Diese Arbeit beabsichtigt im Blickfeld der Hegemonieanalyse Antonio Gramscis Theorie auf die Zeit nach der Machtübernahme der Bolschewiki in Russland unter Lenin sowie zur Theorie des Leninismus zu beziehen. Dabei soll die Fragestellung untersucht werden, inwiefern eine Hegemonie des Kommunismus - in Anbetracht der Theorie Lenins und der Praxis der Bolschewiki unter seiner Herrschaft - im Sinne Gramscis sowohl im 'Osten' als auch im 'Westen' erreicht werden konnte. Welche Faktoren waren hierbei relevant und worin bestanden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Gramsci und Lenin? Dies umschließt folgende Fragen: Wie kann eine sozialistische Revolution nach Gramsci und Lenin gelingen? Inwiefern ist Lenins Theorie kohärent mit Gramscis? Wurde Lenins Theorie in der Praxis umgesetzt? Welche Faktoren waren hierbei relevant?
Die Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels – der Marxismus – prägte das 19. Jahrhundert, welche aufgrund ökonomischer Verhältnisse versucht, eine Revolutionsstrategie der unterdrückten Arbeiterklasse – des Proletariats – theoretisch zu entwickeln, die zum Kommunismus führen soll. Der Marxismus bewahrt nach wie vor seine Aktualität und ist immer noch präsent, wie Marx damals im Manifest der Kommunistischen Partei schrieb: ,,Ein Gespenst geht um Europa, das Gespenst des Kommunismus“. Auch kam in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten die Frage auf, wie eine Hegemonie des Kommunismus sich in Europa und der Welt entwickeln und festigen kann. In der marxistischen Tradition bewegten sich auch fast 100 Jahre später sowohl der italienische Philosoph und Politiker Antonio Gramsci als auch der ,,Kopf“ der russischen Oktoberrevolution 19173 Wladimir Iljitsch Lenin. Historisch betrachtet leisteten beide marxistischen Denker sowohl theoretisch als auch praktisch Beiträge zum Marxismus und der Hegemonieanalyse, welche viel diskutiert wurden und werden. Auch heute beschäftigen sich viele (politische) Wissenschaftler und Philosophen mit diesem Thema, so Alex Demirovic, Nikos Poulantzas, Michael Häupel, Manfred Matzka, Peter Pelinka, Heinz Fischer und Annegret Kramer.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen
2.1 Sozialismus
2.2 Kommunismus
3. Hegemonie bei Gramsci
3.1 Zivile und politische Gesellschaft
3.2 Partei
3.3 Hegemonie
3.4 Gramsci: Oktoberrevolution 1917 in Russland und Lenin
4. Lenins Theorie und Praxis der Bolschewiki nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland
4.1 Leninismus
4.2 Partei
4.3 Internationalismus
5. Vergleich: Gramsci - Lenin
6. Kritische Würdigung
7. Fazit
Zielsetzung und Forschungsfragen
Diese Arbeit untersucht auf Basis der Hegemonieanalyse von Antonio Gramsci, inwiefern unter der Theorie Lenins und der Herrschaft der Bolschewiki eine kommunistische Hegemonie im Osten und im Westen erreicht werden konnte, wobei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Denker analysiert werden.
- Analyse der Begriffe Sozialismus und Kommunismus
- Untersuchung der Hegemonietheorie nach Gramsci
- Darstellung der leninistischen Theorie und der bolschewistischen Praxis
- Vergleichende Gegenüberstellung der Konzepte von Gramsci und Lenin
- Kritische Würdigung der Anwendbarkeit und Praxistauglichkeit der untersuchten Theorien
Auszug aus dem Buch
3.3 Hegemonie
,,Das Proletariat kann in dem Maße zur führenden und herrschenden Klasse werden, wie es ihm gelingt, ein System von Klassenbündnissen zu schaffen, das ihm gestattet, die Mehrheit der werktätigen Bevölkerung zu mobilisieren; und das bedeutet {...} unter den real bestehenden Klassenverhältnissen, in dem Maße, wie es ihm gelingt, die Zustimmung der breiten, bäuerlichen Massen zu erlangen“ (zitiert nach Becker at al 2013, 249).
Nach Gramsci gilt es die Mehrheit der Menschen – die Hegemonie – für sich zu gewinnen, um dann die Gesellschaft umzustrukturieren und zu revolutionieren (vgl. Neubert 2000, 33). Um eine nationalstaatliche Einheit – gegen Willen von Minderheiten – herzustellen, bedient sich die herrschende Gruppe an Zwang und Konsens, so dass der Staat Erziehungs- und Bildungsaufgaben wahrnimmt, z.B. in Form von Schulen und Hochschulen (vgl. Demirovic 2007b, 33).
