Neben den bereits publizierten Ansätzen, die den Schwank als belehrendes oder kompensatorisches Element betrachten, der zudem mentalitätsgeschichtliche Erkenntnisse bringt, soll diese Arbeit zeigen, dass in der Vielschichtigkeit der Ausführung eine weitere Funktion des Schwank verborgen sein könnte: die soziale Anerkennung, die über das Lachen erzielt wird und die damit verbundene Überzeugungskraft, dass die im Schwank geschilderten Ereignisse die „Wahrheit“ des Schildernden darstellt. Diese Wahrheit soll über das gemeinsame Lachen als verbindende Funktion von den Zuhörern akzeptiert und adaptiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. DER SCHWANK – VERSUCH EINER THEORETISCHEN EINORDNUNG
2. DIE LITERARISCHE GATTUNG DER CHRONIK
3. DIE CHRONIK DER GRAFEN VON ZIMMERN
3.1 DIE GRAFEN VON ZIMMERN
3.2 DIE GESCHICHTE DER CHRONIK
3.3 FORSCHUNGSGESCHICHTE ZUR CHRONIK
4. AUS DEN SCHWANKEPISODEN
4.1 DIE GESCHICHTE DER UNTREUEN EHEFRAU DES SCHULER JOCKELE
4.2 VON ETLICHEN LÄCHERLICHEN „SCHIMPFBOSSEN“
4.3 INTERPRETATION UND BEWERTUNG
5. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Schwankepisoden innerhalb der Zimmerschen Chronik, um deren literarische und historische Funktion zu entschlüsseln. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie der Autor Froben Christoph von Zimmern durch die gezielte Einbettung komischer Erzählungen Kritik an seinen Vorfahren übt, dynastische Interessen legitimiert und durch die soziale Funktion des Lachens eine Akzeptanz seiner Geschichtsdarstellung beim zeitgenössischen Publikum zu erwirken sucht.
- Die gattungstheoretische Einordnung des spätmittelalterlichen Schwanks als Mischform und Deutungsangebot.
- Die Analyse der Zimmerschen Chronik als Hauschronik und Instrument zur dynastischen Identitätsstiftung.
- Die Untersuchung der narrativen Strategien von Froben Christoph von Zimmern bei der Einbindung von Schwankepisoden.
- Die Interpretation von Schwankepisoden als Medium der subtilen Gesellschafts- und Familienkritik.
- Die soziale Funktion des Lachens als Mittel zur Bildung von „Lachgemeinschaften“ und zur Durchsetzung einer spezifischen „Wahrheit“.
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Geschichte der untreuen Ehefrau des Schuler Jockele
Die erste zu untersuchende Episode ist die Erzählung über den Ehebruch der Frau des Schuler Jockele mit dem Dorfpfarrer. Sie ist eingebettet in das 136. Kapitel, in Baracks Edition im zweiten Buch, S. 636ff, das „von etlichen allerhandt sachen, die sich zu Oberndorf verloffen“ berichtet. Zunächst erscheint die Erzählung über den höchst amüsant geschilderten Zugang dieser Episode vollkommen aus dem Kontext zu fallen, betrachtet man die Schilderung isoliert. Weiterhin fällt die Frivolität und Obszönität des Geschilderten auf, die Jenny als Vorliebe Frobens darstellt. Dabei folgt Froben in Ausdruck und Topic einem beliebten, zeitgenössischen Muster, indem er die Rollen mit niederen Geistlichen besetzt, die sich an den Ehefrauen niederer sozialer Herkunft im städtischen Umfeld, wenn auch einvernehmlich, vergeht.
Froben beschreibt, wie sich ein „Dorfpfaff“ der zeitgenössischen Sitte seinesgleichen, bei „den burgern und andere zun weibern und döchtern [zu] nisten“, folgend, mit der Frau des Schuler Jockele vergnügt. Nachdem Jockele offenbar „Wind“ vom Ehebruch bekommen hat, täuscht er die beiden Liebhaber mit einer List und erwischt sie in flagranti bzw. „membra in membris“. Der Gehörnte zögert nicht lange und „würft in auf den poden, bindt im alle viere zusammen und henkt in also an einer stangen zum laden außhin“. So hängt der Priester nackt mitten in der Stadt an einer Stange, eine sowohl amüsante als auch nachvollziehbare Aktion der Rache. Bemerkenswert ist, dass die Ehefrau, entgegen sonst üblicher Schilderungen derart, glimpflich davonkommt und Jockele sie unter der Bedingung sie „sollt hinfuero sich wol halten“ (ebd.) wieder aufnimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DER SCHWANK – VERSUCH EINER THEORETISCHEN EINORDNUNG: Dieses Kapitel erörtert die formaltechnische und inhaltliche Heterogenität des Schwanks im 16. Jahrhundert und arbeitet dessen Doppelfunktion als Mittel der Belustigung sowie der moralischen Belehrung heraus.
