Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Niccolò Machiavellis "Der Fürst" und Thomas von Aquins "Über die Herrschaft des Fürsten"

Ein Vergleich der populärsten Fürstenspiegel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung:

1 Fürstenspiegel in der politischen Theorie

2 Übersicht über die zu vergleichenden Werke Niccolò Machiavellis
und Thomas von Aquins
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Zusammenfassung des Inhalts von MachiavellisDer Fürst
2.3 Zusammenfassung des Inhalts von Thomas von Aquins Werk Über die Herrschaft des Fürsten

3 Gegenüberstellender Vergleich des Fürstenspiegels von Machiavelli mit dem von Thomas von Aquin
3.1 Vorüberlegungen
3.2 Untersuchte Vergleichskategorien
3.2.1 Grundlegende Charakteristika und Intentionen beider Autoren
3.2.2 Persönliche Anforderungen an den Fürsten
3.2.3 Machterlangung des Fürsten
3.2.4 Machterhalt des Fürsten
3.2.5 Ausübung der fürstlichen Macht

4 Diskussion der Untersuchungsergebnisse

5 Ambivalente Bewertungs- und Deutungsmöglichkeiten von Fürstenspiegeln

Literaturverzeichnis

Erklärung zu Plagiaten

Hiermit versichere ich,

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dass ich die vorliegende Arbeit

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selbständig verfasst, keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt und die Prüfungsleistung bisher oder gleichzeitig keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt habe. Alle Stellen, die anderen Werken dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, habe ich einzeln durch Angaben der Quelle, auch der benutzten Sekundärliteratur, als Entlehnung kenntlich gemacht. Zusätzlich reiche ich die Arbeit auch in elektronischer Form als Datei beim Dozierenden ein.

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Die Fürstenspiegel Niccolò Machiavellis und Thomas von Aquins im Vergleich

von

Florian Schlereth

1 Fürstenspiegel in der politischen Theorie

Fürstenspiegel haben in der Geschichte der politischen Theorie seit jeher eine besondere Bedeutung. Von der Antike bis zur näheren Gegenwart wurde auf dem Weg des Fürstenspiegels immer wieder versucht, beratenden Einfluss auf die Art und Weise der Herrschaftsausübung mittels der unterschiedlichsten Kriterien zu nehmen. Fürstenspiegel ermöglichen so unterschiedliche zeitgenössische Perspektiven auf das Thema Herrschaft, dass seit dem Beginn politischen Denkens eine wesentliche Rolle in der Auseinandersetzung mit Macht und Politik spielt. Ein Fürstenspiegel sticht aus der Masse ganz besonders heraus, nämlich Niccolò Machiavellis WerkDer Fürst. Dieses Werk und sein Autor haben eine bewegende Geschichte hinter sich. Das Werk selbst stand bereits auf dem päpstlichen Index, weil es von der katholischen Kirche als „von der Hand des Teufels geschrieben“ angesehen wurde, und diente als geistige Legitimationsschrift vieler politisch und moralisch zweifelhafter Regime, auch einigen des 20. Jahrhunderts. Sein Autor, Niccolò Machiavelli, gilt als der Begründer des Machiavellismus, laut Duden eine „politische Lehre und Praxis, die der Machtpolitik den Vorrang vor der Moral gibt“. Was verbirgt sich also hinter Machiavelli und demFürsten? Um dieser Frage nachzugehen, wird Machiavellis Fürstenspiegel einem weiteren bekannten Vertreter dieser Gattung, nämlichÜber die Herrschaft des Fürstenvon Thomas von Aquin, gegenübergestellt. In beiden Werken hat angewandte Moral eine herausragende Bedeutung.

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Fragestellung, inwieweit die beiden vorgenannten Fürstenspiegel miteinander vergleichbar sind respektive verglichen werden können. Deshalb wird anhand einer vergleichenden Gegenüberstellung ausgewählter Aspekte beider Fürstenspiegel versucht, sowohl Gemeinsamkeiten, als auch Unterschiede in den zu Grunde liegenden Werken – MachiavellisDer FürstundÜber die Herrschaft des Fürstenvon Thomas von Aquin – zu identifizieren und einander gegenüberzustellen. Von besonderer Bedeutung ist dabei, wie beide Autoren jeweils mit dem Aspekt der Moral in Herrschaft und Politik umgehen.

