Der Kampf gegen Schmutz und Schund - Heftserien: Nick Carter, Nat Pinkerton, Lord Lister - Positiver Schundkampf Wolgast und die Position der Jugendschriftenbewegung


Seminararbeit, 2003
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Die aufkommende Unterhaltungsindustrie um 1900 und ihre Vermarktung
3.1 Entwicklung der Unterhaltungsindustrie
3.2 Geschäft und Werbung:
3.3 Entwicklung des Serienprinzips bis in die Gegenwart

4 Vorstellung zweier Heftserien: Nick Carter und Nat Pinkerton, der König der Detektivs
4.1 Nick Carter
4.2 Nat Pinkerton, der König der Detektivs
4.3 Beschreibung der Heftserie Nat Pinkerton:

5 Vermarktungsstrategie der Heftserien:
5.1 Sprachlicher Aufbau:

6 Erläuterungen zu den Begriffen „Schmutz“ und „Schund“ sowie „positiver Schundkampf“
6.1 Schmutz und Schund
6.2 „Positiver Schundkampf“

7 Die positiv betriebene Schundbekämpfung
7.1 Die Formierung einer Jugendschriftenbewegung
7.2 Die Jugendschriften-Warte und ihre Forderungen
7.3 Die Entwicklung der Jugendschriften-Warte
7.4 Weitere Verbreitungsmöglichkeiten „guter“ Jugendliteratur

8 Abschließende Worte

9 Literaturverzeichnis

2 Einleitung

Im Zuge der Industrialisierung hatte sich der noch Anfang des 19. Jahrhunderts bestehende „Zusammenhang von Bildung und Freiheit des Menschen“[1] verwandelt. Der Wert des Individuums wurde zurückgestellt und alles, auch der Mensch und seine Persönlichkeit, galt anhand der Wissenschaft als erklärbar.

Es bildete sich eine Kunsterziehungsbewegung, die sich vornahm gegen diese Strömung anzugehen und den Menschen durch die Kunst, insbesondere auch der Dichtung, zu einem freien Individuum zu erziehen.

Die Industrie versprach, vor allem für den Menschen vom Lande, ein geregeltes Einkommen und höheren Lebensstandard. Es kam zur Landflucht und zu überlaufenen Großstädten. Arbeiterviertel entstanden, in denen nicht selten Arbeitslosigkeit und Elend vorherrschte. Eine fünfköpfige Familie in einem Zimmer mit nur einem Bett war keine Seltenheit. Der Genuss von Absinth wurde besonders bei Männern immer mehr zur Gewohnheit. Kinder mussten früh mit für den Lebensunterhalt sorgen oder trieben sich unbeaufsichtigt in den Straßen herum.

Billige und leicht erhältliche Grossobücher und Kolportageheftchen waren eine willkommene Ablenkung.

Dass die Verbreitung der Grossobücher Ende des 19. Jahrhunderts einen solchen Anklang fanden, lag nicht zuletzt an dem Phänomen Freizeit, das mit der Industrialisierung in den Städten einher ging, sondern auch an dem steigenden Bildungsbedürfnis der Arbeiterklasse.

Da sich „gute“ Literatur etwas kosten ließ, ging der Griff leichthin zu den billigen, viel versprechenden und später in Massen angefertigten, an allen Bahnhofsecken und belebten Straßen erhältlichen Grossobüchern und Kolportageheften.

Unter anderem diese Umstände des Arbeiterstandes und der kategorisierenden Wissenschaft animierte die Lehrerschaft, sich intensiver der geistigen Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu widmen.

Befürchtungen ihrerseits wurden laut, dass dem ‚unbeschriebenen Blatt Kind‘ durch die sozial und sittlich minderwertige Literatur der Geschmack verwirrt würde und es unfähig mache zum Genuss wahrer künstlerisch, wertvoller Bücher.