2. DIE LITERARISCHE GATTUNG DER CHRONIK: Hier wird der Gattungsbegriff der Chronik analysiert, wobei der Wandel von annalistischen, universalhistorischen Aufzeichnungen hin zu literarisch gestalteten, lokal-regionalen Hauschroniken beleuchtet wird.
3. DIE CHRONIK DER GRAFEN VON ZIMMERN: Dieses Kapitel widmet sich dem Entstehungskontext des Werkes, der Familiengeschichte der Zimmern sowie der Forschungsgeschichte, die Froben Christoph von Zimmern als alleinigen Verfasser bestätigt.
4. AUS DEN SCHWANKEPISODEN: Anhand ausgewählter Episoden wird die literarische Strategie des Autors aufgezeigt, durch komische Erzählungen Kritik an der väterlichen Generation zu üben und eigene dynastische Ansprüche zu stabilisieren.
5. ZUSAMMENFASSUNG: Die abschließende Sektion resümiert, dass der Schwank in der Zimmerschen Chronik weit über eine bloße Unterhaltung hinausgeht und gezielt als Instrument zur Etablierung einer spezifischen Sichtweise und sozialen Stellung des Chronisten fungiert.
Schlüsselwörter
Zimmersche Chronik, Schwank, Froben Christoph von Zimmern, Spätmittelalter, Hauschronik, Geschichtsschreibung, Lachen, Lachgemeinschaft, Mentalitätsgeschichte, Didaxe, Historismus, Dynastiegeschichte, Ehebruch, Geistlichkeit, Gesellschaftskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Funktion der enthaltenen Schwankepisoden innerhalb der Zimmerschen Chronik, einer bedeutenden spätmittelalterlichen Hauschronik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die literaturwissenschaftliche Analyse des Schwank-Genres, die historische Einordnung der Zimmerschen Chronik sowie die soziale und belehrende Funktion des Lachens im 16. Jahrhundert.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass die Schwankepisoden nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern ein geschickt eingesetztes Instrument des Autors Froben Christoph von Zimmern sind, um Kritik an seinen Vorfahren zu äußern und seine eigene dynastische Position zu legitimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche und mentalitätsgeschichtliche Analyse, um die Texte in ihren historischen Kontext einzubetten und die rhetorischen Strategien des Chronisten zu entschlüsseln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Grundlagen des Schwanks und der Chronik-Gattung, beleuchtet die Familiengeschichte und Forschungsgeschichte der Zimmerschen Chronik und interpretiert exemplarische Schwankepisoden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Zimmersche Chronik, Schwank, Froben Christoph von Zimmern, Lachgemeinschaft, Didaxe und dynastische Legitimation.
Welche spezifische Rolle spielt der "Schuler Jockele" in der Analyse?
Diese Episode dient als Fallbeispiel für die Verschleierung von Kritik durch komische Erzählweisen; sie veranschaulicht, wie der Autor durch die drastische Bestrafung eines untreuen Geistlichen indirekt eine Abrechnung mit der wirtschaftlichen Fehlpolitik seiner Vorfahren vornimmt.
Wie wird das Verhalten von Gabriel Magenbuch im Text interpretiert?
Magenbuch wird als eine ambivalente Figur zwischen "Narr" und Kritiker dargestellt, die dem Autor ermöglicht, eine ungeschönte, aber durch Komik "verpackte" Kritik am Klerus und an den herrschenden Verhältnissen zu artikulieren.
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- Sarah Wunderlich (Author), 2017, Ridendo Corrigo Mores. Die Rolle des Schwank in der spätmittelalterlichen Chronik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368524