Die zum Einsatz kommende Fachliteratur wurde unter folgenden Gesichtspunkten ausgewählt: Zum einen werden natürlich beide Werke in einer aktuellen Übersetzung für den Vergleich herangezogen, zum anderen kommt Grundsatzliteratur anerkannter Autoren zum Einsatz, die die Werke Machiavellis sowie Thomas von Aquins im Rahmen politischen wie philosophischen Denkens einführend abhandeln. Abgerundet wird der literarische Unterbau der Arbeit durch publizierte Fachaufsätze, die verschiedene Themen und Aspekte der hier vorgenommenen Untersuchungen noch vertiefend behandeln.

Der Fokus auf eine vergleichende Gegenüberstellung beider Fürstenspiegel mit ausgewählten Untersuchungsaspekten erscheint sinnvoll, da beide Autoren einerseits ein ähnliches Ziel verfolgen, nämlich die Anleitung eines fürstlichen Herrschers mittels Handlungsempfehlungen zur Ausübung seiner fürstlichen Macht. Andererseits haben beide Autoren eine grundlegend andere Herangehensweise an das vorgenannte Unterfangen, die auch durch ihren persönlichen Werdegang und die Zeit, in der sie lebten, beeinflusst worden ist. Der angestrebte Vergleich scheint in dieser Kombination aussagekräftige Ergebnisse hervorzubringen, die auf der einen Seite genug Ähnlichkeiten aufweisen, um sie vergleichen zu können, auf der anderen Seite aber auch genug Unterschiede beinhalten, um die jeweilige Position des Autors adäquat herauszuarbeiten, damit ein Vergleich überhaupt sinnvoll erscheint.

Die Arbeit selbst gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil fasst den Inhalt der beiden Vergleichswerke in Kurzform zusammen, um einen groben Überblick über die Kernaussagen der Werke von Machiavelli und Thomas von Aquin zu geben. Im Hauptteil der Arbeit wird die vergleichende Gegenüberstellung beider Fürstenspiegel vorgenommen. Dem Vergleich voraus gehen zunächst einige Vorüberlegungen, die das weitere Vorgehen erläutern. Der eigentliche Vergleich wird anhand fünf Vergleichskategorien vorgenommen: Grundlegende Charakteristika und Intentionen beider Autoren, persönliche Anforderungen an den Fürsten, Machterlangung und Machterhalt des Fürsten sowie die Ausübung fürstlicher Macht. Im letzten Teil werden die Untersuchungsergebnisse des Vergleichs diskutiert und ein Fazit zum Vergleich gezogen.

2 Übersicht über die zu vergleichenden Werke Niccolò Machiavellis und Thomas von Aquins

In diesem Kapitel wird eine Übersicht über den Inhalt der beiden Werke von Niccolò Machiavelli[1]und Thomas von Aquin[2]gegeben. Zunächst erfolgen einige Vorbemerkungen zu dieser Übersicht.

2.1 Vorbemerkungen

Der Inhalt der im Folgenden wiedergegebenen Werke Machiavellis und des Thomas[3]wird nur in den wesentlichen Kernaussagen und in einer Kurzfassung zusammengefasst, um einen groben Überblick über beide Werke zu geben. Beispiele, die beide Autoren zu ihren Ausführungen geben, werden nur insoweit hier mit einbezogen, wie sie für das Grundverständnis der Kernaussagen notwendig sind, um den Umfang der Zusammenfassung nicht unnötig aufzublähen. Eine komplette Inhaltsangabe wäre hier aus Platzgründen ohnehin nicht möglich[4]. Die Zusammenfassungen beanspruchen deshalb auch keine Vollständigkeit, was den Gesamtinhalt der zu Grunde liegenden Werke angeht. Die Zusammenfassung bezieht sich ausdrücklich auf die unter Fußnote 1 und 2 angegebenen Werke.

