durch die ihnen weit überlegene sogenannte künstliche Intelligenz in Ernst-Wilhelm Händlers Werk steht.

Neben den zwei Hauptwerken wurden insbesondere Peter Tepe et al, Gunter E. Grimm, Paul Deussen, das stangl Lexikon für Psychologie und Pädagogik, Peter von Matt, Günter Säße und Barbara Neymeyr als Quellen hinzugezogen. Da Der überlebende ein Roman von 2013 ist, gibt es hierzu noch keine Sekundärliteratur. Stattdessen wurden Zeitungsartikel, wie zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Zeit, sowie Interviews berücksichtigt.

Zunächst werden die analytischen Methoden in Kapitel 2 vorgestellt, wobei sich die folgende Arbeit besonders auf den psychologischen Ansatz fokussiert. Dem folgend, in Kapitel 3, wird ein Einblick in den historischen Kontext gegeben und die Erzählung zusammengefasst, gefolgt von einer Auseinandersetzung mit dem Automatenmotiv in Der Sandmann. Kapitel 4 ist gleich aufgebaut, betrachtet jedoch anstelle der Hoffmann’schen Erzählung den Roman Der überlebende im Hinblick auf das Automatenmotiv. Nachdem beide Erzählungen vorgestellt und analysiert wurden, werden sie im 5. Kapitel im Hinblick auf die Beziehung zwischen den Protagonisten und den Robotern verglichen. Hierbei wird insbesondere der mögliche Verlust der Menschlichkeit durch eine obsessive Verbindung zu Automaten untersucht. Im Fazit, Kapitel 6, sollen letztendlich zwei Fragen beantwortet werden: Inwiefern eignet sich Der überlebende als Vergleich zu Der Sandmann und inwiefern mutiert man selber zur Maschine, verliert also seine Menschlichkeit, durch eine Beziehung zu ebensolchen?

2. Analytische Methoden

Komplexe Werke, wie Hoffmanns Der Sandmann, können auf verschiedene Art und Weise analysiert werden. Peter Tepe veröffentlichte hierzu 2009 eine tabellarische Übersicht, die fünf Deutungsoptionen darstellt. Diese fünf Optionen sind nach Erzählstrategie und Typ sortiert.

Die erste Option, der psychologische Ansatz, befindet sich in einer natürlichen Textwelt, die entweder mit oder ohne offene Deutungsmöglichkeiten gedacht ist.[2]

Option zwei, der dämonologische Ansatz, entspricht der ersten Option, mit der Ausnahme, dass erzürn Typ Textwelt mit übernatürlichen Komponenten zählt.[3]

Der Unentscheidbarkeitsansatz, die dritte Option, wird entweder bei einem Werk mit unauflöslichem Verwirrspiel mit zwei Perspektiven oder einer radikalen Weiterführung dessen angewandt, dabei ist die Textwelt eine mit unbekanntem Status.[4] Die radikale Weiterführung des Verwirrspiels ist anhand von der Behauptung einer grundsätzlichen Ambivalenz, beziehungsweise Unbestimmtheit vieler Textelemente zu erkennen.[5] Darüber hinaus sind häufig poststrukturalistische Theoremen verpflichtet.[6]

Als vorletzte, vierte Option gilt laut Tepe der allegorische Ansatz. Er ist mit einer der drei vorherig genannten Textwelten kombinierbar und entweder in (legitimer) kognitiver Form, oder in verdeckt aneignender Form als dogmatisch-allegorische Deutung zu gebrauchen.[7]

Der radikale Interpretationspluralismus wird von Tepe als fünfte Option gelistet. Hier sind verschiedene Deutungsoptionen gleichberechtigt, die sich zum Teil sogar logisch ausschließen und/ oder projektiv-aneignend sind.[8] Diese Option ist mit allen Textwelten kombinierbar.[9]

Bei Hoffmanns Der Sandmann sind alle Deutungsoptionen möglich, jedoch ist Option drei die Version, die ein unvoreingenommenes und parteiloses Deuten möglich macht, da sie offenlässt, ob die Textwelt natürlichen oder unnatürlichen Ursprungs ist und damit die Diskussion umgeht, ob es eine Verschwörung gegen Nathanael gibt, oder ob dieser wahnsinnig ist. Somit bleibt ungelöst, ob die Welt real ist oder eine Psychose, da dies eine Diskussion ist, die über den Rahmen der vorliegenden Arbeit hinausgehen würde.

