In dieser Hausarbeit möchte ich Bezüge zwischen der Anerkennungstheorie des Frankfurter Sozialphilosophen Axel Honneth und professionstheoretischen Fragestellungen der Behindertenpädagogik aufzeigen. Dabei gehe ich auch auf das Ziel der Inklusion behinderter Menschen ein, das mit der UN-Behindertenrechtskonvention verfolgt wird. Zunächst kläre ich dazu den Anerkennungsbegriff, wie er in der Theorie Honneths zu verstehen ist.
Im zweiten Teil möchte ich einige Fragestellungen beleuchten, die sich aus der Lesart der Behindertenpädagogik ergeben, und die in der Fachliteratur bearbeitet werden. Dazu zählt vor allem die Frage, inwieweit Menschen mit Behinderung überhaupt Anerkennung erlangen können, sofern wechselseitige Äußerungen von Anerkennung vorausgesetzt werden. Aber auch die Frage nach der Zugehörigkeit zur Gesellschaft als einer moralischen Gemeinschaft soll gestellt werden. Im Rahmen dieser Hausarbeit kann ich aber lediglich Paradoxien herausarbeiten. Eine abschließende Klärung der Fragen kann hier nicht erfolgen.
Struktur der wissenschaftlichen Hausarbeit
Einleitung
Anerkennung bei Honneth
Überlegungen aus Sicht der Behindertenpädagogik
Reziprozität und Symmetrie – für Menschen mit Behinderung möglich?
Anerkennung und Inklusion
Menschenbild und Haltungen bei Professionellen – sonderpädagogische Beliefs
Fazit
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Axel Honneths Anerkennungstheorie und den professionstheoretischen Anforderungen der Behindertenpädagogik. Ziel ist es, zu analysieren, inwieweit ein fundiertes Menschenbild und professionelle Haltungen für das Gelingen von Inklusion gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention notwendig sind.
- Grundlagen der Anerkennungstheorie nach Axel Honneth
- Herausforderungen der Reziprozität und Symmetrie in der Behindertenpädagogik
- Die Rolle der UN-Behindertenrechtskonvention für die Inklusion
- Zusammenhang von Menschenbild und professionellen Haltungen (Beliefs)
- Möglichkeiten der Anerkennung für Menschen mit Behinderung
Auszug aus dem Buch
Anerkennung bei Honneth
In der Auseinandersetzung mit dem Werk G.W.F. Hegels, insbesondere dem ‚System der Sittlichkeit‘, hat Axel Honneth seine Theorie der Anerkennung entwickelt. In seinem 1992 vorgelegten Werk ‚Kampf um Anerkennung – zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte‘ beschreibt er Anerkennung, als ein Verhältnis der Subjekte zueinander (vgl. Moser 2012, S. 105). Honneth stellt drei Dimensionen der Anerkennung dar, denen drei Grundformen der Missachtung gegenüberstehen.
Die erste und grundlegende Form der Anerkennung ist die der emotionalen Zuwendung, die im Folgenden mit dem Begriff ‚Liebe‘ gefasst wird. Sie kommt in „primären Affektbeziehungen“ (Escalante 2012, S. 186) zum Tragen und umfasst sowohl die romantische Liebe, als auch die Eltern-Kind-Beziehung und Freundschaft (Katzenbach 2004, S. 131). Eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung des Individuums erlangt diese Form der Anerkennung dadurch, dass sie die Beziehung des Subjekts zu sich selbst ermöglicht. In dieser Selbstbeziehung, die auch von der Ambivalenz zwischen „symbiotischer Fusion und Selbstbehauptung“ (Escalante 2012, S. 187) geprägt ist, können „die Subjekte ein grundlegendes Gefühl von Selbstvertrauen erlangen“ (ebd.).
