Das Verhältnis Öffentlichkeit zu Privatheit und Intimität in Daily Talks


Hausarbeit, 2011

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Daily Talk
II.I. Aufbau
II.II. Themen

III. Öffentlichkeit
III. I. Historischer Wandel
III. II. Begriffsdefinition
III. III. Öffentlichkeit und Daily Talk

IV. Intimität und Privatheit
IV. I. Die Privatheit und Intimsphäre im Daily Talk
IV. II. Motivation der Akteure

V. Verhältnis Öffentlichkeit und Privatsphäre im Daily Talk

VI. Schluss

VII. Literatur

I. Einleitung

Seit vielen Jahren gehören Talkshows zum festen Bestandteil der deutschen Fernsehlandschaft und des alltäglichen Nachmittagprogrammes und kaum ein anderes Format ruft so viele Diskussionen und Kritiken hervor wie dieses. Das neue an diesen Sendungen ist, dass private Personen intime, individuelle Themen öffentlich vor einem Massenpublikum besprechen und diese Bearbeitung der Einzelschicksale nicht ein gesamtgesellschaftliches Ziel verfolgt sondern scheinbar ausschließlich der Unterhaltung der Menschen dient. Hierbei werden die Gäste mit mediengeilen Exhibitionisten tituliert während die Zuschauer als Voyeure dargestellt werden, die sich am Leid Anderer ergötzen oder sich daran profilieren wollen (vgl. Fromm 1999, S. 361). Doch was sich anhand von Untersuchungen herausgestellt hat, erfüllen Daily Talks noch ganz andere Zwecke für die Menschen. Dennoch bleiben einige wichtige Fragen ungeklärt. Weshalb wurde das private Gespräch in die Öffentlichkeit verlegt und wie kann es sein, dass die Schamgrenze der Menschen scheinbar zunehmend sinkt und nichts mehr „unausgesprochen“ bleibt? Hierbei handelt es sich doch um ein paradoxes Verhalten der Menschen. Intimes und privates wird in der Öffentlichkeit ausgelebt und macht die Menschen damit verletzlich und angreifbar. Die Grenze zwischen „privat“ und „öffentlich“ ist nicht mehr genau definierbar. Wenn Privatgespräche in der öffentlichen Sphäre stattfinden, was passiert dann noch in der Privatsphäre? Hat diese Entwicklung womöglich den Zerfall der privaten Sphäre oder den Zerfall der Öffentlichkeit als Konsequenz? Dadurch, dass die intimen und privaten Themen in den Daily Talks ausgetragen werden, muss man hierbei von einer gewissen Art von Privatsphäre sprechen, dennoch finden die Gespräche in der Öffentlichkeit statt. Einerseits wird die Öffentlichkeit durch die Daily Talks mit ihren Themen privatisiert, andererseits dringt durch die Daily Talks auch die Öffentlichkeit zunehmend in die Privatsphäre der Menschen ein. Diese Veränderung der Sphären hat einen großen Einfluss auf die Menschen und die Gesellschaft.

In dieser Hausarbeit wird das schwierige Verhältnis der Sphären Öffentlichkeit zu Privatheit und Intimität in Daily Talks behandelt. Zu Beginn werde ich das Format der Talkshows erläutern, auf dessen Grundlage die anderen Kapitel aufbauen. Um sich dem schwer zu definierenden Begriff „Öffentlichkeit“ nähern zu können, werde ich neben der heutigen Begriffsdefinition auch ihren historischen Bedeutungswandel aufzeigen. Anschließend wird das Verhältnis der Öffentlichkeit in Daily Talk betrachtet, um sich dem Problem von der einen Seite zu nähern. Die zweite Seite bildet die Privatsphäre und die Intimität, die ebenfalls im Bezug zu den Daily Talk betrachtet werden muss. So kann man in der abschließenden Diskussion über die beiden Sphären alle möglichen Verhältnisse in Daily Talks auf den Grund gehen. Ich werde mich in dieser Hausarbeit nicht auf eine Perspektive oder einen Autor konzentrieren, sondern ich versuche mich dem Problem von verschiedenen Standpunkten aus zu nähern.

