FRONTEX und Foucault. Ist die europäische Grenzschutzagentur die praktische Umsetzung des Panopticons im 21. Jahrhundert?


Hausarbeit, 2015
15 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Foucault: Der Weg zum Panopticon
2.1 Diskurs und Macht
2.2 Das Panopticon

3. Die europäische Grenzschutzagentur FRONTEX
3.1 Aufbau
3.2 Aufgaben
3.3 Fallbeispiel: Nautilus II
3.4 Vergleich: FRONTEX - Panopticon

4. Kritische Würdigung

5. Fazit

Endnoten, Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

,,Bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer sind offenbar wieder Hunderte Flüchtlinge ums Leben gekommen. Etwa 700 Menschen würden vermisst, sagte eine Sprecherin des UN-Flüchtlings- hilfswerks UNHCR Der überfüllte Fischkutter kenterte demnach in der Nacht zum Sonntag {19.4.2015} rund 110 Kilometer vor der libyschen Küste im Kanal von Sizilien “ (Kitzler 2015).

Insbesondere aufgrund der schlechten Lebensstandards, Bürgerkriegen sowie Aufständen in afrika­nischen Staaten, entscheiden sich immer mehr Afrikaner über den Seeweg nach Europa zu gelangen und erhoffen sich, in Europa Asyl zu bekommen. Hierbei kommt es vor, dass Boote kentern, aufgefangen werden und Menschen auf hoher See ertrinken - wie auch das obige Zitat zeigt.

Dies wirft die Frage auf, inwiefern Flüchtlinge, die aufgrund von Bürgerkriegen oder der sozialen Lage aus ihrer Heimat fliehen, diskriminiert werden und ihnen das Asylrecht verwehrt wird.

Eine bedeutende Rolle spielt hierbei die Grenzschutzagentur FRONTEX, die als ,,Europäische Agentur zur operativen Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union“ agiert (Möllers 2010, 37).

Ein Modell zur Beobachtung, Abschreckung und Disziplinierung der ,,Delinquenten“ entwarf bereits im Jahre 1787 der Rechtsphilosoph Jeremy Bentham1 - das Panopticon. Mit diesem Modell beschäftigte sich insbesondere der französische Soziologe Michel Foucault Ende des 20. Jahr­hunderts und untersuchte das Entstehen dieses Modell im Rahmen der Diskursanalyse.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, inwiefern die europäische Grenzschutzagentur FRONTEX als praktische Umsetzung des Panopticons im 21. Jahrhundert betrachtet werden kann. Diese Frage soll im Rahmen der Diskursanalyse untersucht, in Bezug mit dem Macht-Begriff Foucaults gesetzt und beantwortet werden.

Hierfür wird zunächst im theoretischen Teil dieser Arbeit auf die Rolle der Macht im Diskurs nach Foucault eingegangen und die Funktion des Panopticons aufgezeigt. Anschließend wird sich diese Arbeit im empirischen Teil mit der europäischen Grenzschutzagentur FRONTEX hinsichtlich des Aufbaus und der Aufgaben befassen. Dies wird mit einem Fallbeispiel verdeutlicht, woraufhin eine kritische Reflexion erfolgt. Abgeschlossen wird diese Arbeit mit dem Fazit, indem Stellung zu der eingangs genannten Fragestellung dieser Arbeit genommen und diese beantwortet wird.

Zur Untersuchung dieser Forschungsfrage wurden verschiedene Quellen - Periodika, Quellen­sammlungen, Onlinepublikationen - ausgewertet, um einen breitgefächerten thematischen Überblick zu erlangen sowie um systematisch-strukturelle Erkenntnisse herauszudestillieren.

2. Foucault: Der Weg zum Panopticon

Der Diskurs-Begriff ist insbesondere von Michel Foucault geprägt, der hierzu mit seinen Werken ,,Die Ordnung der Dinge“, „Archäologie des Wissens“, „Überwachen und Strafen“ und „Sexualität und Wahrheit“ beitrug (vgl. Foucault 2008, 9). Für Foucault standen Machtstrukturen im Mittelpunkt der diskursanalytischen Herangehensweise. Hierauf soll im theoretischen Teil dieser Arbeit eingegangen und die Entstehung des Panopticons im Rahmen der Diskursanalyse Foucaults aufgezeigt werden.

2.1 Diskurs und Macht

Diskurse sind - nach Foucault - Praktiken, die als Verkettung Beziehungen zwischen Institutionen, Systemen, Prozessen bezeichnen (vgl. Marciniak 2015, 74). Im Zentrum stehen hierbei das Wissen als diskursanalytische Komponente, die Macht als Machtanalyse und Praktiken der Individuen als subjektanalytischer Faktor (vgl. Marciniak 2015, 73). Es wirken die symbolische Macht, die zwischen Erfahrbarem und Artikulierbarem differenziert, sowie die imaginäre Macht, die die Subjekte an bestimmte Selbstbilder und Normen bindet. Dabei führen Machtverhältnisse im Diskurs zu Wechselwirkungen, woraus eine Stärkung bzw. eine Schwächung von Elementen resultieren (vgl. Saar 2007, 214).