2.2 Zusammenfassung des Inhalts von Machiavellis Werk Der Fürst

Niccolò Machiavelli, ein florentinischer Politiker und Diplomat[5], hat von 1469 bis 1527 gelebt. Er verfasst sein WerkDer Fürst(Il Principe) hauptsächlich im Jahr 1513.Der Fürstist aber erst im Jahr 1532 posthum erschienen. Sein Fürstenspiegel ist damit der frühen Neuzeit zuzuordnen. In Anlehnung an Rudolf Zorn, dem Übersetzer der hier zugrundeliegenden Ausgabe, wirdDer Fürsthier in vier Teile gegliedert[6]: In den Kapiteln I. bis XI. behandelt Machiavelli Herrschaftsformen sowie die Mittel zum Erwerb und Erhalt der Herrschaft eines Fürsten. In den Kapiteln XII. bis XIV. folgen Überlegungen zum Heereswesen eines fürstlich regierten Staates. Die Kapitel XV. bis XXIII. stellen den Kern desFürstendar, denn darin geht Machiavelli auf den Aufbau einer fürstlichen Herrschaft, die Regierungsausübung sowie auf notwendige persönliche Fähigkeiten eines Fürsten ein. Schlussendlich untersucht Machiavelli in den Kapiteln XXIV. bis XXVI. Gründe für den Herrschaftsverlust von Fürsten.

Den Anfang macht Machiavelli, indem er zwischen zwei Staatsgebilden unterscheidet, nämlich zwischen einem Freistaat[7]und einem Staat mit Alleinherrschaft. Alleinherrschaften differenziert er weiter aus, nämlich solche, die neu erworben werden[8]und solche, die durch Erbfolge weitervererbt werden (I. Kapitel). Im Fokus der Kapitel II. bis V. stehen ererbte und vermischte Herrschaften, deren Charakteristika und Vorzüge, aber auch deren Gefahrenpotenziale Machiavelli aus seiner Perspektive erläutert. Hier wird deutlich, dass sich Machiavelli auf Alleinherrschaften fokussiert und Freistaaten im o. g. Sinne nicht weiter behandelt. Er geht auch auf die Umstände ein, wenn man neue Herrschaftsgebiete erobert und erteilt diesbezüglich erste Ratschläge zu deren Sicherung, jeweils untermauert an zeitgenössischen Beispielen. Auch arbeitet er hier bereits heraus, warum er dem Fürsten eine Alleinherrschaft empfiehlt. In den Kapiteln VI. und VII. erläutert Machiavelli neue Herrschaften im Detail. Er unterteilt diese dahingehend, ob sie aus eigener Kraft und mit Tüchtigkeit oder mit fremder Hilfe und mit Glück errungen werden. Dazu führt Machiavelli erste Gründe an, warum er ersteres bevorzugt und letzteres ablehnt. Hier erfolgen auch bereits erste Ausführungen zu seinen Kernbegriffen virtù und fortuna[9]. Auch geht er darauf ein, wie beispielsweise ein Privatmann zum Fürsten aufsteigen kann, was dazu nötig ist und wie dieser, am Ziel angelangt, seine Macht erhalten kann. Im Zentrum der Kapitel VIII. bis IX. stehen Privatmänner bzw. Bürger, die eine Herrschaft erlangen wollen. Hier schildert Machiavelli, dass er diese Möglichkeit grundsätzlich als gegeben betrachtet, was dazu nötig ist und welche Fertigkeiten der besagten Klientel er dazu als nötig erachtet. Anschließend legt Machiavelli dar, wie man aus seiner Perspektive die Stärke einer Herrschaft eines Fürsten messen und festlegen kann. Anhand verschiedener Kriterien, beispielsweise die Unabhängigkeit oder Streitbarkeit des Fürsten, erarbeitet er einen Evaluierungsmaßstab für die Stärke einer Herrschaft und gibt Ratschläge, wie sich diese Stärke ausbauen und verbessern lässt (X. Kapitel). Das XI. Kapitel hat geistliche Herrschaften zum Gegenstand. Darin behandelt Machiavelli die Ambivalenz geistlicher Herrschaften, die einerseits leichter zu erringen sind als bisher genannte Pendants, andererseits aber auch einen größeren Unsicherheitsfaktor in der Realpolitik zwischen Herrschaften von weltlichen Fürsten darstellen, zu denen auch der prototypische Fürst im Machiavelli’schen Sinn zählt.