Bei Der überlebende von Händler hingegen sind nicht alle Optionen anwendbar. Hier bietet sich vor allem der Psychologische Ansatz an, da eine natürliche Textwelt vorliegt.

Darüber hinaus bietet sich die analytische Herangehensweise des Monismus, beziehungsweise Dualismus an. Diese zwei Methoden sind der Philosophie zugehörig. Erklärt eine Philosophie die Welt aus einem einzigen Gesichtspunkt, so ist sie monistisch; bedarf sie zwei Prinzipien, so ist sie ein dualistisch.[10] Nimmt man Platons Ideenwelt zum Vorbild, so ist diese „monistisch, weil bei ihm die Ideenwelt alle Realität“[11] umfasst, wohingegen „sie bei Aristoteles der Idee gegenüber dualistisch den Charakter eines positiven Substrats annimmt.“[12] Auf die Literatur bezogen bedeutet dies, dass, wie auch bei Tepe, eine Unterscheidung zwischen Erzählungen mit einer Textwelt und denen mit mehreren Welten möglich ist. Die Erzählung Der Sandmann ist jedoch weder monistisch, noch dualistisch, da sie mehr als zwei Optionen der Weltbetrachtung möglich macht: Somit ist sie multikausal. Der überlebende ist hingegen eindeutig monistisch, da der Ich­Erzähler keine Deutungen bezüglich der Welt, in der er lebt, offenlässt.

Die psychologische Betrachtungsweise wird den Schwerpunkt der Auseinandersetzung zwischen den beiden Texten bilden. Hierfür ist es wichtig, die prägenden Begriffe Soziopath, Psychopath und Narzisst zu definieren und voneinander zu unterscheiden.

Narzissmus wurde laut Mario Jacoby anfänglich als sexualpsychologischer Begriff gebraucht.[13] Franz Stimmer sieht in einem Narzissten einen Menschen, der sich egoistisch verhält, um seine Selbstwertstörungen auszugleichen.[14] Dass eine narzisstische Persönlichkeit ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Selbstbestätigung sowie eine außergewöhnliche Selbstbezogenheit und einen Mangel an Empathie aufweist, bedeutet für Otto Kernberg, dass diese Menschen krankhafte Beziehungen führen, die ausbeuterisch, parasitär und eigennützig gestaltet werden.[15] Narzissten sind häufig aufgrund ihres Misstrauens, ihrer Arroganz und eingeschränkten Fähigkeit zu lieben von ihren Mitmenschen isoliert.[16] Laut Christoph Lasch schafft es ein Narzisst nur seine Unsicherheit zu überwinden, wenn er sich selbst in anderen gespiegelt sieht.[17] Des Weiteren muss man zwischen einem gesunden und dem pathologischen Narzissmus[18] unterscheiden.[19]

In der aktuell entstehenden Computerkultur entwickelt sich eine weitere Form narzisstischer Spiegelung: Der Computer zeigt dem Menschen, „dass er - obgleich eine nicht triviale - so doch im Grunde eine Maschine sei. Die entscheidende Frage laute deshalb nicht mehr, ob Maschinen jemals so denken werden, wie Menschen, sondern ob Menschen immer so gedacht haben wie Maschinen' ([Turkle 1984] ebd.: 24).“[20]

Im Zusammenhang mit der Möglichkeit digital indizierten Narzissmus als reine Selbstbezüglichkeit stellt sich dann die Frage, inwieweit dieser „autistische“ Narzissmus Auswirkungen auf die Stellung und Verhaltensweisen im sozialen Umfeld hat.

Nathanael, welcher schlecht in die Gesellschaft integriert ist und soziale Schwächen aufweist, wie zum Beispiel der Kontrollverlust über seine Emotionen, stellt sich unter psychiatrischer Perspektive als Mensch mit soziopathischer Symptomatik dar.