Hinzu kam die Ansicht, dass minderwertige Literatur erste Keime zu kriminellen Handlungen legen würde.[2]

In unserer Arbeit soll genauer betrachtet werden, was die billige Schundliteratur für die Leser so attraktiv machte, wie sich die begehrten Abenteuerromane präsentierten und wie sie vermarktet wurden. Weiterhin soll die Entwicklung des positiven Schundkampfes vorrangig an der Jugendschriften-Warte aufgezeigt werden.

3 Die aufkommende Unterhaltungsindustrie um 1900 und ihre Vermarktung

3.1 Entwicklung der Unterhaltungsindustrie

1866- 1871 bildete sich eine literarische Unterhaltungsindustrie aus. Sie breitete sich in zwei Wellen aus:

1. Kolportage- und Hintertreppenromane (seit 1860)
2. Serienhefte (seit 1900)

Es wurden hohe Auflagen produziert und die Hefte kosteten lediglich ein paar Pfennige.

Die Serienhefte hatten einen Vorteil vor den Kolportageromanen, sie hatten durchgehende Zentral- und Titelfiguren. Die Kolportageromane hingegen mussten ihre Leser immer wieder neu motivieren, da jede Reihe à 10 Hefte eine abgeschlossene Story beinhaltete. Deshalb setzten sich die Serienhefte schließlich durch.

1905 wurden die ersten Heftserien aus Amerika importiert.

Der Dresdner Verlag Adolf Eichler erwarb die Rechte an der Wildwestserie Bufallo Bill und der Detektivserie Nick Carter.

1908 wurden 45000 „Nick Carter“ Hefte pro Woche gedruckt und 1911 wurden bereits 250 Folgen publiziert.

Als deutsche Nachahmung kam schließlich die Heftreihe „Nat Pinkerton, der König der Detektivs“ heraus. Davon wurden zwischen 1907 und 1915 mindestens 407 Folgen je 32 Seiten zu 10 Pf veröffentlicht.

Das Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst in Berlin brachte die Heftserie „Lord Lister, genannt Raffles, der große Unbekannte“ zu 20 Pf heraus. Diese Heftreihe konnte zwischen 1908 und 1910 110 Fortsetzungen verkaufen.

Mit der Übernahme der seriell, nach festgelegtem Schema produzierten Ware, vollzog sich ein wichtiger Schritt beim Aufbau einer internationalen Unterhaltungsindustrie.

1908 kam der erste Schreckensruf: „ 50 Millarden Mark jährlich für schlechte Literatur!“

3.2 Geschäft und Werbung:

Kolportageromane wurden von Tür zu Tür ausgeliefert. Die Serienhefte konnte man an Straßen, Bahnhofskiosken, Schreibwaren-, Papierläden, Zigaretten- und Trafficläden kaufen.

Somit erreichte das Vertriebsnetz neben den Kindern aller Schichten, fast jeden Arbeiter, Handwerker oder kleinen Angestellten.

Später wurde hauptsächliches Verbreitungsmittel der Tausch; dieser wurde auch von Schundantiquariaten organisiert. In Mietskasernen und Schulen gab es ganze Leihbibliotheken von Schund. Kinder verliehen ihre Hefte für 1 Pf und kauften sich aus dem Erlös neue Heftserien.

Durch Werbung wurden Bedürfnisse geweckt und geschaffen. Die Serienhefte waren auf Werbung hin konzipiert (grelle Titelbilder).

In der Werbung wurde immer wieder hervorgehoben, dass es sich hier im Gegensatz zu den Kolportage, oder Lieferungsheften, um jeweils abgeschlossene Geschichten handle!