Der zweite Teil, nämlich die Kapitel XII. bis XIV. desFürsten,behandelt das Heereswesen im Allgemeinen. Hier gibt Machiavelli einen Überblick über mögliche Heeresorganisationen, führt deren Vor- und Nachteile an, betont die Wichtigkeit des Heereswesens für die fürstliche Macht und gibt Ratschläge, wie und auf welche Weise ein Fürst in der Kriegskunst bewandt sein sollte.

Im darauf folgenden Teil, dem Kern desFürsten(Kapitel XV. bis XXIII.), geht Machiavelli auf persönliche Charaktereigenschaften eines Fürsten ein, die er als notwendig erachtet. Dazu werden moralische wie ökonomische Kriterien, beispielsweise inwieweit ein Fürst moralisch handeln soll oder nicht, ob er als grausam gelten soll oder nicht, welche Bedeutung Wortbruch für einen Fürsten hat, ob es ratsam ist, sich den Hass seiner Untertanen zuzuziehen oder ob der Fürst im Ruf des Geizes oder der Sparsamkeit stehen sollte, erarbeitet. Machiavelli beschreibt und bewertet diese Kriterien stets mit Fokus auf Nützlichkeit und Notwendigkeit, zwei Aspekte, die für Machiavelli ebenfalls zentral sind[10]. Anschließend gibt er nützliche Hinweise, wie mit all diesen Gesichtspunkten in einer Herrschaft umgegangen werden kann, damit die Macht des Fürsten gesichert bleibt, wobei er auch das persönliche Umfeld des Fürsten, also seine Dienerschaft – im weitesten Sinne also seinen Verwaltungsapparat – mit einbezieht.

Im letzten Teil desFürsten(XXIV. bis XXVI. Kapitel) legt Machiavelli seine Sicht der Dinge dar, warum ein Fürst seine Herrschaft bzw. sein Herrschaftsgebiet wieder verlieren kann, welche Begebenheiten dazu führen können und wie man diese ggf. vermeiden kann, belegt an zeitgenössischen Beispielen. Im letzten Kapitel fordert Machiavelli Fürsten seiner Zeit auf, als starke Männer die Herrschaft über Italien zu erringen und es zu vereinigen. Es folgt die Zusammenfassung vom Werk des Thomas.

2.3 Zusammenfassung des Inhalts von Thomas von Aquins Werk Über die Herrschaft des Fürsten

Thomas von Aquin, Dominikanermönch und einer der bedeutendsten Philosophen des Mittelalters, hat von ca. 1224 bis 1274 gelebt. Er verfasst sein WerkÜber die Herrschaft des Fürsten(De regimine principum) um das Jahr 1265/66[11]. Sein Fürstenspiegel fällt deshalb in die Epoche des Mittelalters. Das Werk besteht aus dem ersten und zweiten Buch. Das zweite Buch ist von Thomas jedoch nicht vollendet worden. Es hat daher Fragmentcharakter.