Soziopathie ist „eine psychiatrische Störung des Sozialverhaltens und bezieht sich auf Menschen, die nicht oder nur eingeschränkt fähig sind, Mitgefühl zu empfinden sowie sich nur schwer in andere hineinversetzen können und die Folgen ihres Handelns nicht abwägen können.“[21] Im Gegensatz zu Psychopathen sind Soziopathen nicht emotionslos, sie haben jedoch ihre Gefühle nicht unter Kontrolle und haben Probleme,

Emotionen richtig zu deuten und einzuordnen, wodurch schnell Missverständnisse entstehen, die zu einer Isolation führen können.[22]

Der Protagonist in Händlers Der überlebende hingegen weist im Zusammenhang seiner Beziehungen zu digitalen Maschinen eher psychopathische Züge auf. Dies zeigt in seinem Verständnis menschlicher Beziehungen: Er vertraut niemandem, intrigiert und manipuliert sein soziales Umfeld und sieht im Menschen nur ein Werkzeug seiner Anmaßung in gottähnlicher Funktion eigene Kreaturen zu schaffen.

Psychopathen sind Menschen mit einer ,,schwere[n] Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht.“[23] Weitere Charaktermerkmale sind, dass sie nachweislich weniger Angst haben und langfristig nicht in der Lage sind, aus ihren Fehlern zu lernen, auch wenn sie sich kurzfristig anpassen.[24] Wesentliche Eigenschaften sind nach Hervey Cleckley „fehlende Reue angesichts grausamer Taten, rücksichtsloses Verhalten gegenüber Mitmenschen und die kunstvolle Fähigkeit, andere charmant um den Finger zu wickeln [,..].“[25] Durch die Anwendung einer von Robert Hare entwickelten Checkliste zur Erkennung von Psychopathie stellte sich heraus, dass „Menschen mit psychopathischen Eigenschaften auch in Führungspositionen zu finden sind, etwa als Unternehmensleiter [...], was offensichtlich daran liegt, dass Menschen mit wenig Emotionen erfolgreicher sein können.“[26]

Zusammenfassend bezeichnet man also „ganz allgemein Menschen, die schwer gestört sind, fortwährend gesellschaftliche Regeln verletzen, häufig Straftaten begehen und über gering ausgeprägte soziale Emotionen wie Mitgefühl oder Reue verfügen [als Psychopathen].“[27]

Oberflächlich sind sie aber schwierig zu erkennen, da sie charmant sein können, unauffällig, gut im Stande oberflächliche Beziehungen einzugehen und Menschen auf ihren eigenen Nutzen besonnen zu manipulieren.[28]

Der wichtigste Unterschied zwischen einem Psychopathen und einem Soziopathen ist die Fähigkeit Gefühle zu empfinden, welche ein Psychopath nicht hat, wohingegen ein Soziopath diese lediglich nicht kontrollieren kann.[29] Außerdem sind Psychopathen „meist gut in die Gesellschaft integriert, haben einen Beruf, Partner und Kinder“[30], wohingegen Soziopathen, wie oben erwähnt, eher Außenseiter der Gesellschaft sind.

3. Das Automatenmotiv in E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann

3.1. Historischer Kontext

Um das Jahr 1816, in dem Der Sandmann entstand, wird „durch die Entdeckung von Liebe und Partnerschaft“[31] die Hausfrauenrolle der Frau vorerst zurückgedrängt. Zuvor war ihr Leben „von ihrem famíliáién Status geprägt: Jungfrau, Frau und Mutter, Witwe“[32] ; so wie Männer patriarchalisch, männlich-väterlich-autoritär zu sein hatten.[33] „Das Verhältnis zu den Kindern ist unsentimental, kurz, streng, distanziert“[34] und erst Ende des 19. Jahrhunderts nahm „das Gefühl elterlicher Verantwortung für die Kinder [...] zu.“[35] Die politische Lage war viel unbedeutender für das Volk „als heute [...][, denn] für das 19. Jahrhundert [müssen] gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Prozesse als nur wenig durch Politik gesteuert betrachtet werden.“[36] Die materielle Verfassung der Bevölkerung war schlecht, „[พ]ie viele andere Teile des europäischen Kontinents, so war auch Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem heute schwer nachvollziehbaren Maße ein Land der Massenarmut.“[37] Noch waren die finanziellen Folgen einer Industrialisierung nicht bei den Menschen angekommen, sie befanden sich noch in einer „Zeit des Übergangs.“[38] Jedoch fand man sie in den Gemütern der Gesellschaft: das Bildungsbürgertum definierte sich über akademischen Ehrgeiz, die Bauern wurden durch eine Agrarreform freier von den adeligen Herren und Kaufleute investierten in Technik.[39]

