"Masse und Macht" von Elias Canetti. Ein Überblick über die ersten 30 Seiten


Referat (Ausarbeitung), 1996

9 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Janus Zudnik

1996 ausgearbeitetes Referat der ersten 30 Seiten aus:

Elias Canetti,

Masse und Macht, 1960.

Die Masse

Am Anfang steht die Frage, wie sich, bei der natürlichen Berühungsfurcht der Menschen, überhaupt Massen bilden können.

Die Angst vor der Berührung v.a. durch Unbekanntes aber auch durch fremde Leute ist allgegenwärtig; Angreifen - hat eine doppelte Bedeutung.

Nur in der dichten Masse schlägt die Berührungsfurcht ins Gegenteil um, wird die Verschiedenheit aufgehoben, und je dichter die Masse ist, desto gründlicher wird die Angst vergessen. Mt Dichte ist auch die seelische Verrasung gemeint, man darf nicht mehr darauf achten wer einen umgibt. Die Masse ist gleichsam ein eigener Organismus, und ermöglicht wird sie durch das Umschlagen der Berührungsfurcht.

Canetti unterscheidet zunächst vier grundlegende Eigenschaften der Masse:

1. Wachstum: Die Masse will immer wachsen. Einrichtungen welche sie begrenzen, d.h. zu einer geschlossenen Masse zwingen, haben meist auf Dauer wenig Bestand.
2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Alle Gleichheitstheorien Z.B. Menschenrechte, haben hier ihren Ursprung.
3. Die Masse liebt Dichte. Sie braucht diese, um die Angst gegenüber den anderen zu überwinden.
4. Die Masse braucht eine Richtung, die für alle gleich und außerhalb jedes einzelnen ist und ihr ein einheitliches Ziel weist.

Hauptformen:

Die natürliche Masse ist offen. Sie entsteht spontan aus wenigen Menschen, doch dann drängt es die anderen nach unerklärlichen Gesetzen dorthin, wo es am dichtesten, schwärzesten ist. Ihr Wachstum ist theoretisch unbegrenzt, sobald es aber aussetzt ist der Zerfall unvermeidlich.

Die geschlossene Masse dagegen hat eine Grenze, ihr Bestand ist wichtiger als eine zügellose Zunahme. Dafür ist einen Wiederholung der Massenbildung wahrscheinlicher, das Symbol dafür ist das Gebäude, in dem sie sich versammelt.

Der Ausbruch ist der Übergang einer geschlossenen in eine offene Masse. Institutionen, die auf ein Abfangen der Masse angelegt sind, Z.B. Tempel, Kaste, Kirche werden irgendwann zu eng. Beispiele dafür sind die Bergpredigt, Kreuzzüge, modernen Massenkriege. Man will ausziehen, alle erreichen. Die offene Masse scheint niemals gesättigt.

Neben dem Ausbruch hat die Masse noch weitere charakteristische Merkmale ihres Handeln:

Die Entladung ist es, welche alle angleicht, sie erst wirklich Masse werden läßt. Im normalem Leben ist nämlich alles voll fest etablierter Hirarchien. Diese Distanzlasten werden ทนท mit einer großen Erleichterung abgeworfen, allerdings bedroht der Zerfall die Masse gerade am Höhepunkt ihres Gleichheitserlebnisses. Eine Fortsetzung der Entladung ist nur an neuen Menschen, die zu ihr stoßen, möglich.

Oft kann man eine Zerstörungssucht der Masse feststellen. Der Lärm der Zerstörung ist der Geburtsschrei der Masse, er verheißt die ersehnte Verstärkung. Noch dazu ist die Zerstörung eine der Grenzen, um alle zu sich zu holen. Dem Mensch in der Masse ist alles Gefängnis und es reizt ihn, diese zu zerstören. Das Feuer als stärkstes Massensymbol eignet sich dafür am besten. Bei einer Revolution aber vernichtet man die Symbole einer nicht länger anerkannten Hirarchie.

Das Verfolgungsgefühl hängt mit dem Drang der Masse zu rapidem Wachstum zusammen. Einmal entstanden, wird neben dem Grund weswegen sie sich gebildet hat auch um den Erhalt der Masse selbst gestrebt. Zerschlagen werden kann sie ทนท durch einen äußeren oder inneren Angriff. Der erstere ist weniger gefährlich.

Wenn sie beispielsweise von der Polizei auseinandergetreiben wird, können die Menschen rasch wieder Zusammenkommen, es zieht sie wieder zueinander und ihr Zusammenhalt wird dabei sogar gestärkt.

Wenn die Masse allerdings von innen angegriffen wird, Z.B. ihren Forderungen entsprochen wird beginnt sie abzubröckeln. Denn jeder Mensch hat einen kleinen Verräter in sich, welcher wieder zurück ins normale Dasein will. Die Schwächsten beginnen, ทนท dieser inneren Stimme zu folgen. Wenn die Feinde der Masse schon die Neuankömmlinge nicht stoppen können, versuchen sie zumindest diesen kleinen Verräter aufzuwiegeln. Die Verfolgungsangst ist also das Gefühl einer doppelter Bedrohung, da die Masse immer wachsen muß, um bestehen zu bleiben.

Außer der offenen und der geschlossenen Masse werden noch weitere Hauptformen unterschieden:

Bei der rythmischen Masse will man eine Vermehrung simulieren. In früheren Zeiten wollten die wenigen Menschen mehr werden, nicht nur in Zukunft sondern hier und jetzt. Als Vorbilder dafür dienten die oft unüberschaubaren Herden der Tiere. Der Ausdruck dieses Wunsches mündete in der zuckenden oder rythmischen Masse. Der ursprünglichste Rythmus war einer der Füße und so stampft man im Tanz auf, immer heftiger und lauter, um die ersehnte Zunahme darzustellen.