II. Daily Talk

II.I. Aufbau

Seit Anfang der neunziger Jahre werden die täglichen Talkshows im Nachmittagsprogramm der Fernsehsender ausgestrahlt, in denen eine Moderator mit seinen Gästen über ein Thema oder über ihre Person selbst sprechen (vgl. Mikos 1998, S. 437-438). Dabei sind diese Talkshows zu den nonfiktionalen Sendeformaten zu rechnen, da sie sich im Grenzbereich von Information und Unterhaltung befinden. Daily Talks zählen zu den „intimen Formaten“ und zeichnen sich dadurch aus, dass unprominente Privatpersonen mit einem promineneten Moderator über ihr Leben, ihr privates Schicksal oder das Thema der Sendung sprechen. Zudem weist dieses Format einen Live-Charakter auf und der Kommunikationsstil ist alltagsnah und persönlich ( Fromm 1999, S. 361). Es lassen sich zwei verschiedene Arten von Daily Talks unterscheiden. Bei dem „confro talk“ steht der Streit zwischen den Gästen im Mittelpunkt und es findet eine kontroverse Diskussion zwischen den Akteuren statt, während es bei dem „confessional talk“ um die Gäste selbst, ihren Bekenntnisse und außergewöhnlichen Erfahrungen geht. Die Gäste sind hauptsächlich Privatpersonen und keine Prominenten und je nach Thema gibt es auch einen Experten (vgl. Mikos 1998, S. 438). Insgesamt lassen sich vier verschieden Typen von Akteure der täglichen Talkshow unterscheiden: Moderatoren, die Gäste, das Studiopublikum und das Fernsehpublikum (vgl. Mikos 2002, S. 89).

II.II. Themen

Die Analyse der Themen der täglichen Talkshow hat ergeben, dass persönliche Beziehungen, Familie, Freundschaft, Verwandtschaft neben den Themen Gesundheit und Schönheit im Mittelpunkt stehen (Mikos, 2002, S. 90). Sexualität ist dagegen in weniger als zehn Prozent der Sendungen das Thema (Mikos 1998, S. 439). Spannender als die Themen selbst, ist die Art und Weise, wie über diese Themen gesprochen wird. Aufgrund der frontalen Sitzordnung der Gäste zu ihrem Publikum in diesen Studios kann kaum ein Gespräch oder eine Diskussion zwischen den Beteiligten entstehen, vielmehr werden die Gäste den Zuschauern präsentiert Die Sendung ist vergleichbar mit einer Aufführung, da die Gäste auf der Bühne ihre Geschichte, ihre Privatsphäre und Intimität preisgeben (vgl. Mikos 2002, S. 92-93).

Da es zu keinem diskursiven Gespräch zwischen den Gästen kommt, werden die behandelten Themen emotionalisiert und personalisiert und „so auf einen Diskurs der subjektiven Betroffenheit reduziert“ (Mikos 1998, S. 439). Durch diese Darstellung werden die Gäste zu „Opfern“ gemacht, die von ihrem „Leiden“ berichten und die dadurch mit „Schauspielern“ einer melodramatischen Inszenierung verglichen werden können(vgl. ebd., S. 440).

III. Öffentlichkeit

In der Alltagssprache verwendet man der Begriff „Öffentlichkeit“ in unterschiedlichen Situationen, da er mehrere Bedeutungen hat. Zum einen versteht man darunter den öffentlichen Raum, also grob gesprochen die Welt außerhalb der eigenen vier Wände. Zum anderen beschreibt es aber auch alle Faktoren, die zur Bildung der öffentlichen Meinung beitragen, welche für die politischen Meinungsbildung essentiell ist. Öffentlichkeit umfasst vor allem alle Themen, die die Allgemeinheit, also die Gesellschaft betreffen. Und letztendlich gehören zu Öffentlichkeit auch jegliche Art von Medien, die den Menschen Informationen übermitteln, die zur Bildung der öffentlichen Meinung beitragen.