Ende des Jahres 1816, als Der Sandmann als erster Band der Nachtstücke (Druckdatum 1817) entstand[40], war der Jurist Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, geborener Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, gerade zum Kammergerichtsrat aufgestiegen.[41] In seiner

Freizeit studierte er „exaltierte Stimmungen und Psychosen“[42], während er nachts, unter Einfluss von Alkohol, Geschichten aufschrieb.[43]

Hoffmanns Alkoholkonsum wurde von seinen Zeitgenossen heftig kritisiert und als Quelle seines Wahnsinns gesehen; dementsprechend schrieb Goethe, Hoffmann habe einen „schwachen Charakter“[44], da er Drogen konsumiere. Er „vergiftet den Geist der Allgemeinheit durch seine Werke“[45], welche zu verrückt seien und weitere Autoren vor Drogenkonsum[46] warnen sollen. Auch international war man dieser Meinung: So war Walter Scott der Auffassung, dass Hoffmanns Temperament und Gesundheit ihm die Möglichkeit großen Ansehens nahmen.[47] Des Weiteren hinterfragte die Allgemeine Literatur-Zeitung 1817 in ihrer Rezension des Sandmanns, die Sinnhaftigkeit des Stücks, sowie die Grenze zwischen „Phantasie und Wirklichkeit“.[48] Ebenso kritisierte Konrad Schwenk, dass „die Liebe zu dem Automaten [...] durchaus nicht motiviert [ist] [...] [, sondern] sich als lächerlich und unglaublich zugleich auf[drängt]“.[49]

Gleichwohl gab es auch positive zeitgenössische Kritik an Hoffmanns Nachtstück. Dementsprechend lobt Heinrich Voß in einem Brief, dass er „in der Olimpia [...] das Maß alles Unheimlichen übervoll gemessen“[50] fände, was in einem direkten Widerspruch zu Schwenks Aussage steht. Seiner Meinung nach ist diese Erzählung außerdem die sinnvollste Idee vom Mythos Sandmann.[51] Auch das Oppositionsblatt oder die Weimarische Zeitung verfasste eine positive Kritik, in der die im Kopf erzeugten Bilder der Lektüre gelobt wurden.[52] Schließlich gab es noch einen kritischen Deutungsansatz eines Freundes von Hoffmann namens Fouqué, der ursprünglich verwirrt war, als er das Stück las, da ihm die Erzählweise fremd war und er sie nicht Hoffmann zugeordnet hätte.[53] Als er begriff, was es war, das ihn störte, war er amüsiert, denn er erkannte sich selbst in Nathanael wieder und sah das Stück von ทนท an als eine Karikatur seiner

Selbst.[54] Hoffmann bestätigte angeblich diese Deutungsweise und gestand den Scherz.[55] Allerdings ist nie offiziell bestätigt worden, dass es sich bei Nathanael um eine Karikatur Fouqués handelt.[56]

Bereits seit dem Jahr 1769 ist künstliche Intelligenz für den Menschen greifbar. Die erste künstliche Intelligenz, der sogenannte „Schachtürke“, war allerdings eine Attrappe, denn sie war eine von Menschenhand gesteuerte Puppe und somit nur eine scheinbare künstliche Intelligenz.[57]

