Der Charakter der Olympias in Plutarchs Alexander-Vita. Negative Darstellung zu Gunsten der Dramaturgie


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Darstellung der Olympias durch Plutarch
2.1 In der Alexander-Vita
2.2 In der Schriftensammlung „Moralia“
2.3 Intension und Zielgruppen der Werke

3 Plutarchs literarische Methoden
3.1 Adaption des Quellenmaterials
3.1.1 Kürzen und Verschmelzen
3.1.2 Übertragung von Handlungen
3.1.3 Erfinden und Ergänzen
3.2 Plutarchs Quellen
3.3 Charakter nicht Historie

4 Fazit und Interpretation

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Olympias, die Tochter des Molosser-Königs aus Epirus, muss schon zu Lebzeiten eine, nach heutiger Auffassung, schillernde Persönlichkeit gewesen sein. Nicht nur, dass sie die Mutter Alexanders des Großen war, trägt zu dieser Einschätzung bei, sondern auch die Tatsache, dass sie die erste Frau war, die eine entscheidende Rolle in der Geschichte der griechischen Politik gespielt hat[1]. Tatsächlich liegen keine Quellen vor, die von Olympias selbst verfasst wurden und so bleibt der Forschung nur das zu beurteilen, was die Geschichtsschreiber der Antike über sie schrieben und urteilten[2].

Einer der bekanntesten Geschichtsschreiber, dessen Werke überliefert wurden, ist Plutarch von Chaironeia. Aus Rekonstruktionen schließt man, dass Plutarch um 50 n.Chr. als Sohn einer wohlhabenden und angesehenen Familie geboren wurde[3]. Im Verlauf seines Lebens gelangte er nach Rom und erhielt dort die römischen Bürgerrechte; dennoch fühlte er sich Zeit seines Lebens vornehmlich als Hellene[4] und verbrachte, „außer seiner Bildungszeit in Athen, seinen Reisen und seiner Tätigkeit im benachbarten Delphi“[5] sein Leben in seiner Geburtsstadt. Besonders auffällig ist Plutarchs Charakterisierung der Olympias in seiner Doppelvita zu Alexander und Caesar. Basierend auf u.a. Justin und Diodor stellte Plutarch Olympias in einem eindeutig schlechten Licht dar. Die Charakterisierung als schwierige und eifersüchtige, aufbrausende und machthungrige Frau[6] trägt sich bis in die Gegenwart in der Geschichtswissenschaft fort und nur wenige neuere Ansätze versuchen, dieses Bild zu entkräften.

Neben den 23 Doppelbiographien ist auch noch eine Sammlung von moral-philosophischen Schriften überliefert, die als Moralia bekannt wurden. Diese wurden als Aufsätze im Verlauf Plutarchs schriftstellerischer Tätigkeit verfasst[7]. Auch in diesen Schriften findet Olympias Erwähnung, allerdings wurde sie darin durch Plutarch deutlich neutraler, nahezu schmeichelhaft beschrieben[8]. Es ist erstaunlich, dass der Autor, der Olympias schlechten Ruf nachhaltig geprägt hat, an anderer Stelle weitaus weniger kritisch und annähernd positiv über sie schrieb.

Plutarch verstand sich nach eigenem Bekunden weniger als Geschichtsschreiber sondern eher als Biograph[9], der sich auf den Charakter der dargestellten Personen konzentrierte, indem er ihn durch die Handlungen zu verdeutlichen versuchte und diesen als richtungsweisend herausarbeiten wollte[10]. Vor dem Hintergrund dieser Informationen stellt sich jedoch die Frage, warum Plutarch Olympias in der Alexander-Vita derart schlecht, in den Moralia jedoch positiver darstellte. Ein Vergleich der beiden Darstellungen, der im Folgenden detailliert aufgearbeitet werden wird, lässt Plutarchs Glaubwürdigkeit zunächst in Zweifel ziehen. Betrachtet man jedoch die Erkenntnisse der Forschung, z.B. der aus Pellings Eighteen Studies oder Hammonds Sources for Alexander the Great, kommt die Vermutung auf, dass die Darstellung der Olympias in Alexander einzig dem Zweck der Dramaturgie und des Kontrastierens diente und nicht als tatsächliches Portrait verstanden werden darf.