Thomas beginnt im ersten Buch, indem er den Begriff des Königs definiert und die Notwendigkeit von Herrschaft im Allgemeinen erörtert und begründet, womit das Amt des Königs maßgeblich verbunden ist. Er greift darin die antike Philosophie des Aristoteles auf, von dem er beispielsweise die Klassifikation von Herrschaftsformen übernimmt (1. Kapitel). Daran anschließend geht Thomas im 2. Kapitel der Frage nach, wie viele Personen herrschen sollen, was er am Ziel der Herrschaft, nämlich der Sicherung des Friedens, erläutert. Im 3. Kapitel befasst sich Thomas mit der Gegenüberstellung von gerechter und ungerechter Herrschaft. Er beleuchtet beide Typen aus seiner Sicht und stellt auch eine Verbindung zur Anzahl der Herrschenden her. Im 4. Kapitel zeigt Thomas anhand des Beispiels des Aufstiegs und Falls des Römischen Imperiums, wie eine anfänglich als positiv perzipierte Republik entartet und zu einer Tyrannis mutiert ist. Er untermauert darin auch das bisher Gesagte, indem er den Vorgang der Entstehung einer Tyrannei erläutert. Daran schließt das 5. Kapitel an, indem Thomas nochmals ausführlich seine Sichtweise darlegt, warum aus der Herrschaft von mehreren der Wahrscheinlichkeit nach eher eine Tyrannis entsteht als unter einem Alleinherrscher. Eine Tyrannis ist seiner Meinung nach unter einem Alleinherrscher immer noch erträglicher als unter einer Oligarchie oder Demokratie, was er ebenfalls als Grund für eine Alleinherrschaft perzipiert. Im 6. Kapitel zieht Thomas zunächst eine Art Zwischenfazit: Er fasst nochmals zusammen, warum er eine Alleinherrschaft eines Königs für die beste hält. Ferner beschreibt er einen Tyrannen, also ein entartetes Zerrbild eines Königs und wie mit diesem von Seiten seiner Untertanen umzugehen ist. Er nennt einige Präventivmaßnahmen, die eine Entartung des Königs zum Tyrannen verhindern können und geht der Frage nach, inwieweit die Untertanen eines Tyrannen das Recht haben, diesen abzusetzen. Anschließend stellt Thomas die Fragen, inwieweit Ehre und Ruhm für einen König Beweggründe sein dürfen. Er erörtert den Umgang mit Ehre und Ruhm und gibt Empfehlungen, wie ein König diese handhaben sollte (7. Kapitel). Das 8. Kapitel hat zum Gegenstand, wann Thomas in einem König einen guten König sieht und warum es im eigenen Interesse des Königs liegt, eine gute Herrschaft anzustreben. Zentraler Begriff ist hier die Glückseligkeit. An dieser Stelle lässt Thomas deutliche Einflüsse von aristotelischen Konzept der Eudaimonia erkennen. Er verknüpft dieses antike Konzept mit der christlichen Heilslehre, denn Thomas erörtert, wie die Glückseligkeit einem König bei tugendhafter Lebensweise durch Gottes Gnaden gewährt wird. Daran schließen sich ähnliche Ausführungen zur christlichen Heilslehre an, wo unter anderem das Belohnungssystem Gottes, wie es Thomas sieht, zur Sprache kommt, wenn ein König gut im Thomas’schen Sinn herrscht (9. Kapitel). Im 10. Kapitel erklärt Thomas das Eigeninteresse, das ein König an einer gerechten Herrschaft hat. Er unterstellt dem Tyrannen eine erodierende Machtbasis, die er anhand der negativen Auswirkungen einer Tyrannei für seine Herrschaft umfassend erklärt. Im 11. Kapitel beschreibt Thomas, dass ein König deutlich vor einem Tyrannen weltliche Güter wie Reichtum, Macht und Ehre erlangt und verdeutlicht die Gründe, die aus seinem Blickwinkel dazu führen. Im Folgenden beleuchtet Thomas den Beruf des Königs, indem er Analogien von Gott als Lenker des Weltalls zum König als Lenker in seinem Königreich zieht. Dabei vergleicht er die Position des Königs metaphorisch mit der, die die Seele im menschlichen Körper als lenkende und leitende Instanz inne hat (12. Kapitel). Im 13. Kapitel steht die Art und Weise einer Königsherrschaft im Mittelpunkt. Thomas vergleicht hier die gerechte (weltliche) Königsherrschaft mit der Herrschaft Gottes, in der er deutliche Parallelen sieht. Entsprechend misst er auch die königliche an der göttlichen Herrschaft und führt aus, wie ein König im Sinne Gottes herrschen sollte. Im Anschluss daran kommt die königliche Regierung zur Sprache. Thomas definiert das Ziel königlicher Herrschaft, nämlich das Leben nach der Tugend und beschreibt in diesem Sinne, warum der König tugendhaft leben sollte (14. Kapitel). Daran anknüpfend, beschreibt das 15. Kapitel, das ein König seine Untertanen ebenso wie sich selbst zu einem tugendhaften Leben anleiten sollte und gibt Rat, wie er dies bewerkstelligen kann. Thomas geht hier ferner auf Gründe und Auswirkungen für die tugendhafte Lebensweise der königlichen Untertanen ein. Auch betont er die Notwendigkeit der Wachsamkeit des Königs um die eigene und die Tugend seiner Untertanen.