3.2. Der Sandmann - eine kurze Inhaltsangabe

Nathanael, ein junger Student, schreibt einen Brief an seinen Freund Lothar, den er ausversehen an seine Verlobte und Lothars Schwester Clara adressiert. In diesem Brief berichtet er von einer traumatischen Begebenheit seiner Kindheit. Als Junge hörte er die Geschichte vom Sandmann, einer Horrorgestalt, die schlafenden Kindern die Augen stiehlt. Eines nachts beobachtete er seinen Vater, wie dieser mit dem Advokaten Coppelius, in dem Nathanael den Sandmann sieht, Alchemie praktiziert. Nathanael wird jedoch von den beiden Männern entdeckt und Coppelius führt skurrile Versuche an ihm durch, indem er Körperteilen remontiert und damit in die Reihe derjenigen gehört, die an der Schaffung des künstlichen Menschen arbeiten. Diese traumatische Erfahrung hatte Nathanael verdrängt, bis er auf den Wetterglashändler Coppola trifft, welcher ihn an Coppelius erinnert.

Später trifft er auf Olimpia, die Tochter seines Professors Spalanzani. Mit dieser beginnt er trotz seiner Verlobung zu Clara eine Affäre. Als er sie bitten möchte ihn zu heiraten, sieht er Coppola und Spalanzani um sie streiten. Er erkennt, dass Olimpia kein Mensch, sondern eine von Spalanzani und Coppola gebaute Holzpuppe ist.

Nachdem Nathanael dieses zweite Trauma verarbeitet zu haben scheint, kehrt er zurück zu Clara. Auf einem Ausflug wird er jedoch wahnsinnig und versucht Clara zu ermorden. Lothar kann seine Schwester in letzter Minute retten und Nathanael begeht Suizid, indem er von einem Aussichtsturm springt.

3.3. Nathanael und Olimpia

3.3.1. Das Automatenmotiv der weiblichen Protagonistinnen

Die Beziehung zwischen Nathanael und Olimpia findet zwar nur auf 14[58] der 42 Seiten der Erzählung statt, bildet aber den Kern der Geschichte: Die Beziehung zwischen Mensch und totem Artefakt sowie seiner Tauglichkeit als beliebig besetzbarer Spiegel menschlicher Projektion. Die Ambivalenz zwischen totem und belebtem zeigt sich zunächst am deutlichsten in der Wahrnehmung der Bedeutung des Blicks der Automatenfrau Olimpia für Nathanael.

Als Nathanael zum ersten Mal Spalanzanis Tochter erblickt, so geschieht dies durch eine Glastür: er sieht ein „hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer [...][, mit] engelschöne[m] Gesicht [, doch] hatten ihre Augen etwas Starres“[59], „weil eben in den Augen der androiden Protagonistin[...] sich das Geheimnis ihrer (บท-) Menschlichkeit und (บท-) Beseeltheit verbirgt.“[60] Peter von Matt beschreibt diese Szene als „auffällig, da die Geschichte ja auf die Liebe Nathanaels zu Olimpia hin angelegt“[61] sei. Diese Starre verliert Olimpia erst, als Nathanael sie durch ein Fernglas beobachtet[62], denn „nur von ihren Augen her wird sie ganz liebenswert [,]“[63] Die Augen, als immer wiederkehrendes Motiv der Erzählung, werden auch Teil eines Gedichtes von Nathanael - allerdings sind es hier Claras „holde Auge: die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken“[64] und lassen seine Verlobte blind zurück.

Gegen Ende des Stücks finden sich eindeutige Parallelen zwischen Clara und Olimpia, denn als er um Olimpias Hand anhalten möchte, sieht „Nathanael, wie ein paar blutige Augen[, Olimpias Augen,] auf dem Boden liegend ihn anstarren, die ergriff Spalanzani [... ] und warf sie nach ihm, dass sie seine Brust trafen.“[65] Der Zusammenhang von Auge, Blick, Erblicken, Erkennen (auch im biblischen Sinne des Erkennens der Metapher für Sexualität), Blindheit als Voraussetzung für seherische Fähigkeiten als Spiegel der Seele und zugleich als Ausdruck der Bestialität des Ausstechens von Augen bildet dabei für

[...]