Diese verschiedenen Bedeutungszuweisungen zeigen auch die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen die mit diesem Begriff arbeiten, wie etwa der juristische, politische, soziologische und kommunikationswissenschaftliche Bereich.

So finden sich auch in der sozialwissenschaftlichen Literatur verschiedene Definitionen, jedoch keine Einheitliche. Auch Jürgen Gerhards und Friedrich Neidhardt bemängelten den Wissensstand der Sozialwissenschaften zu der Definition sowie der Strukturen und Funktionen der Öffentlichkeit (vgl. Gerhard/Neidhart 1990, S. 4-5). Dies ist umso unverständlicher, wenn man die häufige Nutzung dieses Begriffes und deren vielseitiger Aussage betrachtet, die von keiner wissenschaftlichen Disziplin stichhaltig definiert wurde.

Dennoch kann man anhand mehrerer Arbeiten diesen Begriff von verschiedenen Seiten betrachten, veranschaulichen und greifbar machen. Beginnen werde ich mit der historische Entwicklung des Begriffes und dessen Bedeutungswandel, um anschließend auf das heutige Verständnis einzugehen.

III. I. Historischer Wandel

Der Bedeutungswandel des Wortes „öffentlich“ in der Geschichte zeigt die Vielseitigkeit dieses Begriffes. In der englischen Sprache ist „the puplic“ in der frühesten belegten Bedeutung mit dem Gemeinwohl einer Gesellschaft gleichgesetzt. Im Laufe der Jahrzehnte bekam das Wort eine zusätzliche Bedeutung: es wurde mit dem verbunden, was offensichtlich und der allgemeinen Beobachtung zugänglich ist. Ab Ende des 17. Jahrhunderts verband man mit „öffentlich“, „dem prüfenden Blick von jedermann zugänglich“. (Sennet 1983, S. 29). Dieses Verständnis von „öffentlich“ gilt auch in der heutigen Zeit noch. Erst im 18. Jahrhundert bildete sich der Begriff „Öffentlichkeit“ aus dem Adjektiv „öffentlich“ und beschrieb den Bereich der allen zugänglich und offen ist. Im Laufe des 19. Jahrhunderts fügte sich zusätzlich noch die Bedeutung eines Personenverbandes an, als deutsches Wort für den Begriff „Publikum“ ( vgl. Gerhards/Neidhardt 1990, S. 3).

In der französischen Sprache hat sich die Bedeutung von „le public“ ähnlich entwickelt. In der Renaissance wurde es im Sinne von Gemeinwohl oder Staatskörper verwendet. Mit der Zeit verband man auch damit einen bestimmten Bereich von Geselligkeit, welches das Schauspielpublikum beschreibt (vgl. Sennet 1983, S. 30).

Im frühe 18. Jahrhundert nahm das Wort „public“ seine moderne Bedeutung an und beschreibt „nicht nur einen Gesellschaftssektor neben dem Feld der Familie und der engen Freundschaften, es besagte vielmehr auch, daß dieser aus Bekannten und Fremden gebildete öffentliche Bereich eine relativ große Vielfalt an Menschen umschoß“ (vgl. ebd.). Das heißt, „öffentlich“ bezeichnet „ein Leben außerhalb des Familien- und Freundeskreises“ (Sennet 1983, S. 31). Die Bürger der Hauptstädte versuchten ein Gleichgewicht zwischen der Sphäre „Öffentlich“ mit den Ansprüchen der Zivilisation und der Sphäre „Privat“, mit den natürlichen, familiären Ansprüchen herzustellen. Die Menschen setzten das Öffentliche mit der Kultur und das Private mit der Natur gleich (vgl. ebd., S. 111). Denn „In der Öffentlichkeit schuf sich der Mensch; im Privaten, vor allem innerhalb der Familie, verwirklicht er sich“ (Sennet 1983, S 32).