Das zweite Buch hat hauptsächlich die Gründung einer Stadt[12]zum Gegenstand. Thomas erläutert zunächst die Notwendigkeit, eine geeignete Örtlichkeit zur Stadtgründung zu wählen (1. Kapitel), gibt eine Auswahl an Kriterien, die dies ermöglichen (2. Kapitel) und kommt im Anschluss daran zur Lebensmittelversorgung und -sicherung, die er als Kernaufgabe einer Stadt oder eines Staates für die Bevölkerung festmacht (3. Kapitel). Im 4. Kapitel des zweiten Buches beschreibt Thomas noch ein weiteres Kriterium, nämlich die Schönheit des Ortes, die ebenfalls ein Kriterium bei der Stadt-/Staatsgründung sein soll. Ferner zieht er eine Verbindung zur Schönheit des Ortes und zu Vergnügungen bzw. zur Erholung der Untertanen eines Königs. Er gibt zu bedenken, dass sich Vergnügungen des Volkes negativ auf dessen Ausübung der Tugend auswirken können. Er empfiehlt hier dem König, eine Balance zwischen Vergnügungen/Erholung und der tugendhaften Lebensweise des Volkes zu wahren und über die Einhaltung dieser Balance permanent zu wachen. Im nächsten Kapitel wird der gegenüberstellende Vergleich der beiden Werke begonnen.

3 Gegenüberstellender Vergleich des Fürstenspiegels von Machiavelli mit dem von Thomas von Aquin

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die beiden Fürstenspiegel von Machiavelli und von Thomas vergleichend gegenübergestellt. Auch hier erfolgen zunächst einige Vorüberlegungen über das weitere Vorgehen und zur Ausführung des anstehenden Vergleichs.

3.1 Vorüberlegungen

Ziel des vorgenommenen Vergleichs ist die Identifizierung und Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten und/oder Unterschieden in beiden Vergleichswerken. Aussagen zu den Werken Machiavellis und Thomas‘ beziehen sich, sofern kein anderslautender Hinweis erfolgt, ausschließlich auf die zugrundeliegenden Vergleichswerke[13]. Der Vergleich beschränkt sich auf fünf Vergleichskategorien, die im Unterkapitel 3.2 im Detail ausgeführt werden. Der Vergleich ist deshalb keinesfalls abschließend oder gar erschöpfend. Grundsätzlich wird ein Vergleichskriterium im Fürstenspiegel Machiavellis einem gleichen oder ähnlichen Aspekt im Werk von Thomas gegenübergestellt und umgekehrt, sofern dies möglich ist. Da jedoch beide Autoren nicht in gleichem Maße Aussagen über die im Folgenden untersuchten Kategorien machen, ist dies nicht immer möglich, worauf aber an geeigneter Stelle noch gesondert hingewiesen wird. Grundsätzlich werden aber Machiavellis Ansätze als Basis für den Vergleich herangezogen. Im nächsten Kapitel erfolgt der gegenüberstellende Vergleich anhand verschiedener Kategorien.

3.2 Untersuchte Vergleichskategorien

Die nachfolgend angeführten Vergleichskategorien stehen im Zentrum der Untersuchung. Diese wurden punktuell ausgewählt und sollen Schwerpunkte setzen. Sie beanspruchen daher keine Vollständigkeit. Der Vergleich kann deshalb auch nicht als erschöpfend gelten. Viele Argumentationen in den Vergleichswerken, vor allem bei Machiavelli, tangieren mehrere der hier untersuchten Kriterien gleichermaßen. Eine trennscharfe Unterscheidung der Untersuchungskriterien ist deshalb nicht immer möglich, weil einzelne Aspekte oftmals ineinandergreifen und sich gegenseitig stützen. Begonnen wird die Gegenüberstellung mit grundlegenden Charakteristika und Intentionen der Autoren beider Vergleichswerke.

3.2.1 Grundlegende Charakteristika und Intentionen beider Autoren

Machiavellis schreibt denFürstenhauptsächlich im Jahr 1513. Damit unterscheidet er sich zeitlich deutlich von Thomas, dessen Werk bereits ca. 1265/66 geschrieben wurde. Damit ist Machiavelli in der frühen Neuzeit, Thomas aber dem Mittelalter zuzuordnen, wodurch sich beide Fürstenspiegel bereits zeitlich sowie epochal erheblich unterscheiden. Beide Werke wurden mit einem zeitlichen Abstand von rund 250 Jahren verfasst.

