Will Kymlicka. Ein Kommunitarier wider Willen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Thesen des Kommunitarismus

3 Kymlickas Multikulturalismus

4 Fazit

5 Abschließende Gedanken

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

John Rawls war einer der prägendsten amerikanischen Philosophen des letzten Jahrhunderts. Viele philosophische Publikationen anderer Autoren, die nach seinem einflussreichen Buch „A Theory of Justice“ (1971) veröffentlicht wurden, beziehen sich auf Rawls Werk. Manche bauen auf seinen Thesen auf, während andere ihren Standpunkt beschreiben, indem sie sich von Rawls abgrenzen oder einen Kontrast zu dessen Werk bilden. Will Kymlicka ist zum Beispiel einer derjenigen Autoren, die häufig Rawls Argumente hinzuziehen, um ihre eigene Thesen zu stützen oder die zumindest Rawls Gedanken weiterentwickeln und modifizieren. Michael Sandel dagegen, ein Vertreter des Kommunitarismus, kritisiert vieles an Rawls liberaler Theorie und konstruiert seine Perspektive, indem er sich von ihm abgrenzt. Doch das ist interessant: Denn obwohl beide – Kymlicka und Sandel – eine ganz unterschiedliche Stellung zu Rawls beziehen, kommen sie doch zu sehr ähnlichen Aussagen.

Kymlicka schreibt in seinem Buch „Multicultural Citizenship“ über den Schutz und die Rechte von Minderheiten und wie dies mit dem Liberalismus in Einklang zu bringen ist. Im fünften Kapitel distanziert er sich von Sandels Kommunitarismus, obwohl viele seiner Thesen und Aussagen kommunitarischen Sichtweisen sehr ähneln. Er gibt zu: „This may sound like a rather ‚communitarian‘ view of the self.“ Doch sogleich möchte er klar stellen, dass seine Ansichtsweise nicht mit dem Kommunitarismus vereinbar ist: „I do not think this is an accurate label“ (Kymlicka 1995: 91). Die These, die diese Arbeit untersuchen möchte, ist, dass Kommunitarismus sehr wohl ein „accurate label“ für Kymlickas Multikulturalismus ist. Hierzu sollen zuerst die wichtigsten Thesen des Kommunitarismus dargestellt werden, vor allem anhand der Publikationen von Michael Sandel, da sich Will Kymlicka explizit auf ihn bezieht. Anschließend werden Kymlickas Thesen betrachtet und analysiert, inwieweit diese kommunitarisch sind und wo die Grenzen liegen; das heißt, inwieweit Kymlickas Distanzierung von Sandel gerechtfertigt ist.

2 Die Thesen des Kommunitarismus

Wie bereits eingangs erwähnt, ist ein Ausgangspunkt für Michael Sandels Kommunitarismus eine Kritik an John Rawls Liberalismus. Aus diesem Grund werden die Thesen meist in Kontrast dazu aufgestellt. Diese können in folgenden drei Punkten zusammengefasst werden.

(1) Der Begriff „Kommunitarismus“, dessen Wurzel im lateinischen Wort „communitas“ – Gemeinschaft, Gemeinsinn – zu finden ist, beschreibt schon einen der wichtigsten Unterschiede zum Liberalismus, welcher die Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung eines jeden Individuums an höchste Stelle setzt (vgl. Doering 1997: 26). Kommunitarier kritisieren hier den überhöhten Individualismus: Jeder Mensch sei nach Rawls ein „ungebundenes Selbst“ (Sandel 1995: 24), das – frei von irgendwelchen sozialen Bindungen – Ziele, Werte und die eigene Identität wählen und revidieren kann. Sandel konstatiert, dass sich im Zuge dieser liberalen Prägung der „moralische Individualismus“ geformt hat. Er schreibt: „Die Lehre des moralischen Individualismus geht nicht davon aus, dass Menschen egoistisch sind, sondern sie postuliert, dass wir nur Verpflichtungen unterworfen sind, die wir freiwillig eingehen. Was immer ich anderen schulde, schulde ich ihnen aufgrund einer gewissen Übereinkunft […]“ (ebd. 2009: 290). Diese freiwilligen Verpflichtungen werden von jedem individuell gestaltet und es wäre verwerflich, sie nicht einzuhalten. Im Liberalismus werden auch die natürlichen Pflichten herausgehoben, welche zum Beispiel die Achtung der Würde des Menschen beinhalten. Diese Pflichten sind universell und von jedem einzuhalten.

