Erinnerungskonzepte bei Walter Benjamin und Marcel Proust. Eine Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Erinnerung bei Walter Benjamin
2.1. Erinnerung in der Berliner Kindheit um 1900
2.1.1. Vorwort
2.1.2. Loggien
2.1.3. Schmetterlingsjagd
2.1.4. Wintermorgen
2.1.5. Der Lesekasten
2.1.6. Konzeption der Berliner Kindheit
2.2. Zusammenfassung

3. Erinnerung bei Marcel Proust
3.1. Erinnerung in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
3.2. Zusammenfassung

4. Erinnerung bei Benjamin und Proust im Vergleich

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit, welche ich im Rahmen des Hauptseminars: ÄBerliner Kindheit um 1900“, verfasst habe, behandelt die Erinnerungskonzeptionen bei Walter Benjamin und Marcel Proust. Veranlasst- dieses Thema zu behandeln- hat mich die Tatsache, dass Walter Benjamin lange Zeit als Übersetzer von Proust gearbeitet hat und in einem Brief an Scholem erwähnt, dass ihn die Arbeit an Proust erheblich in seinem eigenen Denkprozess beeinträchtigt und er eine Art innerer Vergiftungserscheinungen verspürt[1]. Dies legt- angesichts der Tatsache, dass Benjamin in seiner Berliner Kindheit, genauso wie Proust, das Thema der Erinnerung behandelt- die Vermutung nahe, dass sein Werk eigentlich nur eine Kopie von Prousts À la recherche du temps perdu darstellt. Diese Ansichten vertreten auch einige Autoren, wie beispielsweise Nicolas Pethes, der zwar einerseits erwähnt, dass Benjamin versuche sich von Proust abzugrenzen, der andererseits aber auch betont dass diese Versuche wirkungslos seien, da er- seines Erachtens- trotzdem eine Negativfolie Prousts darstellt[2]. Diesen Behauptungen wollte ich im Rahmen dieser Arbeit nachgehen.

Auf der Grundlage der wissenschaftlichen Ausgangslage bin ich zu Beginn der Arbeit von der These ausgegangen, dass Benjamins Erinnerungskonzeption in der Berliner Kindheit tatsächlich ausschließlich eine Kopie der Erinnerungskonzeption in Prousts Recherche[3] darstellt, was jedoch nicht bestätigt werden konnte, da die entscheidenden Merkmale beider Erinnerungsformen sogar in starkem Kontrast zueinander stehen. Dieses Resultat wird im Folgenden unter der Leitfrage: ÄStellt Benjamins Erinnerungskonzeption in der Berliner Kindheit nur eine Kopie der Erinnerungskonzeption in Prousts Recherche dar?“ Schritt für Schritt erarbeitet.

Der Beginn, wie auch der Großteil dieser Arbeit, gilt dabei Walter Benjamins Erinnerungskonzeption in der Fassung letzter Hand seiner Berliner Kindheit, da er und diese Fassung den Schwerpunkt des Seminars bildeten, im Rahmen dessen diese Arbeit erstellt wurde. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, auf jede einzelne Episode in der Berliner Kindheit einzugehen, werde ich mich ausschließlich auf fünf dieser Episoden beschränken, in denen sein Erinnerungsverständnis sehr deutlich zum Ausdruck kommt, wobei eine dieser Episoden- nämlich Der Lesekasten- gar nicht mehr in der Fassung letzter Hand enthalten ist. Da die Episode aber dennoch von großer Bedeutung ist, um die Erinnerungskonzeption Benjamins zu verstehen, habe ich hier eine Ausnahme gemacht und sie dennoch im Rahmen dieser Arbeit untersucht. Nach einer abschließenden Zusammenfassung zur Erinnerungskonzeption Benjamins, wird dann auf Marcel Proust Bezug genommen. Hier werde ich mich jedoch lediglich auf einen Ausschnitt seines circa dreitausendseitigen Werks beziehen[4]- nämlich auf die Madeleine-Episode- da diese bereits alle wichtigen Facetten von Prousts Erinnerungsvorstellung beinhaltet[5]. Abschließend werde ich dann noch einen Vergleich zwischen beiden Erinnerungskonzeptionen ziehen und herausstellen, warum es nicht stimmt, dass Benjamin Prousts Vorstellungen einfach übernimmt, sondern mit der Berliner Kindheit eine eigene Erinnerungstheorie entwickelt.