Die Hegemonie ist somit eine Kombination aus Konsens und Zwang, die ähnlich wie Parlamentsbeschlüsse entsteht. Das ,,Schlachtfeld“ der Hegemonie befindet sich in der zivilen Gesellschaft (vgl. Neubert 2000, 67f.). Nach Gramsci umfasst Herrschaft die politische Gesellschaft, wogegen die Hegemonie die zivile Gesellschaft umschließt. Deswegen sollte sich eine stabile Herrschaft auf Hegemonie stützen (vgl. Neubert 2000, 65). Hierbei gilt folgende Formel: ,,Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang.“ Das Parlament, die Justiz und die Regierung sind demzufolge Organe der politischen Hegemonie (Neubert 2000, 58).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert den theoretischen Kontext des Marxismus, führt in die Thematik der Hegemonie bei Gramsci und Lenin ein und formuliert die zentralen Forschungsfragen sowie das methodische Vorgehen der Arbeit.
2. Begriffsdefinitionen: In diesem Kapitel werden die für die Arbeit zentralen Begriffe Sozialismus und Kommunismus definiert, um eine klare analytische Abgrenzung zu schaffen.
3. Hegemonie bei Gramsci: Dieses Kapitel expliziert die Theorie Antonio Gramscis, insbesondere das Konzept der Hegemonie, die Differenzierung zwischen politischer und ziviler Gesellschaft sowie die Rolle der Partei und seine Sicht auf die Oktoberrevolution.
4. Lenins Theorie und Praxis der Bolschewiki nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland: Es wird die Theorie des Leninismus dargestellt und der praktische Versuch der Bolschewiki analysiert, unter Lenins Führung eine Hegemonie zu etablieren.
5. Vergleich: Gramsci - Lenin: Das Kapitel bietet eine systematische Gegenüberstellung von Gramsci und Lenin anhand ausgewählter Kriterien wie Marxismus, Herrschaft, Ideologie und dem Verhältnis zwischen Osten und Westen.
6. Kritische Würdigung: Hier erfolgt eine kritische Reflexion der theoretischen Ansätze und deren praktische Anwendung, wobei insbesondere die Rolle von Zwang und Repression bei der Bildung von Hegemonien problematisiert wird.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und beantwortet die Ausgangsfrage, wobei das Scheitern einer kommunistischen Hegemonie im Sinne Gramscis unter den Bedingungen der leninistischen Praxis hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Hegemonie, Gramsci, Lenin, Leninismus, Bolschewiki, Oktoberrevolution, Zivilgesellschaft, Politische Gesellschaft, Marxismus, Diktatur des Proletariats, Stellungskrieg, Bewegungskrieg, Partei, Historischer Block, Klassenbündnisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Lenins politischer Praxis zur Hegemonietheorie von Antonio Gramsci im Kontext der Oktoberrevolution 1917.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Zentrale Felder sind die marxistische Revolutionstheorie, das Verständnis von Staat und Gesellschaft sowie die Strategien zur Etablierung kommunistischer Hegemonie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern eine Hegemonie des Kommunismus nach Gramscis Verständnis unter Lenins Theorie und bolschewistischer Praxis erreicht werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, bei der Theorien gegenübergestellt und mit historischen Ereignissen in der Sowjetunion verknüpft wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Theorien Gramscis und Lenins, deren praktische Umsetzung durch die Bolschewiki sowie einen detaillierten Vergleich beider Ansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Hegemonie, Zivilgesellschaft, Bewegungskrieg, Stellungskrieg und Diktatur des Proletariats sind für die Arbeit grundlegend.
Warum sah Gramsci Schwierigkeiten bei einer Revolution im Westen?
Gramsci argumentierte, dass im Westen die Zivilgesellschaft stark ausgebildet ist, wodurch ein direkter Umsturz (Bewegungskrieg) unzureichend ist und ein Stellungskrieg notwendig wäre.
Was war der Hauptunterschied in der Parteiauffassung zwischen Lenin und Gramsci?
Während Lenin eine zentralistisch geführte Partei zur Prägung der Massen favorisierte, sah Gramsci vor, dass die Partei durch die Integration und Umerziehung gesellschaftlicher Gruppen zur Bildung eines historischen Blocks beitragen sollte.
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- Anonym (Autor:in), 2015, Gramscis Hegemonieanalyse im Bezug auf den Leninismus und die Herrschaft der Bolschewiki, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369037