2 Die Darstellung der Olympias durch Plutarch

Um zunächst eine Grundlage für die oben angeführte Vermutung zu erhalten, müssen die betreffenden Textstellen und deren Wirkung auf das Bild der Olympias im Detail beleuchtet werden. Anschließend ist es zudem wichtig, die jeweiligen Werke im Hinblick auf Zielgruppe und Aussageabsicht einzuordnen.

2.1 In der Alexander-Vita

Plutarch stellte Olympias in Alexander als Quelle für Ärger, Streit und permanente Unruhe dar[11], die sowohl machthungrig als auch skrupellos erscheint. Nach anfänglicher Neutralität in Bezug auf ihre Religiosität als „ergebene Dienerin[nen] des orgiastischen Kultes des Dionysos“, den er als „wild[en]“ und „ausgelassen[nen]“[12] und Olympias als engagierte und glühende Anhängerin dieses Kultes charakterisierte, kommt die negative Beurteilung kommt erst gegen Ende der Regentschaft Philipps auf. Plutarch unterstellte Olympias, dass sie Alexander zunehmend gegen Philipp im Zusammenhang mit dessen weiteren Eheschließungen aufbringt durch „die schlechte Laune der eifersüchtigen, grämlichen Olympias“[13]. Zusätzlich unterstellte er der Mutter Olympias, Alexander angestachelt zu haben, gegen die Eheschließung seines Halbbruders Arrhidaios zu intervenieren[14], um zu vermeiden, dass dieser die Königswürde zum Nachteil ihres Sohnes erlangte[15]. Die Darstellung des aufkommenden Zwistes zwischen Vater und Sohn: „[...] Dort tadelte er seinen Sohn aufs heftigste und machte ihm bittere Vorwürfe [...]“[16] wurde durch das Befolgen ihrer Ratschläge und die Solidarisierung Alexanders mit Olympias[17] intensiviert.

Plutarch schrieb Olympias nicht nur die Schuld an der Ermordung Philipps in großen Teilen zu, indem er behauptete, sie habe den Attentäter zusätzlich angetrieben und manipuliert, er stellte auch die angebliche Misshandlung Kleopatras, der jüngsten Ehefrau Philipps, als Auftrag der Olympias dar[18].

Mit der Beschreibung des nahezu feindlichen Verhältnisses zwischen Antipater und Olympias und deren Zorn über die Exklusion ihrer Person aus politischen Belangen[19], wies Plutarch auf einen weiteren, wenig schmeichelhaften Charakterzug hin. Den Tiefpunkt in der Beschreibung Olympias bildet zum einen Plutarchs Behauptung, dass sie, um ihre eigene Brutalität und Skrupellosigkeit zu verdecken, die Behauptung frei erfunden habe, dass Antipaters Familie Alexander vergiften ließ. Er beurteilte dies eindeutig: „die meisten Historiker aber halten die Geschichte von der Vergiftung für eine Ausgeburt der Phantasie“[20]. Er überzeichnete hiermit die Darstellung Diodors, der von „abweichenden Angaben“[21] sprach und es schließlich als Möglichkeit in Betracht zog, dass Alexander Opfer eines Giftmordes geworden war. Zudem behauptete Plutarch im letzten Satz seiner Biographie, dass Olympias für den gesundheitlichen Zustand des Philipp Arrhidaios verantwortlich sei, der es ihm unmöglich machte, die Rolle eines Königs auszufüllen: „Als Kind soll er ein reizendes, edles Wesen gehabt haben; aber das Gift, das Olympias ihm beibringen ließ, zerstörte ihm Körper und Geist“[22]. Mit der Platzierung dieser Aussage am Schluss seiner Biographie über Alexander verlieh er seiner negativen Darstellung noch einmal zusätzliche Prägnanz.

2.2 In der Schriftensammlung „Moralia“

Trotz ihrer negativen Eigenschaften war Olympias als Ehefrau und Mutter Plutarch offenbar wichtig genug, sie auch in seinen moralphilosophischen Aufsätzen verschiedentlich zu erwähnen. Er führte sie jedoch nicht als negatives, abschreckendes Beispiel vor, sondern zeichnete ein deutlich wohlwollendes Bild von ihr[23].

