Diese Arbeit soll sich mit der klassischen Definition des Gerechtigkeitsbegriffs nach Aristoteles befassen, welcher im fünften Buch seiner „Nikomachischen Ethik“ (NE) ausgelegt wird.
Zunächst soll dazu geklärt werden, worin Aristoteles‘ Definition eines glücklichen Lebens besteht und wie dies zu erreichen ist. Dabei wird der Begriff der Charaktertugend erläutert, zu denen auch die Gerechtigkeit gezählt wird. Im weiteren Verlauf der Ausarbeitung sollen folgende Fragen beantwortet werden: Wie definiert Aristoteles die Gerechtigkeit und inwiefern unterscheidet sie sich von den anderen ethischen Tugenden?
Bereits seit der Antike ist die „Gerechtigkeit“ ein Begriff, über dessen Inhalt viel nachgedacht und diskutiert wird. Es steht fest, dass diese für ein funktionierendes Zusammenleben der Menschen unverzichtbar ist. Auf die Frage, auf welche Weise eine zwischenmenschliche Gerechtigkeit umzusetzen ist, gibt es verschiedene Antworten. Vorstellungen darüber reichen beispielsweise von den antiken Ideen von Platon und Sokrates, über theologische Sichtweisen, bis hin zur Gerechtigkeit in Verbindung mit Fairness des Philosophen John Rawls.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Weg zum glücklichen Leben
2. Der Gerechtigkeitsbegriff
2.1 Universale Gerechtigkeit
2.2 Partikulare Gerechtigkeit
2.2.1 Distributive Gerechtigkeit
2.2.2 Kommutative Gerechtigkeit
2.2.2.1 Wiederherstellende Gerechtigkeit
2.2.2.2 Austauschende Gerechtigkeit
2.2.3 Wiedervergeltende Gerechtigkeit
2.3 Güte der Gerechtigkeit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit analysiert die klassische Definition des Gerechtigkeitsbegriffs nach Aristoteles, wie sie im fünften Buch der "Nikomachischen Ethik" dargelegt wird, um ein fundiertes Verständnis der antiken philosophischen Grundlagen unseres modernen Gerechtigkeitsbegriffs zu erlangen.
- Definition und Herleitung des glücklichen Lebens (Eudaimonia) bei Aristoteles.
- Unterscheidung zwischen universaler und partikularer Gerechtigkeit.
- Detaillierte Analyse der distributiven, kommutativen und wiedervergeltenden Gerechtigkeitsformen.
- Bedeutung der "Güte" (Billigkeit) als Korrektiv zur starren Gesetzgebung.
- Verhältnis der Gerechtigkeit zu anderen Charaktertugenden und der Lehre von der Mitte (Mesotes).
Auszug aus dem Buch
Distributive Gerechtigkeit
Die distributive (iustitia distributiva) oder auch verteilende bzw. austeilende Gerechtigkeit nimmt Bezug auf den Besitz gemeinsamer äußerer Güter wie Geld, Machtbefugnisse oder öffentliche Ämter und regelt deren gerechte Verteilung in der Gemeinschaft. Bei dieser Form der Gerechtigkeit ist vor allem die Proportionalität von besonderer Wichtigkeit, denn nach Aristoteles ist „das Proportionale […] ein Mittleres und das Gerechte ein Proportionales“ (NE 1131b). Er ist der Ansicht, dass der Anteil eines Guts nach dem Maßstab der Angemessenheit verteilt werden soll, auch wenn er selbst anmerkt, dass diese Angemessenheit von verschiedenen Leuten manchmal unterschiedlich gedeutet werden kann. Das Gerechte muss sich dabei auf mindestens vier Glieder beziehen, welche sich aus zwei beteiligten Personen und zwei Dingen zusammensetzen, die jeweils zueinander im Verhältnis stehen.
Entsprechend der Stellung eines Menschen, kann der Staat die Güter verteilen. Es ergibt sich daraus eine proportionale Gleichung, die Gerechtigkeit gewährleisten kann: Anteil Person A / Anteil Person B = Stellung Person A / Stellung Person B. Ausformuliert bedeutet das, dass sich die Menge eines Guts, die Person A erhält, zur Menge des erhaltenen Guts von B so verhalten soll, wie der Grad der Würdigkeit von Person A zu der von Person B. Als gerecht gilt die Verteilung, wenn das Verhältnis der beiden Personen vor und nach der Zuteilung des jeweiligen Anteils immer noch gleich ist. Anstatt einer absoluten Gleichheit wird also eine Verhältnisgleichheit postuliert, die auch als geometrische Gleichheit bezeichnet werden kann (vgl. NE 1131b 9-32). Wer z.B. doppelt so viel leistet, verdient dementsprechend doppelt so viel vom zu verteilenden Gut. Würden alle Menschen als gleich angesehen werden, würde nach Aristoteles folglich auch eine Gleichverteilung stattfinden müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Weg zum glücklichen Leben: Dieses Kapitel erläutert Aristoteles' Verständnis von Glückseligkeit (Eudaimonia) und die Bedeutung tugendhaften Handelns für ein gelingendes menschliches Leben.