[1] vgl. Deutscher Buchpreis: http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/ (letzter Aufruf: 27.01.2017).

[2] vgl. Tepe, S. 79.

[3] vgl. ebd.

[4] vgl. ebd.

[5] vgl. ebd.

[6] vgl. ebd.

[7] vgl. ebd.

[8] vgl. ebd.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. Deussen, S. 12.

[11] ebd.

[12] ebd.

[13] vgl. Jacoby, S. 10.

[14] vgl. Stimmer, S. 15.

[15] vgl. Kernberg, S. 261-263.

[16] vgl. ebd., S. 262 f., 302.

[17] vgl. Lasch, S. 27.

[18] Es ist kein notwendiger Narzissmus mehr, sobald „[...] der Betroffene droht sich der narzisstischen Störung zu nähern [, indem erfolgende Verhaltensauffälligkeiten aufweist]: Großartigkeit in der Phantasie, schließlich im Verhalten, dazu ein Mangel an Einfühlungsvermögen, insbesondere was die Einschätzung durch andere anbelangt; vor allem auch die Überempfindlichkeit gegenüber Kritik.“ (Faust, S. 14).

[19] vgl. Jacoby, S. 87; Roth, S. 15, 45.

[20] Jonssøn S 278

[21] stangh: http://lexikon.stângi.eu/10881/soziopathie/ (letzter Aufruf: 27.01.2017).

[22] vgl. Stängel·.

[23] stangb: http://lexikon.stanql.eu/2333/psvchopathie/ (letzter Aufruf: 27.01.2017).

[24] vgl. ebd.

[25] ebd.

[26] ebd.

[27] ebd.

[28] vgl. ebd.

[29] vgl. stangb.

[30] ebd.

[31] Nipperdey, S. 128.

[32] ebd. S. 117.

[33] vgl. ebd.

[34] ebd.

[35] ebd.

[36] ebd.

[37] ebd.

[38] ebd.

[39] vgl. ebd.

[40] vgl. Hoffmann, S. 61.

[41] vgl. ebd., S. 71.

[42] Hoffmann, S. 71.

[43] vgl. ebd. S. 70.

[44] Goethe S. 86-88 (Reclam).

[45] ebd.

[46] Hierbei bleibt zu beachten, dass die Werke vieler Künstler unter dem Einfluss von Drogen entstehen: In den 1920er Jahren wares beispielsweise das Kokain.

[47] Scott, S. 94, 97f. (Reclam).

[48] ebd. S. 68

[49] Reclamausgabe Der Sandmann, S. 71.

[50] ebd.

[51] vgl. ebd. S. 68.

[52] vgl. ebd. S. 67.

[53] vgl. ebd. S. 76 ff.

[54] vgl. ebd.

[55] vgl. Hoffmann, S. 76 ff.

[56] vgl. ebd.

[57] vgl. Spiegel: http://www.spieqel.de/netzwelt/qadqets/schach-und-kuenstliche-intelliqenz- qeschichte-einer-beziehunq-a-1066976.html (letzter Aufruf: 27.01.2017).

[58] „Olimpia“ selbst wird nur auf den Seiten 17, 27-40 (Hoffmann) erwähnt.

[59] Hoffmann, S.17

[60] Pagliarulo, S. 249.

[61] Matt, S. 78 f.

[62] Hoffmann, S. 28 f.

[63] Matt, S. 84.

[64] Hoffmann, S.23.

[65] ebd., S. 38.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Die Aktualität des Automatenmotivs in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann" (1816) und Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende" (2013)
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
42
Katalognummer
V368364
ISBN (eBook)
9783668467033
ISBN (Buch)
9783668467040
Dateigröße
824 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmann, Sandmann, Händler, Vergleich, Automaten, Automatenmotiv, künstliche Intelligenz, Verlust der Menschlichkeit, Der Überlebende, Aktualitätsvergleich
Arbeit zitieren
Marie H. (Autor), 2017, Die Aktualität des Automatenmotivs in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann" (1816) und Ernst-Wilhelm Händlers "Der Überlebende" (2013), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368364

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