Sandel glaubt allerdings, dass es noch eine dritte Art von Verpflichtung gibt: die Verpflichtung aus Solidarität (vgl. ebd. 2009: 307). Diese geht über die Isoliertheit eines ungebundenen Selbst hinaus. Denn Menschen sind „Narrative“ (ebd. 2009: 302), die in einen ganz spezifischen historischen, gesellschaftlichen und familiären Kontext hineingeboren werden. Bei dieser Einbettung in einen kulturellen Kontext werden Prägungen von Identität, Moral und Werten weitergegeben. Diese Narrativität steht im Widerspruch zum liberalen Individualismus. Sich von diesem Kontext in ein ungebundenes Selbst zu lösen, indem man sich entscheidet, nur das zu sein, was man gewählt hat, hat deformierenden Charakter (vgl. ebd. 2009: 304) und erschafft Personen „ohne jeglichen Charakter, ohne moralisches Rückgrat“ (ebd. 1995: 30). Die Verpflichtung aus Solidarität entsteht aus Loyalität, das heißt „aufgrund der mehr oder weniger beständigen Bindungen und Verpflichtungen, die zusammengenommen meine Person zumindest teilweise definieren“ (ebd. 1995: 29). Sandel fasst zusammen: „Mit der Zugehörigkeit kommt Verantwortlichkeit“ (ebd. 2009: 322).

(2) Eng mit dem ersten Punkt verknüpft ist die Tatsache, dass laut Sandel gesunde Identität und echte Freiheit und Gerechtigkeit nur in Gemeinschaften, in sozialen Institutionen wie der Familie und bei einem Gefühl von Zusammengehörigkeit erreichbar und beständig sind. Gerd Habermann schreibt: „Es sind Gefühle der Zusammengehörigkeit, die sich in Konventionen, Sitten und entsprechenden Meinungen objektivieren. Dieser transindividuelle soziale Rahmen macht […] Freiheit überhaupt erst möglich“ (Habermann 1997: 13). Der liberale Individualismus ignoriert den Umstand, dass jeder Mensch „unvermeidlich in eine Familie, einen ‚Kulturkreis‘, eine Nation, religiöse Traditionen, eine bestimmte Sprache […] hineingeboren“ (ebd. 1997: 13) wird, und diesen Kontext, der ihn unweigerlich prägt, nicht frei wählen kann, sondern nur begrenzt Einstellungen und Werte für sich verändern kann (vgl. ebd. 1997: 13). Um zu einem Gerechtigkeitsbegriff – in welchem sich die Spielregeln befinden, die eine Gesellschaft regulieren und einrahmen (vgl. Reese-Schäfer 2001: 17) – zu gelangen, ist es unumgänglich, normative Urteile zu fällen und in der Gemeinschaft kollektive Ziele und eine Konzeption des Guten zu formulieren. Dies steht ebenfalls im Widerspruch zum Liberalismus, der behauptet, das Rechte müsse vor dem Guten kommen (vgl. Sandel 2009: 356, 1982: 133ff. u. Haus 2003: 208).

(3) Sandel sieht in der amerikanischen Gesellschaft zwei eng verwobene Prozesse, die er kritisiert und als Gefahr einschätzt: den Gemeinschafts - und Demokratieverlust (vgl. Reese-Schäfer 2001: 15 u. Sandel 1995: 30ff.). Durch die Zentralisierung der Politik und der Atomisierung der Gesellschaft kam es zur „Verlagerung von einer öffentlichen Philosophie der gemeinschaftlichen Ziele zu einer solchen der fairen Verfahren, von einer Politik des Guten zu einer Politik des Rechten […]“ (Sandel 1995: 33). Durch die Heterogenität dieser individualistischen Gesellschaft und der Anonymität einer zentralen Staatsgewalt gehen Tugenden, die für eine funktionierende Demokratie entscheidend sind, wie das Solidaritätsgefühl und die Möglichkeit (und der Wunsch) zur Partizipation, verloren (vgl. Reese-Schäfer 2001: 32f. u. Sandel 1995: 30ff.). Nicht nur das – der Liberalismus und dessen überhöhter Individualismus untergräbt den Gemeinschaftssinn und die Grundlagen einer Kultur, denen man Demokratie und Freiheit überhaupt erst verdankt. Eine Dezentralisierung der Politik und eine Rückkehr zum gemeinschaftlichen lokalen Leben gehören deshalb zu den Lösungsansätzen des Kommunitarismus (vgl. Reese-Schäfer 2001: 22 u. Sandel 1995: 31ff.).