Als zweite Dimension hat Honneth die rechtliche Anerkennung formuliert. Jedes Individuum besitzt bestimmte unveräußerliche Rechte, die von anderen geachtet werden (vgl. Escalante 2012, S. 187). Sofern Menschen denselben Gesetzen folgen, erkennen sie gegenseitig ihre Fähigkeit an, „vernünftige Entscheidungen hinsichtlich moralischer Normen zu treffen“ (Honneth 1992; zit. nach Escalante 2012, S. 187). Im Unterschied zur Anerkennungsform der Liebe geht es hier nicht um eine affektive Gefühlsbeziehung, „sondern um eine kognitive Verstehensleistung“ (Katzenbach, S. 131). Anerkennung soll hier also universal gelten, während Katzenbach (ebd.) zufolge, die Liebe nur partikulär gelten kann. Rechtliche Anerkennung gilt damit ungeachtet der Person. Aus dieser Anerkennungsform können die Individuen Selbstachtung schöpfen (Honneth 1992, S. 194).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Verbindung zwischen der Anerkennungstheorie Axel Honneths und Fragestellungen der Behindertenpädagogik.
Anerkennung bei Honneth: Darstellung der drei Dimensionen der Anerkennung (Liebe, Recht, Solidarität) und ihrer korrespondierenden Missachtungsformen.
Überlegungen aus Sicht der Behindertenpädagogik: Analyse der Spannungsverhältnisse zwischen heilpädagogischen Prinzipien und Honneths Anerkennungsdimensionen.
Reziprozität und Symmetrie – für Menschen mit Behinderung möglich?: Kritische Auseinandersetzung mit der Forderung nach Reziprozität bei Anerkennungsbeziehungen und dem Status von Menschen mit Behinderung in der moralischen Gemeinschaft.
Anerkennung und Inklusion: Untersuchung der UN-Behindertenrechtskonvention als Grundlage für rechtliche und solidarische Anerkennungsbeziehungen.
Menschenbild und Haltungen bei Professionellen – sonderpädagogische Beliefs: Diskussion über professionelle Haltungen (Beliefs) und deren Bedeutung für eine gelingende Inklusion in pädagogischen Kontexten.
Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Relevanz der Anerkennungstheorie für die Inklusion und den permanenten Kampf um Anerkennung.
Schlüsselwörter
Anerkennungstheorie, Axel Honneth, Inklusion, Behindertenpädagogik, UN-Behindertenrechtskonvention, Reziprozität, Solidarität, Menschenrechte, Menschenbild, Sonderpädagogische Beliefs, Assistierte Autonomie, Missachtung, Soziale Integration, Dialogische Haltungen, Teilhabe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Relevanz der Anerkennungstheorie nach Axel Honneth für das Feld der Behindertenpädagogik und wie diese Ansätze zur Förderung der Inklusion beitragen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit thematisiert Anerkennungsformen (Liebe, Recht, Solidarität), moralische Voraussetzungen von Inklusion, die UN-BRK und professionelle Haltungen von Pädagogen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Fragestellung ist, inwieweit Inklusion ein bestimmtes Menschenbild benötigt, um zu gelingen, und welchen Beitrag die Anerkennungstheorie hierzu leisten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Hausarbeit, die auf einer Literaturanalyse basiert, um Begriffe der Sozialphilosophie in den behindertenpädagogischen Kontext zu übertragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Dimensionen der Anerkennung, die Paradoxien bei der Forderung nach Reziprozität, die Rolle der UN-BRK sowie professionelle Wertorientierungen (Beliefs) bei Lehrkräften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören Anerkennungstheorie, Inklusion, UN-BRK, Solidarität, Autonomie und sonderpädagogische Beliefs.
Welche Rolle spielt die UN-BRK für die Anerkennung?
Die UN-BRK wird als rechtliche und solidarische Grundlage verstanden, die diskriminierende Praktiken benennt und den universellen Anspruch auf Rechte und Freiheiten bekräftigt.
Wie bewertet der Autor die Forderung nach Reziprozität?
Der Autor hinterfragt kritisch, ob Menschen mit Behinderung zwingend Reziprozität erfüllen müssen, um Anerkennung zu erlangen, und plädiert für eine inklusivere Sichtweise innerhalb der moralischen Gemeinschaft.
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- Gabriel Frank (Author), 2015, Anerkennung. Ein zentraler Begriff für die Inklusion von Menschen mit Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368556