Foucault vertritt die Meinung, dass in jeder Gesellschaft Diskurse kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert werden. Hierzu gibt es Prozeduren, die den Diskurs einschränken und gesell­schaftliche Herrschaftsmechanismen bilden, durch Entgegensetzungen von Erlaubtem und Verbotenem, von Vernunft und Wahnsinn sowie von Wahrem und Falschem. Diese Prozeduren regeln, wer innerhalb des Diskurses spricht und was gesagt werden kann (vgl. Kammler et al 2008, 63f.). Demzufolge benutzen Diskurse die Zeichen, um Grenzen des Sagbaren zu errichten, so dass dadurch Klassifikationen und Gruppierungen entstehen (vgl. Sarasin 2006, 98). Die Subjekte werden aufgrund der Regeln des Diskurses „geleitet, beschränkt und dezentriert“ (Sarasin 2006, 105). Nach Foucault erhält jedes Individuum durch Parzellierung des Raumes mit distinktiven Merkmalszuschreibungen seinen Platz, welcher hierarchisch und klassifizierend ist. Somit entwickelt sich eine Disziplinarmacht, die sich horizontal in der Gesellschaft ausbreitet. Hierdurch entsteht ein System von „Normalitätsgraden, welche die Zugehörigkeit zu einem homogenen Gesellschaftskörper anzeigen“ (Kammler et al 2008, 74). Aufgrund der Machtanalytik wird Heterogenes so aufeinander bezogen, dass eine Ausgrenzung des 'Anderen' als die Etablierung einer sozialen Ordnung dient. Hierbei wirken sowohl die Disziplinarmacht, die die Norm unterstützt, und die Normalisierungsmacht, die soziale Wirklichkeiten erschafft und die Homogenität der Gesellschaft gewährleisten soll (vgl. Kammler et al 2008, 274f.). Den Einfluss von Machtstrukturen im Diskurs verdeutlicht Sarasin mit folgenden Worten:

,,Zum einen also leben Diskurse von der gesellschaftlichen Macht jener, die sich ihrer bedienen - zum anderen aber, und damit untrennbar verschränkt, ist diese gesellschaftliche Macht auch eine Position, die von bestimmten Diskursen als spezielle und mit Macht ausgestattete Sprecherposition erfordert, ermöglicht und vorgegeben wird“ (Sarasin 2006, 115).

Magiros zufolge sind dem „Erkennen und Bedeutungsstiften“, somit auch dem abendländischen Menschen als „Inhalt seines Subjekt-Seins“ Grenzen gesetzt (Magiros 1995, 61). Dieser wird vom Produktionsprozess ausgeschlossen, da dieser unter geschichtliche Determinanten gestellt wird. Auch kann dieser den Diskurs nicht beeinflussen, da seine Sprache sich von denen differenziert, die Generationen von Menschen vor ihm in sie gelegt haben (vgl. Magiros 1995, 36). Das Subjekt steht nach Foucault in Zusammenhang der Traditionen der Geschichte, so dass sich diese Tradition im Bewusstsein des Subjekts wiederfindet, da er stets mit dieser Geschichte konfrontiert wird (vgl. Sarasin 2006, 104). Das Subjekt ist einerseits dem Souverän unterworfen, jedoch andererseits frei. Somit ist Macht das, was das Subjekt historisch und gesellschaftlich formt und bildet, so dass das Subjekt „historischen Produktionsverhältnissen und kulturellen Sinnstiftungsprozessen“ unter­worfen wird (Kammler et al 2008, 294). Foucault zufolge verliert ,,der Diskurs seine Realität, indem er sich der Ordnung der Signifikanten unterwirft; {es sollte} die Souveränität des Signifikanten aufheben“ (zitiert nach Sarasin 2006, 99).

2.2 Das Panopticon

,,Die Disziplin kann weder mit einer Institution noch mit einem Apparat identifiziert werden. Sie ist ein Typ von Macht; eine Modalität der Ausübung von Gewalt; ein Komplex von Instrumenten, Techniken, Prozeduren, Einsatzebenen, Zielscheiben {...}“ (zitiert nach Kammler et al 2008, 76).

[...]

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Details

Titel
FRONTEX und Foucault. Ist die europäische Grenzschutzagentur die praktische Umsetzung des Panopticons im 21. Jahrhundert?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Politische Theorie und ihre Anwendung
Note
1,3
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V369036
ISBN (eBook)
9783668481992
ISBN (Buch)
9783668482005
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
FRONTEX, Panopticon, Foucault, Geflüchtete
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, FRONTEX und Foucault. Ist die europäische Grenzschutzagentur die praktische Umsetzung des Panopticons im 21. Jahrhundert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369036

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