3 Kymlickas Multikulturalismus

Im letzten Kapitel wurden drei grundlegende Thesen des Kommunitarismus herausgefiltert. Um zu analysieren, ob diese kompatibel mit Will Kymlickas Annahmen sind, soll zunächst ein grober Überblick geschaffen werden, welche Auffassungen der Autor in seinem Buch „Multicultural Citizenship“ vertritt.

Es geht Kymlicka darum, Minderheitenrechte und -schutz gegenüber den Gleichheits- und Gerechtigkeitskonzepten des Liberalismus zu rechtfertigen. Er diskutiert die Frage, inwieweit Minderheiten Sonderrechte – wie zum Beispiel bei Sprache, Bildung oder territorialen Ansprüchen – einfordern können oder sollten. Für ihn steht fest, dass die universalen Menschenrechte nicht ausreichenden Schutz vor Unterdrückung bieten und die Erhaltung von Kulturen nicht gewährleisten können (vgl. Kymlicka 1995: 4f.). Kymlicka gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Formen (multination states und polyethnic states) und Ansprüche (Autonomie, Schutz und Repräsentation), die Minderheiten haben können (vgl. ebd. 1995: 6f. u. 11ff.) und erklärt, warum bestimmte kollektive Rechte mit den individuellen Rechten, auf welche sich der Liberalismus konzentriert, zusammenpassen, insbesondere dann, wenn diese einen Schutz nach außen, also gegenüber der Mehrheit, darstellen (vgl. ebd. 1995: 7 u. 35ff.). Um ein solch umfassendes Werk für die Rechte von Minderheiten zu schreiben, benötigt Kymlicka jedoch gute Gründe, warum der Schutz dieser Gruppen überhaupt wünschenswert und notwendig ist, beziehungsweise warum Kulturen und Gemeinschaften erhalten werden sollen. Ausgerechnet Thesen, die sehr nach kommunitarischen Annahmen klingen, helfen ihm bei der Beantwortung dieser Fragen.

Im vierten Kapitel seines Buches analysiert der Autor die geschichtliche Entwicklung der liberalen Betrachtungsweisen auf Minderheiten und stellt fest, dass diese nicht immer gleich bewertet wurden. Was Kymlicka wichtig zu zeigen erscheint, ist, dass auch ältere liberale Schreiber den Wert von Kulturen für das Individuum und die Notwendigkeit deren Schutzes erkannten. „The claim is that the promotion of individuality and the development of human personality is intimately tied up with membership of one’s national group, in part because of the role of language and culture in enabling choice“ (ebd. 1995: 51). Für die Entwicklung der Eigenidentität des Menschen braucht dieser eine Umgebung von Seinesgleichen, seiner Sprache und den kulturellen Konventionen, um sich zugehörig zu fühlen. Diese kulturelle Mitgliedschaft ist eines der wichtigsten Arten und Quellen von Identifikation, „because it is based on belonging, not accomplishment“ (ebd. 1995: 89), und gibt ein Gefühl von Sicherheit und Selbstrespekt. Nicht nur die Würde ist davon abhängig; das eigene Handeln bekommt erst durch die Beziehung zur Umwelt und die Mitgliedschaft einer Kultur Bedeutung und Sinn. Auf der anderen Seite kann sich die Diskriminierung einer Minderheit auch negativ auf das Selbstwertgefühl der einzelnen Mitglieder auswirken. Selbst wenn die generationsübergreifende Weitergabe von Werten und Tradition an die Kinder fehlt, weil die Eltern und Großeltern dazu unfähig sind, kann sich das schädlich auswirken. Das Aufwachsen und Leben in einem geschützten Rahmen der Familie und der Kultur ist wichtig für die Identitätsfindung. Auf der anderen Seite wirkt es sich schädlich aus, wenn diese Rahmenbedingungen fehlen (vgl. ebd. 1995: 89f.).