Im Laufe des 18. Jahrhunderts bildete sich auch der Begriff der "bürgerlichen Öffentlichkeit". Als Gegenstück zur Obrigkeit begann sich die bürgerliche Gesellschaft zu etablieren. Die Herrschaft wurde durch Privatpersonen kontrolliert, die die öffentliche Meinung mit dem Ziel der Rationalisierung von Herrschaft konstituierten. Die öffentliche Meinung entstand durch den Zusammenschluss des raisonnierenden Publikums. In den großen Städten bildeten sich Kommunikationsnetzte, die den Anspruch entwickelten, dass politische und staatliche Themen und Geschäfte zu „öffentlich diskutierbaren Angelegenheit avancieren müsse“ (Imhof, Schulz 1998,. S 9). Während dieser Entwicklung kam wieder die klassische aristotelische Einteilung von Öffentlichkeit und Privatheit zum Vorschein: „Öffentlichkeit konstituierte sich als herrschaftsemanzipierte Sphäre eines umfassenden Diskurses, in der mündige Bürger kraft ihrer Unabhängigkeit von Herrschaftszwängen vernünftig über öffentliche Angelegenheiten zu urteilen und zu entscheiden in der Lage waren“ (vgl. ebd., S. 9). Jedoch im 19. Jahrhundert löste „sich die Illusion einer Öffentlichkeit als herrschaftsemanzipierte Sphäre rationalen Diskurses auf“, da sich nicht die Vorstellungen der Aufklärung realisieren ließen (ebd., S. 10). Zudem veränderte sich der Bereich der Öffentlichkeit auch durch die Wechselwirkung mit dem Kapitalismus, der die öffentliche Sphäre aufteilte. Zum einen wurde die Familie zu einer idealisierten Zufluchts- und Rückzugsstätte, während die öffentliche Sphäre als moralisch fragwürdig erschien(vgl.ebd., S. 38). Zum anderen traten nun materielle Elemente im Bereich der öffentlichen Sphäre auf, durch die sich Gewinn erzielen ließ

Die strenge Trennung des 18. Jahrhunderts der beiden Sphären Öffentlichkeit und Privatheit löste sich im 19. Jahrhundert durch den Psychologisierungsprozess der Menschen langsam auf (vgl. Sennet 1983, S. 34-35). Man versucht die Menschen auf der Straße, in der Öffentlichkeit einzuschätzen und psychologisiert dafür jegliche Handlungen der Menschen, um dessen Glaubhaftigkeit und Integrität aus seinem Erscheinungsbild zu ermitteln. Dadurch, dass die Menschen versuchen sich im Gegenüber zu spiegeln und wiederzuerkennen, verliert der andere seine Identität und Bedeutung. So kann keine freie Kommunikation und Interaktion entstehen, die die Basis einer funktionierenden Öffentlichkeit darstellt. Diese Entwicklung und den heutigen Zustand nennt Richard Sennet die „Tyrannei der Intimität“. Der „Verfall“ der Öffentlichkeit wird im 20. Jahrhundert durch elektronischen Medien beschleunigt, die die Öffentlichkeit in die Privatsphäre der Menschen befördert (vgl. ebd., S. 379-381).

III. II. Begriffsdefinition

Bei Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt wird unter Öffentlichkeit „ein ausdifferenziertes Kommunikationssystem verstanden, dessen Funktion darin besteht, zwischen den Meinungen und Interessen der Bürger und der kollektiven Akteure einer Gesellschaft einerseits und dem politischen System andererseits zu vermitteln“ (Gerhards/Neidhart 1990, S. 1).

Diese politische Perspektive zeigt, dass Demokratie ohne Öffentlichkeit nicht möglich ist, da sich die Menschen mit Hilfe des öffentlichen Diskurses ein Bild über ihre Wirklichkeit machen können auf dessen Grundlage ihre Beteiligung an der politischen Gestaltung beruht (vgl. Krotz 2009, S. 4).