In seinen Ratschlägen an Eheleute De Consultatione ad Uxorem, beschreibt Plutarch Olympias Reaktion auf eine weitere Ehefrau Philipps, die sie nach anfänglicher Missgunst als würdige und standesgemäße Wahl für Philipp anerkennt: „Away with these slanders! You have magic in yourself.“[24].

In Bezug auf Antipater behielt Plutarch jedoch die negative Darstellung Olympias bei. Er erwähnte die Szene zwischen Alexander und Hephaistion, der den Brief der Olympias zwar lesen darf, von Alexander jedoch zur Verschwiegenheit ermahnt wird, insgesamt drei Mal in unterschiedlichen Kontexten, und in allen drei Beschreibungen wütete Olympias in ihrem Brief gegen Antipater: „ As he was reading a letter from his mother, which contained secret slanders [...]“[25]. Plutarch behielt also kleinere Wesensmerkmale der Olympias in seinen Aufsätzen bei; die Unterschiede in seiner Darstellung sind jedoch größer und eindrücklicher[26].

Noch deutlicher als in der zuvor genannten Darstellung, wurde Plutarch in seiner Beschreibung Mulierem Virtutes zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Tugenden von Männern und Frauen. Plutarch bezeichnete Olypmias hier als Frau von höchst edler Gesinnung: „[...] nor Cornelia high-minded in the manner of Olympias. [...]“[27]. Den größten Kontrast zwischen seiner Darstellung in Alexander und den Moralia findet man jedoch in der Beschreibung der Ehe zwischen Philipp und Olympias. Während Plutarch in Alexander schon früh die Liebe zwischen den Eheleuten auf Grund Olympias Fehlverhalten erkalten ließ[28], sprach er in den Moralia von liebevollen Briefen zwischen den beiden: „ [...] a letter adressed to Olympias [by Philipp], refrained from breaking the seal and making known an affectionate private message of an absent husband to his wife.“[29]. Dieser Unterschied wirft die Frage nach der Absicht Plutarchs auf, die er mit der auseinandergehenden Schilderung verfolgt haben mag.

2.3 Intension und Zielgruppen der Werke

Nachdem die Divergenz in der Beschreibung der Olympias in den beiden Werken Plutarchs deutlich geworden ist, richtet sich der Blick auf die möglichen Zielgruppen und Aussageabsichten Plutarchs.

Wie bereits zu Beginn erwähnt, sah sich Plutarch weniger als Geschichtsschreiber im Sinne des Historikers, sondern als Biograph, dessen Hauptaugenmerk auf dem Charakter eines zu verschreibenden Menschen liegt[30]. Diesen wollte Plutarch durch Handlungen der Figur darstellen und so als Wegweiser und Leitfaden für das Handeln Anderer aufbauen[31].

Während er dies in der Schriftensammlung Moralia eher als Anleitung für Verwandte, Freunde und Schüler tat, also für sein eher persönliches Umfeld[32], richteten sich die Doppelbiographien an eine staatstragende Leserschaft. Dieser wollte er durch seine vergleichende Darstellung namhafter Griechen und Römer aufzeigen, dass große und erfolgreiche Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Kriegskunst und der Politik durch beide Volksgruppen hervorgebracht worden waren[33].

Mit Alexander und Caeser stellte Plutarch die sicherlich prominentesten Vertreter der jeweiligen Reiche nebeneinander und so kommt die Vermutung auf, dass er, da Plutarch sich den Hellenen ja verpflichtet fühlte, Alexander als besonders strahlende Figur veranschaulichen wollte. Dies erforderte eine starke Kontrastierung innerhalb der Erzählung, die er mit der überaus negativen Darstellung der Olympias erreicht. Er wendet dazu verschiedene literarische Methoden an, die im Folgenden erwähnt werden und der Analyse der Figur Olympias in Alexander dienen.

3 Plutarchs literarische Methoden

Im Rahmen der Eighteen Studies konnte Christopher Pelling verschiedene methodische Eigenheiten Plutarchs identifizieren, die er möglicherweise auch in der Alexander-Vita zur Anwendung brachte.