Wichtig ist noch zu erwähnen, dass in dieser Arbeit immer die Protagonisten der Werke gemeint sind, wenn von Marcel oder Walter gesprochen wird, wohingegen die Nachnamen der Autoren darauf hinweisen, dass von ihnen selbst gesprochen wird.

Bezüglich der formalen Kriterien der Arbeit orientiere ich mich außerdem an der 17. Auflage, des Werks Arbeitstechniken Literaturwissenschaft von Burkhard Moennighoff und Eckhardt Meyer- Krentler.

2. Erinnerung bei Walter Benjamin

2.1. Erinnerung in der „Berliner Kindheit um 1900“

2.1.1. Vorwort

Ich hatte das Verfahren der Impfung mehrmals in meinem inneren Leben als heilsam erfahren; ich hielt mich auch in dieser Lage daran und rief die Bilder, die im Exil das Heimweh am stärksten zu wecken pflegen- die der Kindheit- mit Absicht in mir hervor.[6]

Dies ist einer der ersten Sätze, den Walter Benjamin im Vorwort seiner Berliner Kindheit um 1900 niederschreibt. Die Impfung, von der er hier spricht, kann in diesem Kontext, als Abwehr gegen das Vergessen, aber auch gegen die Sehnsucht nach der vergangenen Zeit verstanden werden. Diese Abwehr- sowohl des Vergessens, als auch der Sehnsucht- gelingt seines Erachtens, wenn die Erinnerungen an die Kindheit willentlich hervorgerufen werden. Er möchte jedoch nicht einfach nur Bilder seiner Vergangenheit, sondern Äim emphatischen Sinne wahre Bilder heraufbeschwören“[7], was seiner Ansicht nach nur gelingen kann, wenn vom Individualitätsanspruch Abstand genommen wird[8]:

Das hat es mit sich gebracht, daß die biographischen Züge, die eher in der Kontinuität als in der Tiefe der Erfahrung sich abzeichnen, in diesen Versuchen ganz zurücktreten. […] Dagegen habe ich mich bemüht, der Bilder habhaft zu werden, in denen die Erfahrung der Großstadt in einem Kinde der Bürgerklasse sich niederschlägt.[9]

Nur, wenn Erinnerungen nicht ausschließlich subjektiv sind, sondern objektive Prozesse herangezogen werden[10], kann, nach Benjamin, demnach von authentischen Erinnerungsbildern gesprochen werden. Dies sei allerdings auch nur bedingt der Fall, weil Vergangenes nie vollständig ins Gedächtnis zurückgerufen werden könne. Da Erinnerungen, nach Benjamin, dementsprechend nicht lückenlos und wirklichkeitsgetreu hervorgerufen werden können, geht es ihm in der Berliner Kindheit vielmehr um Ädie Erinnerung an die magisch-animistischen Wahrnehmungsweisen des Kindes, die sich als ausgezeichnete Zugangsformen zum Erinnerungsprozeß selbst erweisen“[11], als um die direkte Darstellung persönlicher Erinnerungen, wodurch er sich von klassischen Autobiographien abgrenzt.[12]

Einen weiteren Aspekt, den Benjamin bezüglich seiner Vorstellung von Erinnerung im Vorwort anspricht, ist, dass Erinnerungen auch etwas Zukünftiges in sich tragen können:

Dagegen sind die Bilder meiner Großstadtkindheit vielleicht befähigt, in ihrem Innern spätere geschichtliche Erfahrungen zu präformieren. In diesem wenigstens, hoffe ich, ist es wohl zu merken, wie sehr der, von dem hier die Rede ist, später der Geborgenheit entriet, die seiner Kindheit beschieden gewesen war.[13]

Bereits im Vorwort finden sich folglich Hinweise darauf, welche Form von Erinnerung Gegenstand der Berliner Kindheit ist und über welches Verständnis von Erinnerung Benjamin demnach generell verfügt.