Friedrich Neidhardt versteht Öffentlichkeit als Kommunikation, als ein offenes Kommunikationsforum, welches für alle zugänglich ist, die etwas zu sagen haben oder hören wollen, was anderes zu sagen haben. Die Sprecher und Kommunikateure geben ihre Meinungen über gewisse Themen öffentlich bekannt, während das Publikum dies beobachtet. Die Größe des Publikums ist dem Sprecher jedoch nicht bekannt (vgl. Neidhardt 1994, S. 7).

Bei großer Übereinstimmung bei bestimmten Themen spricht man schließlich von „öffentlicher Meinung“, also „als herrschende Meinung unter den Öffentlichkeitsakteuren“ (Gerhards/Neidhart 1990, S. 7). Diese Meinung muss jedoch nicht mit der Bevölkerungsmeinung übereinstimmen. Wenn dies jedoch zutrifft, dann entsteht ein relativ großer Druck auf die politischen Akteure in Demokratien (vgl. ebd., S. 8).

Massenmedien stellen eine dritte Größe neben den Sprechern und dem Publikum im sozialen Feld Öffentlichkeit dar. Dabei geht der interaktive Zusammenhang zwischen Sprecher und Publikum verloren, was wiederum zu einer höheren Reichweite der Sprecher und einem größeren Publikum führen kann. „Öffentliche Kommunikation wird zur Massenkommunikation“ durch die Massenmedien (Neidhardt 1994, S. 10). Dadurch erlangen die Massenmedien einen großen Einfluss auf die öffentliche Kommunikation und Habermas spricht hierbei von einer neuen Kategorie von Einfluss, der „Medienmacht“ (vgl. Habermas 1991, S.28). Dadurch ist es auch verständlich, dass sich die gegenwärtige Öffentlichkeitsforschung viel mit der Medienmacht beschäftigt.

Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt verstehen Öffentlichkeit also als ein intermediäres System, ein Kommunikationssystem, welches zwischen dem politischen System und den Bürgern sowie den Ansprüchen anderer Teilsysteme der Gesellschaft vermitteln soll (vgl. Gerhards/Neidhardt 1990,S. 12). In diesem Kommunikationssystem laufen drei Informationsverarbeitenden Prozesse ab: Es werden Informationen gesammelt (Input), die anschließend verarbeitet (Throughput) und angewendet werden (Output). So entsteht durch das System eine öffentliche Meinung, die in der öffentlichen Kommunikation eine relativ starke Zustimmung erfährt, jedoch nicht die Meinung Aller ist (vgl. ebd., S. 12-13).

Grundsätzlich dürfen potenziell alle Mitglieder einer Gesellschaft an diesem System teilnehmen und das System orientiert sich an den Menschen, ist also von allen verstehbar. Das Publikum ist immer unabgeschlossen, es herrscht somit eine Offenheit des Systems. Öffentlichkeit schließt damit nicht nur die Kommunikation unter Anwesenden, sondern auch mit Abwesenden ein, wie zum Beispiel massenmediale Kommunikation (vgl. ebd., S. 15-16).

Zudem verstehen die Beiden Öffentlichkeit als ein in mehreren Ebenen differenziertes System, welche sich einerseits nach der Anzahl der Kommunikationsteilnehmer, andererseits nach dem Ausmaß der strukturellen Verankerung unterscheiden. Die erste Ebene kann man als kleine Öffentlichkeit oder Interaktionsöffentlichkeit bezeichnen, die entsteht, sobald Menschen zufällig aufeinander treffen und miteinander kommunizieren (vgl. ebd., S. 20). Diese Form von Öffentlichkeit bildet die elementarste Form von Öffentlichkeit (vgl. ebd., S. 25).