3.1 Adaption des Quellenmaterials

Pelling weist mit Hilfe von sechs Beispielen aus den Römischen Heldenleben eine bestimmte Art der Adaption von Quellen-Material durch Plutarch nach, mit deren Hilfe er die Geschehnisse im Sinne seiner Erzählung anpasst[34]. Diese werden im Folgenden beschrieben und untersucht, inwieweit sich eine Adaption auf die Darstellung der Olympias ausgewirkt haben könnte.

3.1.1 Kürzen und Verschmelzen

In den verschiedenen Schilderungen der Römischen Heldenleben, u.a. Caesar, Cato Minor und Antonius, sind eindeutig Änderungen an den historischen Quellen und deren Überlieferungen vorgenommen worden[35]. So konnte Pelling nachweisen, dass Plutarch in der Caesar-Darstellung Debatten, die an verschiedenen Tagen stattfanden, derart verschmolz, dass es auf den Leser wirken musste, als habe nur eine Debatte unter den Senatoren stattgefunden[36]. Da Plutarch vornehmlich an der Charakterisierung Caesars interessiert war, gruppierte er die Ereignisse zur besseren Darstellung des Protagonisten seiner Erzählung. Dies hatte zur Folge, dass teilweise die chronologische Abfolge und – in anderen Darstellungen Plutarchs – sogar auch die geographische Einordnung geändert wurden[37].

[...]


[1] Vgl. Carney, S. 1ff.

[2] ebd.

[3] Vgl. Ziegler, Sp. 635.

[4] Vgl. ebd., Sp. 650.

[5] Klauck in Plutarch, Moralphilosophische Schriften, S. 245.

[6] Vgl. ebd, S. 35.

[7] Vgl. Nickel, „Moralia“, S. 567ff.

[8] Vg. Carney, S. 132.

[9] Vgl. u.a. Pelling, S. 102.

[10] Vgl. Hamilton, Introduction, S. XXXVVIII.

[11] vgl. Carney, Olympias, S. 132.

[12] Plutarch, Alexander (2).

[13] Plutarch, Alexander (9).

[14] Vgl. Carney, S. 132.

[15] Vgl. Plutarch, Alexander (10).

[16] Vgl. ebd., (10).

[17] Vgl. Plutarch, Alexander (9).

[18] Ebd. (10).

[19] Vgl. ebd. (39).

[20] Ebd. (77).

[21] Diodor, Buch XVII, (117).

[22] Ebd.

[23] Vgl. Carney, Olympias, S. 134.

[24] Vgl. Plutarch, Moralia II, (141 b-c).

[25] Vgl. Plutarch, Moralia III, (180d); Moralia IV, (333a); Moralia V, (401b).

[26] Vgl. Carney, Olympias, S. 133.

[27] Vgl. Plutarch, Moralia III, (243d).

[28] Vgl. Plutarch, Alexander (2).

[29] Vgl. Plutarch, Moralia X, (799e).

[30] Vgl. Pelling, Plutarch, S. 102.

[31] Vgl. Hamilton, Plutarch, Introduction, S. XXXVVIII.

[32] Vgl. Nickel, „Moralia“, S. 567ff.

[33] Vgl. Klauck in Plutarch, Moralphilosophische Schriften, S. 251.

[34] Vgl. Pelling, Plutarch, S. 91.

[35] Vgl. ebd.

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. ebd., S. 93.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Charakter der Olympias in Plutarchs Alexander-Vita. Negative Darstellung zu Gunsten der Dramaturgie
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Geschichtswissenschaften - Antike)
Veranstaltung
Antike: Im Schatten des Olymp: Makedonien unter Philipp II. und Alexander dem Großen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V368526
ISBN (eBook)
9783668476912
ISBN (Buch)
9783668476929
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Dozent beurteilte diese Arbeit als "sehr gelungene Arbeit mit neuen Ansätzen zur Deutung der Herangehensweise Plutarchs"
Schlagworte
Alexander der Große, Plutarch, Olympias, Makedonien, Alexander Vita, Moralia, moralphilosophische Schriften
Arbeit zitieren
Sarah Wunderlich (Autor), 2016, Der Charakter der Olympias in Plutarchs Alexander-Vita. Negative Darstellung zu Gunsten der Dramaturgie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368526

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