Bsp: Haka der Maori auf Neuseeland. Aus einem Droh-, d.h. Kriegstanz entstanden, ist er zum Ausdruck der Massengefühls des Stammes geworden und wird zu den verschiedensten Gelegenheiten aufgeführt. Die Dichte wird durch die Figuren des Tanzes gestaltet, die Gleichheit ist von Anfang am gegeben. Am Höhepunkt fühlen sind alle eins.

Bei der stockenden Masse ist die Dichte am wichtigsten. Die dichteste Masse wächst am schnellsten. Alle Stehen eng beisammen, sie genießen das dichte Aneinandersein, die Bewegungslust staut sich, um in der Entladung um so heftiger auszubrechen.

Bei einer Hinrichtung etwa läßt die Masse im Augenblick der Entladung, d.h. wenn ihr der Kopf des Opfers gezeigt wird, ihre Stimme hören. Bei den heutigen Sportveranstaltungen sind die Schreie der Masse häufiger, die Dauer für welche die Masse besteht ist festgelegt, darum ist das Auseinandergehen weniger schmerzlich, auch die Wiederholung ist sicherer. In Theatern und bei Konzerten ist man in der Bewegungsfreiheit ganz beschnitten, nur zu festgesetzten Zeiten darf man klatschen und so ist die Stärke allein ein Indikator, wie weit man Masse geworden ist.

Als extremstes Beispiel für das Stocken einer religiösen Masse nennt Canetti das „Stehen auf Arafat“, einer Ebene, welche ein paar Stunden von Mekka entfernt ist: Dort Stehen die Pilger und lauschen stundenlang in steigender Erregung dem Prediger und beantworten seine Worte mit „Wir 'harren' deiner Befehle, Herr“. Selbst wenn manche von der Hitze gefält niederstürzen, warten sie so kurz vor dem Ziel um sich vorzubereiten.

Die langsame Masse ist ein Zug von Menschen. Entweder er besteht von Anfang an in seiner Gesamtheit wie der Auszug der Juden aus Ägypten, oder er vergrößert sich mit der Zeit, so wie ein

Fluß, in welchen andere münden (Vgl. Pilgerreise). Drittens gibts noch die langsamen Massen, welche auf ein unsichtbares und in diesem Leben nicht erreichbares Ziel, z.B.ein Jenseits,gerichtet ist.

Die normale Entladung, die jede Masse braucht, wird hier unterdrückt, sie bleibt ihr versagt. Doch versammelt sie sich immer wieder und lebt eine milde Form der Entladung in Gestalt einer rythmischen Masse aus. Neue Religionen können so das Ende ihres massiven Wachstum überdauern, sie führen Institutionen ein, mit denen die Masse gezähmt wird. Ihr Anspruch auf Universalität wird dann gegen den Zusammenhalt einer begrenzten Menge von Gläubigen eingetauscht. Im Laufe ihres Kampfes um Anerkennung nämlich haben sie gelernt, wie schwierig es ist, die einmal Versammelten auch auf Dauer bei der Stange zu halten.

Die Masse wird jetzt durch eine scheinbare Gleichheit unter den Gläubigen und einer starken Richtung zusammengehalten. Ihr Ziel ist in weiter ferne, der Weg dorthin lang und mühselig. Die Menschen gewöhnen sich an ihre wiederholten Zusammenkünfte und wollen sie nicht mehr missen. Der Zerfall des Christentums hat eingesetzt, als sich der Glaube an ein Jenseits zu verflüchtigen begann, da damit das Ziel der langsamen Masse in Frage gestellt worden ist.

Die unsichtbaren Massen:

Es gibt keine Gesellschaft von Menschen, die ohne einer Vorstellung von einer Masse unsichtbarer Toten auskommt. Sie werden immer mehr, ihr Dichte nimmt immer weiter zu. Weiters gibt es auch andere Geister, wie Dämonen, Engel und Teufel. Immer sind sie in dichten, konzentrierten Scharen. Man kann sagen, daß die Religionen mit diesen unsichtbaren Massen beginnen. Wenn der Glaube sich durch ein Verblassen dieser abschwächt, treten andere an ihre Stelle. Solch eine wäre Z.B. die Masse der Nachkommenschaft. Auch sie ist unsichtbar, da man als einzelner höchstens zwei oder drei Generationen miterleben kann. Im Gegensatz zum Gefühl für die Toten, die weitgehend ausgespielt haben, klammern wir uns an die Nachkommenschaft, und zwar der ganzen Welt, wollen für diese ein besseres Leben vorbereiten.

Ganz verschwunden sind die Teufel, trotz, wie Canetti lächelnd bemerkt, ihrer früheren großen Zahl. Allerdings ist dafür eine nicht weniger heimtückische Masse aufgetaucht, die der Bazillen, einer neuen unsichtbaren Masse. Als letztes wäre noch das Sperma zu nennen, konzentriert und winzig, sind die Spermiziden eigentlich die Ahnen.

Weiters kann man die Masse nach ihren fünf Hauptaffekten einteilen, wobei zwei davon sogar älter als die Menschenheit sind, und schon bei den Tieren auftauchen:

[...]

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
"Masse und Macht" von Elias Canetti. Ein Überblick über die ersten 30 Seiten
Hochschule
Universität Wien  (Geschichte)
Note
1
Autor
Jahr
1996
Seiten
9
Katalognummer
V368387
ISBN (eBook)
9783668469709
ISBN (Buch)
9783668469716
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elias Canetti, Masse und Macht, 1960
Arbeit zitieren
Janus Zudnik (Autor), 1996, "Masse und Macht" von Elias Canetti. Ein Überblick über die ersten 30 Seiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368387

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