Die zweite Ebene umfasst jegliche Art von Veranstaltungen und ist damit ein öffentliches, thematisch zentriertes Interaktionssystem, welches als Versammlungsöffentlichkeit bezeichnet wird(vgl. ebd., S. 22).

Die letzte und komplexeste Ebene umfasst die Medienöffentlichkeit mit den Massenmedien. Sie unterscheidet sich von den beiden anderen Ebenen hauptsächlich darin, dass sie eine entwickelte technische Infrastruktur voraussetzt, welche eine großflächige und kontinuierliche Beeinflussung der öffentlichen Meinung ermöglicht (vgl. ebd., S. 23-24). Die Medienöffentlichkeit mit den Rezeptionsmedien Zeitung, Fernsehen, Radio, Internet und Mobilfunkdiensten haben die Aufgabe, Öffentlichkeit herzustellen (vgl. Krotz 2009, S. 5).

Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt gehen davon aus, dass „mit zunehmender Ebene […] die Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die Prozesse von Informationssammlung, -Verarbeitung und - Anwendung“ steigt (vgl. ebd., S. 25).

III. III. Öffentlichkeit und Daily Talk

Nun stellt sich die Frage, in welchem Maße die Talkshow als öffentlich zu bezeichnen ist beziehungsweise welche Art von Öffentlichkeit in solchen Formaten entsteht.

Bei einer Talkshow handelt es sich um eine doppelt konstruierte Öffentlichkeit, da einerseits die Öffentlichkeit des Fernsehstudios und andererseits die Öffentlichkeit des Mediums Fernseher gibt (vgl. Mikos 2002, S. 89). Somit gibt es also auch zwei verschiedene Arten von Zuschauern: das Publikum in Studio und das Publikum vor dem Fernseher. Daraus folgt, dass in Talkshows eine öffentliche Kommunikation stattfindet, denn durch die Fernsehübertragung entsteht Kommunikation mit Abwesenden, obwohl die „eigentliche“ Kommunikation unter Anwesenden vollzogen wird. Ein Merkmal der öffentlichen Kommunikation ist, dass sich Fremde miteinander austauschen, obwohl sie sich unbekannt sind (vgl. Gerhards/Neidhardt 1990, S.16). Da die Kommunikation über das Fernsehen übertragen wird, handelt es sich bei den Daily Talk um eine öffentliche Massenkommunikation und diese Formate sind der Ebene der Medienöffentlichkeit zuzurechnen (vgl. ebd., S. 25).

Jedoch ist die Grundbedingung jeglicher Öffentlichkeit, der freie Zugang aller Mitglieder der Gesellschaft, nicht erfüllt, da sich zwar jeder bewerben kann und auch potenziell eine Change hat, die Gäste jedoch nach ihrer Geschichte hin bewusst ausgewählt werden. Es wird nicht jeder eingeladen und so kommt auch nicht jeder zu Wort, der etwas zu sagen hätte. Andererseits kommen nun hier Menschen zu Wort, „die bisher von der bürgerlichen Öffentlichkeit weitgehend ausgeschlossen blieben“ (Mikos 1998, S. 446).

Die Talkshowthemen sind stark der Privatsphäre zuzurechnen, da sie einerseits sehr intim sind und andererseits auch nicht Gesellschaft betreffende Themen darstellen. Nun stellt sich die Frage, ob es sich dann um eine relativ private Situation handelt, die nur in die Öffentlichkeit übertragen wird? Aufgrund des Studiopublikums, der Fernsehübertragung und der Fremdheit der Situation für die Gäste muss man bei den Daily Talks von einer Öffentlichkeit sprechen und kann diese Sendungen nicht der Privatsphäre zuordnen.

Das von Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt beschriebene Kommunikationssystem mit den drei Informationsverarbeiteten Prozessen kann man auch bei den Daily Talks zur Gewinnung einer öffentlichen Meinung anwenden (vgl.Gerhards/Neidhardt 1990, S.12-13). Wobei man hier anmerken muss, dass dieses System sich eigentlich auf den politischen Bereich und deren Meinungsfindung bezieht.