Des Weiteren ist auffällig, dass Thomas als Dominikanermönch verständlicherweise sehr von der christlichen Heilslehre, insbesondere vom Katholizismus seiner Zeit, geprägt ist. Ferner wurde Thomas sehr von der Philosophie des Aristoteles beeinflusst. So übernimmt er beispielsweise im untersuchten Werk die Klassifizierung von guten wie schlechten Herrschaftsformen direkt von Aristoteles[14]. Zudem zieht Thomas zur Erläuterung und Untermauerung seiner Argumentation immer wieder Zitate aus der Bibel heran. Dennoch bescheinigen sowohl Mensching[15], als auch Miethke[16]der untersuchten Arbeit des Thomas einen eindeutig politisch bzw. polittheoretisch motivierten Charakter.

Machiavelli scheint demgegenüber mehr von seinen Erfahrungen als Politiker und von seiner Wahrnehmung damaliger Realpolitik[17]geprägt zu sein. Auch Ottmann geht davon aus, dass Machiavelli als Realist bzw. als Realpolitiker zu bezeichnen ist. Er bescheinigt Machiavelli zwar, auch auf antike Philosophen einzugehen, diese bestimmen jedoch nicht in gleicher Weise sein Denken und sein Werk in ähnlich starkem Maße wie bei Thomas[18]. Somit lässt sich konstatieren, dass Thomas eine eher idealistisch-abstrakte Herangehensweise an sein Werk hat, Machiavelli dagegen eine eher realistisch-konkrete.

Das Menschenbild des Thomas ist ebenfalls sehr von der aristotelischen Philosophie geprägt. Dies äußert sich bereits darin, wie Thomas die Notwendigkeit von Herrschaft aus der Natur selbst ableitet. Der Mensch hat – im Gegensatz zu Tieren – keine natürliche Sozial- und Herrschaftsordnung, denn er kann sich diesbezüglich nicht auf seine natürlichen Instinkte und Veranlagungen verlassen. Diese Instinkte und Veranlagungen regeln aber gerade das Sozialleben des Tierreiches, ja determinieren es nahezu. Der Mensch muss stattdessen seine menschliche Vernunft gebrauchen, die wiederum dem Tierreich nicht zur Verfügung steht, um die Notwendigkeit von Herrschaft und sozialer Ordnung zu erkennen und diese auch entsprechend zu errichten[19]. Auch Ottmann sieht hier deutliche Einflüsse seitens Aristoteles und dessen Philosophie[20]. Thomas‘ Menschenbild ist daher eher positiv und idealistisch geprägt, da er jeden Menschen als vernunftbegabtes Wesen ansieht, das fähig ist, durch die Anwendung seiner Vernunft zu den richtigen Schlüssen zu kommen.

Demgegenüber ist Machiavellis Menschenbild eher realistisch und, wohl bedingt durch seine eigenen persönlichen Erfahrungen im Italien der damaligen Zeit, meist negativ respektive pessimistisch. Oberndörfer und Rosenzweig konstatieren dazu: „Für Machiavelli sind die Menschen von Natur aus schlecht, angetrieben von grenzenlosen, nicht zu befriedigenden Bedürfnissen“[21]. Auch Herbs Ausführungen in einem Aufsatz über Macht zeichnen ein düsteres Menschenbild, das er Machiavelli zuspricht[22]. Stockhammer spricht gar von einem anthropologischen Pessimismus, wenn er das Menschenbild von Machiavelli charakterisiert[23].

[...]


[1]Machiavelli, Niccolò: Der Fürst, 7., aktualisierte Auflage (Kröners Taschenausgabe Band 235), Stuttgart 2016 (im Folgenden: Machiavelli, Der Fürst)

[2]Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Nachdr. (Universal-Bibliothek 9326), Stuttgart 2008 (im Folgenden: Thomas von Aquin, Über die Herrschaft der Fürsten)

[3]Thomas von Aquin wird im weiteren Verlauf der Arbeit der einfacheren Handhabung halber nur noch als Thomas bezeichnet.

[4]Dennoch müssen zum Verständnis des Vergleichs tiefere Kenntnisse über beide Werke vorausgesetzt werden.

[5]Für eine Übersicht über Leben und Wirken Machiavellis siehe: Machiavelli, Der Fürst, S. 11 ff.