Auf der Rückseite der ersten Hefte verkündete Alwin Eichler stolz: „Buffalo Bill, der Nationalheld Amerikas, der Stolz der USA. Kein Haus in Amerika ohne Buffalo Bill Erzählungen. Buffalo Bill erzählt nun auch dem deutschen Volk seine Geschichten.“[3]

Es entstand eine Lesebedürfnis-Befriedigung, welche auf wirtschaftlicher Grundlage ausgenutzt wurde. Es lohnten sich Investitionen z.B. für gutes Papier, dessen Ausgaben ohne weiteres wieder eingebracht wurden. „Geld wurde eingesetzt, um Geld zu machen“. Kulturkritiker nannten dies „Ausverkauf der Werte!“[4]

Kritiker sagten auch, dass im Volk weder literarisches Erholungsbedürfnis noch Bildungsbedürfnis bestand, sondern ausschließlich Unterhaltungsbedürfnis, deshalb wurden die Hefte spannend und fesselnd konzipiert. Die Hefte waren genau auf die Bedürfnisse der Kunden ausgerichtet.

Die zuvor untergeordnete Unterhaltung, wurde in der Unterhaltungsindustrie zum Selbstzweck. Alle Werte hatten ihren Dienst.

Der Stoff der Unterhaltungsliteratur beinhaltete zeitlose Schemata von Liebe, Abenteuer, Verbrechen, Schicksal, Schuld und Sühne.

Eine Heftreihe von Abenteuerromanen wie oben erwähnt, war „Lord Lister“, ein untadeliger Gentlemen und Sportsmann des Verbrechens aus der Londoner Aristokratie, Helfer der Unterdrückten, der für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt.

So arbeitete die Unterhaltungsindustrie das soziale Widerstandpotential ihrer Leser auf.

Die Serienhefte tendierten im Vergleich zu den Kolportage zu stärkerer Diversifikation des Angebots. Sie zogen die einzelnen Bedürfnisse stärker auseinander und gaben diesen ein deutliches Profil.

Insbesondere patriotische Schundhefte sollten zur Tatkraft und männerstolzem Wagemut erziehen[5].

Dieser patriotische Schund irritierte die Kulturkritiker, denn er zeigte, dass die positiv gemeinten Leitwerte der Gesellschaft mühelos geschäftlich genutzt werden konnten.

Hier sahen die Kritiker den Widerspruch von Schein und Sein: Eine Zerstörung des Wirklichkeitssinnes und einen Ausverkauf der Werte.

Der Schund jedoch nutzte den Kampf gegen Schund für sich zur Werbung.

Der Leser bei der Stange gehalten wurde unter anderem durch Preisrätsel und Veröffentlichung der Gewinner in den folgenden Heften. Es bildeten sich die ersten Nick Carter Fanclubs.

Die Heftchenromane traten in eine Art Symbiose mit der Werbung: es kam zu sogenannten Kundenromanen (es wurden in bestimmten Konsumartikeln Gutscheine verteilt). Ebenfalls beinhalteten die Heftserien Inserate und Beratungsteile.

[...]


[1] Hrsg.: Klaus Ulrich Pech: Einleitung in „Kinder- und Jugendliteratur vom Biedermeier bis zum Realismus“, S. 51

[2] Siehe dazu das angeführte Beispiel von Heiner Schmidt in „Die Lektüre der Flegeljahre“, S. 18

[3] H.-F. Foltin: Vorwort in „Die großen Detektive“, Bd. 2

[4] Peter Nusser: „Massenpresse, Anzeigenwerbung, Heftromane“

[5] ebd.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Kampf gegen Schmutz und Schund - Heftserien: Nick Carter, Nat Pinkerton, Lord Lister - Positiver Schundkampf Wolgast und die Position der Jugendschriftenbewegung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Kinder- und Jugendliteratur)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V36901
ISBN (eBook)
9783638364089
ISBN (Buch)
9783638653763
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kampf, Schmutz, Schund, Heftserien, Nick, Carter, Pinkerton, Lord, Lister, Positiver, Schundkampf, Wolgast, Position, Jugendschriftenbewegung
Arbeit zitieren
Tanja Vorderstemann (Autor), 2003, Der Kampf gegen Schmutz und Schund - Heftserien: Nick Carter, Nat Pinkerton, Lord Lister - Positiver Schundkampf Wolgast und die Position der Jugendschriftenbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36901

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