Zu dem Prozess der Informationssammlung kann man die Erzählung des Gastes und die genannten Fakten zum Verständnis seines Schicksales zählen. Diese Informationen können nun in Gespräch mit der ModeratorIn oder den anderen Akteuren verarbeitet werden, so dass schließlich die verarbeiteten gesammelten Informationen angewendet werden. „Unter Anwendung verstehen [Gerhard und Neidhardt] die Übersetzung von Informationen in Entscheidungen“ (Gerhards/Neidhardt 1990, S. 14). Dies zeigt sich einerseits durch eine formulierte Problemlösung oder direkte Handlungsentscheidung und andererseits durch die Gewinnung einer Art öffentlichen Meinung. Diese bildet sich in dem Sinne, dass alle Beteiligten die Geschehnisse moralisch einordnen und schließlich eine öffentliche moralische Meinung entsteht, die von der Mehrheit der Akteure getragen wird (vgl. ebd., S. 12).

Auch wenn die „privaten“ Gespräche über Einzelschicksale und deren Problemlösungsansätze an sich nicht auf die Gesellschaft übertragbar sind, können sie über die moralische Abhandlung gesamtgesellschaftliche Bedeutung haben (vgl. Mikos 2002, S. 91).

IV. Intimität und Privatheit

Um sich der bereitwilligen Veröffentlichung der eigenen Privatsphäre und intimen Themen in Formaten der Daily Talks nähern zu können, erscheint es sinnvoll, sich mit dem Begriff der Intimität und Privatheit näher auseinander zu setzen.

Was jedoch genau zum Bereich der Intimsphäre zu zählen ist, ist nicht genau definiert und je nach Land oder Kultur auch verschieden. Im Alltagsverständnis stellt die Privatsphäre das Gegenstück zur Öffentlichkeit dar und beschreibt das Leben in den eigenen vier Wänden, das ungesehen von der Öffentlichkeit ist. Die Intimsphäre umfasst die Sexualität und sehr emotionale oder prekäre Themen.

Nach Thomas Jung und Stefan Müller-Doohm lassen sich drei Bestimmungen des Privaten unterscheiden. Zum einen gibt es die Bestimmung des Privaten im juristischen Kontext, das Handlungen, die nicht in der Öffentlichkeit, also vor allen anderen durchgeführt werden, als privat definiert (vgl. Jung/Müller-Doohm 1998, S. 141). Zudem ist das Private ein „verkleinertes Spiegelbild der institutionalisierten Gewalt des Volkes“(ebd., S. 142). Des weiteren gibt es noch den räumlichen Kontext des Privaten, bei der das „Häusliche“ den Praxisbereich des Privaten beschreibt und vor der Öffentlichkeit abgrenzt. Als letzte Dimension wird noch die ökonomische Bestimmung des Privaten definiert. Hierbei stellt das Private autonome Haushalte dar, die nicht nach gemeinschaftlichen, sondern nach eigenem Nutzen handeln (vgl. ebd., S. 142).

Letztlich wird sichtbar, dass sich das Private aus dem Gegensatz, dem Öffentlichen definiert. Als mögliche vierte Dimension kann eine weitere Bestimmung des Privaten abgeleitet werden. „Eine Bestimmung, die sich mit dem Tabu und vor allem mit dem Begriff des Geheimen systematisch verbindet“ (ebd., S. 142). Das „Geheime“ kommt von dem Wort „Secret“ und lässt sich mit das „Nicht-Gesagte“ übersetzten. Hier lässt sich eine Grenze erkennen: „das Gesagte vom Ungesagten“(ebd., S. 143) trennt gewissermaßen zwischen Verborgenheit und damit verbunden Privatheit und der Offenlegung, also der Öffentlichkeit.