[6]ebda., S. IX f.

[7]Im Sinne einer (italienischen) Republik zu Zeiten Machiavellis, beispielsweise der Florentinischen Republik

[8]Was Machiavelli unter neu erworben versteht, wird im weiteren Verlauf noch genauer erläutert.

[9]Diese Begriffe werden im weiteren Verlauf der Arbeit noch näher behandelt.

[10]Auch auf diese Aspekte wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch näher eingegangen.

[11]Für eine Übersicht über Leben und Wirken Thomas von Aquins siehe Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens (Band 2). Römer und Mittelalter. Teilband 2: Das Mittelalter (2), Stuttgart/Weimar 2004 (im Folgenden: Ottmann, Geschichte des politischen Denkens (Band 2)), S. 203 ff.

[12]Im weiteren Sinne ist hier auch die Gründung eines Staates gemeint.

[13]Siehe Fußnoten 1 und 2

[14]Thomas von Aquin, Über die Herrschaft der Fürsten, S. 8 f.

[15]Mensching, Günther: Thomas von Aquin. Über die Herrschaft des Fürsten (ca. 1271), in: Brocker, Manfred (Hrsg.): Geschichte des politischen Denkens. Ein Handbuch (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft), Frankfurt am Main 2007, S. 78–91 (im Folgenden: Mensching, Thomas von Aquin), hier: S. 80

[16]Miethke erläutert die Beweggründe des Thomas in knapper Form, siehe Miethke, Jürgen: Politiktheorie im Mittelalter: Thomas von Aquin, Marsilius von Padua, Lupold von Bebenburg, in: Bleek, Wilhelm, Hans J. Lietzmann (Hrsg.): Klassiker der Politikwissenschaft. Von Aristoteles bis David Easton, Orig.-Ausg (Beck'sche Reihe), München 2005, S. 33–50 (im Folgenden: Miethke, Politiktheorie im Mittelalter: Thomas von Aquin, Marsilius von Padua, Lupold von Bebenburg), hier: S. 38 ff.

[17]Eine knappe Übersicht der damaligen politischen Geschehnisse liefert Stockhammer, Nicolas: Das Prinzip Macht. Die Rationalität politischer Macht bei Thukydides, Machiavelli und Michel Foucault, Baden-Baden 2009 (im Folgenden: Stockhammer, Das Prinzip Macht), S. 124 ff.

[18]Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens (Band 3). Neuzeit. Teilband 1: Von Machiavelli bis zu den großen Revolutionen (3), Stuttgart/Weimar 2006 (im Folgenden: Ottmann, Geschichte des politischen Denkens (Band 3)), S. 11

[19]Thomas von Aquin, Über die Herrschaft der Fürsten, S. 5 ff.

[20]Ottmann, Geschichte des politischen Denkens (Band 2), S. 207

[21]Oberndörfer, Dieter, Beate Rosenzweig: Klassische Staatsphilosophie. Texte und Einführungen. Von Platon bis Rousseau, 2. Aufl., Orig.-Ausg., unveränd. Nachdruck (Beck'sche Reihe 1365), München 2010, S. 136

[22]Herb, Karlfriedrich: Machtfragen. Vier philosophische Antworten. Über Machiavelli, Hobbes, Arendt und Foucault, in: Die Politische Meinung, Bd. 53, 2008, S. 68–76 (im Folgenden: Herb, Machtfragen. Vier philosophische Antworten), S. 70

[23]Stockhammer, Das Prinzip Macht, S. 128 ff.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Niccolò Machiavellis "Der Fürst" und Thomas von Aquins "Über die Herrschaft des Fürsten"
Untertitel
Ein Vergleich der populärsten Fürstenspiegel
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Politikwissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Ausgewählte Klassiker politischen Denkens
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V369137
ISBN (eBook)
9783668487277
ISBN (Buch)
9783668487284
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavell, Moral, Thomas von Aquin, Fürstenspiegel, Vergleich, Politik, Herrschaft, Interpretation, Der Fürst, Über die Herrschaft des Fürsten
Arbeit zitieren
Florian Schlereth (Autor), 2017, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Niccolò Machiavellis "Der Fürst" und Thomas von Aquins "Über die Herrschaft des Fürsten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369137

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