2. Der Gerechtigkeitsbegriff: Hier wird die allgemeine Grundlage der Gerechtigkeit als tugendhafte Grundhaltung definiert und die Unterscheidung in allgemeine und spezielle Gerechtigkeit eingeführt.
2.1 Universale Gerechtigkeit: Dieses Kapitel behandelt die legale Gerechtigkeit, bei der das Handeln im Einklang mit den Gesetzen der Polis als oberstes Prinzip des Zusammenlebens betrachtet wird.
2.2 Partikulare Gerechtigkeit: Die spezielle Gerechtigkeit wird als Teilaspekt der ethischen Trefflichkeit betrachtet, die sich auf die gerechte Verteilung von Gütern und den zwischenmenschlichen Ausgleich bezieht.
2.2.1 Distributive Gerechtigkeit: Dieses Kapitel beschreibt die proportionale Verteilung öffentlicher Güter basierend auf der individuellen Würdigkeit der Bürger.
2.2.2 Kommutative Gerechtigkeit: Hier steht die Steuerung von Transaktionen zwischen freien Bürgern durch einen arithmetischen Ausgleich im Fokus, um Ungleichgewichte zu vermeiden.
2.2.2.1 Wiederherstellende Gerechtigkeit: Dieses Kapitel untersucht die korrigierende Funktion der Gerechtigkeit bei unfreiwilligen Schädigungen, um den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen.
2.2.2.2 Austauschende Gerechtigkeit: Der Fokus liegt hier auf gewollten Interaktionen wie Kauf oder Miete, die auf einem freien Willen und gegenseitigem Einvernehmen basieren.
2.2.3 Wiedervergeltende Gerechtigkeit: Dieses Kapitel thematisiert die Ermittlung gerechter Preise für unterschiedliche Güter und Leistungen im Tauschhandel mittels des Geldwerts.
2.3 Güte der Gerechtigkeit: Die Billigkeit wird als korrigierende Form der Gerechtigkeit vorgestellt, die bei konkreten Einzelfällen dort eingreift, wo das Gesetz an seine Grenzen stößt.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Gerechtigkeit, Eudaimonia, Tugendethik, Mesotes, Proportionalität, Distributive Gerechtigkeit, Kommutative Gerechtigkeit, Wiedervergeltende Gerechtigkeit, Billigkeit, Gesetzliche Gerechtigkeit, Tauschgemeinschaft, Ethik, Charaktertugend
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der systematischen Untersuchung des Gerechtigkeitsbegriffs im fünften Buch der "Nikomachischen Ethik" von Aristoteles.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die aristotelische Lehre vom glücklichen Leben, die verschiedenen Ausprägungen der Gerechtigkeit (universal, partikular, distributiv, kommutativ) sowie das Korrektiv der Güte bzw. Billigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die aristotelische Definition der Gerechtigkeit als Charaktertugend zu klären und darzulegen, wie sie innerhalb des Gefüges der menschlichen Bestimmung einzuordnen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische und philosophische Textanalyse der Nikomachischen Ethik, ergänzt durch die Heranziehung fachwissenschaftlicher Literatur zur Einordnung der Begriffe.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des glücklichen Lebens, die Differenzierung verschiedener Gerechtigkeitsformen sowie deren Anwendung auf gesellschaftliche und zwischenmenschliche Interaktionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Eudaimonia, Mesotes, distributive und kommutative Gerechtigkeit, Tugendethik und Billigkeit geprägt.
Warum unterscheidet Aristoteles zwischen universaler und partikularer Gerechtigkeit?
Die universale Gerechtigkeit bezieht sich auf das gesamte tugendhafte Handeln im Einklang mit dem Gesetz, während die partikulare Gerechtigkeit als spezielle Tugend auf die Gleichheit bei Güterverteilungen und Transaktionen zielt.
Welche Funktion hat das Geld in der wiedervergeltenden Gerechtigkeit?
Das Geld fungiert als durch Konvention festgelegter Maßstab, der den Wert grundverschiedener Dinge vergleichbar macht und somit den gerechten Austausch zwischen verschiedenen Akteuren ermöglicht.
Was ist der Unterschied zwischen der distributiven und der kommutativen Gerechtigkeit?
Die distributive Gerechtigkeit folgt einer geometrischen Proportion zur Verteilung öffentlicher Güter, während die kommutative Gerechtigkeit einen arithmetischen Ausgleich bei Transaktionen zwischen Bürgern anstrebt.
Warum wird die Güte als eine Art der Gerechtigkeit betrachtet?
Die Güte fungiert als Korrektiv, da sie das starre geschriebene Gesetz an die Besonderheiten von Einzelfällen anpasst und somit dem eigentlichen Ziel der Gerechtigkeit in komplexen Situationen besser gerecht wird.
- Arbeit zitieren
- Alica Rudolf (Autor:in), 2016, Der Gerechtigkeitsbegriff von Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369159