Doch nicht nur für die Entwicklung des Individuums ist Zugehörigkeit wichtig, sondern auch für seine Freiheit. Denn auch wenn ein Staat allen seinen Bürgern die gleichen Rechte zuspricht, so können Minderheiten immer noch signifikant benachteiligt werden; zum Beispiel wenn es um Sprachregelungen in Bildung, Gerichten, staatlichen Einrichtungen und Behörden oder um die Wahl von Feiertagen geht. Diese Benachteiligungen sollten ausgeglichen werden. Deshalb schreibt Kymlicka: „We have here the two major claims which, I believe, underlie a liberal defence of minority rights: that individual freedom is tied in some important way to membership in one’s national group; and that group-specific rights can promote equality between the minority and majority“ (ebd. 1995: 52). Dieser Satz hätte auch von Sandel stammen können, mit dem Unterschied, dass er nicht versuchen würde, seine Thesen mit dem Liberalismus zu untermauern. Der Kern von Kymlickas Überzeugung stimmt hier mit dem Sandels überein.

Er schreibt nämlich weiterhin, dass Freiheit aufs Engste mit Kultur verbunden und davon abhängig ist (vgl. ebd. 1995: 75). Kymlicka betont die Notwendigkeit von Solidarität, von einer gemeinsamen Identität und von Opferbereitschaft. All diese Dinge kann man bei Rawls nicht finden, was Sandel kritisiert. Kymlicka aber legt hier – wider Willen, wie sich zeigen wird – immer wieder kommunitarische Züge an den Tag. Er spricht sogar die Narrativität an, die jeder Mensch mit sich bringt (vgl. ebd. 1995: 77) und die Einbettung in einen „Context of Choice“ (ebd. 1995: 82). Für den Autor genügt die liberale Auffassung nicht, dass jeder Mensch frei und unabhängig von allen Umständen sein Lebenskonzept wählen und revidieren kann. Zwar steht er hinter dem Konzept der freien Selbstbestimmung, doch die Einbettung in einen Context of Choice ist wichtig, „because it is only through having access to a societal culture that people have access to a range of meaningful options“ (ebd. 1995: 83). Losgelöst von aller Gemeinschaft, Kultur, Tradition, Konvention und Geschichte verliert die liberale Selbstbestimmung ihre Bedeutung und Aussagekraft. Damit es sinnvolle, individuelle Wahlfreiheit geben kann, braucht der Mensch also Zugang zu gesellschaftlichen Kulturen (vgl. ebd. 1995: 84).

Der von Sandel kritisierte überhöhte Individualismus bei Rawls wird durch diese Aussagen Kymlickas deutlich abgeschwächt und nähert sich erkennbar dem Gemeinschaftsdenken des Kommunitarismus an. Wenn man sich den Liberalismus und den Kommunitarismus als zwei Extreme vorstellen würde, so wäre das ungebundene Selbst auf der einen und der Mensch als Narrativ auf der anderen Seite zu finden. Kymlicka würde eindeutig dem Konzept des Menschen als Narrativ zugeordnet werden. Auch wenn er schreibt, dass er nur von allgemeinen Tendenzen spricht und einzelne Menschen unterschiedlich mit Kulturen umgehen, so glaubt er dennoch, dass das Band oder die Verbundenheit zur eigenen Kultur eine menschliche Grundeigenschaft ist. „I suspect that the causes of this attachement lie deep in the human condition, tied up with the way humans as cultural creatures need to make sense of the world“ (ebd. 1995: 90). Dieses Band ist oft zu stark, um vom Menschen aufgegeben zu werden. Und so fragt sich Kymlicka selbst: „What happened to the much vaunted liberal freedom of choice?“ (ebd. 1995: 90)

[...]

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Will Kymlicka. Ein Kommunitarier wider Willen?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Nordamerikanisches politisches Denken der Gegenwart
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V369186
ISBN (eBook)
9783668470583
ISBN (Buch)
9783668470590
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Will Kymlicka, Michael Sandel, Kommunitarismus, Multikulturalismus, John Rawls, Politische Philosophie
Arbeit zitieren
Michael Simon (Autor), 2016, Will Kymlicka. Ein Kommunitarier wider Willen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369186

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