Kurt Imhof und Peter Schulz beschäftigen sich mit der Veröffentlichung des Privaten sowie der Privatisierung des Öffentlichen und sie stellten fest, dass beides „den klassischen Dualismus Öffentlichkeit und Privatheit nachhaltig“ (Imhof/Schulz 1998, S. 11) verändert. Durch die 68er Bewegung wird das Private politisch beansprucht und erlangt dadurch gesamtgesellschaftliche Geltung. Im Journalismus, aber auch in den Formaten der Talkshows führte diese Entwicklung und Entblößung der Menschen zur „sicheren“ Erfolgssteigerung und es verschmilzt dabei Privates mit Politischen, was zur ersatzlosen Auflösung des klassischen Dualismusen von Öffentlichkeit und Privatheit führt (vgl. ebd., S. 13).

Sennett kritisiert in seinem Buch "Die Tyrannei der Intimtität" die psychologische Einstellung der Menschen heute zum Leben, die er "intime Sichtweise der Gesellschaft" (Sennet 1983, S. 17) nennt. Mit Intimität verbindet man Wärme, Vertrauen und die Möglichkeit zu offenem Ausdruck von Gefühlen " (Sennet 1983, S. 17) , die Öffentlichkeit wirkt dagegen schal und leer. Er behauptet, wir suchen in der Privatsphäre nach einem Spiegelbild dessen, „was an unserer Psyche, an unseren Gefühlen authentisch ist“(ebd., S. 16). Die Menschen erwarteten diese Intimität allerdings in allen Erfahrungsbereichen, was große Teile des öffentlichen Lebens nicht bieten können. Dies hat „zu einer Verwirrung zwischen dem öffentlichen und dem intimen Leben geführt“ (Sennett 1983, S. 17). Laut Sennet verliert die Welt intimer Empfindungen alle Grenzen, da sie nicht mehr von einer öffentlichen Welt begrenzt wird, „die einer Art Gegengewicht zur Intimität darstellen würde“(ebd., S. 19). Sie verliert alle Grenzen, da die Menschen fälschlicherweise unpersönliche Verhaltensweisen und Fragestellung persönlich nehmen (vgl. ebd., S. 19). Dadurch, das versucht wird, die Privatheit zum Selbstzweck aber auch zum Grundprinzip der Gesellschaft zu machen, setzt der Verfall der öffentlichen Sphäre ein (vgl. ebd., S.16, S. 381).

Lothar Mikos definiert Privatheit als einen Ort, „ in dem das Subjekt idealiter sein Selbst entfalten kann, ohne gesellschaftlichen Zwängen gehorchen zu müssen(…)“ (Mikos 2002, S. 88) und ohne von einem Publikum beobachtet zu werden. Die Intimität bezieht sich dagegen „auf den Körper, die Sexualität, die Gefühle und die Innerlichkeit (…)“ (ebd., S. 88) eines Menschen. Die Intimsphäre bildet den Gegensatz zur Öffentlichkeit. Für die Subjekte haben sich Schamgrenzen entwickelt, um das Intime von der Öffentlichkeit abzugrenzen. So sind intime Handlungen und Äußerungen in der Privatsphäre möglich, da hier die Schamgrenze nicht so hoch ist, wie in der Öffentlichkeit (vgl. ebd., S. 89).

All diese genannten Autoren kommen also zu dem Schluss, dass sich die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verändert hat und sich weiter verändern wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis Öffentlichkeit zu Privatheit und Intimität in Daily Talks
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut der Soziologie)
Veranstaltung
Theorie - Öffentlichkeiten ohne "Öffentlichkeit" - Kommunikation ohne Netz
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V369282
ISBN (eBook)
9783668480933
ISBN (Buch)
9783668480940
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Öffentlichkeit, Privatheit, Daily Talk, Intimität, Theorie, historischer Wandel, Begriffsdefinition
Arbeit zitieren
Veronika Waldenmaier (Autor), 2011, Das Verhältnis Öffentlichkeit zu Privatheit und Intimität in Daily Talks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369282

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