2.1.2. Loggien

Einige dieser Aspekte werden auch in der ersten Episode der Berliner Kindheit, den Loggien, erneut und ausführlicher aufgegriffen. So beginnt der Abschnitt mit den Worten:

Wie eine Mutter, die das Neugeborene an ihre Brust legt ohne es zu wecken, verfährt das Leben lange Zeit mit der noch zarten Erinnerung an die Kindheit. Nichts kräftigte die meine inniger als der Blick in Höfe, von deren dunklen Loggien eine, die im Sommer von Markisen beschattet wurde, für mich die Wiege war, in die die Stadt den neuen Bürger legte.[14].

Es wird deutlich, dass der ursprüngliche Zustand der Identität, welcher als Kind entwickelt wurde, nach Benjamin, im Laufe der Zeit verloren geht[15]. Wir werden mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter demnach Äneu geboren“ und können uns nur noch bedingt an Erlebnisse unserer Kindheit erinnern. Dies entspricht der- eingangs bereits formulierten- These, der Unwiderbringlichkeit des Vergangenen. Dennoch versucht sich Walter an seine Kinderzeit zu erinnern, indem er anfängt von den Loggien, die seine Kindheit so sehr prägten, zu berichten. Dass Walter sich in seiner Erinnerung viel mit den Gegenständen, die ihn umgeben, beschäftigt, verweist nochmals darauf, dass das Objektive für die Entstehung von Subjektivität, laut Benjamin, besonders wichtig ist. Allerdings liegt genau in dieser Beschreibung der Objekte für Benjamin die eigentliche Entfremdung von der Realität, da Kinder die Welt um sich herum völlig verzerrt wahrnehmen, was sich selbsterklärend dann auch auf die Erinnerungen auswirkt.[16] Diese verzerrte Wahrnehmung wird insbesondere in folgendem Satz deutlich:

Die Karyatiden, die die Loggia des nächsten Stockwerks trugen, mochten ihren Platz für einen Augenblick verlassen haben, um an dieser Wiege ein Lied zu singen, das wenig von dem enthielt, was mich für später erwartete, dafür jedoch den Spruch, durch den die Luft der Höfe mir auf immer berauschend blieb.[17]

Hier findet sich, mit den Karyatiden, die ihren Platz für einen Augenblick verlassen, eine Personifikation, welche für kindliche Wahrnehmung typisch ist, die ein Erwachsener aber als verzerrtes Bild wahrnehmen würde. Die kindliche Weltwahrnehmung kann sichgemäß Benjamin- daher unmöglich wieder aneignen lassen[18].

Dass Erinnerungen- nach Benjamin- zum Großteil verfälscht sind, verdeutlicht im folgenden Satz auch seine Bezugnahme auf Allegorien:

Ich glaube, daß ein Beisatz dieser Luft noch um die Weinberge von Capri war, in denen ich die Geliebte umschlungen hielt; und es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die über meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienhöhe über die Höfe des Berliner Westens.[19]

Unter einer Allegorie versteht Benjamin eine ÄFigur der Vergangenheitsdarstellung ohne Kontinuitätsunterstellung“[20]. Er spricht dieser einen Äwillkürlichen Bezug zwischen Zeichen und Bezeichnetem“ zu und folgert daraus, dass ihre Bedeutung potentiell austauschbar- und damit auch vergänglich ist. Sie kann also- genauso wie die Erinnerung- immer wieder mit neuen Bedeutungen verknüpft werden[21]. Da sich die Bedeutungen demnach immer wieder aktualisieren und an die Gegenwart anpassen, kann es- Benjamin zufolge- passieren, dass Vergangenes in Vergessenheit gerät. Vergangenheitsbilder sind demnach immer an die gegenwärtige Situation geknüpft und verändern sich, sobald diese vergeht[22]. Dadurch, dass auch Erinnerungen willkürlich und potentiell austauschbar sind, ist es so, dass nur das erinnert wird, was erinnert werden will. So betont Benjamin, dass auch Geschichte immer nur Siegergeschichte sei, da nur diejenigen, die beispielsweise einen Krieg überleben, entscheiden, was überliefert werden soll und was nicht. Die Aufgabe an die Erinnerung bestehe demnach darin, sich auch dem Nicht-Erinnerten anzunähern und vermeintliche Kontinuitäten aufzulösen[23].

Dass Benjamin, laut dieser Aussage, historischen Überlieferungen eher skeptisch gegenüber steht, verwundert beim Anblick der vielen Anspielungen und Bezugnahmen auf historische Ereignisse in der Berliner Kindheit. So sind beispielsweise die Wände der Loggia, die Walter Schutz verleihen, in ein Äpompejanisches Rot“[24] getaucht. Dies erinnert an die römische Stadt Pompeji, die durch den Ausbruch des Vesuv zerstört worden war und zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eine der wichtigsten Archäologiestätten in die Geschichte eingeht[25]. Durch die Bezugnahme auf dieses historische Ereignis wird eine Verbindung zwischen dem Vulkanausbruch und der nationalsozialistischen Machtergreifung, durch die Benjamin seine Heimat unter sich begraben sah, hergestellt.

[...]


[1] Teschke, Henning: Proust und Benjamin. Unwillkürliche Erinnerung und dialektisches Bild. Würzburg: Königshausen & Neumann 2000, S.113

[2] s. Lemke, Anja: Gedächtnisräume des Selbst͘ Walter Benjamins „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“͘ 2͘ uflage͘ Würzburg: Königshausen & Neumann, 2008, S.11

[3] Eigentlich À la recherche du temps perdu, hier aber im Folgenden nur noch Recherche genannt.

[4] s. Szondi, Peter: Schriften II. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978, S.287

[5] s. Teschke, H.: Proust und Benjamin, S.35

[6] Benjamin, Walter: Berliner Kindheit um 1900. 3. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2012. S.9

[7] Berndt, Frauke: Anamnesis. Studien zur Topik der Erinnerung in der erzählenden Literatur zwischen 1800 und 1900 (Moritz-Keller-Raabe). Tübingen: Niemeyer 1999., S.418f.

[8] s. ebd., S.419

[9] Benjamin, W.: Berliner Kindheit, S.9

[10] s. Teschke, Henning: Proust und Benjamin, S.142

[11] Lemke, Anja: Gedächtnisräume des Selbst, S.7

[12] s. ebd., S.11

[13] Ebd. S.9f.

[14] Benjamin, W.: Berliner Kindheit, S.11

[15] s. Berndt, F.: Anamnesis, S.422

[16] s. Teschke, Henning: Proust und Benjamin, S.143

[17] Benjamin, W.: Berliner Kindheit, S.11

[18] s. Lemke, A.: Gedächtnisräume des Selbst, S.13

[19] Ebd., S.11

[20] Pethes, Nicolas: Krise und Kritik. Walter Benjamins Theorie und Poetik der Moderne. 4. Auflage. Hagen: Fernuniv., Fak. für Kultur- und Sozialwiss. 2008, S.13

[21] s. ebd., S.13

[22] s. ebd., S.18

[23] s. ebd., S.14f.

[24] s. Benjamin, W.: Berliner Kindheit, S.12.

[25] Dies ist deshalb der Fall, da ihre Bewohner durch den Vulkanausbruch sehr schnell verschüttet wurden, sodass bei Ausgrabungen ein ungewöhnlich präzises Bild römischer Alltagskultur vorzufinden war (s͘ Landfester, Ulrike: „Die ganze entstellte Welt der Kindheit“͘ Walter Benjamins Berliner Labyrinthe. In: Walter Benjamin und die romantische Moderne. Hrsg. von Heinz Brüggemann. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009. S. 291)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Erinnerungskonzepte bei Walter Benjamin und Marcel Proust. Eine Analyse
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V369313
ISBN (eBook)
9783668470026
ISBN (Buch)
9783668470033
Dateigröße
1065 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marcel Proust, Walter Benjamin, Erinnerung, Erinnerungskonzeption, A la recherche du temps perdu, Nicolas Pethes
Arbeit zitieren
Annika Brinkmann (Autor), 2016, Erinnerungskonzepte bei Walter Benjamin und Marcel Proust. Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369313

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